Ruprecht von der Pfalz

Schon 48 Jahre alt, hatte dieser Wittelsbacher König (1400-1410) als Landesherr der Rheinpfalz genügend Erfahrungen in der Verwaltung eines modernen Territoriums sammeln können, zumal er bereits von seinen Amtsvorgängern zu Regierungsgeschäften herangezogen wurde. Das Wahlversprechen, die alte Reichsherrlichkeit wiederherzustellen, nahm er ernst, und da er ein frommer Mann war, durfte man erwarten, dass er sich voll und ganz für die Einheit der Christenheit einsetzen würde. Doch die Schwierigkeiten begannen bald. Zunächst erlangte Ruprecht noch nicht einmal die Anerkennung seiner Wahl und die Zustimmung zur Kaiserkrönung vom römischen Papst Bonifatius IX., der sich nicht festlegte, weil er es nicht ganz mit den Luxemburgern verderben wollte, die zusammen weiterhin über eine beträchtliche Hausmacht verfügten. Und der Papst sollte, wie die Zukunft erwies, recht behalten: Ruprecht konnte sich während seiner ganzen Regierungszeit kaum gegen seine Rivalen durchsetzen. Ein missglückter Romzug
So blieb dem neuen König nur eines: gegen alle Schwierigkeiten durchzusetzen, dass er in Rom zum Kaiser gekrönt werde. Da der Visconti in Mailand auf der Seite Wenzels stand, brauchte er die Hilfe von Florenz, das seinerseits von ihm Unterstützung gegen Mailand erwartete. Doch ein Romzug kostete viel Geld, und Florenz zahlte trotz großer Versprechungen nur in bescheidenen Raten; die Habsburger verlangten Straßenzoll für die Öffnung des Brenner-Passes, und die Schweiz und Savoyen stellten noch höhere Forderungen. Ruprecht wagte dennoch das Unternehmen, doch musste er es schließlich wegen chronischen Geldmangels aufgeben, da er seinen Truppen den Sold nicht bezahlen konnte. Damit war er schon im ersten Jahr seines Königtums gescheitert, denn nur als gekrönter Kaiser konnte er sich im Reich durchsetzen und im Kirchenstreit Schiedsrichter sein. Ruprecht von der PfalzEin König, der nur 10 Jahre herrschte. Grabmal König Ruprechts und seiner Gemahlin Elisabeth von Hohenzollern. Heidelberg, Heilig-Geist-Kirche. Italien im Wandel
Während man im Norden und Osten des Reiches ohnehin kaum Notiz vom neuen König nahm, schien sich in Italien zwar die Lage schon bald zugunsten des Königs zu wandeln; langfristig aber wurde sie für das Reich schwieriger: Mit Giangaleazzo Viscontis Tod 1402 entfiel ein Gegner Ruprechts, und Oberitalien war scheinbar wieder offen, doch Venedig, das den König während des Italienfeldzuges freundlich aufgenommen und höflich seine Neutralität erklärt hatte, nahm die Gelegenheit wahr, zur Absicherung seiner Seeherrschaft seine Position im Hinterland – der »terra ferma« – zu festigen: es rückte in die Vormachtstellung in Oberitalien ein. Für die mittelalterliche Italienpolitik der deutschen Könige hatte damit die Stunde geschlagen; Macht und Selbstbewusstsein der jungen italienischen Staaten wuchsen unaufhaltsam und bildeten einen Riegel, den man nicht mehr mit Gewalt, sondern nur mit diplomatischem Geschick zurückschieben konnte. Abhängig von Papst und Fürstenopposition
Auch der nur auf Erhaltung seiner Macht und seiner Finanzen bedachte Papst Bonifatius IX. erwies Ruprecht keinen Dienst, als er sich aufgrund der veränderten politischen Lage nun endlich entschloss, ihn als König anzuerkennen und zur Romfahrt einzuladen, denn die Anerkennung wollte er nur erteilen, wenn der Pfälzer versprach, sich nicht für eine Schlichtung des Kirchenstreits einzusetzen, es sei denn, die Christenheit erkenne ihn, Bonifatius, als einzigen rechtmäßigen Papst an. Die Belehrung des Papstes an die Adresse der Kurfürsten, Absetzung und Neuwahl eines Königs dürften sie nur mit Genehmigung des Papstes durchführen, war in dieser Situation ebenfalls undiplomatisch und für den König schädlich. Jedenfalls machte sie auf die Kurfürsten wenig Eindruck. Sie hatten ihrerseits längst erkannt, dass sie mit Ruprecht eine schlechte Wahl getroffen hatten, und gingen auf Distanz zum König, ja formierten sich zum Teil zu einer Opposition, als dieser versuchte, energischer als bisher für den inneren Frieden im Reich einzutreten und dabei selbstständiger vorzugehen, als es ihrer Ansicht nach die »Goldene Bulle« erlaubte. 