Krämer und Kaufherren – Frühe kapitalistische Unternehmer

Der Händler gehört zu den ältesten Berufen der Menschheit, und wir begegnen ihm am Beginn der Zivilisation im Alten Orient ebenso wie etwa in der germanischen Frühgeschichte. Ob Salz oder Eisen, Bernstein oder Gewürze, zu tauschen oder zu handeln gab es immer und überall von dem Zeitpunkt an, da menschliche Bedürfnisse über die primitive Befriedigung des Lebensnotwendigen hinausgingen. Und der englische Begriff von den »Merchant Adventurers«, den wagenden Kaufleuten, der für die Kaufmannsgesellschaften des späten Mittelalters geprägt wurde, gilt eigentlich noch viel mehr für jene frühen Händler, die einsam und wagemutig von Hof zu Hof, von Siedlung zu Siedlung, durch Wälder, Sümpfe und Wildnis zogen und im wahrsten Sinne zu Kulturträgern wurden. Mögen sich Wirtschaftshistoriker noch über Umfang und Ausdehnung des frühen Handels streiten, so sind sie sich doch einig, dass diese Männer zu Ahnherren eines Berufsstandes wurden, der wie kein anderer Kultur und Politik der deutschen Städte des Mittelalters bestimmte und beeinflusste: der Kaufmann, früher Vertreter des kapitalistischen Unternehmers. Doch wäre es falsch, einfach von dem Kaufmann oder dem Händler zu sprechen; denn kein Beruf weist auch eine so starke Differenzierung und so große soziale Unterschiede auf wie der des Kaufmanns. Das Wort vom »königlichen Kaufmann« ist ebenso allgemein bekannt wie die Namen der Fugger, der Welser oder der Tucher, die nicht nur die Geschicke ihrer Heimatstädte lenkend mitbestimmten, sondern zeitweilig auch mithilfe ihrer Vermögen in die Reichspolitik eingriffen. Wer aber weiß schon, was ein Tratschler ist, ein Essigmann oder ein Heringer? Und doch gehören auch solche kleinen Krämer, die von Ort zu Ort zogen und mühsam ihre Waren verhökerten, zu der großen Gruppe der Händler und Kaufleute. »Schwurbrüderschaft« und Rechtsprechung – Die Gilde der Fernkaufleute
Seit dem Aufblühen der Städte müssen wir unterscheiden zwischen Fernkaufleuten und ortsansässigen Kaufleuten oder, genauer gesagt, den Händlern. Für die Entstehung und Entwicklung der Städte waren gerade die Fernkaufleute von eminenter Bedeutung, hing doch die Gründung einer Stadt oft eng mit der Entwicklung des sogenannten Wik, der Kaufmannssiedlung nahe einer Burg, zusammen. Erst Burg und Wik, ergaben gemeinsam ummauert die Stadt. Solche Fernkaufleute waren oft wochen- und monatelang unterwegs. Wir können den Radius ihrer Unternehmungen in jenen unruhigen Zeiten nur bewundern, dürfen dabei aber nicht übersehen, dass die räumlichen Grenzen zwar sehr weit gespannt, die Umsatzmengen des einzelnen Kaufmanns aber verhältnismäßig gering und auf den Umfang seines mitgeführten Gepäcks beschränkt waren. Man kann nur staunen, wie gering oft der Besitz war, für den die Fernkaufleute immer und immer wieder ihr Leben wagen mussten. Da es bei den großen Entfernungen und den vielen drohenden Gefahren nicht ratsam gewesen wäre, allein zu reisen, schlossen sich die Kaufleute schon früh in Gruppen zusammen und banden sich vor Antritt der Fahrt durch heilige Eide zu gegenseitiger Unterstützung. Diese »Schwurbrüderschaft« löste sich nach Rückkehr in die Heimat keineswegs auf, sondern blieb das einigende Band, wenn die Männer den Winter im Wik einer Stadt verbrachten. Seit dem 10. Jahrhundert gingen aus solchen Schwurbrüderschaften dann die ersten Gilden hervor. Sie hielten in der städtischen Gemeinschaft ebenso zusammen wie draußen, und der Feind eines Gildenbruders war der Feind aller anderen. Auch eine eigene Gerichtsbarkeit übte die Gilde über ihre Mitglieder aus. Wenn dabei auch in erster Linie über Beleidigungen und Körperverletzungen verhandelt wurde, so entwickelte sich daraus doch jenes Kaufmannsrecht, das dann später für das Stadtrecht von maßgebender Bedeutung wurde. Straßen, Märkte, Messen – Domäne vor allem der Einzelhändler
