Sexualität und Unabhängigkeit in der Adoleszenz

Erwachsenwerden ist identisch mit Streben nach Unabhängigkeit. Ein Faktor dabei ist die Sexualität, sie veranlasst den Heranwachsenden, nach einem Geschlechtspartner zu suchen, während gleichzeitig das Inzesttabu dafür sorgt, dass der Geschlechtspartner außerhalb des Familienbereichs gesucht wird. Ein Inzesttabu (Heiratsverbot zwischen nahen Verwandten) gibt es in fast allen Kulturen. Es hat mehrere Funktionen: Erstens verhindert es gefährliche Konflikte innerhalb der Familie, indem es die Möglichkeit sexueller Rivalität ausschließt. Zweitens verbindet es verschiedene Familien oder Sippen und stärkt damit den Zusammenhalt des Sozialverbandes. Drittens treibt es den jungen Menschen dazu, unabhängig zu werden und sexuelle Erfahrungen außerhalb der Familie zu sammeln. Heranwachsende Jugendliche, die aus irgendeinem Grund ständig bei ihren Eltern bleiben, gelangen nicht zu Selbständigkeit und Reife. Abgesehen von diesen soziologischen und psychologischen Aspekten verhindert das Exogamie gebot (das Gebot, außerhalb der Familie zu heiraten) die Verstärkung negativer Erbeinflüsse als ein Ergebnis von Inzucht. Die Bedeutung sexueller Erfahrungen
Sexuelle Erfahrungen der Jugendlichen, über die sich die Eltern häufig Sorgen machen, sind als Stadium der Unabhängigkeitsentwicklung ebenso notwendig wie als Lernfeld im Bereich der Sexualität. Zu den sexuellen Erfahrungen in der Adoleszenz – dem Jugendalter etwa vom 17. bis 21. Lebensjahr – gehört bei Jungen und Mädchen, dass sie allein oder gemeinsam, und zwar sowohl mit dem eigenen als auch mit dem anderen Geschlecht, masturbieren. Vorübergehende homosexuelle Erlebnisse sind häufig und bedeuten weder, dass ein Jugendlicher dauerhaft homosexuell ist, noch, dass solche Erlebnisse irgendwelche ungünstigen Wirkungen haben müssten. Nach wissenschaftlicher Auffassung setzt eine dauerhafte homosexuelle Tendenz eine entsprechende Erbanlage oder besondere Bedingungen der Gefühlsentwicklung während der frühen Kindheit voraus. Häufiger Partnerwechsel während der Jugendzeit muss ebenfalls biologisch wie psychisch als normal angesehen werden. Denn wenn Jungen und Mädchen während der Reifezeit keine Gelegenheit haben, mit verschiedenen Partnern Erfahrungen zu machen, lernen sie sich und ihre Bedürfnisse nicht ausreichend kennen. Für die Eltern mag es einfacher sein, wenn ihr Kind ein festes Verhältnis mit einem Jungen oder Mädchen aus der Nachbarschaft hat, das schließlich zur Ehe führt. Die Stabilität einer Ehe ist jedoch offenbar größer, wenn beide Partner vor ihrer Ehe bereits verschiedene andere Beziehungen hatten. Die Achtung der Privatsphäre
Auch die Tatsache, dass Sexualität dem Intimbereich zugerechnet wird, bewegt den Jugendlichen dazu, Unabhängigkeit zu suchen. Häufig sind Eltern ängstlich, wenn ihre Kinder ihnen offenbar zu wenig Vertrauen schenken, und manchmal versuchen sie sogar, sich mehr Informationen über ihre Kinder zu verschaffen, indem sie deren Tagebücher und Briefe lesen. Andere Eltern fühlen sich durch die Distanz ihrer Kinder verletzt und wollen diese mit Gewalt dazu bringen, ihnen wie früher alles zu erzählen. Dazu muss man wissen, dass Geheimnisse bei Jugendlichen völlig normal sind und als notwendiger Teil ihres Unabhängigkeitsstrebens geachtet werden sollten. Die meisten Geheimnisse sind übrigens unproblematisch, solche, die es nicht sind, lassen sich oft besser mit anderen Erwachsenen als mit den eigenen Eltern besprechen. Das Recht auf Achtung der Intimsphäre steht jedem Menschen gleich welchen Alters zu, Vertrauen lässt sich nicht erzwingen. Andererseits wollen Jugendliche Verständnis finden, sie haben also oft selbst das Bedürfnis, sich einem Erwachsenen anzuvertrauen, wenn auch meist nicht ihren Eltern. Die Heranwachsenden selbst erleben sich häufig in inneren Konflikten. Ihre Neigung, sich zurückzuziehen, widerspricht ihrem Bedürfnis, verstanden zu werden. Ihr Wunsch nach Selbständigkeit steht im Gegensatz zu dem Bedürfnis, in vielen Lebenslagen, die sie bisher nicht erfahren haben, andere um Rat zu fragen. In der Praxis ist es für sie schwierig, sich unabhängig zu fühlen, wenn sie finanziell von den Erwachsenen abhängig sind. Finanzielle Selbständigkeit andererseits ist kaum zu erlangen, solange sie noch nicht genug verdienen. Es ist nicht einfach, eine Gefühlsbindung oder eine Verabredung geheim zuhalten, wenn man dringend Rat darüber braucht, was man anziehen und wie man sich verhalten soll. Von den Eltern abhängig zu sein bedeutet unerwünschte Einschränkungen und häufig auch Enttäuschungen, andererseits bringt Unabhängigkeit oft Angst mit sich. Nur beiderseitige Toleranz ermöglicht es Eltern und Jugendlichen, diese schwierige Phase ohne dauernde Konflikte zu bewältigen. Wer gibt Rat?
Die unausweichlichen Spannungen zwischen Eltern und halbwüchsigen Kindern lassen sich vermeiden oder doch mildern, wenn dafür gesorgt wird, dass die Jugendlichen immer einen Erwachsenen als Helfer und Ratgeber zur Verfügung haben, dem sie vertrauen. Einem Erwachsenen fällt es leichter, Toleranz und Verständnis zu zeigen, wenn er nicht wie die Eltern unmittelbar betroffen ist. In den Großfamilien einiger Kulturen ist es üblich, dass der Jugendliche ein besonderes Vertrauensverhältnis zu mehreren Erwachsenen hat, die sich auch um ihn kümmern, die aber nicht seine Eltern sind. Als in unserer Gesellschaft die Paten noch wirkliche Bedeutung hatten, konnten sie solche Vertrauenspersonen sein, es wäre gut, wenn sie diese Funktion wieder erhielten.

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Info 22.11.2017 17:42
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