Entwicklung der Sprache und Sozialverhalten der Kinder

Der Spracherwerb ist für das Kind eine außerordentliche Leistung, die nicht nur die Eltern, sondern auch die Forschung fasziniert. Gegenwärtig wird vor allem die Frage diskutiert, ob und in welchem Ausmaß Sprachstrukturen bzw. Sprachverständnis angeboren, d. h. in der Organisation des Psychischen verwurzelt sind. Auf der einen Seite behaupten Linguisten wie Noam Chomsky (geb. 1928), dass der Mensch mit einem natürlichen Sprachvermögen und mit vorprogrammierten Sprachmustern zur Welt komme. Auf der anderen Seite jedoch behaupten viele Lerntheoretiker, dass Umwelt und Lernen für die Sprachentwicklung entscheidend seien. Die Anfänge der Sprache
Zwischen Intelligenz- und Sprachentwicklung besteht ein enger Zusammenhang. Von den ersten Lebenswochen an ist das Kind aktiv und neugierig, wenn es Worte hört. (Ein intaktes Hörvermögen ist Voraussetzung der normalen Sprachentwicklung.) Schon früh kann es zwischen verschiedenen Sprachlauten unterscheiden, wenn es auch gewöhnlich erst mit knapp einem Jahr selbst Laute produziert, die eindeutig als verschiedene Wörter identifiziert werden können. Die als Voraussetzung für diese Leistung erforderliche Beherrschung des Sprechapparates wird allmählich immer vollkommener, Vorübungen sind Schreien, Gurren und Lallen. Mit einem Jahr ist das Kleinkind in der Lage, seine Gefühle und Wünsche der Umwelt differenziert mitzuteilen und dabei Lautgebung, Nachdruck und Häufigkeit seiner Äußerungen zu variieren. Bald danach beginnt es, ein »denkend-sprechendes« Wesen zu werden: Es erforscht die Struktur der Sprache, entdeckt das System der grammatischen Regeln und die Gesetze der Satzbildung. Dieser Durchbruch hängt eng mit der Entwicklung einer angemessenen Wahrnehmung und Denkfähigkeit zusammen. Das Kind muss z. B. fähig sein, Vorstellungen von Gegenständen, dieses zuvor wahrgenommen hat, aufzubewahren, bevor es sie benennen und Bezeichnungen zuordnen kann. Erst im zweiten Lebensjahr ist das Kind in der Lage, nach einem Gegenstand zu suchen, den es nicht sieht. Ungefähr mit zwei Jahren bildet das Kind seine ersten Zwei- und Dreiwortsätze. Es versteht und gebraucht Allgemeinbegriffe zur Bezeichnung lebender und unbelebter Objekte sowie Handlungen und Ereignisse, es braucht Worte wie »hier« und »da« als Ortsbezeichnungen und »weg« oder »alle« für Verschwinden bzw. Aufhören. Weil Kinder in diesem Alter richtig auf eine Bitte wie »Gib mir die Tasche« reagieren, glauben ihre Eltern oft fälschlich, dass sie mehr verstehen, als tatsächlich der Fall ist. Jede Verständigung, vor allem die mit Kindern, ist aber reich an nichtverbalen Signalen wie Blicken und Gesten, und nur in Zusammenhang mit solchen Signalen versteht ein Zweijähriger die Worte, die er hört. Die weitere Sprachentwicklung
Etwa vom dritten Lebensjahr an versteht und bildet das Kind zunehmend Sätze, die sich nicht unmittelbar auf einen gegenwärtigen Zusammenhang beziehen. Mit vier oder fünf Jahren beherrschen fast alle Kinder die grundlegenden Gesetze der Sprache, auch wenn sie mit einzelnen Lauten noch Schwierigkeiten haben und gelegentlich falsche Formen und Sätze bilden. Untersuchungen in verschiedenen Kulturen haben eindeutig erwiesen, dass der Aufbau der Sprache in den verschiedenen Phasen bei allen Kindern etwa gleich abläuft. Darüber hinaus verwenden die Kinder unabhängig von der Sprache, in der sie aufwachsen, gleichartige, von der Erwachsenensprache verschiedene Regeln, um die Sprachelemente zu ordnen, und zwar schon sehr früh. Dabei benutzen sie Vereinfachungen wie im Telegrammstil und machen charakteristische Fehler der »ÜberVerallgemeinerung«, z. B. bei der Bildung des Plurals (»Hünde« statt Hunde) und der Vergangenheitsform bei Verben (»genehmt« statt genommen). Die Aufgabe der Eltern
