Individualität und Freiheit

Jeder Mensch in einer demokratischen Gesellschaft hat das Recht, als freies Individuum behandelt zu werden und von seinen Rechten frei Gebrauch zu machen. Welche Rechte das sind und ob etwa der Staat die Grundrechte gesetzlich einschränken kann, ist umstritten. In einer Ansprache kurz vor Eintritt der USA in den II. Weltkrieg (1941) berief sich der damalige Präsident Franklin Delamo Roosevelt (1882-1945) in einer Rede auf die Prinzipien der Demokratie, indem er eine Welt beschwor, die auf folgenden vier Grundfreiheiten beruht: 1. Freiheit der Meinungsäußerung.
2. Freiheit der Religionsausübung in jeder Form.
3. Freiheit von Not.
4. Freiheit von Angst. Die schlimmste Missachtung der Menschenwürde in der Geschichte der Menschheit stellt die Judenverfolgung durch den Nationalsozialismus dar. In Massen wurden damals Juden in Konzentrationslager deportiert. Ab 1940 verfolgte das nationalsozialistische Regime, das von Anfang an antisemitisch eingestellt war, die sogenannte Endlösung, den Massenmord an Juden in Gaskammern und Hinrichtungsstätten, die u. a. in Auschwitz, Bergen-Belsen, Buchenwald gebaut wurden. Millionen unschuldiger Juden, aber auch Angehörige anderer Volksgruppen, wurden damals ermordet. Das Nazi-Regime versuchte, die Massenvernichtung dadurch zu rechtfertigen, dass es die Juden zur minderwertigen Rasse erklärte. Sklaverei, der Zwang zur Arbeit ohne Gegenleistung und ohne Rechte, ist so alt wie die Menschheit, auch bei Ägyptern, Griechen und Römern war sie verbreitet. Die Entdeckung Amerikas zog einen großen Aufschwung des Sklavenhandels nach sich, denn Spanier, Portugiesen. Engländer, Franzosen und Holländer verfrachteten Sklaven aus Afrika als billige Arbeitskräfte in die Neue Welt. Die Engländer schafften die Sklaverei 1833 ab, die USA nach dem Ende des Sezessionskrieges (1861-65). Menschliches Handeln erfordert immer einen Kompromiss zwischen den Ansprüchen des Individuums und denen der Gesellschaft. Jeder Mensch hat ein Recht zur freien Entfaltung seiner Persönlichkeit, aber gleichzeitig ist er auch der Gemeinschaft verpflichtet, in der er lebt. In liberalen, demokratischen Staaten leiten sich die individuellen Freiheitsrechte aus der Anerkennung der Würde des Individuums her, die Grenzen liegen da, wo Rechte anderer Menschen berührt bzw. eingeschränkt werden. In den meisten Demokratien wird dem Individuum die Unantastbarkeit seiner Privatsphäre zugesichert. Die Polizei darf sich ohne ausdrücklichen Gerichtsentscheid nicht gegen den Willen des Bewohners Zutritt zu einer Wohnung verschaffen, ganz allgemein gilt der Aufenthalt in einem Gebäude gegen den erklärten Willen des Hausherrn als Hausfriedensbruch. Ebenso darf niemand ohne Haftbefehl festgenommen werden, der Bruch des Post und Fernmeldegeheimnisses stellt, abgesehen von bestimmten, gesetzlich fixierten Ausnahmen, eine Straftat dar. Ebenso darf in demokratischen Staaten niemand wegen seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse oder Glaubensgemeinschaft sowie wegen seiner persönlichen Überzeugungen benachteiligt oder bevorzugt werden eine Forderung, die sich aus der Gleichheit aller Menschen ableitet, gegen die aber immer wieder verstoßen wird. Der Grundsatz der Gleichheit aller Menschen galt nicht schon immer. In den meisten antiken Kulturen, auch bei Griechen und Römern, gab es zwei Klassen von Menschen, nämlich Sklavenhalter, deren Angehörige mit allen individuellen Rechten ausgestattet waren, und Sklaven, deren Angehörige nur wenige Rechte hatten und wie eine Ware gehandelt werden