Wesen und Bedeutung der Mythen

Mythen sind Erzählungen, die die Stellung des Menschen im Universum, das Wesen der menschlichen Gesellschaft, das Verhältnis des Individuums zu seiner Umwelt sowie den Sinn von Naturereignissen zu erklären suchen. Heute neigen wir dazu, eine scharfe Trennungslinie zu ziehen zwischen wissenschaftlich beweisbaren Tatsachen und Ideen und Vorstellungen, die nicht mit unseren wissenschaftlichen Mitteln nachgewiesen werden können. Derartige Ideen werden dann oft ab Einbildungen, Erfindungen oder »Mythen« abgetan. Der Gegensatz zwischen Mythos und Tatsachen ist aber nur scheinbar; wenn man ihn aufrechterhält, verzerrt er die bedeutende Rolle, die Mythen im Leben spielen. Mythos, Wissenschaft und Religion
Mythen finden sich überall auf der Erde. Trotz ihrer verwirrenden Vielfalt sind ihnen bestimmte Charakteristika gemeinsam. Diese Ähnlichkeiten können darauf zurückgeführt werden, dass die Menschen überall mit denselben Grundproblemen konfrontiert werden und dieselben Fragen stellen: Sie möchten wissen, warum sie so sind, wie sie sind, warum die Natur sich so verhält, wie sie es tut, und wie Ursache und Wirkung miteinander verbunden sind. Es gehört zum Wesen des Menschen, dass er nach Sinn und Ursache all dessen forscht, was in sein Bewusstsein tritt. Obwohl die Wissenschaft bereits viele Fragen nach dem Wie beantwortet hat, bleiben Fragen nach dem Warum – etwa die Beziehung des Menschen zum Kosmos und das Wesen der Lebenskraft in seinem Innern – im Grunde unbeantwortet und unbeantwortbar. Gemeinsam ist Mythen und Religionen, dass sie für das Warum und das Wie des Universums Gründe und Ursachen nennen. Im Vergleich mit den Weltreligionen ergibt sich jedoch, dass die meisten Mythen nicht unmittelbare Richtlinien für die Lebensgestaltung formulieren. Sie enthalten eine implizite Moral, aber ihr Hauptzweck besteht nicht darin, sie verbindlich zu machen. Für die Mythologie ist die Welt, die wir direkt erfahren, nicht die einzige Welt. Die Geburt kann als biologischer Prozess verstanden werden, aber dies schließt nicht aus, dass sie zugleich als ein übernatürliches Ereignis angesehen wird, z. B. als eine Reinkarnation. Die meisten Menschen werden zugestehen, dass sie das Leben auf zwei Ebenen erfahren, der wissenschaftlichen und der mythologischen. Aber in unserem zunehmend von wissenschaftlichem Denken beherrschten Dasein tritt das mythologische Bewusstsein nur in extremen Situationen zutage, etwa wenn rationale Strukturen des gesellschaftlichen Zusammenlebens einstürzen. Der Vorgang der Mythenbildung
Schrittweises, logisches Denken, wie es zur Aneignung wissenschaftlicher Erkenntnisse erforderlich ist, ist langsam und mühevoll. Viel leichter gelangt man mit Hilfe von Vergleichen und Analogien zu (vordergründig) schlüssigen Ergebnissen. Mythen erklären Naturerscheinungen beispielsweise in der Art, dass sie Parallelen herstellen zwischen einfachen, bekannten Dingen und solchen, die schwerer zu verstehen sind. Feuer hat mit der Sonne, der Wärme- und Energiequelle, etwas Gemeinsames. Gold glänzt und ähnelt der Sonne in der Farbe. Es rostet auch nicht, weshalb es Unsterblichkeit andeuten kann. So werden gewöhnliche physische Merkmale zu Bestandteilen symbolischer Gleichungen, in denen eine Sache die Eigenschaften einer anderen annimmt. Nach mythischem Denken wurde die Welt aus einem Ei geschaffen. Berge sind oft unzugänglich und flößen Ehrfurcht ein, ebenso jene Wesen, von denen der Mensch glaubt, dass sie mehr Macht als er selbst besitzen. Als Wohnstätte der Götter gilt deshalb oft ein Berg, z. B. der Olymp im antiken Griechenland. Donner und Blitz rufen ähnlich wie übermächtige Zornesausbrüche Furcht hervor; deshalb muss ein vom Blitz getöteter Mensch sich gegen Zeus, den höchsten olympischen Gott, vergangen haben. In der »Gleichung« wird teils von dem einen Merkmal, teils von ?einem anderen Gebrauch gemacht. Da Donner Regen ankündigt, kann dort, wo Regen selten ist, der Donner Fruchtbarkeit symbolisieren. Flüsse, Bäume, Tiere haben alle ihre besonderen Merkmale, die mit menschlichen Eigenschaften wie Schlauheit, Fruchtbarkeit, Zerstörungswut oder Tapferkeit veranschaulicht werden. Die Notwendigkeit von Mythen
Aber Mythen erklären nicht nur, warum der Mensch und die Welt, in der er lebt, so sind, wie er sie und sich selbst erfährt. Diese Sicht der Mythen wäre nicht umfassend genug. Die Fähigkeit, Bilder zu formen, mythische Zusammenhänge zu gestalten, dient vielmehr auch dazu, die schöpferischen Gaben des Menschen – eben diejenigen, die ihn Mythen erfinden ließen – mit neuen Inhalten zu versehen. Dass diese nur Sinn und Zweck haben, wenn sie mit dem menschlichen Leben in einem überhöhenden Zusammenhang stehen, ist klar – der Mensch bedurfte seit jeher einer Deutung seiner Triumphe und seiner Niederlagen, von Geburt und Tod, damit er sich gegen die Verzweiflung wappnen konnte, die die zahllosen Unwägbarkeiten des Schicksals in ihm hervorrufen. Dementsprechend kennen wir für fast jede existentielle Frage unseres Daseins irgendeinen Mythos, der bestimmte Antworten bereithält: Ursprungsmythen, Schöpfungsmythen, Mythen der Fruchtbarkeit, des Heldentums, des heroischen Scheiterns, der schuldhaften Verstrickung, Mythen der Auferstehung und der Unsterblichkeit. Insofern sich die Grundbedingungen des menschlichen Lebens nicht geändert haben, kann man diese Mythen zeitlos oder ewig nennen.

Forum (Kommentare)

Sophie 08.11.2017 um 16:51:36 Uhr.
Top danke. Benötigte ich für ein Referat :)!