Sprache ist nicht nur eine intellektuelle Leistung, sondern weitgehend auch Medium und Produkt sozialer Interaktion (wechselseitiger Beeinflussung). Daher ist es wichtig, dass die Eltern die Sprache ihrer Kinder fördern, indem sie so oft wie möglich mit ihnen sprechen, ihre Fragen beantworten, Ereignisse beschreiben und ihnen vorlesen. Schon beim Säugling wirkt sich die Benennung von Gegenständen fördernd aus. Allerdings sollte sie möglichst eindeutig sein, damit das Kind einzelne Aspekte eines Ganzen unterscheiden lernt. »Körper« ist für das Kind viel schwieriger zu verstehen als »Hand« oder »Finger«, weil der Begriff »Körper« viele verschiedene Elemente umfasst. Ob bei der Kommunikation zwischen Eltern und Kindern die Erwachsenensprache oder eine Kindersprache (»Baby-Talk«) verwendet wird, ist anscheinend nicht ausschlaggebend. Wichtig sind aber vor allem im ersten Lebensjahr Einfachheit und häufige Wiederholung der Wörter. Oft sind Eltern verunsichert durch Schwierigkeiten oder eine Verzögerung beim aktiven Sprechen des Kindes bzw. über mehr oder weniger deutliche Sprachstörungen. Etwa 2 Prozent aller Schulkinder bis zum 10. Lebensjahr stottern (übrigens dreimal so viele Jungen wie Mädchen). Stottern kann viele Ursachen haben, körperliche und psychische. Die Gefahr des Stotterns liegt aber vor allem darin, dass es Ängste weckt, vor allem wenn die Mitschüler in der Schule darüber spotten. Die Angst kann wiederum das Stottern verstärken, das Stottern die Angst. Wenn Sprachstörungen nach einiger Zeit nicht verschwinden, ist therapeutische Hilfe angeraten. Entwicklung des Sozialverhaltens
Unser Menschsein ist nicht nur bestimmt durch aufrechten Gang, geschickte Hände, ein hochentwickeltes Gehirn und Sprachwerkzeuge. Durch diese Merkmale ist der Mensch lediglich von außen bestimmt. Unsere eigentliche Existenz als Subjekt erfahren und erwerben wir erst im Kontakt mit anderen Menschen. Ein Fall von nicht stattgefundener Erziehung
1799 fanden Bauern in den Wäldern des Departements Aveyron in Südfrankreich einen etwa elf jährigen Jungen, der offenbar kurz nach seiner Geburt ausgesetzt worden war, aber wie durch ein Wunder überlebt hatte. Er war scheu und konnte nicht sprechen, sondern stieß nur einzelne Laute aus, er lief auf allen vieren und zeigte keine Äußerungen menschlicher Gefühle wie Freude oder Zuneigung. Ein Arzt, Jean Itard, nahm das Kind auf und versuchte, ihm menschliche Verhaltensweisen beizubringen. Der Erfolg war begrenzt: Nach mehreren Jahren hatte der Junge nur wenige Wörter gelernt, er konnte einigermaßen ordentlich essen und sich sauber halten. Mehr ließ sich nicht erreichen, denn er hatte eine entscheidende Phase im Prozess des Erwerbs sozialer und kultureller Normen bzw. Werte verpasst, der als Sozialisation bezeichnet wird. Stadien der sozialen Entwicklung
Die Entwicklung des Sozialverhaltens beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tod. Ein ausschlaggebendes Stadium ist dabei allerdings die frühe Kindheit, in der sich die »soziale Identität« entwickelt. Es scheint vier Hauptmechanismen zu geben, die allgemein Kinder dazu veranlassen, sich zu sozialen Wesen zu entwickeln: der Wunsch nach Belohnung, Beachtung und Anerkennung durch andere, der Wunsch nach Identifikation mit anderen Menschen, die es bewundert oder liebt, die Furcht vor Zurückweisung und Bestrafung, schließlich die Tendenz zur Nachahmung. Diese vier Mechanismen beeinflussen mit unterschiedlichem Schwergewicht von