Formen der religiösen Verehrung

Das Gebet könnte man als diejenige Form der Frömmigkeit bezeichnen, die dem Glauben an einen transzendenten Gott angemessen ist, während die Meditation jenen Religionen eigentümlich ist, die auf Erkenntnis des göttlichen Prinzips im Menschen gerichtet sind. Auch der Hindu betet vor seiner Gottheit, und der kontemplative Christ widmet sich einer Tätigkeit, die ebenso als Meditation zu bezeichnen ist wie das »Zazen« (Meditieren) eines buddhistischen Mönches. Das Gebet ist in seinem Kern ebenso wenig wie die Meditationsübung auf den Empfang von Gnadengaben ausgerichtet. Die Erfahrung, über die ein Hindu einmal berichtete, veranschaulicht dies eindrücklich: Nach mehreren Versuchen, die Gottheit um Hilfe für seine notleidende Familie zu bitten, musste er auf dieses Anliegen völlig verzichten, denn jedes Mal, wenn er die Gottheit wahrnahm, wurde er so von ihr überwältigt, dass er es als unmöglich empfand, überhaupt um irgend etwas zu bitten. Das Wesen von Gebet und Meditation
Im Islam ist das Gebet Grundrecht und Hauptpflicht des Menschen. Durch das Glaubensbekenntnis »Es gibt keinen Gott außer Gott« bestätigt der Muslim unmittelbar die Wahrheit, von der die gesamte Schöpfung ein mittelbarer Ausdruck ist. Im Judentum und Christentum ist das Gebet die Begegnung zwischen Mensch und Gott. Im Chassidismus, einer mystischen Bewegung des Judentums, heißt es: »Die Menschen denken, dass sie vor Gott beten. Aber dies trifft nicht zu, denn das Gebet selbst ist das Wesen der Gottheit.« In ähnlicher Weise wird in der kontemplativen Tradition des Christentums das Gebet als Bestreben angesehen, den Ort zu finden, an dem der Mensch am meisten er selbst ist den Grund seines Seins, der durch das Geheimnis der Liebe der Ort seiner innigsten Beziehung zu Gott ist. Die Meditation wird in manchen religiösen Überlieferungen als eine Art von seelischem »Versuchslabor« beschrieben, in dem ein Mensch zur Selbsterkenntnis gelangen könne. Ein entspanntes Bewusstsein ist Vorbedingung für die Versenkung. Die Bhagawadgita, eine der großartigsten und bekanntesten Schriften des Hinduismus, empfiehlt für die Meditation einen »festen Sitz«, »Rumpf, Haupt und Hals trag aufrecht er – Ganz fest und völlig unbewegt – Zur Nase hin lenk er den Blick – Und halt ihn fest dort unentwegt.« Eine ausgeglichene Lebensweise soll die Bemühungen unterstützen: »Nicht ist ein Jogi, wer zu viel – Noch auch wer nichts isst – Noch wer zu viel des Schlafes pflegt – Noch wer stets wacht.« Das innere Geheimnis der heiligen Schriften
Jüdische Mystiker studierten die Thora, die fünf Bücher Mose, um die göttlichen Gesetze zu entdecken. Man betrachtete die Thora in ihrem mystischen Kern als Name Gottes und sah in ihr den Schöpfungsmittler. Im Christentum ist es Christus als Wort, der die Wahrheit verkörpert: »Alle Dinge sind durch dasselbe geworden, und ohne das Wort ist auch nicht eines geworden, das geworden ist« (Johannes 1,3). Die Verbindung zwischen dem Dasein und der Offenbarung findet sich auch im hinduistischen Verständnis der Weden. Als Schriften überliefern diese, was außergewöhnliche Menschen an unveränderlichen kosmischen Gesetzen, denen alle Verwandlungen der Materie und der Energie unterliegen, geschaut haben. Aber die »ewigen Weden« sind diese universalen Gesetze selbst, zu denen die geschriebenen Aufzeichnungen einen Schlüssel bieten. Wenn es in den heiligen Schriften ein Geheimnis gibt, das dem Geheimnis im Innern des Menschen entspricht, dann liegt es nicht an der Oberfläche. Nach der Überlieferung kommen die Schriften den Bemühungen eines Menschen entgegen, sie nehmen auf sein geistiges Niveau Rücksicht, von dem her er sein Bedürfnis nach Verwandlung erfährt. Als die Jünger Jesus fragten, warum er in Gleichnissen rede, antwortete er mit einem Paradox: »Wer hat, dem wird gegeben werden, und er wird Überfluss haben, wer aber nichts hat, dem wird auch das genommen werden, was er hat« (Matthäus 13, 12). Als indirekte Mitteilung verdeckt und offenbart eine heilige Schrift zugleich ihre Wahrheit. Da man ihr nicht wie einem Gesprächspartner Rückfragen stellen kann, ist sie offen für Missverständnisse. Die Entschlüsselung ihrer Geheimnisse erfordert Vorbereitung, doch ihre zugänglicheren Teile bieten Hilfe selbst an. Gebote und besondere Richtlinien führen den Menschen in allen Lebenssituationen, sie leiten seine Energien und erinnern ihn an Gott. Nach dem großen jüdischen Philosophen Moses Maimonides (1135-1204) beabsichtigten sogar die in der Bibel vorhandenen Widersprüche, den Leser dazu zu veranlassen, nach einer tieferen Bedeutung zu suchen. Über den Wert heiliger Symbole
Im Koran, der das Herz des islamischen Glaubens bildet, leiten die phonetischen und symbolischen Eigenschaften der arabischen Sprache selbst den Sucher. Wie alle alten Offenbarungssprachen, die als heilig angesehen werden, wohnt dem Arabischen symbolische Kraft inne. Ein einzelnes Wort kann verschiedene Bedeutungen haben, vom Namen eines Gegenstandes bis zum feinsinnigen, schwer fassbaren Gehalt eines abstrakten Begriffs. Aus diesem Grund wird der Koran als nahezu unübersetzbar angesehen, da jede Übertragung notwendigerweise durch die Verständnisebene des. Übersetzers begrenzt ist. Religiöse Kunst ist in noch höherem Grad eine symbolische Weise, den Wahrheiten, die das Innere des Menschen tief beeindrucken können, Gestalt zu verleihen.

Forum (Kommentare)

Info 23.11.2017 19:26
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.