Der Mensch und sein Körper

Die Vorstellung, die wir von unserem Leib haben, gewissermaßen die körperliche Seite unserer Persönlichkeit, gehört zu dem Bild von uns, das wir der Welt präsentieren. Wir sind es gewohnt, unseren Körper so zu erfahren, als ob wir als Beobachter in unserem eigenen Kopf säßen. Aus diesem Grund liest auch jemand, der mit geschlossenen Augen den Buchstaben E auf die Stirn gedrückt bekommt, diesen Buchstaben sozusagen von hinten, nämlich als die Ziffer 3. Aspekte des Selbstbildes
Die Vorstellung, die wir uns von selbst machen, kann falsch sein. Wir können uns als größer, kleiner oder attraktiver sehen, als wir tatsächlich sind, solche Täuschungen können auf unseren Körper zurückwirken. Ein furchtsamer Mensch etwa kann kaum richtig aufrecht gehen. Die Weise, in der wir unseren Körper sehen, hat sogar Einfluss auf seine Funktionen und kann auf diese Weise sogar zu Störungen und Erkrankungen führen. Die Vorstellung des eigenen Körpers bildet sich allmählich im Verlauf der kindlichen Entwicklung. Der Transsexualist etwa fühlt sich dem Geschlecht zugehörig, das er nach seinen körperlichen Eigenschaften nicht ist. Überernährung und Fettsucht können aus einer falschen Körpervorstellung entstehen. Im Übrigen neigt der Mensch dazu, sein äußeres Erscheinungsbild symbolisch zu verändern. Er ist das einzige Lebewesen, das über sein Äußeres selbst entscheiden kann, und zwar durch Schmuck, durch verschiedenartige Veränderungen des Körpers, durch chirurgische Eingriffe, aber auch durch Kleidung, die Stimmung, Lebensstil, Status und vieles andere zum Ausdruck bringt. Die verschiedenen Moden betonen (oder schwächen ab) körperliche Merkmale, die gerade hoch im Kurs stehen. So wurden z. B. die Geschlechtsteile teils auffällig gezeigt, teils verborgen, vor allem der weibliche Körper wurde in verschiedene, zum Teil ganz unnatürliche Formen und Haltungen gebracht. Selbstdarstellung und Persönlichkeit
Die Bedeutung der Vorstellung vom eigenen Körper einschließlich der Rückwirkung auf ihn und die Möglichkeiten zur Beeinflussung seiner Funktionen betonte als erster der österreichische Psychoanalytiker Wilhelm Reich (1897 bis 1957), er sah Haltung und körperliche Funktionen des Individuums als Auswirkungen einer »Charakterpanzerung«, die eine Reaktion auf Ängste, Zwänge und negative Gefühle gegen den eigenen Körper und das Ich, besonders im Bereich der Sexualität, darstellt. Die Art und Weise, wie wir uns mit unserem Körper selbst darstellen, wird heute als Element der Mitteilung an andere gesehen, insofern spricht man von »Körpersprache«. Damit ist weit mehr als die Gestik gemeint, die unser Sprechen begleitet. Der Mensch drückt sich in allen Einzelheiten seiner körperlichen Erscheinung aus und beeinflusst damit andere Menschen. »Biofeedback«
Eine bedeutende Entdeckung, die sich erst neuerdings bei uns durchzusetzen beginnt, ist die Möglichkeit, auch solche körperliche Prozesse zu kontrollieren und willkürlich zu verändern, die normalerweise autonom ablaufen. Diese Form der Beeinflussung unseres Körpers wird »Biofeedback« (wörtlich etwa: Rückmeldung der Lebensvorgänge) genannt. Die körperlichen Vorgänge werden gewöhnlich eingeteilt in diejenigen, die willentlich beeinflussbar sind, wie die Bewegungen der Extremitäten, und diejenigen, die unwillkürlich ablaufen und sich ohne unser Zutun selbst steuern, wie etwa Darmtätigkeit, Herzschlag und Blutdruck. Diese Funktionen werden durch unseren jeweiligen psychischen Zustand beeinflusst, der Einfluss ist uns aber gewöhnlich nicht bewusst. Nun lässt sich nachweisen, dass ein großer Teil dieser sogenannten autonomen Prozesse durchaus willentlich beeinflusst werden kann. Die Kunst des Yoga mit ihrer besonderen Versenkung in den Körper und seine zahlreichen Funktionen (auf dem Wege der Meditation) kennt diese Möglichkeit schon seit Jahrhunderten. In den letzten Jahren wurden Apparate entwickelt, die die Wahrnehmung körperlicher Funktionen erleichtern. Solche Biofeedback-Geräte registrieren Veränderungen bestimmter physiologischer Vorgänge und setzen sie in Ausschläge auf einer Skala, in Lichtsignale oder Geräusche um. Die an das Gerät angeschlossene Person versucht nun, das Signal zu beeinflussen (etwa das Licht zum Verlöschen zu bringen oder das Geräusch zu verstärken), allmählich erwirbt sie die Fähigkeit, bisher autonom ablaufende Vorgänge zu beeinflussen. Biofeedback-Geräte lassen sich auf zahlreiche vegetative Prozesse »ansetzen«, auf die Alphawellen des Gehirns wie auf den Blutdruck, auf die Herzfrequenz wie auf die Hautdurchblutung. Offenbar ist fast jeder unwillkürlich ablaufende Prozess, der von einem Biofeedback-Gerät erfasst werden kann, nach einiger Übung willentlich zu verändern. In der Medizin wurde das Biofeedback-Verfahren bisher noch wenig eingesetzt, die Anwendungsmöglichkeiten sind aber groß. Bei Epileptikern, die auf Medikamente nicht ansprachen, ließ sich mit dieser Methode eine bessere Wahrnehmung der einem Anfall vorausgehenden Veränderungen der Hirnpotenziale und damit eine Warnung des Patienten vor dem Anfall erreichen. Die wichtigsten medizinischen Möglichkeiten liegen in der Normalisierung von Bluthochdruck und in der Beseitigung körperlicher Begleiterscheinungen der Angst und anderer psychosomatischer Störungen unter Verzicht auf Medikamente, die bisher im Vordergrund der Therapie stehen.