Der Mensch als Naturwesen

Man kann die menschliche Natur von zwei Grundpositionen aus betrachten: Die eine versteht den Menschen als vorwiegend von Antrieben bestimmt, die aus ihm selber stammen, die andere betrachtet ihn als durch seine Umgebung, durch historische und ökonomische Zwänge, also von außen bestimmt. Philosophie, Psychologie, Geschichtswissenschaft und Soziologie sind weitgehend damit beschäftigt, genau zu bestimmen, worin die inneren und äußeren Einflussgrößen bestehen und wie sie wirken. Zielorientierung und Alltrieb
Die philosophischen und psychologischen Bemühungen um eine Bestimmung der inneren Faktoren, die das Verhalten des Menschen steuern, lassen sich wiederum zweifach unterteilen: Die eine Richtung sieht den Menschen als mit angeborenen Vorstellungen und Leitvorstellungen ausgestattet, sodass es ihm im Leben vor allem darauf ankommt, diese Leitvorstellungen zu verwirklichen. Die zweite Richtung sieht den Menschen als mit angeborenen Trieben oder Instinkten ausgestattet, die nach Befriedigung verlangen. Nach Auffassung der ersten Richtung gibt es irgendwo, vielleicht im göttlichen Geist, die vollkommene Idee des Guten, der Schönheit und der Wahrheit, nach der jedes Individuum kraft seiner eingeborenen Neigung strebt. Nach der zweiten Meinung treiben die Mechanismen der Verhaltenssteuerung ihn zu einem bestimmten Verhalten, das zugleich sein Überleben und das Überleben der Art sichert. Die beiden Betrachtungsweisen des Menschen sind an sich unvereinbare Gegensätze, dennoch hat es Philosophen gegeben, die zwischen ihnen zu vermitteln suchten, etwa dadurch, dass sie glaubten, der Geist des Menschen strebe nach dem Ideal, während sein Körper von Instinkten und der Suche nach Lustgewinn bestimmt sei. Seit der Renaissance jedoch und besonders seit Charles Darwin (1809-82) und Sigmund Freud (1856-1939) erwies sich diese dualistische Auffassung des Menschen als nicht mehr haltbar, eine rationalistische Auffassung setzte sich durch, nach der die geistige Seite des Menschen sich aus seinen Antrieben entwickelt hat und letztlich ebenfalls nach Lustgewinn strebt. Die Psychoanalyse behauptet, dass alle »höheren« seelischen Tätigkeiten nichts als »Sublimierungen« infantiler sexueller und aggressiver Triebimpulse seien, damit ist Freuds Theorie ein typisches Beispiel für die Auffassung, dass der Mensch letztlich ein Organismus sei, der nach Befriedigung strebt. Im Gegensatz dazu vertrat die komplexe Psychologie von C. G. Jung (1875-1961) eher einen idealistischen Standpunkt. Liebe und Hass
Zahlreiche Biologen und Psychologen gehen davon aus, dass es zwei Triebbereiche oder Hauptinstinkte gibt: die auf Selbsterhaltung gerichteten Triebe – Hunger, Aggression und Flucht – und die auf Arterhaltung gerichteten – Sexualität und Brutpflege. Andere Psychologen vertraten die Meinung, die beiden grundlegenden Triebbereiche seien Liebe (Sexualität) und Hass (Aggression). Mehrere Vertreter der vergleichenden Verhaltensforschung (Ethologie), haben gewissermaßen nebenbei auch der Annahme angeborener Leitvorstellungen Nahrung gegeben. Sie erbrachten nämlich den Nachweis, dass es bei gesellschaftlich lebenden Tieren auch Instinkte gibt, die unmittelbar der Erhaltung und Förderung der Gruppe dienen, etwa den Instinkt, die eigene Gruppe vor Angriffen von außen zu schützen oder, oft unter Einsatz des eigenen Lebens, die Gruppe zu retten. Diese Instinkte, so glauben Vertreter der Ethologie, sind Vorläufer des »höheren« Strebens beim Menschen. Verhaltensmuster
Die Begriffe »Instinkt« und »Trieb« gelten heute teilweise als überholt, sie wurden ersetzt durch den Begriff »Verhaltensmuster«, wobei man vermutet, dass einige dieser Verhaltensmuster angeboren, einige erlernt sind. Nach Ansicht der behavioristischen Psychologie, die auf Iwan Pawlow (1849-1936) und J. B. Watson (1878-1958) zurückgeht, sollte man menschliches Verhalten ohne Rückgriff auf subjektive Tatbestände wie etwa Seele erklären und auch auf die Annahme innerer Kräfte jeglicher Art verzichten und statt dessen den Menschen nur durch beobachtbares Verhalten definieren. Bei den Philosophen, Historikern und Soziologen, die der Auffassung sind, dass der Mensch weitgehend durch äußere Einflüsse geformt wird, lassen sich ebenfalls zwei Auffassungen unterscheiden: Die eine betont den Einfluss der physischen Umwelt, die andere soziale Faktoren. Nach der ersten Auffassung sind geografische und klimatische Faktoren ausschlaggebend und können sogar kulturelle und nationale Eigenheiten erklären. Die andere Auffassung, nach der soziale Einflüsse maßgeblich sind, wird einerseits von Empirikern, andrerseits von verschiedenen Weltanschauungen vertreten. Die einen behaupten, dass Individuen oder Gruppen durch die geschichtlichen und gesellschaftlichen Bedingungen geformt werden, in denen sie leben, zu den anderen gehörten die nationalsozialistischen Historiker, die die Geschichte als vorbestimmten Weg der arischen Rasse zur Weltherrschaft interpretierten, ebenso wie dazu Marxisten zählen, die die Geschichte ausschließlich als Geschichte des Klassenkampfes sehen, der unausweichlich mit dem Sieg der Arbeiterklasse endet. Skeptiker betrachten diese und andere Theorien der Geschichte als Versuche, Ordnung und Gesetzmäßigkeiten in eine Folge von Ereignissen hineinzuinterpretieren, die tatsächlich weder das eine noch das andere aufweisen.