Die Entwicklung des Denkens

Bis vor kurzem nahm man an, dass ein Kind in den ersten Lebensmonaten nur sehr undeutliche Eindrücke von seiner Umwelt hätte. Die Fähigkeit zur Aufnahme von Sinnesreizen ebenso wie die geistigen Fähigkeiten des Kindes hielt man für sehr wenig differenziert, und so glaubte man, der Säugling lebe in einer Welt, die kaum mehr sei als ein Durcheinander diffuser Eindrücke. Die vielen Fähigkeiten des Säuglings
Inzwischen ist erwiesen, dass ein Säugling schon nach wenigen Wochen gelernt hat, seine Augen auf etwas zu richten, einen Gegenstand mit beiden Augen zu fixieren und auch Einzelheiten wahrzunehmen. Er unterscheidet zwischen verschiedenen Geschmacksqualitäten und Gerüchen sowie zwischen Tönen von unterschiedlicher Höhe und Lautstärke. Mit 16 Wochen kann ein Säugling schon die Flugbahn eines Balles vorwegnehmen, den er zunächst fliegen sieht, der aber im Flug von einem Schirm verdeckt wird. Von Anfang an ist der Säugling auch zur aktiven Auswahl von Wahrnehmungsgegenständen fähig, bevorzugt wendet er sich Eindrücken zu, die in Helligkeit, Form, Muster oder Bewegung von den zuvor wahrgenommenen Gegenständen abweichen. Der Erwachsene hat ein hochdifferenziertes Bild der Welt, in der vieles selbstverständlich ist. Das Kind gelangt zu diesem hochorganisierten Weltbild auf einem langen, mühsamen Weg. Der bedeutendste Psychologe, der sich mit der kognitiven Entwicklung des Kindes befasst hat, war Jean Piaget (1896-1980). Aufgrund jahrelanger Beobachtungen und einfallsreicher Experimente mit seinen eigenen und anderen Kindern entwickelte er die Theorie, dass die kognitive (intellektuelle) Entwicklung des Kindes vier Stufen (Phasen) durchläuft: das Stadium der sensumotorischen und der präoperativen (vorbegrifflichen) Intelligenz, das Stadium der konkreten und das der formalen Operationen. Im Stadium der sensumotorischen Intelligenz erfasst das Kleinkind seine Umwelt durch Berührung, Beißen, Handhaben und Zerstören der Dinge, die es erreichen kann. Auf diese Weise werden die Elemente der späteren Denkprozesse geschaffen. Die folgenden Stufen sind durch die wachsende Fähigkeit gekennzeichnet, von den unmittelbar gegebenen Dingen zu abstrahieren und begrifflich zu denken, bis schließlich die Denkweise des Erwachsenen erreicht ist. In der präoperativen Phase fällt es dem Kind noch schwer, einzusehen, dass ein Gegenstand trotz veränderten Erscheinungsbildes derselbe bleibt. Wenn etwa Wasser aus einem Glas in ein anderes, größeres umgegossen wird, so kann das Kind die Mengenkonstanz noch nicht erfassen. Erst in der Phase der konkreten Operationen lässt sich das Kind durch den Augenschein nicht mehr täuschen und offenbart damit eine neue Stufe der Denkentwicklung. Entwicklungsanstöße
Grundlegend für die Theorie Piagets ist die Annahme eines Gleichgewichts zwischen dem Bild, das sich der Mensch von der Welt konstruiert, und der Wirklichkeit selbst. Wenn dieses Gleichgewicht gestört wird, also die Wahrnehmungen sich in das vorhandene Bild nicht mehr einordnen lassen, so müssen Vorstellungs- und Denkinhalte differenziert werden, so dass sich – auf einer neuen Stufe – wieder ein Gleichgewicht einstellt. Das Kleinkind behandelt z. B. einen Magneten wie jedes andere Spielzeug, bis es plötzlich entdeckt, dass es Eisen anzieht. Durch diese Erfahrung entsteht nach Piaget ein Ungleichgewicht in der Welt des Kindes, das zu einer Neuorientierung zwingt. Wichtiges Merkmal des Denkens bei kleineren Kindern ist auch ihr Egozentrismus. Sie können nicht die Perspektive eines anderen einnehmen. Erst allmählich stellen sie fest, dass ihr Standpunkt nicht der einzig mögliche ist. Auffällig in der kognitiven Entwicklung des Kindes ist auch der zunehmende Verzicht auf magische Erklärungen. Ältere Kinder sind mehr und mehr bemüht, ihre Erfahrungen physikalischen Erklärungen zu unterwerfen. Lernprozesse
Offenbar gibt es mehrere verschiedene Lernformen. Der russische Physiologe Iwan Pawlow (1849-1936) wies zuerst die Bedeutung der Assoziation (Verbindung) psychischer Inhalte bzw. verschiedener Informationen für den Lernprozess nach. In einem seiner berühmten Hundeexperimente kombinierte er die Futtergabe mit einem Glockenton und maß dabei den Speichelfluss. Nach mehreren Versuchen löste schon der Glockenton allein den Speichelfluss aus. Diesen Vorgang nennt man klassische Konditionierung. Viele Lernvorgänge lassen sich nach diesem Modell erklären. Nach der Theorie der operanten Konditionierung von Burrhus F. Skinner (1904-1990) lernt der Mensch wie alle Lebewesen durch »Verstärkung« (reinforcement), d. h. durch Belohnung und Bestrafung. Ein »Operant« ist eine spontane Verhaltensweise, bei positiver Verstärkung wird sie häufiger, bei negativer seltener. Operante Konditionierung gibt es schon bei Neugeborenen. Sie lernen etwa, den Kopf zweimal nach rechts zu drehen, dreimal nach links und dann wieder einmal nach rechts. Als Verstärker (Belohnung) genügt schon ein mildes Licht, das für wenige Sekunden aufleuchtet und das Interesse des Säuglings erregt. Sobald allerdings die Säuglinge das Verhalten beherrschen, verliert sich sehr bald ihr Lerneifer. Dieser Umstand offenbart ein wesentliches Moment beim Lernen, nämlich die Motivation. Ohne Lernmotivation sind die großen Lernfortschritte des Kindes nicht zu erklären.