Wenzel von Böhmen, Sohn Karls IV

König Wenzel von Böhmen (1378-1400), auch »der Faule« genannt, Kaiser Karls IV. ältester Sohn, zeigte sich im Laufe seiner Regierung den vielfältigen Aufgaben immer weniger gewachsen. Dabei hatte der kaiserliche Vater mit Klugheit und List die Weichen gestellt, um ideale Voraussetzungen für eine kontinuierliche Weiterentwicklung der insgesamt einigermaßen geordneten Verhältnisse zu schaffen. Ihm war gelungen, was kein deutscher König seit den Staufern mehr zuwege gebracht hatte, nämlich zu Lebzeiten einen Nachfolger aus eigenem Haus von den Kurfürsten wählen zu lassen, obwohl dies eigentlich ihren Absichten ganz und gar zuwiderlief. Der große Taktiker versäumte auch nicht, das Einverständnis der anderen bedeutenderen Fürstenhäuser einzuholen, vor allem das der Habsburger und Württemberger, aber auch das der aufstrebenden Wettiner und Hohenzollern. Seine Einflussnahme ließ er sich viel kosten, bezahlte mit Gut und Geld, verschenkte königliche Vorrechte. Und das Ziel wurde erreicht: Am 10. Juni 1376 wählten die sieben Kurfürsten in Frankfurt Wenzel einstimmig zum König. Krönung ohne den Papst
Wie es die Form verlangte, wurde der Papst von der Wahl verständigt und um ihre Anerkennung und gleichzeitig schon um die Kaiserkrönung Wenzels gebeten, doch wartete man die Antwort erst gar nicht ab, sondern ließ nach vier Wochen gleich die Krönung in Aachen folgen. Mit diesem Vorgehen wurden die neuen, in der Goldenen Bulle festgeschriebenen Machtverhältnisse sehr deutlich, ja provokativ praktiziert, auf die die Kurfürsten als allein tragende Kräfte der Königswahl pochten. Papst Gregor XI. reagierte gereizt und hielt mit der Anerkennung zurück, bis der Tod ihm schließlich eine endgültige Stellungnahme ersparte. Auch sein Nachfolger in Rom, Urban VI., zeigte sich zunächst abweisend; als er jedoch fürchten musste, dass sein Rivale, der französische Gegenpapst Clemens VII., dem an der Gunst des Kaisers lag, ihn überspielen könnte, ließ er sich herbei, Wenzel als König anzuerkennen, und tauschte damit seinerseits vonseiten des Kaisers und Königs die Anerkennung als allein rechtmäßiger Papst der Christenheit ein. Wenzel von BöhmenDer Kaiser und die geistlichen Kurfürsten. Seite aus der »Goldenen Bulle«. Der Erzbischof von Trier saß »dem Antlitz des Kaisers gegenüber«, die Erzbischöfe von Mainz und Köln hatten ihren Platz »zur Seite« des Kaisers. Geistig aufgeschlossen – Politisch ohne Geschick
Als Siebzehnjähriger trat Wenzel nach dem plötzlichen Tod seines Vaters 1378 die Regierung an. Man sagt ihm nach, er sei »nicht ohne Begabung und geistige Interessen« gewesen. Den neuen Strömungen seiner Zeit gegenüber zeigte er sich aufgeschlossen. Um so mehr bedauerte man, dass ihm nicht – wie ursprünglich vorgesehen – Petrarca, der große Humanist und hohe Gast in Prag, als Erzieher zur Seite gestanden hatte. Gleichviel, in der Literatur bleibt sein Name mit der von ihm in Auftrag gegebenen »Wenzelbibel« erhalten, einer mit prächtigen Bildern ausgestatteten Prosaübersetzung des Alten Testaments. Doch in der Politik hatte er keine Meriten. Ihm fehlten Überblick und Standfestigkeit. Statt dessen suchte er Konfliktsituationen durch Augenblickslösungen zu bereinigen. Seiner schiedsrichterlichen Autorität begab er sich von Anfang an, als er sich