Für diese Kaufleute gab es noch keine Trennung zwischen Groß- und Einzelhandel. Die Unterscheidung der beiden Zweige kam erst mit dem Aufkommen der Messen und der großen Märkte. Schon in dem kurz nach 1100 entstandenen Annolied wird beispielsweise Köln als »der in der ganzen Welt berühmte Jahrmarkt« erwähnt. Aus ihm ging dann eine der ältesten deutschen Messen hervor, die ihrerseits wieder in enger Verbindung mit den französischen Messeplätzen vor allem in der Champagne stand. Wir vermuten heute, dass die Bewohner solcher Messeorte eine deutliche Trennung zwischen Fern- und Einzelhandel anstrebten und den Verkauf der von den Fernhändlern eingeführten Güter im Ort den ansässigen kleinen Händlern, den Krämern, überließen. Diese Trennung vollzog sich in den großen Städten rascher als in kleinen. So bestimmten fortan die Einzelhändler das Wirtschaftsleben in den einzelnen Orten. Auch bei ihnen setzte sich seit dem 12. Jahrhundert allmählich eine genossenschaftliche Ordnung durch, und sie schlossen sich schließlich wie die Fernkaufleute in Gilden zusammen. Die sozialen Unterschiede waren hier deutlich ausgeprägt. Auf der niedrigsten Stufe standen jene Hausierer, die mit ihren Waren von Hof zu Hof, von Dorf zu Dorf zogen, Feste, Jahrmärkte und Turnierplätze aufsuchten, im allgemeinen jedoch seltener in die Städte kamen. Die Grenzen zum »Fahrenden Volk« waren dabei fließend, suchten doch manche von ihnen ihre Waren mit allerhand Gaukeleien an den Mann zu bringen. Doch selbst da gab es noch soziale Unterschiede; denn wir hören vereinzelt von wohlhabenden Hausierern, die vor allem reiche Adelige mit Luxusgütern versorgten. Die zweite, schon eine soziale Stufe höher stehende Gruppe bildeten die Höker, auch Merzler, Pfragner, Tratschler, Gängler, Hücker, Trödler, Hadeler, Hegekramer, Winkerer, Kremper, Kretschmer, Part- oder Wannenkrämer genannt. Sie verkauften gewöhnlich Nahrungsmittel in kleinen Mengen auf dem Markt oder am Straßenrand in primitiven Ständen, in steter Konkurrenz zu den Bauern, die vom Land hereinkamen und ihre Erzeugnisse loszuwerden suchten. Ihre Kundschaft bildeten dementsprechend die Armen der Stadt, die jeden Pfennig umdrehten, bevor sie ihn ausgaben. Handwerk und städtisches Leben - Der heilige Joseph, versetzt an eine spätmittelalterliche Handwerksbank. - Bild Copyright: Merode-Altar New York, The Metropolitan Museum of Art. The Cloisters Collection.Den Gegensatz zu diesen »armen Krämern« bildeten die »reichen Krämer«, die ihrerseits wieder das Bindeglied zu den Fernkaufleuten darstellten. Sie schlossen sich in den Gilden zusammen, und oft genug durften in einer Stadt nur ihre Mitglieder den Kleinhandel ausüben. Auch hier war der soziale Bogen weit gespannt, und während die Ärmeren unter ihnen eher den Hökern glichen, näherten sich die Kammer- und Lagerherren in ihrem Ansehen schon den Fernkaufleuten. Auffallend war bei ihnen die starke Differenzierung und Spezialisierung; denn solche Krämer sind keineswegs mit den alten Kolonialwaren- oder Tante-Emma-Läden vergleichbar, die hunderterlei verschiedene Artikel führen, sondern die meisten von ihnen spezialisierten sich. Man