Persönlichkeit: Jeder Mensch ist einzigartig

Wenn auch jeder Mensch einzigartig ist und in wesentlichen Merkmalen anders als andere Menschen, gibt es doch auch auffällige Ähnlichkeiten, z. B. im Körperbau, in bestimmten motorischen Reaktionen und im Temperament. Schon seit langem werden daher Versuche unternommen, die Menschen nach solchen Ähnlichkeiten zu ordnen. Die Temperamentstypen
Jahrhundertelang war die von dem griechischen Arzt Galen (129-199 n. Chr.) begründete Temperamentslehre weit verbreitet. Nach Galen gibt es vier Temperamentstypen: den Sanguiniker, den Phlegmatiker, den Choleriker und den Melancholiker. Das Temperament wird bestimmt durch die Flüssigkeit, die im Körper vorherrscht. Wenn das Blut (lat. sanguis) vorherrscht, ist das Temperament sanguinisch, d. h. optimistisch und leicht unbeherrscht, ist der Schleim (griech. phlegma) vorherrschend, so ist der Mensch langsam und gemütlich, wenn die gelbe Galle vorherrscht, hat der Mensch ein cholerisches Temperament, er ist reizbar und impulsiv, wenn schließlich die schwarze Galle (griech. Melancholie) am meisten Einfluss hat, ist der Mensch vor allem sensibel und fällt leicht in gedrückte Stimmung. Die Theorie der Körpersäfte als Grundlage der Temperamentstypen war bis ins 19. Jahrhundert bei den Medizinern wie im Volk beliebt, die vier Temperamentstypen kennt man heute noch, obwohl niemand mehr glaubt, dass sie etwas mit Körpersäften zu tun haben. In den letzten Jahren hat der Gedanke der vier Temperamente in der Psychologie sogar neue Beachtung gefunden. Der deutsche, Psychologe H. J. Eysenck (1916-1997), dessen Theorie auf statistischen Daten beruht, sieht die Persönlichkeit als durch zwei Dimensionen bestimmt, nämlich psychische Stabilität bzw. Instabilität und Introversion bzw. Extraversion. Unter Extraversion versteht er die Tendenz des Individuums, seiner Umwelt zugewandt zu sein, dagegen ist Introversion die bevorzugte Zuwendung zum eigenen Ich und der Repräsentation der Umwelt im Ich. Wenn man beide Dimensionen zu einem zweidimensionalen System zusammenfügt, entstehen vier Typen von Menschen: 1. Instabile Introvertierte – Melancholisch:
Verstimmbar, Ängstlich, Rigide, Nüchtern, Pessimistisch, Reserviert, Ungesellig, Ruhig. 2. Instabile Extravertierte – Cholerisch:
Aktiv, Optimistisch, Impulsiv, Launisch, Erregbar, Aggressiv, Ruhelos, Empfindlich. 3. Stabile Introvertierte – Phlegmatisch:
Ruhig, Ausgeglichen, Zuverlässig, Kontrolliert, Friedfertig, Nachdenklich, Sorgfältig, Passiv. 4.Stabile Extravertierte – Sanguinisch:
Gesellig, Aufgeschlossen, Redseitig, Ansprechbar, Unbeschwert, Lebendig, Sorglos, Anführend. Diese vier Typen, so Eysenck, entsprechen genau den alten Temperamentstypen. Aufgrund weiterer Forschungen nimmt Eysenck an, dass die meisten Neurotiker instabile Introvertierte sind, die meisten Delinquenten dagegen instabile Extravertierte, die meisten Normalen seien psychisch stabil und gehörten zu den Phlegmatikern oder Sanguinikern. Bemerkenswert an dieser Typologie ist vor allem, dass sie offenbar eine scheinbar unüberbrückbare Kluft zwischen uralten Vorstellungen und modernen wissenschaftlichen Theorien schließt. Im Unterschied zur alten Temperamentslehre behauptete Eysenck, dass jemand zwei Temperamentstypen gleichzeitig zugeordnet werden kann. Wenn er etwa auf der Grenze zwischen stabil und instabil einzuordnen sei, könne er, je nachdem ob er introvertiert oder extravertiert ist, sowohl melancholisch als auch phlegmatisch bzw. sowohl cholerisch als auch sanguinisch sein. Eysencks Theorie der Persönlichkeitstypen ist nicht allgemein anerkannt, und zwar vor allem deswegen nicht, weil sie die Frage offen lässt, ob der Persönlichkeitstyp ein angeborenes und unabänderliches Merkmal oder ob er das Ergebnis einer individuellen Entwicklung und Lerngeschichte ist. Wenn letzteres zutrifft, muss es möglich sein, dass jemand seinen Persönlichkeitstyp im Lauf der Zeit ändert, und zwar in Abhängigkeit von Veränderten Umweltbedingungen. In diesem Falle hat die Zuordnung eines Menschen zu einem bestimmten Typ nur begrenzten Wert. Andere Typologien
Die Theorie der Temperamente ist bei weitem nicht die einzige psychologische Typologie. CG. Jung (1875-1961) unterscheidet acht Ausprägungen der Persönlichkeit: je vier des extravertierten und des introvertierten Typs. Die vier Funktionen, von denen eine jeweils vorherrscht, sind Denken, Fühlen, Wahrnehmen und Intuition, Die Typologie von C. G. Jung hat ebenfalls nur einen begrenzten Wert, weil Jung der Auffassung war, dass wir unbewusst einem Typ angehören könnten, der dem bewussten entgegengesetzt sei, und dass ein gut integrierter oder »individuierter« Mensch jenseits der Typen stehe. Vertreter der Psychoanalyse haben die Menschen etwa nach Typen psychischer Erkrankungen, zu denen sie am meisten neigen und die sie im Fall einer tatsächlichen Erkrankung dann auch entwickeln, eingeteilt. Im Übrigen gibt es zahlreiche Versuche, körperliche und charakterliche Merkmale mit Dispositionen zu bestimmten psychischen und physischen Erkrankungen in Verbindung zu bringen, sie haben aber bisher wenig Zustimmung gefunden. Die Bedeutung von Klassifikationen
Die Fachwelt reagiert auf Persönlichkeitsklassifikationen und Typologien sehr verschieden. Jede brauchbare Einteilung ist selbstverständlich sowohl im medizinischen Bereich wie auch etwa in der Berufsberatung äußerst wertvoll. Wenn sich z. B. nachweisen ließe, dass schmalwüchsige Menschen eher zu einer bestimmten Art von Psychose neigen und vorwiegend introvertiert sind, während kleinwüchsige, beleibte Menschen eher extravertiert und zu einem anderen Psychose typ disponiert sind, wie der Psychiater Ernst Kretschmer (1888-1964) behauptete, dann wären psychiatrische Diagnose und Beratung einfacher ab bisher.

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Info 14.12.2017 16:02
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