Deutsche Literatur im späten Mittelalter

Die rund anderthalb Jahrhunderte, deren Literatur wir hier überblicken, zählen nicht zu den ›großen‹ Epochen der deutschen Literaturgeschichte. Besonders die ältere Literaturwissenschaft und ihre konservativen Vertreter umschrieben diese Periode gerne mit Etiketten wie »Zeit des Verfalls«, »der Gärung« oder »des Umbruchs«. Allerdings veränderte gerade die allmähliche Auflösung der mittelalterlichen Gesellschaftsordnung die ihr zugrundeliegenden Wertvorstellungen. Erste Neuansätze wurden erkennbar, denen die Reformation endgültig zum Durchbruch verhalf. Die in dieser Zeit eintretenden sozialen Umschichtungen – vor allem bedingt durch das Erstarken des wohlhabend gewordenen Bürgertums in den Städten und die erstmals als gesellschaftliche Größe auftretenden Bauern – bleiben nicht ohne Rückwirkung auf die literarische Produktion und die Interessen des Lesepublikums. So verlagert sich das literarische Schwergewicht mehr und mehr an die Höfe der Territorialherren und in die Städte. Zum Teil werden die höfischen Lebens- und Literaturformen von dem nun kulturell aktiven Bürgertum übernommen; meist werden sie jedoch verändert und der bürgerlichen Lebensauffassung angepasst, die sich deutlich von den ritterlichen Idealen in Ästhetik und Moral unterscheidet. Die starke Zunahme des moralischen und didaktischen Elements in allen literarischen Gattungen und eine Fülle religiöser und erbaulicher Literatur sind ein hinreichender Beleg für diesen allgemeinen Trend. Dazu kommt ein deutlicher Zug zum Realismus und zur konkreten Einzelheit in Thematik und Darstellung; so wie die einst allgemeingültigen Ordnungen und Ideale: minne, mâze, staete jetzt infrage gestellt werden, in dem Maß treten in der Literatur jetzt konkrete Lebensumstände von Individuen in den Vordergrund. Das literarische Spektrum reicht vom Grobianismus bis zum klassischen Geist der Antike. Parallel zum Aufstieg des Bürgertums und seiner kulturellen Aktivität erscheinen die Bauern als Thema der Literatur – oft allerdings noch satirisch durch die Brille der bürgerlichen und adeligen Autoren betrachtet. Aber gerade in der Moralsatire mit ihren lehrhaften Absichten bilden ab 1400 Bauern die Hauptgestalten, was nicht ohne Folgen für den Charakter dieser Gattung war: ihr Stil ist derb-drastisch bis hin zum plumpen Grobianismus. Wie ein Ferment wirken ab dem Ende des 14. Jahrhunderts die neuen Erkenntnisse und Kenntnisse der Humanisten auf die unruhige Zeit ein. Eine dritte Gruppe spielt in der Literatur jetzt eine Rolle: die »Gelehrten« im weitesten Sinn des Wortes. Die aus Italien kommende Rückbesinnung auf die Antike fasste zuerst in Böhmen und Wien Fuß und breitete sich mit den wandernden humanistischen Gelehrten an den geistigen Zentren wie zum Beispiel Fürstenhöfen und Patrizierhäusern aus. Dort, weniger an den noch von der Spätscholastik beherrschten Universitäten, erhielten die Gelehrten Arbeits- und Wirkungsmöglichkeiten. Von da aus betrieben sie Wissensvermittlung im Sinne der Antike, zunächst durch Weitergabe antiken Gedankenguts, dann auch durch eine reiche Übersetzungsliteratur. Doch sehr früh begegnen wir auch deutschsprachigen Dokumenten, die den neuen Geist der Antike und eine an der Rhetorik geschulte Sprachgestaltung erkennen lassen. Dem Grobianismus von Satire und Schwank stellt sich hier eine ganz andere Welt sprachlicher und gedanklicher Zucht zur Seite. Vielleicht ist in diesen wenigen skizzenhaften Anmerkungen deutlich geworden, dass diese