auf Drängen der Kurfürsten und im Bunde mit ihnen auf Papst Urban VI. in Rom festlegte und sich damit zunächst die Möglichkeit eines vermittelnden Gesprächs mit dem Gegenpapst Clemens VII. in Avignon nahm, sodass die Kirchenspaltung, das Schisma, sich unnötig vertiefte. Die antifranzösische Tendenz seiner Politik wurde noch verschärft durch die Heirat seiner Schwester Anna mit dem englischen König Richard II. Wenzel hatte keine Kehrtwendung in der bisherigen Außenpolitik der Luxemburger beabsichtigt, doch Frankreich legte sein Vorgehen so aus. Mit großer Sicherheit darf man annehmen, dass Wenzel ursprünglich plante, zur Kaiserkrönung möglichst bald nach Rom zu ziehen, wobei er Papst Urban VI. zum Vollzug der Krönung und den englischen König zur Finanzierung benötigte. Es blieb jedoch bei Überlegungen, denn die Verhältnisse in Deutschland hielten den König fest. Die beiden großen europäischen Ordnungsmächte, das Kaisertum und das Papsttum, ließen durch den Verlust an Autorität und Einfluss ein politisches Vakuum entstehen, das langfristig neuen Kräftegruppierungen Raum gab und neue Entwicklungen begünstigte. Zunächst jedoch dokumentierte sich das in Orientierungslosigkeit. Unruhiges Deutschland – Fürstliche Territorien – Städtische Wirtschaftsmacht – Städtebünde
Die innerdeutsche Politik war überschattet vom Gegensatz zwischen Fürsten und Städten. Beiden ging es in dieser Zeit um Ausdehnung bzw. Abrundung ihrer Territorien. Während die Fürsten ihren Besitz zu autonomen Hoheitsgebieten ausgebaut hatten, in denen sie königliche Rechte handhabten, war die wirtschaftliche Macht der Städte, insbesondere der unabhängigen Reichsstädte, gewaltig gewachsen. Verständlich, dass die Landesherren die in ihrem Territorium verstreuten Städte aus machtpolitischer Sicht als Pfahl im Fleische empfanden, ganz abgesehen davon, dass sie den »Pfeffersäcken« ihren Reichtum neideten und davon gern mit leichter Hand durch hoheitliche Verfügung einen beträchtlichen Anteil abgezweigt hätten. Die Städte wiederum wollten ihre Sonderstellung behaupten und darüber hinaus im weiten Umfeld über die Mauern und Wälle hinweg eigene Territorien begründen, schon allein um ihre Versorgung sichern zu können. In dieser »Bannmeile« erhielten folgerichtig nur Stadtbürger das Gewerbe- und Handelsmonopol. Ärgerlich für die Landesherren war auch die Verlockung, die von den Städten auf die bäuerlichen Untertanen ausging und diese verführte, sich innerhalb der Stadtmauern niederzulassen um als »Pfahlbürger« die freiere Stadtluft zu atmen. Was lag näher, als dass sich die Städte aus Furcht vor Eingliederung in fürstliche Territorien zu Bünden zusammenschlossen, zumal sie sich nicht zuverlässig von König und Reich geschützt wussten. Denn immer bestand Gefahr, dass der König sie an ihre fürstlichen Gegner verpfändete und deren Willkür auslieferte, wenn seine Geldmittel erschöpft waren. Patrizier – Zünfte – Ritterbünde