durften. Obwohl das Christentum die Auffassung verbreitete, dass vor Gott alle Menschen gleich sind, setzte sich erst in den letzten 200 Jahren allmählich der Gedanke einer allgemeinen und gleichen Menschenwürde unabhängig von Hautfarbe, Religion, Rasse oder Lebensweise durch. Die Vorstellung von der Würde des einzelnen ist eng mit der der Freiheit verbunden, mit dem Recht des Individuums, seine eigenen Zielvorstellungen und sein Glück in der von ihm gewünschten Weise zu verfolgen, und zwar ohne Eingriff des Staates oder anderer Menschen, solange der einzelne nicht selbst in die Rechte anderer eingreift. Moralische Grundlage der Idee, dass jeder als Mensch eine unantastbare Würde hat, sind Vernunft und Freiheit des einzelnen. Jeder Mensch ist einzigartig und unersetzbar, niemand lässt sich einfach gegen einen anderen austauschen. Damit stellt das Individuum einen Wert dar, der sich unmittelbar aus seiner Existenz ableitet. Nicht etwa die Kosten, die anfallen, wenn ein Mensch aufwächst, oder die Werte, die en produziert, bestimmen seine Menschenwürde, sondern allein sein individuelles und besonderes Menschsein. Der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) sagt daher: »Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes als Äquivalent gesetzt werden, was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde.« Individualität als wissenschaftlicher Tatbestand
Der Gedanke, dass jeder, der zur Spezies Mensch gehört, einzigartig ist, ist nicht nur gesetzlich und moralisch begründet, sondern auch wissenschaftlich, sogar biologisch belegbar. Jeder ist an seinen Fingerabdrücken eindeutig identifizierbar, keine zwei Menschen auf der Welt haben gleiche Hautlinienmuster auf ihren Fingerspitzen. Vermutlich ist auch die menschliche Stimme genauso individuell. Stimmaufnahmen zeigen, dass die Lautmuster, unabhängig von Sprache, Akzent und eventuellen Versuchen, die Stimme zu verstellen, eine unverwechselbare Charakteristik aufweisen. Darüber hinaus ist offenbar auch die Anordnung der Gene auf den Chromosomen in den Kernen jeder Körperzelle individuell verschieden. Die fast unendliche Zahl der genetischen Unterschiede wird durch die Vielfalt der verschiedenen Umweltbedingungen, die die Persönlichkeit beeinflussen, noch wesentlich vergrößert. Hinzu kommt, dass der Mensch, nicht zuletzt durch seine Fähigkeit der Sprache, selbst wieder auf seine Umwelt zurückwirkt. Alles in allem haben die Menschen verschiedene Körper, sie wachsen in verschiedenen Umwelten auf, ihre psychische Entwicklung verläuft verschieden, und daher ist jeder Mensch einmalig und unverwechselbar. Eineiige Zwillinge sind, obwohl sie eine identische Erbausstattung haben, also über dieselbe Genanordnung verfügen, keine Ausnahme von diesem Grundsatz: Auch sie besitzen verschiedene Fingerabdrücke und Muttermale. Schon wenige Wochen nach der Geburt zeigen sie häufig ein unterschiedliches Verhalten, und je nach ihrer Umwelt entwickeln sie sich zu verschiedenen Persönlichkeiten. Individualität und Vermehrung
Es gibt Tiere, z. B. Ameisen oder Bienen, an denen nichts auf irgendeine Besonderheit der einzelnen Individuen hindeutet, die Individualität ist bei ihnen lediglich Ergebnis der Fortpflanzung. Andere Lebewesen (Pflanzen und niedere Tiere), die sich ungeschlechtlich vermehren, sind im strengen Sinne nicht einmal als Individuen zu bezeichnen, jedes Exemplar lässt sich teilen und entwickelt sich in Ablegern weiter.

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Info 18.01.2018 04:54
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