Religion in der Steinzeit

Um den religiösen Hintergrund der Alt- wie auch Jungsteinzeit zu verstehen, muss man sich die vollkommen andere Lebenssituation der Steinzeitmenschen vergegenwärtigen. Denn die Antworten, die sich Menschen von jeher auf die großen Fragen ihrer Existenz gegeben haben, standen immer in einem mittelbaren Bezug zu ihrer Lebensweise. Diesen engen Zusammenhang von Lebenswelt und religiösen bzw. mythischen Vorstellungen zu untersuchen, hat sich die Religionswissenschaft zur Aufgabe gemacht. Dabei stellen Mythen einen wichtigen Zugang dar. Denn Mythen beantworten Fragen nach dem Ursprung, der Entstehung der Welt oder dem Zusammenhang von Leben und Tod. Sie enthalten damit immer auch Hinweise auf die Lebensweise, das Weltbild und die religiösen Vorstellungen der Menschen. Während Archäologen die Vor- und Frühgeschichte nach formalen Kriterien und Werkzeugfunden in zeitliche Abschnitte gliedern, unterscheiden Religionswissenschaftler nach Lebensformen: Auf das mobile Leben der Jäger und Sammler folgte das teilmobile, jahreszeitlich geprägte Leben der Nomaden und frühen Bauern, aus dem sich dann die Lebensformen permanenter, gesicherter Sesshaftigkeit mit den Anfängen früher Hochkulturen entwickelten. Die sich langsam wandelnde Lebenssituation formte eine jeweils neue und andere Wirklichkeit, die ihren Niederschlag so lange in mythischen Erklärungen formulierte, bis die Schrift diese in Heiligen Büchern fixierte und damit unwandelbar machte. Die religionswissenschaftliche Forschung kann zeigen, dass Schöpfungsmythen jeweils eine verlässliche Wahrheit darstellen, die in kommunikativer Weitergabe einen Wahrheit stiftenden Charakter annahmen. Wenn wir also das Grundmuster schriftloser, steinzeitlicher Religionen erkennen wollen, müssen wir uns mit der damaligen Lebenssituation und den Mythen auseinandersetzen, die ihre Wirklichkeit beschrieben. Die Jäger und Sammler der Altsteinzeit lebten wie noch die Aborigines Australiens im vergangenen Jahrhundert oder die San in der Kalahari und die Inuit von der Jagd und dem Sammeln von Früchten. Es gab weder Vorratshaltung, noch Besitz oder einen festen Wohnsitz. Das Leben hing von dem ab, was das Land oder der “Herr der Tiere” ihnen gab. Aus dieser Lebensweise entwickelten die Jäger und Altsteinmenschen eine mythische, existenzielle Beziehung zu ihrem Land mit seinen schöpferischen Plätzen und den Jagdtieren, mit denen sie über Totemverwandtschaften genauso eng verbunden waren wie mit den Bäumen, Quellen, Bergen, Sternen und allem Lebendigen, das sie umgab. Ihre Umwelt war erfüllt von magischen, geheimnisvollen Kräften und Schöpfungsenergien, wobei die größten und wichtigsten Jagdtiere zu Herren des Landes wurden, obwohl oder gerade weil sie gejagt und getötet wurden und auf diese Weise die Jäger nährten, indem sie ihnen ihr Leben gaben und doch immer wieder da waren. In den Mythen der Jägergesellschaften besitzt der Tod eine geheimnisvolle, schöpferische Kraft und es entwickelte sich eine Vorstellung von einer jenseitigen Anderswelt, in die Toten zu ahnen werden und alles Lebendige eine Art geistiges Ebenbild hatte. Mächtige, Leben aber auch Verderben spendende Geistwesen wirkten dort. Nur Schamanen konnten im Zustand veränderten Bewusstseins mit dieser Anderswelt Kontakt aufnehmen, mit den Ahnen kommunizieren oder mit Hilfe ihrer Geisthelfer geraubte Seelen zurückholen und damit Kranke heilen. Jägergesellschaften kannten viele Seelenteile. Sie umschrieben damit eine schöpferische Kraft, die nicht nur im Menschen, sondern in allem Lebendigen gedacht wurde. Bis in die frühen Hochkulturen hinein vermittelten diese Seelenvorstellungen einen Einblick in die Vorstellungen geheimnisvoller, vielschichtiger Lebenskräfte. In den altsteinzeitlichen Jägergesellschaften genießen Tiere eine „religiöse“, also mythische Verehrung, die sich in der prähistorischen Ikonografie ihrer Felsbilder oder Höhlenmalereien widerspiegelt. Sie zeugen von ihrer geistigen Auseinandersetzung mit der Welt. Denn diese Bilder und Zeichen sind keine Illustrationen bestimmter Ereignisse, sondern als Symbole mythischer Wirklichkeiten zu lesen. In den Felsbildern offenbaren sich ebenso wie in den Mythen die komplexen Zusammenhänge zwischen dem Mensch und seinem Lebensraum. Geheimnisvolle, magische Kräfte umgaben die Jäger und Sammler, zu denen sie in Trance-Zeremonien Kontakt herzustellen vermochten, um diese gutwillig zu stimmen und sie um Hilfe und Rat zu bitten. Die zyklische Ordnung jungsteinzeitlicher Religionen