Das Bild wird noch verworrener, wenn man die Situation in den Städten selbst betrachtet. Kämpfe zwischen altem und neuem Stadtpatriziat bzw. zwischen Stadtherrschaft und Zünften führten oft dazu, dass sich die schwächere Partei an den benachbarten Landesherrn um Hilfe wandte. Dieser wiederum nutzte die Gelegenheit, um Rechte an sich zu reißen. Auch der Ritteradel fürchtete, seine privilegierte Stellung gegenüber der Übermacht fürstlicher Landesherrschaft zu verlieren, und formierte sich, um politisch weiterhin mitreden zu können, zu Ritterbünden. Vor allem in Süddeutschland, im Hessischen und am Rhein gewannen diese Rittergesellschaften, z. B. »Vom Horne«, »Von St. Georg«, »Vom Löwen« an Bedeutung, entfernten sich aber bald von der ursprünglichen Zielsetzung und nutzten ihre Schlagkraft vor allem gegenüber den Städten, deren wachsender Wohlstand den Neid des in seinem Lebensniveau ständig absinkenden Adels erregte. So lag das Land in Kampf und Streit: Die Fronten der sich bekämpfenden Parteien freilich blieben verschwommen; je nach Notwendigkeit und Bedarf schloss man sich derjenigen Partei an, die im Augenblick den größten Vorteil versprach. Im Krieg mit den süddeutschen Städtebünden
Krisenherd war vor allem der schwäbische Raum, in dem die Interessen der habsburgisch-österreichischen, württembergischen und baierischen Landesherren sich gegenseitig überschnitten und alle miteinander mit dem Selbstbewusstsein der wohlhabenden Städte kollidierten. Den Habsburgern schwebte sogar die Errichtung eines schwäbischen Herzogtums vor, ein politisches Konzept, das ihnen alle Parteien zu Feinden machen musste. Vor allem hätte der »Schwäbische Städtebund« unter Führung der kampfeslustigen Stadt Ulm, die 1377 mit dem Bau ihres Wahrzeichens, des stolzen Münsters, begann, solchen Plänen die Stirn geboten. Zunächst aber kam es zur bewaffneten Auseinandersetzung zwischen Städten und Rittern. Eine Kriegserklärung des »Löwenbundes« beantwortete die Stadt Frankfurt mit dem Beitritt zum »Rheinischen Städtebund«, dessen Anziehungskraft bis ins Elsass ausstrahlte. 1381 schlössen die beiden großen süddeutschen Städtebünde in Speyer einen Militärpakt, der sich in den folgenden Kämpfen mit den verbündeten Rittergesellschaften als erfolgreich erwies und deren Zerfall verursachte. Die Städte gewannen an politischem Gewicht, und selbst die mächtigen, bisher zurückhaltend taktierenden Städte Regensburg und Nürnberg verschlossen sich nun nicht länger einem Beitritt zum »Schwäbischen Städtebund«. 1382 etablierte sich auch ein »Sächsischer Städtebund« als Vertreter städtischer Interessen in Westfalen. WenzelbibelSelbstdarstellung in christlichem Rahmen. Initial mit dem Bildnis König Wenzels IV. von Böhmen als ›biblische Majestät‹ im »Ersten Buch der Könige«. »Wenzelbibel«. – Wien Östereichische Nationalbibliothek. Vermittlung zwischen Städten und Landesfürsten durch König Wenzel
König Wenzel suchte in der Nachfolge der väterlichen Politik durch Landfriedensbeschlüsse in den einzelnen Territorien die feindlichen Parteien miteinander zu versöhnen, doch er besaß nicht das Format, um zu dauerhaften Vermittlungserfolgen zu kommen. Die Verhandlungspartner trauten ihm nicht: Die Städte fürchteten zu Unrecht, den kürzeren zu ziehen, wenn sie, wie gefordert, vor einem Friedensschluss ihre Bünde auflösen sollten; die Landesfürsten wiederum missgönnten dem König einen Erfolg, weil er zu einer unerwünschten Stärkung des königlichen Ansehens führen konnte. Einen Teilerfolg durfte sich der König immerhin zuschreiben: In der sogenannten »Heidelberger Stallung« kam es 1384 zu einem auf vier Jahre bindenden Kompromiss zwischen Fürsten und Städten. Doch selbst bei diesem Vertragsschluss verhielt sich König Wenzel halbherzig: Er bestätigte zwar den Abschluss, doch trat er selbst der Vereinbarung nicht bei. Auch stellte er sich bloß, als er sich mit den Städten über judenfeindliche Maßnahmen einigte, um die für eine erfolgreiche Hausmachtpolitik nötigen Mittel aufzubessern, im übrigen aber eine mehr fürstenfreundliche Politik weiterführte. Der Freiheitskampf der Schweizer begrenzt die Macht Habsburgs
