Grundfragen der Menschheit

Der Mensch lebt nicht nur einfach vor sich hin, sondern er fragt danach, was er tun soll, welche Rechte er besitzt und welche er anderen zu gewähren hat. Da es oft nicht leicht ist, die richtige Entscheidung zu treffen, hat der Mensch Systeme von – religiös oder philosophisch begründeten – Regeln entwickelt, die ihm bei seinen Entscheidungen helfen und sein Handeln bestimmen sollen. Dank dieser Regeln gibt es gemeinsame Vorstellungen über Gut und Böse unter den Menschen. Es ist die Frage, ob diese prinzipiell des Handelns absolut gelten oder ob sie willkürlich aufgestellt sind. Früher berief man sich zu ihrer Begründung auf eine höhere Macht, in einer säkularisierten Gesellschaft ist das nicht mehr möglich. Fjodor Dostojewskij (1821-1881) behauptete, dass alles erlaubt wäre, wenn Gott nicht existierte. Es scheint dagegen, dass es allgemeine, von göttlichen Geboten unabhängige Normen gibt, die soziales Leben erst möglich machen. Zwei moralische Einstellungen lassen sich unterscheiden. Einerseits kann man sittliche Gebote (z. B. »Du sollst nicht töten!«) so sehen, dass sie immer befolgt werden müssen, ganz gleich, wie die Situation ist und was die Folgen sind. (Tatsächlich gibt es vielleicht kein Gebot, das immer so strikt gehandhabt wird – man denke nur daran, dass Töten unter bestimmten Bedingungen, etwa im Krieg, auch von den Kirchen gebilligt wurde.) Im Gegensatz zu dieser absoluten steht eine andere Moralauffassung, die die Gebote mehr unter den Bedingungen der Situation und mit Rücksicht auf die Folgen sieht. Diese Auffassung ist heute häufiger. Wissenschaft und Moral
Das Problem des richtigen Handelns ist keineswegs neu, es stellt sich aber vielleicht heute drängender als früher, nicht zuletzt weil durch die Wissenschaft die Folgen mancher Entscheidungen weit schwerwiegender geworden sind. Ganz deutlich ist dies im modernen Kriegswesen. Die Kriegsteilnehmer sind heute oft weit voneinander und von den direkten Auswirkungen ihres Handelns entfernt, der Krieg besteht nicht mehr im unmittelbaren Aufeinandertreffen von Kämpfern, die Unterscheidung zwischen Kriegsteilnehmern und Unbeteiligten ist nicht mehr ohne weiteres möglich. Der Krieg ist total geworden und wird allenfalls begrenzt durch die Furcht vor der Vernichtung der gesamten Menschheit. Um so dringender wird in dieser Situation die Frage nach einer innerlich verpflichtenden Instanz. Die Entwicklung der Atombombe und der Wasserstoffbombe hat das Problem noch verschärft. Viele Menschen verurteilen die Entwicklung und Herstellung, erst recht die Anwendung atomarer Waffen, und zwar sowohl wegen ihrer durch nichts zu rechtfertigenden unmittelbaren Zerstörungskraft als auch wegen der langfristigen Strahlungsfolgen. Kann das Ziel, Leben zu erhalten, jemals solche schrecklichen Mittel rechtfertigen? Selbst die friedliche Nutzung der Kernenergie ist mit einem vielleicht tödlichen Risiko auch für künftige Generationen belastet. Hinter den praktischen Problemen der Kernenergie steht die moralische Frage, die verlangt, den Nutzen, wie groß er auch sei, gegen das Risiko abzuwägen. Entscheidungen in der Medizin
Auch die Medizin steht vor ähnlichen Entscheidungen. Sie reichen von der Frage der Zulässigkeit von Tierversuchen bis zu dem Problem, unter welchen Bedingungen man menschliche Organe als »Ersatzteile« verwenden darf, wobei das Leben des Spenders aufgegeben wird, um das des Empfängers zu retten. Ein anderes Problem des medizinischen Fortschritts, die Geburtenkontrolle, hat die schwierige moralische Frage neu belebt, wer das Recht zur Entscheidung über Leben und Tod hat. Ebenso taucht das Problem der Abwägung zwischen gesellschaftlicher Verantwortung und individuellen Rechten bei Eugenik und systematischer Veränderung von Erbeigenschaften auf. Darf ein Wissenschaftler entscheiden, welche Merkmale »besser« sind als andere, und sie daher fördern? Die Verhütung neuen Lebens durch Sterilisation, Verhütungsmaßnahmen oder Schwangerschaftsunterbrechung ist als moralisches Problem eng mit dem der Sterbehilfe verbunden. Die Euthanasie (Tötung aus Mitleid) bei unheilbaren Krankheiten mit unerträglichen Schmerzen oder bei Menschen, die nur noch bewusstlos dahindämmern, lässt sich vielleicht aus dem Anspruch auf ein würdiges menschliches Leben rechtfertigen. Sittliche Probleme entstehen auch aus dem Verhältnis des Staates zum Individuum. Auch wenn die Gesellschaft unerwünschte Bürger nicht mehr einfach beseitigt – hat sie etwa ein Recht, die Sterilisation einer geistig behinderten Frau anzuordnen, weil deren Kinder vermutlich ebenfalls behindert wären? Darf sie für Verbrecher eine Aversionstherapie anordnen oder gar eine Hirnoperation, die den Menschen zwar fügsam macht, ihm vielleicht aber auch alles Menschliche nimmt? Die Vorstellung, dass solche Methoden von einem gewissenlosen und inhumanen System angewandt werden können, um politische Gegner unschädlich zu machen, ist erschreckend. Die Wurzeln sittlichen Handelns
Für jede Moral, wie immer sie auch begründet ist, muss die Würde des Menschen unantastbar sein, weil der Mensch oberster Wert ist und niemand die Würde eines anderen Menschen missachten kann, ohne seine eigene zu verletzen. Letztlich sind alle Menschen miteinander verbunden, und der Mensch ist für jeden anderen mitverantwortlich, sogar für künftige Generationen. In Grenzfragen wird es allerdings immer wieder Konflikte geben.

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Info 23.11.2017 19:29
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