Das Jugendalter

Das Jugendalter beginnt mit der Pubertät, also etwa im Alter von 12 Jahren, wenn innerhalb kurzer Zeit die Sexualfunktionen reifen (Menstruation beim Mädchen, Samenerguss beim Jungen) und die sekundären Geschlechtsmerkmale (Behaarung, Körperformen, Stimmveränderung) sich herausbilden. Die Geschlechtsreife setzt in den letzten hundert Jahren zunehmend früher ein. Diese »Reifungsakzeleration« bedeutet allerdings nicht, dass auch psychisch der Übergang zum Erwachsenen sich eher oder rascher vollzöge. Es kommt vielmehr im Gegenteil häufig zu Entwicklungskrisen. Körperliche Veränderungen in der Pubertät
Dem auffälligen Entwicklungsschub in der Pubertät liegen Veränderungen im Hormonhaushalt zugrunde, vor allem der Beginn der Produktion von Sexualhormonen. Die hormonelle Umstellung ist häufig mit weiteren körperlichen Begleiterscheinungen verbunden, die die Jugendlichen beunruhigen, nämlich mit Hautverunreinigungen (Akne), vor allem im Gesicht und am Oberkörper, und einer Neigung zu Überernährung. Psychische Veränderungen
Zunächst sind die Jugendlichen über die körperlichen Veränderungen, die sie an sich feststellen, meist beunruhigt. Mädchen sorgen sich um ihre Figur und um Beschwerden bei der Menstruation. Jungen entwickeln häufig geheime Ängste, ob ihre Genitalien sich auch normal entwickeln. Bei verzögertem Einsetzen der Pubertät entstehen Befürchtungen, dass vielleicht »etwas nicht in Ordnung« sei, solche Befürchtungen äußern sich bei Jugendlichen oft maskiert als hypochondrische Furcht vor schweren Krankheiten. Hinzu kommt in vielen Fällen die beunruhigende Vorstellung, nicht attraktiv genug zu sein. Übergewicht als Folge von übermäßigem Essen ist ein Symptom von Angst und depressiver Verstimmung. Änderungen im Sozialverhalten
Während Kinder vor der Pubertät das Spiel mit gleichgeschlechtlichen Altersgenossen bevorzugen, verstärkt sich nun das Interesse am anderen Geschlecht. Zugleich aber besteht eine auffällige Tendenz zur Wahl von Idolen, d. h. älteren Menschen (meist desselben Geschlechts), die bewundert und angebetet werden. Lehrer, bekannte Sportler oder Starsänger sind beliebte Identifikationsobjekte, sie dienen häufig als Ersatz für die elterlichen Vorbilder, die während der Kindheit im Vordergrund standen. Im Übrigen ist dieses Übergangsstadium zwischen Kindheit und Erwachsenenalter für viele Jungen und Mädchen eine schwierige Zeit. Nicht selten sind sie scheu und vermeiden soziale Kontakte, oder sie betreiben eine aggressive Selbstdarstellung und demonstrieren ihr Erwachsensein durch auffällige Kleidung und exzentrische Frisuren. Gelegentlich bilden sie Gruppen mit stark abweichendem, kriminellem Verhalten. Da die Jugendlichen in den westlichen Ländern heute über eine beträchtliche Kaufkraft verfügen, stellen sie eine eigene Zielgruppe für Werbung und Verkauf dar. Die Beunruhigung der jungen Menschen über ihre äußere Erscheinung und Beliebtheit wird dabei ausgenutzt. Viele geben ihr Geld größtenteils für Mode und Kosmetik aus, um den vermeintlichen sozialen Erwartungen zu genügen, ohne zu bemerken, wie sehr sie u. a. durch die Massenmedien manipuliert werden. Die Suche nach der Identität
Die Jugendzeit ist vor allem eine Zeit der Suche, wer man eigentlich ist. In primitiven Gesellschaften ist der Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter meist durch besondere, oft schmerzhafte Initiationsriten markiert. Danach wissen der junge Mann und die junge Frau, wer sie sind und was von ihnen erwartet wird. In westlichen Gesellschaften gibt es zwar auch noch gewisse – meist religiöse – Reste solcher Initiationsriten (etwa das jüdische Bar-Mizwa-Fest), sie haben aber für die meisten Jugendlichen keine Bedeutung. In unseren Gesellschaften ist die Rollenunsicherheit daher außerordentlich groß, nicht zuletzt auch deshalb, weil einige Jugendliche schon mit 15 Jahren in den Arbeitsprozess eingegliedert werden, also eine Erwachsenenrolle übernehmen, andere bis weit über ihr 20. Lebensjahr hinaus in der unfertigen Situation des Studenten bleiben. Insofern lassen sich die Erwartungen an die Jugendlichen nicht einheitlich angeben, sie sind vielmehr abhängig von Bildungsgang und Berufswahl. Die Volljährigkeit mit ihren verschiedenen Rechten (Wahlrecht, Heiratsfähigkeit, Berechtigung zum Erwerb des Führerscheins usw.) ist daher ein mehr oder weniger willkürlicher Zeitpunkt, der ja auch von Staat zu Staat wechselt. Erstaunlich sind dabei gewisse Widersprüche: Ein Jugendlicher darf möglicherweise ein u. U. hochgefährliches Motorrad oder Auto steuern, gilt aber politisch noch als unmündig. Manche verunsicherte und enttäuschte Jugendliche, die sich nicht genügend anerkannt fühlen, werden zu Rockern und Radaubrüdern. Da sie keine konstruktiven Möglichkeiten der Entfaltung sehen, scheinen Rowdytum und Gewalt für sie die einzige Alternative. Dieses Problem besteht in allen hochentwickelten Kulturen. Für viele Jugendliche ist die demonstrative Selbstbehauptung notwendig. Ohne gegen gewisse Normen der Eltern zu rebellieren, könnten sie sich kaum selbst finden. Um zu zeigen, dass er ein Individuum mit eigenen Rechten ist, muss der junge Mensch sich und anderen seine Selbständigkeit vorleben. Die Entdeckung der eigenen Identität bedeutet Betonung der Distanz zu den Erwachsenen. Insofern ist der Generationenkonflikt unvermeidbar und auch nicht ein spezifisches Kennzeichen der Gegenwart.

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Info 23.11.2017 19:23
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