Epoche voller innerer Spannungen und Unruhe steckt. Die gedankliche Suche nach einer neuen Stellung des Menschen – des Herrschers wie des »kleinen Mannes« – in der Welt charakterisiert diese widersprüchliche Übergangsphase. Keine der auftretenden Strömungen gewinnt dabei eindeutig die Oberhand, die philosophischen, naturwissenschaftlichen, theologischen und literarischen Ergebnisse und Forschungen laufen vielmehr neben- und übereinander her, inspirieren sich teilweise gegenseitig und machen die Vielfalt der Zeit aus. Dies schlägt sich auch in der Literatur deutlich nieder: einerseits leben überlieferte Stoffe und Formen vielfältig weiter, neue kommen dazu, andererseits ist eine Abgrenzung der Gattungen nicht mehr so einfach wie im Hochmittelalter, und selbst innerhalb der einzelnen Gattungen kommt es zu verschiedensten Ausformungen (aus rein praktischen Gründen ist die folgende Darstellung nach den üblichen Gattungen gegliedert). Auch Sprache und Stil der Literatur sind jetzt recht uneinheitlich. Diese Periode des Übergangs vom Spätmittelhochdeutschen zum Frühneuhochdeutschen ist die große Zeit des sogenannten »geblümten« Stils, der mittels Rede- und Stilfiguren aller Art der poetischen Sprache Glanz verleihen möchte; aber die Palette ist unvorstellbar bunt, und so besteht auf der anderen Seite eine deutliche Tendenz zum vergröbernden Ausdruck, zur Satire und Karikatur. All diese Gegensätze gehören zusammen und sind Ausdruck und Motor der geladenen Vorreformationszeit. Die Lyrik: Von Oswald von Wolkenstein bis zum Meistersang
Eine für diese Umbruchszeit typische Gestalt, die an literarischem Rang die Zeitgenossen weit überragt, ist der Südtiroler Oswald von Wolkenstein (1377-1445). Der abenteuerliche Lebenslauf des Ritters spiegelt ebenso wie die Spannweite seiner Produktion (Minnelieder, geistliche Gedichte, Tanz- und Trinklieder u. a.) seine innere Unruhe und die seiner Zeit. Lange Jahre seines Lebens verbrachte er unterwegs in aller Welt: »Es fuegt sich, do ich was von zehen jaren alt, / ich wolt besehen, wie die welt wär gestalt. / mit eilend, armuet mangen winkel, haiss und kalt, / hab ich gepaut pei Kristen, Kriechen, haiden.« Im Kloster Neustift bei Brixen fand er 1445 seine letzte Ruhe. In seinen Gedichten, die man wie eine poetische Biografie lesen kann, stehen immer die Gefühle des unglaublich vitalen Mannes im Mittelpunkt: Sinnlichkeit und Grobheit findet sich da neben Zartheit des Herzens; dem Eintauchen in das handfeste irdische Dasein mit Streit und Kampf tritt innige Frömmigkeit und Marienverehrung zur Seite. Und in all seinen Liedern – Oswald war Textdichter und Komponist in einem – handhabt er die deutsche Sprache souverän: er spielt mit ihr, verwendet bedenkenlos derb Mundartliches, erweist sich aber auch als Meister des »geblümten« Stils, der ohne Gottfried von Straßburgs »Tristan« nicht denkbar wäre. In Oswald steht zum ersten Mal ein deutlich erfassbarer Einzelmensch vor uns, ein Dichter, der die Welt aus seiner Subjektivität heraus abbildet und nicht, wie etwa Hartmann von Aue, unter anderem die Durchsetzung eines ritterlichen Ideals verfolgt. Nennenswerte Nachfolge hat Oswald von Wolkenstein zwar nicht gefunden, aber er markiert die veränderte Position des einzelnen in Gesellschaft und Welt. Neben ihm beherrschen zu Beginn des 15. Jahrhunderts eher ›mittelmäßige‹ Dichter die Szene. Die große Masse der Autoren bewahrt und pflegt Liebesdichtung in den überlieferten Formen des Minnesangs. Ihr haftet, da sich die sozialen und