1385 drängte die Spannung im schwäbischen Land zur Entladung. Da die Habsburger in Schwaben nicht zum gewünschten Ziel kamen, verstärkten sie ihre Aktivitäten im südlichen alemannischen Raum der Schweizer Eidgenossenschaft. Obwohl sich die rheinischen, schwäbischen und ein Teil der schweizerischen Städte militärisch verbündet hatten, sahen sich die Schweizer allein gelassen, als es zum Kampf kam. Dennoch fügten sie aufgrund ihrer leichten Bewaffnung, ihrer beweglicheren Taktik und ihres tapferen Einsatzes dem österreichischen Ritterheer am 9. Juli 1386 eine bittere Niederlage zu. In dieser Schlacht bei Sempach fiel auch Herzog Leopold III. Zwei Jahre später verloren die Habsburger eine weitere Schlacht – bei Näfels -, die zugleich ihrer Machtpolitik in diesem Raum ein Ende setzte. Die Erfolge der Eidgenossen förderten das Ansehen der Städte so sehr, dass König Wenzel es für angebracht fand, 1387 in Nürnberg ein Bündnis mit den schwäbischen Städten abzuschließen, und es ihm sogar gelang, die »Heidelberger Stallung« zu verlängern. Die Niederlage der Städte
Die baierischen Herzöge focht das alles nicht an; sie provozierten ihrerseits die Städte zum Krieg, in dessen Verlauf die verbündeten Landesherren von Baiern, Schwaben und der Pfalz ihre Übermacht bewiesen. Graf Eberhard der Rauschebart besiegte die schwäbischen Städte 1388 bei Döffingen, südwestlich von Stuttgart, kurz darauf Pfalzgraf Ruprecht II. die rheinischen bei Worms. Doch damit war der Krieg mit seinem Leid und Elend für den kleinen Mann noch nicht zu Ende. Erst 1389 im Mai fanden sich die Parteien zusammen. König Wenzel erreichte auf einem Reichstag zu Eger einen allgemeinen königlichen Landfrieden, der sechs Jahre gelten sollte. Die Städte mussten sich nun doch bereit erklären, ihre Bündnisse aufzugeben und den Landesherren Zugeständnisse in der leidigen Angelegenheit der »Pfahlbürger« zu machen, und zwar im Sinn der »Goldenen Bulle«. Diese verlangte, dass Bürger, die »das Joch der ursprünglichen Untertänigkeit abzuwerfen suchen [...] in Zukunft die Rechte und Freiheiten der Gemeinden, als deren Bürger sie sich unter [...] Betrug aufnehmen lassen, in keiner Weise erlangen sollen [...]«. Seit Döffingen, Worms und Eger verloren die Städte im Reich, ausgenommen die eidgenössischen Schweizer Städte, die ihre eigenen Wege gingen, entscheidend an politischem Gewicht. Wohl blieb die Hanse im Norden bis ins 16. Jahrhundert ein beachteter Machtfaktor im europäischen Kräftespiel, doch sie war keine politische Organisation, sondern ein Zweckverband zur Wahrung gemeinsamer Handelsinteressen. Diese völlig andere Zielsetzung schloss von vornherein eine Zusammenarbeit mit den Städten im Süden weitgehend aus, die, allein auf sich gestellt, als politische Kraft ausfielen. Mit der Abwehr von Übergriffen beschäftigt, auf Wahrung ihres Besitzstandes und ihrer Rechte bedacht, blieben sie, voller Misstrauen gegenüber allen anderen Reichsständen, in einer Art ›Kirchturmpolitik‹ befangen. Zum großen Teil unfähig, ihre wirtschaftliche Macht und ihr kulturelles Niveau politisch umzumünzen, verloren sie als Stabilisierungsfaktor in dieser Krisenzeit immer mehr an Bedeutung. Gewinner waren die Landesherren, die ihre Macht ausbauen und ihre Sonderinteressen nun erfolgreicher vertreten konnten. Zerstrittenes Böhmen – Ohnmächtiger König