kann heute kaum glauben, welche Unterscheidungen es dabei gab. Hier eine Auswahl: Butterleute, Eiermann, Eisenkrämer, Essigmann, Federkrämer, Fischmenger, Fleischmenger, Ganser, Glaskrämer, Häutekäufer, Heringer, Käskrämer, Kornmann, Kräutermann, Lakenkrämer, Ledermann, Mehlmann, Obster, Pfeifenkrämer, Salzer, Seidenkrämer, Stahlmenger, Tändler, Tuchgewänder, Vogler, Waidhändler und Weinkäufer. Nicht genug mit solchen Unterscheidungen, wie sie uns die – nicht einmal vollständige – Aufzählung gibt, waren häufig die Krämer auch noch an ganz bestimmte Plätze in der Stadt gebunden. So gab es an größeren Orten neben dem Hauptmarkt eigene kleine Spezialmärkte, deren Namen sich heute noch gelegentlich in den Straßenbezeichnungen erhalten haben. Aus Breslau schreibt beispielsweise ein zeitgenössischer Chronist: »Da ist der Salzmarkt, der Neumarkt und der große Ring. Von hier kommt man auf eine breite große Gasse, der Hühnermarkt genannt, wo Milch, Obst und Gemüse, Wildbret und Geflügel verkauft werden. Alle Marktwaren haben ihre festen Plätze, und diese sind nach den Waren benannt, die dort verkauft werden, wie der Kornmarkt, der Honig- und der Wachsmarkt.« Kaufhäuser, Gewandhäuser, Kornhäuser und Messehallen
Größere Städte errichteten unmittelbar am Hauptmarkt oder zumindest in dessen Nähe größere Kaufhäuser, die bestimmten Gilden vorbehalten waren, so besonders den Tuchhändlern, doch kennen wir auch Schuh-, Brot-, Schlacht- oder Kornhäuser, wie etwa das um 1500 in Nürnberg erbaute (und heute wieder aufgebaute) Kornhaus. Häufig wurden dort im unteren Stockwerk die billigeren, im oberen aber die kostbaren Waren feilgeboten. Ähnlich wie heute in den Messehallen, teilte man dabei die Stockwerke in kleine Kammern oder Verschläge auf. So hatten im oberen Stock des Lübecker Gewandhauses 65 Gewandschneider ihre Plätze. Ein besonders schönes Beispiel für diese Gewandhausbauten besitzt Braunschweig. Die soziale Rolle der Krämer – Zusammenspiel von Stadt und Gilde
Wenn hier für die innerstädtischen Kaufleute der Begriff »Krämer« gebraucht wird, so ist das keineswegs im Sinne der heutigen Bedeutungsverschlechterung abwertend gemeint, sondern gilt in erster Linie für die Betriebsgröße. Diese so regsamen Krämerei-Geschäfte wurden durchweg als Familienbetriebe geführt, in denen der Geschäftsinhaber mit einzelnen Familienmitgliedern und höchstens ein bis zwei Gehilfen arbeitete. Wer sich dagegen wirtschaftlich ausbreiten wollte, musste versuchen, in den lukrativeren Fernhandel umzusteigen. Trotzdem sammelten gerade die »reichen Krämer« oft genug ein für mittelalterliche Verhältnisse recht beträchtliches Vermögen an. So standen beispielsweise 1511 die einundvierzig Krämer von Erfurt mit ihrem Durchschnittsvermögen nach den Junkern und den Waidhändlern (Waid = Färbepflanze) an dritter Stelle der Steuerpflichtigen in der Stadt. Entsprechend hoch ist auch die Bedeutung der Krämergilden im Gefüge der Stadtgemeinde einzuschätzen. Während in einer Reihe von Städten die verschiedenen Krämer in einer gemeinsamen Gilde zusammengeschlossen waren, gab es anderenorts auch differenzierte Sondergilden oder Zusammenschlüsse nach Größe und Bedeutung der Händler, so beispielsweise in Breslau, wo die großen Betriebe in den »Kaufleuten« zusammengeschlossen waren, denen die »reichen Krämer«, die »Heringer« und »Partkrämer« als weitere Gilden folgten. Zwischen den Gilden und der jeweiligen Stadtgemeinde bestanden klar umgrenzte Absprachen, in denen Gemeinwohl und Interessen des einzelnen