Der Bedeutung der Rituale

Rituale enthalten Verhaltensweisen, deren unmittelbarer Zweck kaum erfassbar ist, zwischen Handlung und Resultat bestehen nur indirekte Verbindungen. Das gilt ebenso für die komplizierten Balztänze der Vögel wie für das Paradegepränge am französischen Nationalfeiertag (14. Juli) oder das Begrüßungszeremoniell zweier Personen. Wir vermögen nicht unmittelbar zu verstehen, inwiefern der Tanz der Tauchervögel ihre Kopulation fördert oder die gemurmelten Zaubersprüche des Medizinmannes die Heilung des Kranken bewirken. Rituale bei Mensch und Tier
Rituelle Verhaltensweisen gibt es sowohl bei Menschen als auch bei Tieren. Einige Merkmale gelten für beide Bereiche, so z. B. die Kompliziertheit der rituellen Handlung, die hohe Bewertung oder sogar Überbewertung des formalen Elements im Verhältnis zum Inhalt und ihre Wiederholbarkeit. Um diese Wiederholbarkeit zu gewährleisten, folgen Rituale stets einem starren Programm, in dem jede Bewegung und Jeder Laut ihren genau vorgegebenen Platz haben. Wesentlicher als die gemeinsamen sind jedoch die unterschiedlichen Merkmale des Rituals bei Mensch und Tier. Fast alle Rituale der Tiere sind Instinkthandlungen, der Mensch muss dagegen rituelles Verhalten erlernen. In ein und derselben Vogelart führen alle Männchen bzw. Weibchen in der Balz die gleichen Bewegungen aus. Beim Menschen variiert demgegenüber das rituelle Verhalten aus ein und demselben Anlass von einer sozialen Gruppe zur andern und oft auch noch innerhalb einer Gruppe von Altersstufe zu Altersstufe. So dürfen Jugendliche einiger Naturvölker nach der Initiation bestimmte rituelle Handlungen ausführen, die ihnen vor der Initiation untersagt sind. Wir unterscheiden zwischen zwei Typen von Ritualen im menschlichen Bereich. Den ersten Typus bilden Rituale, die mit einer nichtrituellen Handlung gekoppelt sind. So wird etwa in allen Kulturen der einfache Akt des Essens von einer Reihe ritueller Handlungen, den Tischmanieren, begleitet. Beim zweiten Typus haben Form und Inhalt rituellen Charakter. Im Freimaurerritual werden z. B. die ethischen Grundsätze der Logenbrüder durch allegorische Handlungen ausgedrückt, bei denen Maurerwerkzeuge als Symbole dienen. Der Charakter des Rituals zeigt sich am deutlichsten, wenn man rituelle Sprache und Gestik mit Sprache und Gestik des Alltags vergleicht. Im Ritual bedient man sich formelhafter, oft sogar archaischer Redewendungen, es wird häufig in einer Fremdsprache (Latein, Hebräisch, Arabisch) und in einer speziellen Sprechweise (mit emphatischer Betonung oder im »Singsang«) vollzogen. Hinzu kommen eine eigentümliche Gebärdensprache und im religiösen und militärischen Ritual stilisierte, ausdrucksvolle Gesten, die schon tänzerische Elemente einschließen. Tatsächlich ist der Tanz ein charakteristischer Bestandteil feierlicher, vor allem bedeutender religiöser Riten. Religiöse und weltliche Formen des Rituals
Das dritte Merkmal menschlicher Rituale ist der Gebrauch symbolischer Gegenstände. Ihr »Vorzeigen« verleiht dem rituellen Akt erst tiefere Bedeutung. Bekannte, wenn auch sehr unterschiedliche Symbolobjekte dieser Art sind die Fahne, die bei Militärparaden mitgeführt wird, das Wasser beim Taufakt oder Tiere bzw. Pflanzen, die in Fruchtbarkeitsriten die Naturkräfte darstellen. Die rituellen Verhaltensweisen der Menschen aller Kulturkreise weisen in einigen Merkmalen deutlich verwandte Züge auf. So sind sie stets entweder in die Kategorie religiöser oder in die Kategorie weltlicher Riten einzuordnen. Sowohl Initiationszeremonien wie Gottesdienste und Ahnenkulte haben religiösen Charakter, während Regierungsempfänge und das Begrüßungszeremoniell für ausländische Staatsmänner zu den weltlichen Riten zählen. Der seltenen Kombination beider Arten begegnen wir im chinesischen Neujahrsfest, bei dem einerseits Ahnenverehrungs- und Reinigungsriten vollzogen, andererseits aber auch die Begleichung von Schulden und der Jahresablauf symbolisch dargestellt werden. Das wohl häufigste weltliche Ritual, die Begrüßung, kennen alle Kulturkreise. Es besteht in jeweils bestimmten, selbst noch in der Reihenfolge festliegenden Redewendungen, die von ebenso formellen Gesten begleitet werden. Das Begrüßungsritual erfüllt, entsprechend der aktuellen Situation, unterschiedliche Funktionen: Es dient der Herstellung menschlicher Beziehungen, es drückt die Anerkennung bereits bestehender Beziehungen aus, es dokumentiert Rangordnungen (z. B. Vertrautheit oder Distanz der Grußpartner). Je größer die soziale Distanz ist, desto komplizierter ist das Begrüßungsritual, ein Freund wird in weitaus schlichterer Form empfangen als ein hoher Politiker. Annähernd dieselben Funktionen wie das Begrüßungsritual erfüllen auch die ihm verwandten Rituale der Etikette, der Höflichkeit und die Abschiede nehmen. Rituale als Ausdruck sozialer Beziehungen
Rituale können sogar die Gleichrangigkeit von Partnern ausdrücken. So bedeutet der Austausch bestimmter Scherze und Beleidigungen zwischen zwei Männern in Madagaskar, dass die Scherzenden bzw. Streitenden verschwägert sind. Es fällt oft schwer, den praktischen Nutzen sozialer Rituale einzusehen. Auf jeden Fall definieren sie die soziale Rolle der Beteiligten. Außerdem verschaffen sie bei der Begegnung mit fremden Menschen durch ihren routinemäßigen Ablauf genug Zeit für die Einschätzung dieser Menschen und neuer Situationen.