1405 schlossen sich vor allem schwäbische Fürsten und Städte zum »Marbacher Bund« zusammen, um den König einzuschüchtern. Seele des Ganzen war der Erzbischof Johann von Mainz, derselbe, der bei der Königswahl Ruprecht auf den Schild erhoben hatte. Zwar gelang es dem König, die Gegner zu trennen und sich aus der Einkreisung zu lösen, doch vermochte er nicht, eine neue Machtbasis aufzubauen, um eine zielstrebige Reichspolitik zu betreiben. Dass die Stadt Aachen ihm sieben Jahre lang die Königskrönung verwehren konnte, kennzeichnet seine Situation. Wege aus dem Schisma?- Französische Impulse
So wunderte es niemanden, dass König Ruprecht aufgrund seiner ungefestigten Position im Innern auch nach außen nicht überzeugend in Erscheinung trat. Seine Bindung an den römischen Papst hinderte ihn, als Schutzherr der gesamten Kirche die Initiative zur Überwindung der Kirchenspaltung (Schisma) zu ergreifen; der Anstoß zu einer Lösung der Krise kam ohne sein Zutun aus den Reihen derer, die für die Spaltung verantwortlich waren, nämlich der Kardinäle. Beide Kardinalskollegien, in Rom und Avignon, hatten einen ersten Versuch unternommen, als sie vor den letzten Papstwahlen ihre Kandidaten verpflichteten zurückzutreten, falls eine Wiedervereinigung zustande käme. Zwar zeigten diese nach der Wahl von ihrer Haltung her wenig Neigung, ihr Versprechen einzuhalten, nahmen aber wenigstens Kontakt miteinander auf. Da forcierte wiederum Frankreich die Entwicklung: Die Opposition gegen einen >eigenen< französischen Papst wuchs, denn man war gezwungen, für seinen Unterhalt auch ganz allein aufzukommen, während früher ganz Europa sich die Steuern für einen Papst in Rom teilte. Die Universität Paris unterstützte diese Opposition gegen den >französischen< Papst durch theologische Argumentation, und eine französische Nationalsynode beschloss, die »alten Freiheiten der gallikanischen Kirche« wiederherzustellen: alle päpstlichen Steuern seien zu verweigern und alle Eingriffe des Papstes in den staatlichen Bereich, z. B. bei der Stellenbesetzung, seien abzulehnen. Der König wurde gewonnen, Papst Benedikt XIII. in ultimativer Form zur Abdankung aufzufordern, widrigenfalls ihm der Gehorsam verweigert werde. 1407 erklärte Frankreich seine kirchliche »Neutralität« und setzte gleichzeitig die »gallikanischen Freiheiten« in Kraft. Damit war das außenpolitische Ziel verbunden, durch Unterstützung eines neu zu wählenden Papstes mit dem Sitz in Rom die eigene Position in Italien auszubauen. Aus Furcht vor dieser französischen Einflussnahme sagte jetzt der römische Papst ein vorgesehenes Treffen mit dem avignonesischen Rivalen ab, wodurch er eine Rebellion des verständigungsbereiten Teils seiner Kardinäle hervorrief. Diese schlossen sich mit der Kardinalsopposition in Avignon zusammen und verstanden sich nun als eine »Korporation«, die in der Nachfolge der Apostel berechtigt sei, die Kirche aus der außerordentlichen Notlage zu retten. In Anwesenheit eines französischen Gesandten traf dieses neue Kardinalskollegium 1408 in Livorno - im Machtbereich des mit Frankreich verbündeten Florenz -zusammen. Von hier aus erging Einladung an die Vertreter der Christenheit zu einer gemeinsamen Kirchenversammlung