ausgewogen berücksichtigt waren. Die Gilde sorgte für die Bedarfsdeckung und Befriedigung der Gemeinde, und damit sie ihre wichtige Aufgabe erfüllen konnte, gewährte diese ihrerseits den Krämern Schutz und Genossenschaftsrecht und verhalf ihnen damit zur Existenzsicherung; denn in den Gildeordnungen war selbstverständlich in ähnlicher Weise wie in den Zunftordnungen der Handwerker der Gildezwang ausdrücklich verankert, d. h., dass in einer Stadt nur Handel treiben durfte, wer der Gilde angehörte. Dementsprechend schloss die Aufnahme entsprechende Verpflichtungen ein. Vor allem musste sich das Mitglied der genossenschaftlichen Kontrolle und Überwachung hinsichtlich der Warenqualität, Maß- und Gewichtstreue usw. beugen. Damit hatte der Rat wiederum eine indirekte Überwachungsmöglichkeit, und im Falle von Pflichtverletzungen und Nachlässigkeiten konnte er die Gilde zeitweilig oder für immer sperren und sogar gildenfremde Konkurrenz zulassen. Warenkontrolle und Lebensmittelüberwachung
Nicht genug damit, suchten die städtischen Behörden darüber hinaus noch durch Satzungen auf den Warenverkauf und vor allem auf die Preisbildung einzuwirken. Städtische Beamte kontrollierten regelmäßig das Warenangebot an den Marktständen. In München gab es um 1300 schon sieben Salzmesser. Sie und ihre Kollegen maßen Salz, Obst, Getreide usw., sogar Weinmessern begegnen wir, die darüber wachten, dass der von den Käufern geforderte Preis auch im rechten Verhältnis zur Qualität des Weinausschanks stand. Beachtenswert sind bereits im 13. Jahrhundert manche gesundheitspolizeilichen Vorschriften. So heißt es im Dortmunder Stadtrecht: »Wenn einer unter unseren Bürgern auf dem Markt frisches Fleisch oder frischen Fisch kaufen will, soll er zum Verkäufer sagen: ›Wende mir jene Fisch- oder Fleischstücke um!‹ Unter keinen Umständen aber darf er sie mit eigener Hand berühren. Berührt er sie, so muss er ohne Umstände vier Schilling Strafe zahlen.« Oder in Erfurt: »Das Wildbret, das man zu Markte bringt, soll frisch sein. Großes Wildbret und Hasen darf man nur zwei Tage lang feilhalten; Rebhühner und Vögel nur einen Tag. Wer lebendige Fische herführt, soll sie auf dem Markt an einem besonderen Ort verkaufen und nur einen Tag feilbieten; tut er es länger, soll man den Fischen ein Zeichen anlegen.« Gefahren und Belastungen des Fernhandels: Raub, Achsenbruch und Schutzzölle
Die Aristokratie unter den Kaufleuten bildeten die Fern- und Großhändler, die ja, wie eingangs geschildert, auf eine jahrhundertealte Tradition zurückblicken konnten und die auch in den Städten ihre Unternehmen durch Generationen aufgebaut und gefestigt hatten. So gefährlich wie in der Frühzeit, als die Fernkaufleute noch selbst von Land zu Land ziehen mussten, war es für den einzelnen selbst allerdings nicht mehr: er konnte von seiner Schreibstube aus die Geschäfte lenken. Das wirtschaftliche Risiko hatte sich allerdings kaum verringert. Wegen des schlechten Zustands der Straßen, wegen der zahlreichen Wegelagerer und Räuber oder – bei Seetransport – durch Schiffbruch verloren die Kaufleute oft genug ihre Waren. Den Straßen fehlte noch jede feste Decke, und vor allem im Frühjahr wurden sie gewöhnlich in einen Morast verwandelt, in dem die Fuhrwerke leicht steckenblieben oder umkippten, sodass die Waren dann in der Nässe verdarben. Wegelagerer aus allen Schichten, herumvagabundierendes Volk, gelegentlich auch die Bauern eines Dorfes und nicht zuletzt verarmte Adelige und sogenannte »Raubritter« betrachteten die Kaufleute, die »Pfeffersäcke«, wie man sie verächtlich nannte, als Freiwild und ihre Warenzüge als legitime Beute. Brutalitäten gegenüber den bei solchen Überfällen in Gefangenschaft geratenen unglücklichen Opfern waren dabei geradezu selbstverständlich, und der Neid auf den Reichtum mancher Handelsherren verschaffte Straßenräubern wie Raubrittern in breiten Bevölkerungskreisen noch die entsprechende wohlwollende Popularität – und sogar gelegentlich heimliche Unterstützung. Zwar suchten die Landesherren einen gewissen Schutz zu gewährleisten, entwickelten dafür aber ein nicht minder wirksames System ›legaler Beraubung‹, indem sie Grenz-, Schutz- und Passzölle erhoben, zu denen noch Ufer-, Zug-, Tor-, Brücken-, Wagen- und Lastengelder kamen. Suchte ein Kaufmann Zollstellen durch Umweg zu meiden und wurde er dabei ertappt, drohte ihm der Verlust der Ware und des Fuhrwerks durch Beschlagnahme. Die gleiche Strafe galt auch beim sogenannten »Straßenzwang«, der eine bestimmte Route vorschrieb. Auch hier gab es oft feste Vorschriften, besonders wenn eine Straße neu angelegt worden war und sich erst durch entsprechende Mautgebühr rentieren sollte. An derartigen Unternehmen beteiligten sich oft auch die Städte, die eigene Wächter besoldeten und manchmal sogar Ritter in ihre Dienste nahmen, die dann – gegen entsprechende Bezahlung versteht sich – von ihrer Burg aus den Straßenverkehr überwachten und sicherten. Eine besondere Belastung für die Kaufleute bildete das sogenannte »Stapelrecht«. Danach hatten alle Wagenzüge, die das Gebiet eines bestimmten Marktes berührten, dort auszuladen. Die jeweiligen Güter mussten auf die öffentliche Waage gebracht, am Markt gestapelt, verkauft oder im Ortsbereich auf Fahrzeugen weitertransportiert werden, die den Bürgern gehörten. So erhielten z. B. die Münchner 1322 von König Ludwig dem Baier das Salzstapelrecht. Danach durfte alles zwischen Landshut und den Alpen westwärts geführte Salz nur in München die Isar überschreiten und musste in der Stadt gestapelt und zum Verkauf niedergelegt werden, wofür die Münchner einen entsprechenden Zoll kassierten. Frühe Formen des Kapitalismus: Handelsgesellschaften bringen Kapital und Umsatz
Wie sich im frühen Mittelalter die Fernkaufleute zu gemeinsamem Schutz bei ihren Reisen in Gruppen zusammenschlossen, so suchten sie nun das wirtschaftliche Risiko aufzufangen, indem sie es verteilten und zu diesem Zweck die sogenannten »Gesellschaften« bildeten. An Interessenten für die einzelnen Unternehmen mangelte es gewöhnlich nicht. Da bei solchen »Gesellschaften« auch kleinste Beträge eingesetzt werden konnten und der Gewinn oft ein Mehrfaches der Einlagen betrug, wurde den Kaufleuten seit dem Spätmittelalter das Geld von allen Seiten angeboten. Der reiche Adelige beteiligte sich ebenso wie der Handwerker oder der Bauer, und selbst das Gesinde legte seine Sparpfennige in den Gelegenheitsgesellschaften an. Selbstverständlich musste jeder das Risiko mittragen, aber wie bei der Lotterie lockten die Gewinne, und selbst Klöster und Kirchengemeinden konnten sich, wie wir hören, der Versuchung nicht entziehen. Im Unterschied zu solchen Gelegenheitsgesellschaften, die mit dem Ansehen des unternehmerischen Großkaufmanns standen und fielen und die sich nach jeder Aktion auflösten und dann neu begründet werden mussten, gab es noch die eigentlichen »Handelsgesellschaften«, die auf Dauer und nur von Kaufleuten geschlossen wurden. Sie hielten das eingebrachte Kapital langfristig streng zusammen und versuchten, es nach