König Wenzel brachte es nicht fertig, die bescheidenen Ansätze des »Egerer Reichslandfriedens« als Basis für eine umfassendere Friedensordnung zu nutzen. Statt dessen stieß er die ohnehin geschlagenen Städte durch Rückforderung früher verliehener königlicher Rechte (z. B. Besteuerung der Juden und der Gerichtsbarkeit) noch weiter zurück ins Abseits. Sein Interesse widmete sich immer mehr nur der Festigung seiner Hausmacht; jahrelang kam er nicht aus seinem Stammland Böhmen heraus, die Probleme der Reichspolitik kümmerten ihn anscheinend wenig, der Posten des Steuermanns blieb unbesetzt. Hatte er das Ruder bisher wenigstens in Böhmen einigermaßen fest in der Hand, so drohte es ihm nun auch hier zu entgleiten, zumal Misswirtschaft und Streit in der königlichen Familie sein Ansehen untergruben. Kaiser Karl IV. war bei der Aufteilung des gewaltigen Blocks der in Ostmitteleuropa neu aufgebauten luxemburgischen Hausmacht so verfahren, dass Wenzel mit Böhmen, Schlesien, einem Teil der Lausitz, mit der Oberpfalz und – nach dem Tode seines Onkels – mit dem Stammland Luxemburg der größte Anteil zufiel. Sigismund, der zweite Sohn, erhielt die Mark Brandenburg mit der Kurwürde, Johann, der jüngste, den Rest der Lausitz als Herzogtum Görlitz und die Neumark im Nordosten Brandenburgs. Seinen beiden Neffen Jobst und Prokop beließ Karl die Markgrafschaft Mähren. Jobst von Mähren war der ehrgeizigste und zugleich geschäftstüchtigste der ganzen Familie. War die Verwandtschaft in Not oder brauchte sie Geld oder Waffenhilfe, so sprang er nur ein, wenn es ihm gehörig Nutzen und Gewinn brachte. So nahm er vom königlichen Vetter Luxemburg, von Vetter Sigismund Brandenburg als Pfand für geleistete Dienste und hoffte – nicht zu Unrecht – mit der Kurwürde einst auch die Königskrone zu gewinnen. Der böhmische Adel, der dieses Treiben voller Ingrimm beobachtete, verstärkte seinen Widerstand gegen die schon immer ungeliebte Königsherrschaft, als Wenzel auch noch seine Räte aus böhmischem Adel entließ und sich mit Beratern aus niederem Stand umgab, die ihm nach dem Munde redeten. Weiter angeheizt wurde die Missstimmung im Lande durch einen Zusammenstoß des Königs mit seinem früheren Kanzler, dem Prager Erzbischof Johann von Jenzenstein, der sich weigerte, ein neues Bistum zu gründen, das mit einem Günstling Wenzels besetzt werden sollte. Während der Erzbischof sich dem königlichen Zugriff entziehen konnte, wurde sein Gefolge auf Befehl des Königs verhaftet. In seinem Jähzorn ließ Wenzel die Gefangenen foltern, wobei er selbst mit Hand angelegt haben soll. Dabei erlitt der Generalvikar des Erzbischofs, Johann von Pomuk, so schwere Verletzungen, dass man für sein Leben fürchten musste. Den Halbtoten ließ der König knebeln und in der Moldau ertränken. Ob er sich zu solcher Brutalität hinreißen ließ, weil der Generalvikar sich weigerte, das