geistigen Voraussetzungen inzwischen stark gewandelt haben, weitgehend der Charakter des Künstlichen, Erstarrten an. In der Ausgestaltung der Motive gehen die bürgerlichen Verfasser allerdings oft andere Wege als das Hochmittelalter: sie stellen häufig die sinnlich-konkrete Einzelheit heraus. Deshalb erfreut sich jetzt die Tagelied-Form besonderer Beliebtheit. Hier wird die Geliebte detailliert geschildert, ihre Nacktheit ›unverhüllter‹ beschrieben als etwa bei Wolfram von Eschenbach. Diesem Zug zum konkreten Detail entspricht es, wenn jetzt die Ballade, das Erzähllied, entsteht; sie findet sich schon bei Oswald. Solche Balladen (zum Beispiel die von den »Zwei Königskindern«) werden oft rasch bekannt und zum namenlosen Volksgut. Häufig werden sie als solche zusammen mit dem bürgerlichen Liebeslied gesammelt, wie etwa in dem bekannten »Liederbuch der Klara Hätzlerin« aus Augsburg, entstanden in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. ChoralnotenSpätmittelalterliche Musikkultur. Doppelseite mit den für die Zeit charakteristischen eckigen Choralnoten zu Oswald von Wolkensteins Lied »Da may mit lieber zal’«. Wien, Österreichische Nationalbibliothek. Die Formen des späten höfischen Minnesangs leben zusammen mit den Inhalten der mittelalterlichen Spruchdichtung noch in anderer Weise weiter: im sogenannten Meistergesang. Die Meistersinger hielten Dichtung für ein erlernbares Handwerk. Sie waren dementsprechend zunftmäßig organisierte Handwerksmeister, die ursprünglich in kirchlich organisierten Singschulen gesungen hatten. Ihr Hauptaugenmerk galt der peinlich beachteten Form, in die sie ihre oft moralisierenden Verse gossen. Ihr Ziel war ein praktisches: der Meistersänger erledigte einen Auftrag wie auch sonst in seinem Handwerk. Die Regeln dazu waren wie die Strophenformen und die Melodien in den sogenannten Tabulaturen festgelegt. Diese ziemlich starre Kunst brachte zwar viel Gereimtes, aber wenig Bedeutendes hervor. Einzig der Nürnberger Hans Folz ist hier erwähnenswert: Er führte neue »Töne«, das heißt Strophenformen ein, und einige seiner Gedichte sind auch heute noch genießbar; freilich muss man über den formalen Schwulst ebenso hinwegsehen wie über die derben Inhalte. Insgesamt blieb der Meistergesang, auch an seinem späteren Höhepunkt bei Hans Sachs (1494-1576), ohne größere Bedeutung für die deutsche Literatur (lediglich in Wagners »Meistersingern von Nürnberg« lebt er fort). Er ist jedoch ein typisches Kind seiner Zeit; hier wird von zünftigen Autoren Dichtung nach dem Geschmack des städtischen bürgerlichen Publikums geliefert. Insgesamt ist die Meistersingerbewegung an die städtische Kultur geknüpft: Mainz, Würzburg, Frankfurt, Augsburg, Regensburg, Zwickau, Prag und Nürnberg waren Zentren, in denen sich die Meistersinger-Zünfte oft bis ins 19. Jahrhundert erhielten, um dann von den Gesangvereinen abgelöst zu werden. Aber der Meistersang hat seinen Platz vor allem in der Epoche, und mit ihr hat er sich überlebt. Die ihm zugrundeliegende Kunstauffassung besteht dagegen noch bis ins Barockzeitalter weiter: regelmäßige Formen, belehrende Inhalte; Originalität war wenig gefragt. Geistliches Spiel und Fastnachtspiel, zwei Formen dramatischen Gestaltens