Mit der beginnenden Sesshaftigkeit veränderte sich die Lebenssituation der Menschen grundlegend. Auch wenn man zunächst noch für lange Zeit von einer Teilmobilität ausgehen muss, so zeichnet sich doch ab, dass mit dem Aufkommen der Landwirtschaft die Erde ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Das Leben ist jetzt nicht mehr nur vom Jagdglück abhängig, sondern von der Erde, die zur Ernährerin wird. Mythische Bilder von einer Leben gebenden Mutter Erde entstehen, die im Rhythmus des Himmels Leben hervorbringt. Da kann sich im Frühjahr der Himmel mit seinem Regen, die Erde belebend und befruchtend in ihre Furchen ergießen, da wird sie im Herbst zu einer Leben Zerstörerin. Denn die zyklische Wiederkehr des Lebens beruht auf einer schöpferischen Verbindung von Himmel und Erde. Die Erde wird zu einer nährenden Frau, während der Himmel ihr eine Ordnung gibt, die Tod und Leben zu einem Kreis rundet, in dem Werden und Vergehen eine zyklische Einheit bilden. Der neolithische, sesshaft gewordene Mensch lebt naturverbunden im Zyklus der Jahreszeiten, ist abhängig vom Rhythmus des ewigen Werden und Vergehens, das den jährlichen Vegetationskreislauf charakterisiert. Das zyklische Verständnis von Zeit prägt das neolithische, d. h. früh bäuerliche Weltbild nicht nur in lebensweltlichen Zusammenhängen, sondern in der Ordnung des Seins überhaupt. Im Fluss ständigen Gestaltwandels zwischen Werden, Vergehen und Wiederkehren wird das Sein von Generation zu Generation weitergereicht. Sich wandelnd und verändernd durchläuft das Leben Entwicklungsstadien von Werden, Reifen, Welken und Sterben und kehrt – die Kreislauferfahrung lässt keine andere Vorstellung zu – aus dem Tod wieder zurück. Sich selbst verzehrend im Dasein, ruht und regeneriert das Leben im Nicht-Sein und kehrt gekräftigt und verjüngt immer wieder aus dem Tod zurück. Der Vegetationskreislauf war die existenzielle Erfahrung dieser Ordnung. Sie fand ihre symbolische Entsprechung im Mond, der aus sich heraus zyklisch schwindet, wiederkehrt und wächst und wieder schwindet. Auch prähistorische Korn- und Vegetationsgottheiten, die als ´sterbende und wieder auferstehende Gottheiten (Attis, Baal, Marduck, Osiris) verehrten wurden, symbolisierten diesen geheimnisvollen Lebenskreislauf, der seine schöpferische Kraft im Tod entfaltete. Da läuft das Leben immer wieder auf sein Vergehen zu, während es nach seinem Durchgang durch den Tod erneuert und gekräftigt aus dem Nicht-Sein wieder heraufsteigt. Leben und Tod bilden dabei eine unausweichliche Einheit. Denn sie bedingen einander wie ein Atemrhythmus, der mit der Ausatmung die Einatmung notwendig macht. Diese Erfahrung rhythmischer Wiederkehr des Lebens nach einem schöpferischen Durchgang durch den Tod prägt die mythischen Bilder aller bäuerlicher Gesellschaften. Mythen sind dabei wie Sprachen, die mit unterschiedlichen Worten das gleiche aussagen. Leben beschränkt sich hier nicht auf die Daseinsspanne eines Individuums, sondern wurde als ein geheimnisvolles Phänomen wahrgenommen, dessen Erhaltung und Würdigung, dessen kultische Verehrung höchste religiöse Bedeutung hatte. In frühen Kulturen symbolisieren sich die Schöpfungskräfte in Tieren, die den Tod bringen, in Löwen, Adlern, Krokodilen, Leoparden oder Jaguaren. Da diese Raubtiere töten, führten sie in den Tod und werden als Herren des schöpferischen Nicht-Seins gedacht, das die Dynamik des Lebens umreißt. Sie sind Symbole der Lebenswelt, die vom Tod charakterisiert wird. Der Mythos des ägyptischen Korn- und Vegetationsgottes Osiris ist ein besonders gutes Beispiel für die Vorstellung der mächtigen Schöpfungskraft des Todes. Denn der Gott zeugt seinen Nachfolger (Horus) im Tod. Im Mythos muss der Gott wie das Saatkorn erst sterben, bevor er aus dem Nicht-Sein den neuen Keim hervor treiben kann. Osiris manifestiert die Schöpfungskraft des Nicht-Seins. Dieses zyklische und dynamische Modell der Welt führte zu der erstaunlichen Vorstellung, dass das Leben seinen Ursprung im Tod, vielleicht besser im Nicht-Sein hat. Man kannte keine von außen einwirkenden Schöpfungskräfte, sondern war sich der allem Sein innewohnenden Schöpfungsenergien bewusst, die in rhythmischer Dynamik Lebensformen zur Gestalt bringen und wieder auflösen. Wie auch immer man sich diese geheimnisvollen Wirkungskräfte des Seins vorstellte, sie wurden ehrfürchtig wahrgenommen. Sie personifizierten sich vielerorts zu Gottheiten. Sie konnten, wie im atlantischen Europa, als abstrakte, in jahreszeitlicher Ordnung sich manifestierende Kräfte verehrt werden, oder wie in Amerika im Bild der alles sein umfassenden Pachamama Verehrung finden. Die Jungsteinzeit hat ihre Abhängigkeit von der Wiederkehr des Lebens und ihre Ehrfurcht vor dem Tod häufig in großen Steinen, in Stelen oder aufgerichteten Steinblöcken zum Ausdruck gebracht (Megalithkultur). In diesen Steinen konnte sich der geheimnisvolle Zustand der Leblosigkeit und Starre symbolisieren, aus dem sich das Leben in seiner schöpferischen Kraft zyklisch wieder zur Gestalt bringt.

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Info 18.12.2017 00:13
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