Die moralische Entwicklung

Zu einer reifen Persönlichkeit gehört auch die Fähigkeit, Verhalten auf seine moralische Qualität – ethisch gerechtfertigt oder nicht – abschätzen zu können. Der Erwerb eines angemessenen moralischen Urteils ist eine Aufgabe, die nicht davon abhängt, ob es eine allgemeine Definition von Moral bzw. eine absolute sittliche Pflicht gibt, der jeder unterworfen ist, oder nur gesellschaftliche »Moralen«, denen das Individuum sich anpasst. Wandlungen des Wertsystems
Viele Religionen und Wertsysteme behaupten, Moral sei etwas Eindeutiges, Gut und Böse seien strikte Gegensätze, und »moralisch« sei der zu nennen, der sein Verhalten beständig nach moralischen Prinzipien auszurichten sucht. Im Gegensatz dazu wiesen H. Hartshorne und M. A. May bereits 1927 nach, dass die meisten Menschen in ihrem moralischen Urteil situationsabhängig flexibel sind. Der Säugling hat zunächst keine Vorstellung von Geboten und Verboten. Die ersten Erfahrungen, was er darf und was er nicht darf, macht er durch seine Eltern. Seine ersten Normvorstellungen beziehen sich auf spezielle Situationen. Das Motiv des Kindes zum Erwerb solcher Normen ist vor allem der Wunsch nach Belohnung und nach Vermeidung von Strafe. Diese Phase dauert etwa bis zum fünften Lebensjahr. Danach vollzieht sich bis zu 11 Jahren eine rasche Entwicklung, zunächst, weil Gleichaltrige und Lehrer, deren Zuneigung das Kind gewinnen will, seine Normvorstellungen beeinflussen, später, weil es ein Gefühl der Gegenseitigkeit und der moralischen Verpflichtung anderen gegenüber entwickelt. Die Normen sind damit »internalisiert« (verinnerlicht), äußerer Kontrollen bedarf es meist nicht mehr. Entwicklungsstufen
Die moralische Entwicklung des Kindes lässt sich mit verschiedenen Methoden erforschen. Erwähnenswert ist die des Amerikaners Lawrence Kohlberg (1927-1987), der – im Anschluss an J. Piaget – Kindern verschiedenen Alters Geschichten vorlegte, die einen moralischen Konflikt enthalten, und die Begründungen ihrer Entscheidungen untersuchte. Es scheint, dass sich unabhängig von den speziellen gesellschaftlichen Normen drei Hauptstadien der moralischen Entwicklung erkennen lassen, die Kohlberg vormoralisches Stadium, Stadium der konventionellen Moral und Stadium der Grundsatzmoral nennt. Nach Kohlberg bedeutet jede höhere Stufe eine differenziertere Form des Urteils in moralisch relevanten Situationen. Im vormoralischen Stadium stehen die eigennützigen Interessen des Kindes im Vordergrund. Im Stadium der konventionellen Moral denkt das Kind auch an andere, nimmt aber im Übrigen fast unbefragt die vorhandenen Autoritäten hin. Das »reife« moralische Urteil schließlich geht nicht nur vom Grundsatz der Gegenseitigkeit aus, sondern beruft sich auf allgemeine sittliche Gesetze. Soziale Normen werden befolgt, aber als Vereinbarungen, die durch gemeinsamen Beschluss geändert werden können. Die höheren Stufen des moralischen Urteils werden allenfalls in der späten Kindheit bzw. Jugendzeit erreicht, sie setzen nicht nur eine gewisse kognitive Reife, sondern auch soziale Erfahrungen voraus. Die Stufen des moralischen Urteils sind allen Kindern unabhängig vom jeweiligen kulturellen und religiösen Hintergrund gemeinsam. Wenn ein Mensch in der Lage ist, sein moralisches Urteil an Grundsätzen zu orientieren, so tut er dies doch keineswegs immer. Vielmehr urteilt er in verschiedenen Situationen auf unterschiedlichem Niveau. Übrigens kennen auch die moralisch-religiösen Systeme verschiedene Begründungen des sittlich Guten. Das Christentum etwa lehnt die Sünde ab, weil sündiges Handeln in sich böse ist und außerdem zur ewigen Verdammnis führt (Prinzipienmoral und vormoralisches Stadium). Moralische Erziehung
Die moralische Entwicklung vollzieht sich nicht zwangsläufig, vielmehr spielen Eltern und Gleichaltrige dabei eine wesentliche Rolle. Eltern, die die moralischen Auffassungen ihrer Kinder ernst nehmen und mit ihnen darüber diskutieren, fördern das Erreichen höherer Stufen des moralischen Urteils. Vor allem sind Eltern und andere Menschen als Vorbilder für das moralische Verhalten wichtig. Die richtige Einsicht allein bedeutet ja keineswegs, dass man auch das Richtige tut. Allgemein befolgen Kinder eher das, was andere tun, als das, was sie sagen, ein angemessenes moralisches Verhalten können sie eigentlich nur entwickeln, wenn das, was andere Menschen tun, nicht in Gegensatz zu dem steht, was sie sagen. Entscheidend für die moralische Entwicklung des Kindes sind schließlich auch seine sittlichen Gefühle. Normalerweise entwickeln sich Gewissen und Verantwortungsbewusstsein parallel zum moralischen Urteil, so werden sie zunehmend wichtig für die autonome Verhaltenssteuerung des Kindes. Eltern und andere Personen können zur Entwicklung von Selbststeuerung und Gewissen beim Kind beitragen, indem sie auf falsches Verhalten angemessen reagieren. Die wirkungsvollste Reaktion ist ein kurzfristiger Liebesentzug zusammen mit einer ausführlichen Erklärung der Folgen des falschen Verhaltens. Durch diese Erklärung lernt das Kind, sein Verhalten aus der Perspektive anderer zu beurteilen und autonome moralische Normen zu entwickeln. Hinsichtlich des günstigsten Zeitpunkts scheint es, dass elterliche Eingriffe kurz vor dem oder zu Beginn des (erwarteten) falschen kindlichen Verhaltens am wirksamsten sind. Wenn das nicht möglich ist, sollte die ganze Situation nachträglich wieder aufgerollt und ausführlich mit dem Kind diskutiert werden.