Im ausgehenden Mittelalter kann man von einem deutschsprachigen literarischen Drama, das mit dem griechischen Drama vergleichbar ist, noch nicht sprechen. Es finden sich aber Formen des dramatischen Spiels in zwei Ausprägungen: als geistliches und als weltliches Spiel. Das religiöse Spiel erscheint schon im Hochmittelalter, erst in lateinischer, seit dem 14. Jahrhundert in deutscher Sprache; es ist zunächst Illustration der Gottesdiensthandlung, vergleichbar unseren heutigen Krippenspielen. Nach und nach weiten sich diese szenischen Einlagen aus, die Spiele verselbstständigen sich und treten aus ihrer Einbettung in die Liturgie heraus. Statt in der Kirche spielt man bald vor größerem Publikum an den hohen Feiertagen vor der Kirche und damit auf dem Marktplatz. Hand in Hand damit geschieht eine Umformung der Spiele: jetzt dringen realistische Züge ein, die Szenen werden wirklichkeitsnah gestaltet, die Figuren erhalten individuellere Färbung. Gleichzeitig erweitern sich die Stoffe, und die Passionsgeschichte, die gesamte Osterhandlung, das Pfingstgeschehen und so weiter werden in Pantomimen, lebenden Bildern und mittels der gebundenen Sprache aufgeführt. Sogar possenhafte Züge treten auf. Im 15. Jahrhundert konnten solche Spiele mehrere Tage dauern und die gesamte Heilsgeschichte von der Schöpfung bis zum Jüngsten Gericht abhandeln. Sie wurden jetzt Ausdruck stadtbürgerlicher Frömmigkeit und Mittel bürgerlicher Selbstdarstellung und von Zünften und Gilden ausgerichtet. Natürlich blieb dabei grundsätzlich ihr erbaulicher Charakter und ihr lehrhafter Anspruch erhalten. Insofern diese Spiele stoffgebunden und nicht Schöpfungen eines einzelnen Autors waren, konnten sie nicht zum »Modell« des neuzeitlichen Dramas werden. Im 16. Jahrhundert ist ihre große Zeit vorbei, und sie verschwinden bis auf wenige Reste. Allerdings wurde ihre offene Form viel später wieder aufgegriffen: das Drama des Expressionismus (zum Beispiel bei Georg Kaiser), die Dramenproduktion von Bert Brecht erhielten wichtige Anregungen durch die mittelalterlichen Mysterienspiele. Seit dem 15. Jahrhundert finden sich, ebenfalls in den Städten, auch weltliche szenische Stücke. In ihnen vollzieht sich ein wichtiger Schritt hin zur Entwicklung des späteren Dramas. Zunächst sind diese Spiele recht grob und derb in Thema und Sprache. Häufig wird zum Beispiel (besonders in den »Neidhartspielen«) die Welt der Bauern stark verzerrt und dem Spott preisgegeben. Dasselbe Verfahren wendet man bei der Bearbeitung anderer griffiger Stoffe an, zum Beispiel bei Eheproblemen. Da solche Stücke meist zur Fastnacht aufgeführt wurden, nennt man sie »Fastnachtspiele«. Zentren dieser Gattung waren bereits in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts Nürnberg und Lübeck. Wenn sich die Bürger zu Fastnacht versammelten, wurden die schwankhaften Szenen in Versen von Spielleuten vorgeführt. Nachdem die Meistersänger Hans Folz und Hans Rosenplüt um 1500 das Niveau der Fastnachtspiele etwas angehoben hatten, sollte dann Hans Sachs im 16. Jahrhundert die Gattung zum Höhepunkt führen. Unter dem Einfluss des jetzt wirksam werdenden neulateinischen Humanistendramas näherten sich dann die Fastnachtspiele allmählich dem an, was wir heute unter einer Komödie verstehen. WeltuntergangWelt- und Untergangsangst. Die Greuel der Kriege und die Verunsicherung durch Umschichtungen fuhren zu verstärkter Religiosität. »Vernichtung des Antichrist« aus der Schedelschen Weltchronik von 1493. Prosa und erzählende Versdichtung