Beichtgeheimnis zu verletzen und über die Beichte der Königin auszusagen, ist nicht sicher nachgewiesen. Jedenfalls wurde Johann wegen seiner Stand-haftigkeit als Märtyrer heiliggesprochen. Als heiliger Johannes von Nepomuk wird er bis heute als Brückenheiliger verehrt. Mit dieser Untat hatte sich der König auch beim Volk alle Sympathien verscherzt. Die Unruhe im Land war für Jobst von Mähren eine willkommene Gelegenheit, sich an die Spitze des zum Aufruhr entschlossenen, im »Herrenbund« vereinigten böhmischen Adels zu setzen, nach Rücksprache mit seinem Vetter Sigismund den König gefangen zu nehmen und sich zum »Hauptmann im Königreich Böhmen« ernennen zu lassen. Da trat auch Johann von Görlitz auf den Plan und erhob Anspruch, Stellvertreter und Erbe des Königs zu sein, und Herzog Albrecht III. von Österreich meldete sich in diesem Tohuwabohu als Anwärter auf die deutsche Krone. Zwar kam König Wenzel auf drohende Forderung der Reichsstände wieder frei, doch musste er, um die schlimmsten Wirren zu beenden, seinem »lieben« Vetter das durch den Tod Johanns freigewordene Herzogtum Görlitz übertragen, das Jobst seinen ansehnlich angewachsenen Ländereien Mähren, Brandenburg, Luxemburg und Elsass zuschlug, womit seine Hausmacht weiter an Bedeutung gewann und seine Anwartschaft auf die deutsche Krone nachdrücklich gestärkt wurde. Schwerwiegende politische Veränderungen im Westen und Süden des Reichs
Im Reich wuchs die Unzufriedenheit zusehends. König Wenzel sah tatenlos zu, wie der französische Lehnsfürst, Herzog Philipp von Burgund, Zug um Zug einen neuen Staat an der Westgrenze des Reiches aufbaute und durch eine geschickte Heiratspolitik auch so bedeutende Reichslehen wie die Freigrafschaft Burgund und die Herzogtümer Limburg und Brabant einstrich. Die Verhältnisse kamen aber nicht nur hier in Bewegung, Frankreich begann seine Interessen auch in Oberitalien anzumelden und berührte damit die Reichspolitik an einem empfindlichen Nerv, da trotz der veränderten Lage seit der Stauferzeit an der alten Idee der »Reichsherrschaft über Italien« festgehalten wurde. Als sich der Stadtstaat Florenz durch Mailand bedroht fühlte und bei Frankreich Schutz suchte, glaubte Wenzel, die Dinge aus der Ferne regeln zu können, indem er den Stadtherrn von Mailand, Giangaleazzo Visconti, der ohnehin als Reichsvikar in Italien zur Verteidigung der Reichsrechte eingesetzt war, durch die Erhebung zum Herzog und damit zum freien Reichsfürsten sich verpflichtete. Da der König sich dies gut bezahlen ließ und ohne Befragung der Kurfürsten vorgegangen war, sammelte sich neuer Zündstoff. Auf einen Einspruch des Papstes, der ebenfalls um seinen Besitzstand fürchtete, reagierte Wenzel wieder nicht. Frankreich aber antwortete prompt: Der Abschluss eines Bündnisses mit Florenz und die Besetzung Genuas leiteten eine neue Entwicklung ein – Frankreich fasste Fuß in Italien. Zwei Päpste und ein untätiger König