Möglichkeit in verschiedenen Unternehmen zu vermehren. Der Prediger Johann Geiler von Kaysersberg (1445-1510) berichtet über ihr System: »In der großen Gesellschaft, da sind die Kaufleute miteinander verpflichtet, da legt einer fünfhundert Gulden, einer zweihundert ein. Sie haben ihr Gewerb zu Venedig, zu Lugdun [Lyon], zu Antdorf [Antwerpen] und überall ihre Verwalter. Wenn einer gewinnt oder verliert, so gewinnen oder verlieren alle zusammen, und wenn sie zusammenkommen, so sind etwa 2000 Gulden gewonnen, und ein jeder weiß bei der Rechnung, was ihm gehört nach dem Anteil, den er eingelegt hat.« Die Zahl der Mitglieder schwankte zwischen zwei und achtzig, gelegentlich wurden auch Angestellte oder Diener eines Kaufmanns aufgenommen, ein durchaus modern anmutendes Prinzip, wonach die Mitarbeiter durch Gewinnbeteiligung enger an ein Unternehmen gekettet werden sollten. Modern war auch die Auffassung, dass sich ein Kaufmann ohne Weiteres an mehreren Gesellschaften beteiligen konnte. Wir hören dabei von unterschiedlichen Gewinnen, die zwischen 7 und 40 Prozent lagen. Die wohl bekannteste Handelsgesellschaft in Süddeutschland war die »Große Ravensburger Gesellschaft«, die von 1380 bis 1530 in dem kleinen Reichsstädtchen nördlich des Bodensees bestand. Ihre Aktionäre achteten darauf, dass Kapital und Arbeitsleistung möglichst eng verbunden blieben. In erster Linie vertrieben sie oberschwäbische Leinwand, und man kann nur staunen, wie sie ihre Verbindungen zu den bedeutendsten Städten Europas knüpften. Das Handelskapital belief sich Ende des 15. Jahrhunderts auf etwa 130000 Gulden, was umgerechnet etwa einer Million Goldmark entsprach! Text der Zeit
Bericht der Großen Ravensburger Handelsgesellschaft 1477 nach Andreas Sattler

Liebe Freunde, [...] euch verlangt mit Recht zu wissen, wie unsere Abschlussrechnung ausgefallen ist. Was uns Gott zu Gewinn gegeben hat, waren 21 Prozent [in drei Jahren], wofür wir dem Allmächtigen Lob und Dank sagen. Ihr werdet das wohl verstehen, denn der Lauf der Welt ist wirklich allenthalben wild und schwer und ungetreu. Der Kaufleute sind mehr als rote Hunde, alle Winkel sind voll, und der Gewinn ist schmal. Wenn man das bedenkt, liebe Freunde, so müssen wir zufrieden sein und hoffen, dass unsere Sachen fortan besser werden, ihr selbst werdet dazu helfen, wie wir zu euch allen das Zutrauen haben. So hoffen wir mit Gottes Hilfe, unsere Sache ebensowohl zu Nutzen zu schieben als andere Leute, denn wir haben einen guten Kredit und sind bis jetzt immer redlich mit unseren Waren umgegangen. Das lasst uns weiterhin so halten, so kann es uns nicht anders denn gut gehen. Ebenso haben wir für den Kauf wie für den Verkauf Kunden, um die mancher viel gäbe. Solche Stege und Wege in Deutsch- und Welschland zu haben, ist kein geringes Kleinod, dazu ein löblich ehrbar Wesen; von keiner Gesellschaft in der Welt hat man je gehört, dass sie so lange und so redlich bestanden habe, schier bei hundert Jahren. Große Almosen und Zierden zur Ehre Gottes hat die Gesellschaft gestiftet und stiftet sie noch alle Tage, und so möge es auch bleiben. Auch sind in unser Land durch die Gesellschaft großes Gut und Reichtum gekommen. Sollte dies aufhören, das wäre, meine ich, wider Gott, Schande und Schaden, es ist so mancher dadurch allenthalben erfreut worden. Darum liebe Freunde, jung und alt, lasst uns das ehrsame Wesen hochhalten, ein jeglicher in seinem Stand, wie es unsere Vorfahren getan haben, dann geht es uns gewiss wohl, wenn wir nur selber wollen.