Ein überaus buntes Ineinander begegnet uns in der Prosaliteratur, die jetzt quantitativ den ersten Platz einnimmt. Das ist schon durch ihre Zweisprachigkeit bedingt: Viele Autoren greifen wieder zum Latein, denn die in der Renaissance wiederentdeckte antike Kunstprosa war ja in ihren Ausdrucksmöglichkeiten dem Deutschen durchweg überlegen. Der neulateinischen Literatur, wie sie vor allem in den Werken der großen Humanisten Konrad Celtis, Johannes Reuchlin, Jakob Wimpfeling, Johannes Regiomontanus, Erasmus von Rotterdam und schließlich Ulrich von Hutten repräsentiert ist, trat schon im 15. Jahrhundert die Übersetzung zur Seite. Ein bedeutender Übersetzer war Niclas von Wyle († 1478/79), der sich in seinen Übertragungen der italienischen Renaissanceautoren bemühte, die rhetorischen Stilmittel des Lateinischen in deutscher Kunstprosa angemessen nachzubilden. Der Einfluss der Humanisten macht sich aber zunächst eher im Menschenbild bemerkbar: die Betonung des Werts der Person und die Befreiung des einzelnen aus der Vormundschaft von Kirche und scholastischer Philosophie, eine der Grundlagen der Reformation, ist ihr Werk. Das früheste Zeugnis für die neue Einschätzung des Menschen und seiner Stellung zu Gott ist das Streitgespräch »Der Ackermann aus Böhmen« des Johannes von Tepl, zugleich das markanteste Beispiel für deutsche Kunstprosa um 1400 und ein rhetorisches Kabinettstück ersten Ranges. Wenn hier auch noch, dem mittelalterlichen Weltbild entsprechend, Gott dem Tod den Sieg zuspricht, so wird doch die Klage des Bauern über den Tod seiner Frau als grundsätzlich verständlich eingestuft. Dem einzelnen Menschen wird also ein gewisses Recht zugestanden, sich gegen die Ordnung der Welt zur Wehr zu setzen. Humanismus in der Zeit der Renaissance
Italien: Im 13. Jahrhundert wird das Studium der lateinischen und griechischen Klassiker unter dem Einfluss der Scholastik und neuer philosophischer und naturwissenschaftlicher Interessen vernachlässigt. Erst in den gewandelten wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen des 14. Jahrhunderts beginnen Juristen, akademische Lehrer, Staatsbeamte und Schriftsteller (teilweise von Päpsten veranlasst und finanziell unterstützt) in den verwahrlosten Klosterbibliotheken mit der Suche nach römischen Handschriften aus der Antike. Neue Bibliotheken werden angelegt (z. B. 1480 die Vaticana in Rom), die aufgefundenen Texte gereinigt, interpretiert und erklärt. Stilistisches und sprachliches Vorbild wird Cicero. Lateinische Verse und Prosa bildet man seinem »Muster« nach.
Seit dem 15. Jahrhundert entdecken die Forscher auch die griechischen Schriftsteller, lesen sie und ahmen sie nach.
Bildungsideal der Humanisten war die Entfaltung und Ausbildung des Menschen als selbstständiges Individuum und im weiteren in dem Versuch, auf den Menschen bezogene Daseinsbedingungen zu schaffen. Ethische und ästhetische Entfaltung edler Menschlichkeit glaubte man durch Wiedererweckung und Aneignung der antiken Sprachkultur, Kunst und Geisteshaltung in Gang zu setzen (lat. humanus = menschlich, menschenwürdig, edel, gebildet, menschenfreundlich, mild, höflich, gelassen; humanitas = Menschlichkeit, Höflichkeit, Bildung, Anstand). Dabei waren die Theorien des 15. und 16. Jahrhunderts aber auch neu und revolutionär. Die Berufung auf die Antike hatte eher den Zweck, die neuen Zielvorstellungen durch anerkannte Autoritäten abzustützen. Denn in allen Bereichen der Gesellschaft war das Abstreifen mittelalterlicher Fesseln Trumpf: Das Individuum sollte sich aus den Bindungen der ständischen, zünftigen, religiösen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten lösen und selbstständig handeln. Überspitzt könnte man den Humanismus als Ideologie des expandierenden Kaufmanns und Entdeckerstandes bezeichnen.