Am meisten aber klagten die Zeitgenossen darüber, dass König Wenzel seine Aufgabe als Vogt der Kirche völlig vernachlässigte und keinen Versuch unternahm, die Kirchenspaltung zu mildern, geschweige denn zu beseitigen, obwohl sie zu einem immer ernsteren Problem der europäischen Politik wurde. Nach der Doppelwahl von 1378 war Papst Urban VI. in Rom geblieben, während sich der ›französische‹ Papst Clemens VII. nach Avignon zurückgezogen hatte, das schon seit 1309 die Päpste beherbergte. Die Lage verschärfte sich, als man nach ihrem Tode für jeden der beiden einen Nachfolger wählte, ohne an eine Einigung zu denken. In Rom residierte nun seit 1389 Papst Bonifatius IX., in Avignon seit 1394 Benedikt XIII., ihre Anhänger teilten Europa in zwei Lager. Der Ruf nach einem Generalkonzil, das die Einheit wiederherstellen sollte, wurde immer lauter: Wenn das Kardinalskollegium nicht in der Lage sei, einen Papst für die eine Kirche zu wählen, dann müsse eben ein Konzil als Vertretung der gesamten Kirche in dieser Notlage diese Aufgabe übernehmen, und wenn die Päpste sich nicht verständigten und das Konzil nicht einberiefen, so seien die obersten weltlichen Fürsten – der Kaiser oder der König von Frankreich – dazu verpflichtet. In Frankreich wurden diese Gedanken zuerst aufgenommen: Eine Nationalsynode forderte beide Päpste zum Rücktritt auf, und der französische König, Karl VI., drängte König Wenzel unter Hinweis auf die energische Haltung Kaiser Heinrichs III. in Sutri zum Handeln. Doch weder Wenzel noch die Fürsten rückten vom römischen Papst ab, obwohl gerade die Deutschen die Hauptlast der Spaltung zu tragen hatten, denn sie mussten ja den Kirchenstaat fast allein finanzieren. Selbst das geistige Leben in Deutschland war von der Spaltung betroffen, denn die zahlreichen Neugründungen von Universitäten wurden natürlich von beiden Päpsten umworben und, da sie ja geistige Stützpunkte für das jeweilige Lager darstellten, in den Streit der beiden Lager hineingezogen. Die Sensation der Zeit: Ein Kaiser wird abgesetzt
»Des Reiches Sachen zu richten und zu handeln« war Ziel und Aufgabe Wenzels, als er nach zehn Jahren Abwesenheit endlich Reichsboden betrat und auf den Reichstagen in Nürnberg und Frankfurt 1397 die Klagen der Fürsten anhörte. Aber es blieben leere Worte. An seiner Untätigkeit änderte sich nichts. Schon seit Jahren dachten aus diesem Grund vor allem die rheinischen Kurfürsten an eine Absetzung Wenzels und berieten über einen geeigneten Nachfolger. Sie meinten, wenn sie das Recht hätten, den König zu wählen, dann auch das Recht, ihn abzusetzen. Einer Vorladung nach Oberlahnstein, wo der König sich vor den Kurfürsten verantworten sollte, folgte Wenzel nicht. Die Warnung, dass sich die Fürsten im Falle des Nichterscheinens an keinen Eid gegenüber dem König mehr gebunden fühlten, nahm er offenbar nicht ernst. In der Kölner Chronik heißt es zu diesem Fall sinngemäß: Er blieb in Böhmen liegen wie ein Schwein in seinem Stall. Als er nun tatsächlich abgesetzt und Ruprecht von der Pfalz, als sein Nachfolger gewählt wurde, soll Wenzel wie ein Wilder getobt haben: »Ich will das rächen oder will tot sein, [...] ich will ihn [Ruprecht] totstechen oder er muss mich totstechen.« Im böhmischen Kuttenberg gab er sich, wenige Wochen später, vor Sigismund und Jobst völlig verzagt: »Ich weiß nicht, was tun« und tröstete sich wie ein Kind, dass ihm ja selbst nach dem Verlust Böhmens noch drei Schlösser blieben. Doch Wenzel konnte sich trotz weiterer Wirren in Böhmen behaupten; seine Rechte auf die deutsche Königskrone gab er nie auf.

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Info 18.01.2018 05:10
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