Judentum und Christentum

Die zentrale Botschaft des Judentums wird in dem Gebet ausgedrückt: » Höre, Israel. Der Herr, unser Gott, ist Ein Herr. « Dieses Gebet wird nach seinem ersten hebräischen Wort benannt: Sch‘ma (»höre«, »verstehe«, »gehorche«). Es ruft die Menschen auf, den offenbarten Gotteswillen zu hören, zu beherzigen und nach ihm zu leben. Der Alte Bund und seine Bedeutung
Das Judentum ist die Religion eines Bundes zwischen Jahwe (Gott) und den Nachkommen Abrahams, der bereit war, seinen einzigen Sohn zu opfern, als Gott ihn prüfte. Die geschichtlichen Erfahrungen, die das Volk Israel mit Jahwe machte, sind Gegenstand seines Glaubens und seiner Lehre. Der Herr erscheint dabei in der Transzendenz seiner absoluten Macht und zugleich in der Unmittelbarkeit der Sorge für sein Volk. Er führt Israel aus der Gefangenschaft in Ägypten in das verheißene Land. Für das jüdische Volk entspricht seine Erwählung durch Gott dem Geheimnis der Schöpfung des Menschen nach dem Bilde Gottes. Wie Israel aufgerufen ist, die Bundespflichten zu erfüllen, so ist der Mensch aufgerufen, die Verheißung seiner Existenz zu verwirklichen. Der jüdische Philosoph Martin Buber (1878-1965) schreibt: » Der Mensch muss sich selbst befreien, denn der Mensch ist ein Mikrokosmos, und der Pharao und Ägypten sind in ihm, er versklavt sich selbst. « In der jüdischen Mystik erhalten die Symbole »Verbannung« und »Rückkehr« sogar eine kosmische Deutung. Die mittelalterlichen Kabbalisten, die die Thora – das Gesetz, das Gott Mose gab – und die rabbinischen Kommentare interpretieren, sahen im Versagen und in der Verbannung des kosmischen Urmenschen »Adam Kadmon« die Zerstreuung der Funken der göttlichen »Schechinah«, der Gegenwart Gottes in der ganzen Schöpfung. So ist die Erlösung des Menschen eng mit der Erlösung der Schöpfung verbunden. Dieses Bild vom Menschen als desjenigen, der für die gesamte Schöpfung verantwortlich ist, beeinflusste sehr stark die Gemeinden der Chassidim, der »Frommen«, die im 18. Jahrhundert in Polen entstanden. Im Leben der Chassidim gibt es keine Trennung zwischen Sakralem und Profanem. Nach ihrer Lehre hat jeder Mensch eine göttliche Energie, durch die göttliche Funken, die stets gegenwärtig sind, angezogen und befreit werden können. Hierbei hängt alles von der inneren Einstellung eines Menschen ab, der sich Gott mit seinem ganzen Sein zugewandt hat. Für den Frommen ist alles, was ihm begegnet, heilig, nach der Thora kann alles in die Einheit mit Gott zurückgeführt werden. Das Christentum und die göttliche Liebe
Die christliche Religion hat ihr Zentrum im Geheimnis der göttlichen Liebe. Die Aufgabe des Menschen besteht darin, auf dieses Geheimnis der göttlichen Liebe zu antworten. Von hier aus sind die grundlegenden Worte Jesu zu verstehen, die er an die Juden richtete: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das vornehmste und größte Gebot. Das andere aber ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten« (Matthäus 22, 37-40). Später wurde der christliche Glaube auch unter Menschen getragen, die nicht dem Judentum angehörten (sogenannte Heidenchristen). Als Antwort auf deren Bedürfnisse und in Konkurrenz mit den in der Spätantike verbreiteten anderen Religionen begann das Christentum die Gestalt einer vom jüdischen Glauben unabhängigen Religion anzunehmen. In der dem Christentum einzigartigen Sicht wurde alles, was ist, als Ausdruck der göttlichen Liebe geschaffen. In der Schöpfungsordnung ragt jedoch der nach dem Bilde Gottes geformte Mensch als ein Wesen mit Entscheidungsfreiheit hervor, als das große Risiko, das Gott willentlich eingegangen ist. Im Sündenfall Adams behauptete sich die bedingte Existenz der natürlichen Welt abseits von ihrem Schöpfer. Doch wird dieser Abfall von Gott manchmal das »segenbringende Vergehen« genannt, denn es führte zum größten Akt göttlicher Liebe, der Opferung des eigenen Sohnes durch den Vater. Diese fand ihre Erfüllung in einem Neuen Bund. Der Sohn Gottes wurde Mensch, in der Inkarnation Christi hat Gott den Heilsweg wieder eröffnet. Die Inkarnation vereinigte auf geheimnisvolle Weise in Christus zwei Naturen: die menschliche und die göttliche. Passion und Tod Jesu zeigten diese Vereinigung in der vollkommenen Unterwerfung des menschlichen Willens unter den göttlichen Willen. Die Auferstehung Christi schließlich verheißt den »neuen Menschen«, in dem die irdische Natur durch ein göttliches Leben verwandelt wird: »Es sei denn, dass das Weizenkorn in die Erde falle und ersterbe, so bleibt es allein, wo es aber erstirbt, so bringt es viele Früchte« (Johannes 12, 24) und: »Wer sein Leben findet, der wird es verlieren, und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden« (Matthäus 10, 39). Die Suche nach Gott in der Meditation
Eine tiefe und ernste Antwort auf dieses »Stirb und werde« findet sich in der kontemplativen Tradition des Christentums. Der Meditierende versteht sein Tun so: Gefordert wird ein waches Bewusstsein und ein leidenschaftliches Suchen, das zum Zentrum seines Wesens führen kann, wo er sein wahres Bedürfnis nach Gott entdeckt. Durch Adams Fall verwirrt und von Gott entfremdet, muss der Mensch darum kämpfen, in sich selbst den zentralen Antrieb der Liebe zu entdecken: » Sei, was er ist. «

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Info 18.12.2017 00:19
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