im benachbarten Pisa. Die Zersplitterung Europas in dieser Frage zeigte sich in der Reaktion auf die Einladung: Frankreich und England nahmen an; Wenzel von Böhmen sah eine Chance, gegen seinen Widersacher Ruprecht wieder ins Spiel zu kommen, und erklärte sich für die Zuständigkeit des Konzils, wenn der künftige Papst ihn als wahren römischen Kaiser anerkenne; Ruprecht durfte sein Gesicht nicht verlieren und lehnte die Einladung ab, obwohl ein großer Teil der deutschen Kirche das Konzil begrüßte. Nicht zu Unrecht fürchtete er, gegen den starken französischen Einfluss in Pisa nicht anzukommen, argumentierte auch mit kirchenrechtlicher Unzuständigkeit der Einberufung durch Kardinäle, die das Konzil im übrigen missbrauchen würden, ihre Macht gegenüber dem Papst unrechtmäßig zu erweitern. In einer offiziellen Erklärung bezeichnete er die Versammlung als »Afterkonzil« und appellierte - ins Leere - an den »wahren Papst und ein rechtmäßig einzuberufendes Konzil«. In Pisa beachtete man den Einspruch nicht. Als die beiden Päpste trotz Einladung nicht erschienen, setzte sie das Konzil ab und wählte den Erzbischof von Mailand, einen Griechen, als Alexander V. zum Papst. Da die beiden anderen nicht zurücktraten, hatte die Kirche nun drei Päpste und war in der Folge in drei Lager gespalten. Frankreich, England, Ungarn, Böhmen und die Mehrzahl der deutschen Bischöfe erkannten den neuen Papst an, mit König Ruprecht hielt der kleinere Teil der deutschen Bistümer an Gregor XII., dem Nachfolger Bonifatius' IX., fest, während sich für den aus Avignon nach Perpignan geflohenen Benedikt XIII. Spanien, Portugal und Schottland erklärten. In Deutschland ging der Riss noch tiefer als im übrigen Europa und zersprengte selbst die einzelnen Diözesen, sodass die allgemeine Verwirrung noch größer wurde, ja eine bewaffnete Auseinandersetzung drohte. Im Aufbruch gegen einen seiner Gegner, Johann von Mainz, der sich mit den Franzosen verbündet hatte, starb König Ruprecht. Auszug der Prager Studenten
Aber auch in Böhmen kam es zu einem Konflikt. Die Studentenschaft der Prager Universität war nach dem üblichen Muster in »Nationen« organisiert. Während sich die Pariser Universität in die normannische, französische, pikardische und englische »Nation« gliederte, wobei die letztere auch alle übrigen europäischen Nationen einschloss, unterschied man in Prag die böhmische »Nation«, welche Deutsche und Tschechen aus den böhmischen Kronländern vereinte, die baierische, zu der alle Deutschen aus dem Westen, die sächsische, zu der alle Deutschen aus dem Norden gehörten, und schließlich die polnische, in der alle nichtdeutschen Hörer zusammengefasst waren. Bei Beschlussfassung über gemeinsame Angelegenheiten entschieden die »Nationen« mit der Mehrheit der Stimmen. Als nun König Wenzel die Universität aufforderte, sie solle sich im Kirchenstreit neutral erklären, stimmte nur die böhmische »Nation« zu. Da Verhandlungen zu keinem Ziel führten, verfügte König Wenzel 1409, dass der böhmischen »Nation« in Zukunft drei Stimmen zustünden, die andern drei zusammen aber nur eine Stimme haben sollten. Dieser gewaltsame Eingriff des Königs in die Universitätsstatuten wurde in einer die Landesgäste verletzenden Weise begründet: Die böhmische Nation sei der wahre Erbe dieses Königreiches, Baiern, Sachsen und Polen aber besäßen kein Heimatrecht. Als sich der König gegenüber allen Vorstellungen und Protesten unnachgiebig zeigte, verließen Professoren und Studenten der benachteiligten Völker Prag und wandten sich nach Krakau, Wien, Heidelberg und Erfurt; im selben Jahr gründete Herzog Friedrich der Streitbare in Leipzig eine Universität, die sich gastlich den Pragern öffnete.