Bildungsinstitutionen

Fast alle modernen Gesellschaften haben ein differenziertes Schulsystem, durch das sie »Bildung« und Qualifikationen vermitteln. Der Begriff Bildung ist vieldeutig, früher wurde darunter einerseits die Verfügung über die »klassischen«, kulturgeschichtlich bedeutsamen Sachverhalte (materiale Bildung), andererseits die Schulung der geistigen und sittlichen Kräfte (formale Bildung) verstanden. In beiden Fällen galt Bildung als zweckfrei und damit als Privileg einer Elite, für das »Volk« dagegen hielt man allenfalls eine »volkstümliche« Bildung für notwendig. Heute herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass es ein Grundrecht auf Bildung gibt, dass also die Bildungsinstitutionen allen Menschen in gleicher Weise offenstehen müssen. Daher ist in den meisten Ländern der Staat Träger des Schulwesens oder führt die Schulaufsicht, es besteht eine zehn- bis dreizehnjährige Schulpflicht für jeden. Schularten
Die Schulsysteme der modernen Staaten weisen bemerkenswerte Ähnlichkeiten auf. Vom sechsten oder siebten Lebensjahr an wird eine (vier- bis sechsjährige) Grundschule besucht, die Kulturtechniken (Lesen, Schreiben, Rechnen) und elementare Sachkunde vermittelt. Daran schließen sich weiterführende allgemeinbildende Schulen mit qualifizierten Abschlüssen an. In vertikal gegliederten Schulsystemen gelten als weiterführende Schularten mit unterschiedlichem Bildungsauftrag: Hauptschule (5-6 Jahre), Realschule (6 Jahre) und Gymnasium (9 Jahre). Der Hauptschulabschluss berechtigt zur Aufnahme einer handwerklichen oder kaufmännischen Lehre in einem Betrieb mit gleichzeitiger (Pflicht) Besuch der Berufsschule bzw. Berufsfachschule (Vollzeitschule). Der Realschulabschluss berechtigt unmittelbar zum Besuch einer Fachoberschule oder Höheren Berufsfachschule. Der Gymnasialabschluss (Abitur) berechtigt zum Studium an einer Universität, Wissenschaftlichen Hochschule oder Fachhochschule. Im Gegensatz zu diesem dreigliedrigen System allgemeinbildender Schulen, dem die Annahme dreier »natürlicher Begabungstypen« zugrunde liegt, bemüht sich die Gesamtschule vor allem um die Integration aller Schüler und gleichzeitig – durch ein differenziertes Kurssystem – um größtmögliche Förderung jedes einzelnen Schülers. Neben der »Normalschule« gibt es verschiedene Sonderschulen (für Lernbehinderte, Verhaltensgestörte, Sinnes- und Körperbehinderte u. a.) und eine Reihe von Privatschulen mit besonderen pädagogischen Reformideen (Waldorfschulen u. a.). Je länger der durchschnittliche Bildungsweg, umso höher der »Bildungsstandard« einer Gesellschaft, je qualifizierter die allgemeine und berufliche Bildung des einzelnen, umso größer seine beruflichen Chancen. Allerdings können heute fast alle Qualifikationen im Erwachsenenalter nachgeholt werden (»Zweiter Bildungsweg«), dazu gibt es besondere Bildungseinrichtungen, ebenso wie für jede An von beruflicher Fortbildung. Bildungsinstitutionen vor allem für Erwachsene, die teils Allgemeinbildung, teils spezifische Fähigkeiten und Fertigkeiten vermitteln, sind Volkshochschule, Fernlehrinstitute (meist privat) und Massenmedien (Rundfunk und vor allem Fernsehen). Der Unterricht
Unterricht nennt man jede Form planmäßiger Vermittlung von Wissen und Fertigkeiten mit Kontrolle des Lernerfolgs. Er hat zumeist nicht nur kognitive Lernziele (Wissen), sondern auch soziale (Kooperation, Hilfsbereitschaft u. a.). Welche Inhalte in den verschiedenen Lernstufen und Fächern vermittelt werden sollen und wie dies am wirksamsten geschieht, ist Gegenstand der Didaktik (Unterrichtslehre). Im Unterschied zum traditionellen Schulwesen orientiert sie sich heute weniger an einem fixierten Kanon von Bildungsgütern, sondern mehr an Qualifikationen des (Berufs) Lebens und entwickelt daraufhin sogenannte Curricula (Lehr- und Ausbildungspläne). Art und Ausmaß der Einbeziehung handwerklicher und industrieller Arbeit auch in den allgemeinbildenden Unterricht sind dabei ein besonderes Problem. Die Methodik analysiert die verschiedenen Unterrichtsformen (Frontalunterricht, Gruppenunterricht u. a.) und die verwendeten bzw. optimalen Unterrichtsmittel sowie Medien. Bedeutende Didaktiker und Schulpädagogen der Neuzeit waren Wolfgang Ratke (1571 bis 1635), Johann Amos Comenius, August Hermann Francke (1663-1727), Joh. Bernhard Basedow (1724-90), Wilh. von Humboldt, Johann Fr. Herbart, Friedrich Diesterweg (1790-1866), Georg Kerschensteiner (1854 bis 1932) und Carlton Washbure (1889-1969). Probleme
Das Schulsystem von heute ist erheblichen Spannungen ausgesetzt: zwischen der Forderung nach Effizienz (Leistungsschule) und der nach Selbstbestimmung der Schüler (Schule als soziales Lernfeld), zwischen Verwissenschaftlichung der schulischen Inhalte und Betonung von Kreativität und Lebensfreude in der Schule, zwischen Differenzierung und Spezialisierung einerseits, sozialer Integration andererseits, zwischen dem Prinzip der Auslese der Besten und der größtmöglichen Förderung aller Schüler (Kompensation von Lerndefiziten), zwischen erziehungswissenschaftlich begründeten Reformansprüchen und politisch-ideologischer Beeinflussung der Schule. Unbestritten ist die Forderung nach Bildungschancengleichheit für alle, also einem breiten Angebot an Bildungs- und Ausbildungswegen.