den verschiedenen Altersstufen die Entwicklung des Sozialverhaltens. Das Neugeborene verfügt über keinerlei Zielvorstellungen oder Überzeugungen, es strebt lediglich allgemein nach sozialem Kontakt. Die verschiedenen Persönlichkeitstheorien betonen übereinstimmend, dass der Mensch alles, was er lernt, im Zusammensein mit anderen lernt, besonders mit denen, die sich ihm zuwenden, ihm helfen und ihn ermutigen, während sie ihm gleichzeitig die Werte und die Normen vermitteln, die sie für wichtig halten. In den meisten Kulturen ist die Familie die wichtigste Sozialisationsagentur, der Einfluss der Mutter ist dabei in der Regel entscheidend, weil sie normalerweise viel Zeit mit dem Kind verbringt und seine Bedürfnisse befriedigt. Die Familie vermittelt auch die in der jeweiligen Kultur herrschenden Überzeugungen und Verhaltenserwartungen, wenngleich in einer jeweils besonderen Weise, die bestimmte Aspekte betont, andere herausfiltert. Für den Vermittlungsprozess ist nicht zuletzt auch der sozioökonomische Status der Familie wichtig, denn durch ihn wird bestimmt, was als wünschenswert und möglich angesehen wird, auch Einstellungen, Erwartungen, Hoffnungen und Befürchtungen der Kinder. Andere Einflüsse wie vor allem die Massenmedien sind neben der Familie und in ihr wichtig, dennoch lässt sich annehmen, dass sie in der Regel nicht die Bedeutung der »Primärsozialisation« durch die Eltern erreichen. Zwischen 2 und 5 Jahren muss das Kind in schmerzhaften Erfahrungen lernen, seine egoistischen Impulse einzuschränken und auf andere Menschen zu achten. Es erwirbt Normvorstellungen über Eigentum, Rechte und Ansprüche anderer, und es lernt, die Erfüllung seiner Wünsche zurückzustellen. Offenbar ist in dieser Phase entscheidend, wie Eltern, Kind und Geschwister bei all ihren persönlichen Schwierigkeiten miteinander zurechtkommen. Mit dem Beginn der Schulzeit gewinnen die Gleichaltrigen (»Peer Group«) mehr und mehr Einfluss auf die soziale Entwicklung. Das gemeinsame Spiel vermittelt die Möglichkeit zur Beobachtung und praktischen Erprobung neuer sozialer Verhaltensweisen. – Das kindliche Spiel spiegelt die soziale Entwicklung wider. Bis zu 18 Monaten spielt das Kind vor allem allein, wenn Kinder zusammen sind, streiten sie eher. Dann aber vollzieht sich ein Wandel, und der Kontakt mit Gleichaltrigen führt zunehmend zu gemeinsamen Spielen, freundschaftlicher Zuwendung, Austeilen von Belohnungen, zum Beweis von Zuneigung und zur Abgabe des eigenen Spielzeugs. Dabei spielt auch Nachahmung eine große Rolle, wie in vielen Untersuchungen nachgewiesen werden konnte. Wenn 4-5 jährige Kinder jemanden ein Spielzeug ausleihen sehen, sind sie selbst auch eher dazu bereit. Wenn andererseits kindliche Aggression auf Widerstand stößt, nimmt sie rasch ab oder ändert die Richtung. Der Erwerb der Geschlechtsrollen
Ausgangspunkt der geschlechtsspezifischen Entwicklung sind die biologischen Geschlechtsunterschiede. Schon bei den Neugeborenen gibt es deutliche Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen, z. B. in Bewegungen und Mimik während des Schlafes. Mit 2 1/2 Jahren ist ein Kind sich weitgehend seiner Geschlechtszugehörigkeit bewusst. Nachdem einmal eine bestimmte Geschlechtsidentität erworben ist, lässt sie sich nur noch schwer ändern. Die Eltern vermitteln immer auch ihre eigenen Vorstellungen über angemessenes geschlechtsspezifisches Verhalten, also wie man sich als Junge oder Mädchen verhält. Die von den Eltern übernommenen Einstellungen werden später von den Gleichaltrigen modifiziert, bis schließlich ein Gleichgewicht von Rollenerwartung und persönlicher Rollenidentität erreicht ist.