Aus: Große Rekordanz (d. h. offener Brief) für Genf, Avignon, Barcelona, Saragossa, Valencia und Lyon, verfasst von Andreas Sattler. Nach A. Schulte (Hrsg): Geschichte der großen Ravensburger Handelsgesellschaft, Bd. III, S. 52 f. Die größte Handelsgesellschaft Norddeutschlands war die »Deutsche Hanse«, in der gleichermaßen Städte und einzelne Kaufleute Mitglieder werden konnten. Ihre besondere Struktur und ihr wirtschaftliches und politisches Wirken haben wir schon ausführlich an anderer Stelle kennengelernt. Familienunternehmen – Einfluss in der ganzen Welt
Neben solchen Handelsgesellschaften kamen seit dem 15. Jahrhundert auch die Familiengesellschaften auf, an denen sich nur Mitglieder einer Familie beteiligen durften. Allgemein bekannt sind die Fugger und Welser in Augsburg, die Imhof und Tucher in Nürnberg, aber auch die Blum, Guldenschaf und Schott in Frankfurt gehörten zu ihnen. Verschiedentlich hören wir von gewagten Spekulationen und kühnen geschäftlichen Unternehmen einzelner Kaufleute wie auch der Handelsgesellschaften. Der bekannte Griff der Welser zu Beginn des 16. Jahrhunderts hinüber in die Neue Welt nach Venezuela ist nur ein augenfälliges Beispiel dafür. Zentren des Handels und Geldverkehrs – Die großen Messeorte
Was für die Krämer die Märkte der Heimatstadt, waren für die Großkaufleute die Messen, die Großmärkte, die an besonders privilegierten Orten zu bestimmten Zeitpunkten abgehalten wurden. Hier handelten die Kaufleute nicht nur mit den Einzelkunden, sondern schlossen auch untereinander meist größere Geschäfte ab. Zu den bedeutendsten Messen des Auslandes zählten die in der Champagne, in Brügge, Antwerpen, Lyon und Genf. In Deutschland wurde seit dem 13. Jahrhundert Frankfurt der wichtigste Messeort. Hier fand regelmäßig eine Herbstmesse statt, die Ludwig der Baier durch eine Frühjahrsmesse erweiterte. Später kamen Köln und Leipzig dazu, und gerade letzteres verstand es, seine Stellung als Messestadt sehr geschickt und rigoros auszubauen. So erlangten die Leipziger um 1500 zwei kaiserliche Privilegien, die allen Städten und Dörfern im Umkreis von 120 Kilometern das Stapelrecht verboten! Die großen Märkte und Messen wurden selbstverständlich auch zu Zentren des Geldverkehrs, da viele Kaufleute anstelle von Bargeld lieber »Messwechsel« zogen und einlösten. Dass solche Geschäfte allerdings nicht überall Verständnis fanden, belegt ein Ausspruch Martin Luthers: »Der Wucher sitzt zu Leipzig, Augsburg, Frankfurt und dergleichen Städten und handelt mit Geldsummen. Auf jedem Leipziger Markt nimmt man 30 auf 100 [...]« Auf dem Weg zum kapitalistischen Großunternehmer
Bei den großen Unternehmen wuchs auch das soziale Prestige der Handelsherren, die man wohl richtiger so und nicht mehr als Kaufleute bezeichnen sollte. Das hatte schon Kaiser Karl IV. deutlich erkannt, als er den Lübecker Räten ausdrücklich versicherte, dass sie »Herren« seien. Gewiss gab es auch unter ihnen eine soziale Rangfolge, die aber dort begann, wo sie bei anderen aufhörte und hinführte in die Höhen des frühkapitalistischen Wirtschaftssystems. Das zeigte sich schon bei der Zugehörigkeit zu ihren Gilden. Hier fehlte der Beitrittszwang. Die Interessen der Großkaufleute lagen schwergewichtig im Ausland, sie waren nicht mehr angewiesen auf die städtische Gemeinschaft mit ihren Vorzügen, aber auch ihren meist einengenden Nachteilen. Während es den Krämergilden nur um die wirtschaftliche Sicherung im Rahmen des städtischen Gemeinwesens ging, sorgten sich die Großhandelsgilden um die auswärtigen Probleme wie die Sicherung der Handelswege, Bildung von Geleitzügen zu Land und zu Wasser, die Bereitstellung günstiger Einkaufs- und Stapelplätze sowie die entsprechenden Herbergen im Ausland und nicht zuletzt um Kontakte mit Königen und Fürsten, um Privilegien zu gewinnen und die bestehenden Rechte zu sichern und zu verteidigen. Selbstverständlich suchten solche Gilden auch Einfluss in den heimischen Städten und auf die Stadtregimenter. Deshalb wurden nicht zuletzt die Großkaufleute zu treibenden Kräften bei der Entwicklung der Stadtverfassungen und bei den Kämpfen um die bürgerliche Unabhängigkeit. Oft genug suchten sie mit den patrizischen Familien zu wetteifern, fanden gelegentlich auch Eingang in das städtische Patriziat. Patrizische PrachtentfaltungPatrizische Prachtentfaltung. Die Bedeutung und Wohlhabenheit der patrizischen Kaufleute führt in den Städten zur Herausbildung einer dünnen Oberschicht, deren Lebensstil an höfischen Formen orientiert ist. Wo es an politischem Einfluss mangelte, ersetzten sie diesen durch aufwendige Lebensführung. Ihre Häuser zählten zu den schönsten in der Stadt, und häufig genug stößt man in den Schriften bekannter Prediger des Spätmittelalters und der Renaissance auf kritische Worte gegen den Luxus der reichen Kaufherren. »Sie fahren als Narren hinweg und kommen als noch viel größere Narren herwieder in ihren seltsamen und närrischen Kleidern«, wetterte der schon erwähnte Johann Geiler von Kaysersberg. Selbst Könige wurden gelegentlich bemüht, um dem Geltungsstreben mancher Kaufherren nachzuhelfen. So erlaubte 1492 König Maximilian I. ausdrücklich zwei Nürnberger Kaufleuten, samtene Kleider zu tragen. Der entscheidende Wandel in der Entwicklung des Großkaufmanns setzte im 14. Jahrhundert ein. Die alten genossenschaftlichen Bindungen bröckelten ab und auseinander. Deutlich lösten sich einzelne aus der bisher bestehenden Ordnung. Zu ihnen gehörten die Warendorps und Wittenborgs aus Lübeck, die von Flandern und England bis nach Russland das Erbe der Hanse antraten. Bei den Wittenborgs wird das Handelsvermögen bereits 1357 auf die für damalige Verhältnisse horrende Summe von umgerechnet etwa einer Million Mark geschätzt! In Rostock waren es die Tölner, in Hamburg schwang sich Vicko van Geldersen zu einem der bedeutendsten norddeutschen Kaufherren auf, in Regensburg trieben die Runtingers einen ansehnlichen Großhandel zwischen Süddeutschland und Holland, die Nürnberger Familien Imhof und Tucher wurden bereits mehrfach erwähnt. Sie alle wurden schließlich übertroffen von der Familie Fugger, die mit dem 1459 geborenen Jakob Fugger, dem Reichen, den Gipfel wirtschaftlicher Macht und ein dementsprechendes Ansehen erreichten. Aus dem königlichen Kaufmann war der Großunternehmer im modernen Sinn geworden.

Forum (Kommentare)

Info 21.01.2018 15:36
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.