Auf Deutschland wirkte die humanistische Bewegung, ähnlich wie auf Frankreich, Spanien, England und die Niederlande, erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts ein und erhielt teilweise nationale Zielrichtungen. Sie beeinflusste stark die Denker der Vorreformationszeit, die durch ihre Kenntnis der hebräischen und antiken Sprachen Bibeltexte jetzt im Original lesen konnten. Die Denkmethoden wurden in Deutschland stärker didaktisch, pädagogisch und philologisch ausgeprägt, denn die Mittelpunkte des Humanismus waren hier vor allem die Universitäten (wichtige Humanisten: Celtis, Melanchthon, Wimpfeling); in Italien dagegen Florenz unter den Medici, Rom, die reichen Fürstenhöfe von Urbino, Ferrara, Mantua und Neapel und die Universitäten. Auf starke Resonanz beim bürgerlichen Publikum konnte im 15. Jahrhundert die eigentlich lehrhafte Literatur rechnen. Auch bei ihr ist schon da und dort humanistischer Einfluss spürbar, wie etwa in der reichen Fabeldichtung nach dem Muster des Äsop. Zudem beinhalten ja die Fabeln griffige Lehren, die dem aufs Lebenspraktische ausgerichteten bürgerlichen Denken entgegenkamen. Lehrhaft wie die Fabel und zugleich unterhaltend ist auch das große Versepos »Der Ring« von Heinrich Wittenwiler (um 1400), das in ca. 500 Reimpaaren schwankhaft-satirisch den Lauf der Welt am Beispiel einer großen Bauernhochzeit darstellt. Die Ausmalung des bäuerlichen Lebens erhält dabei oft das Übergewicht gegenüber der moralischen Zielsetzung. Die Hochzeit löst sich in einer ungeheuren Schlägerei auf, die Wittenwiler nicht ohne zustimmende Anteilnahme breit schildert. Doch am Ende geht der Held als Einsiedel in den Schwarzwald: nur Gottesfurcht – so die Moral – kann den Menschen retten. Deutlich stoßen hier die Gegensätze aufeinander: Weltverlust gegen Weltverneinung. Das Leben erscheint als Groteske. Text der Zeit
»Von des jungen Weißen Königs Vorliebe für die Geschichte«

Der junge Weiße König fragte in seiner Jugend oft nach den königlichen Geschlechtern, denn er hätte gern gewusst, wo ein jedes königliches und fürstliches Geschlecht hergekommen war, konnte aber darüber nichts Näheres erkunden. Deshalb verdross es ihn auch oft, dass die Menschen so wenig auf die Geschichte achteten, und als er dann zu Jahren kam, sparte er keine Kosten, sondern sandte gelehrte Leute aus, die nichts anderes zu tun hatten, als sich in allen Stiften und Klöstern, in Büchern und bei gelehrten Leuten nach der Herkunft der Könige und Fürsten zu erkundigen. Dabei fand er heraus, dass sein eigenes Geschlecht von einem Vater zum anderen zurückreichte bis auf Noah, was sonst ganz in Vergessenheit geraten wäre. Und auch die alten Schriften wären verloren gewesen, hätte man nicht auf sie geachtet. Auch wo ein König oder Fürst eine Stiftung errichtete, die vergessen worden wäre, so hat er wieder an solchen Stifter erinnert und sein Gedächtnis neu belebt, was sonst nicht geschehen wäre. Da ferner vor langen Zeiten die Ungläubigen, besonders die großen Herren, sich nach ihrer Gewohnheit auf mancherlei Art Denkmäler errichten ließen, die dann schon zu ihren Zeiten durch einen Kriegszug oder durch andere Ereignisse vernichtet wurden, so hat der junge Weiße König überall dort, wo ihm solches angezeigt wurde, befohlen, diese Denkmäler wieder zu erneuern. Auch hat er alle Münzen, die Kaiser, Könige und andere mächtige Herren vor Zeiten schlagen ließen, und die wieder aufgefunden und ihm gebracht wurden, aufbewahrt und in einem Buch abbilden lassen [...]. Einmal war ein mächtiger Herr bei dem jungen Weißen König, der sagte zu ihm, das Geld, das er für das Gedächtnis und die Geschichte verwende, sei verloren. Darauf gab ihm der König folgende Antwort: »Weißt du nicht, dass Gott und der Prophet David im Psalter von der Erinnerung reden und nicht vom Geld; denn wo einer seinen Schatz hat, da ist sein Herz.« Und weiter sprach der König zu dem gleichen Herrn: »Sage mir nur eines: Was bleibt dem Menschen länger, das Gut oder die Erinnerung?« Darauf gab der Herr zur Antwort: »Wenn ein Mensch stirbt, so folgt ihm nichts nach als seine Werke.« Auf solches redet der König: »Du sprichst richtig; denn wer zu Lebzeiten nicht für sein Gedächtnis sorgt, der hat auch keines nach seinem Tode, und auf solche Menschen wird mit dem letzten Ton der Sterbeglocke vergessen. Darum ist auch das Geld, das ich für die Pflege der Erinnerung ausgebe, niemals verloren. Das Geld aber, das dabei gespart wird, das unterdrückt mein künftiges Andenken. Und was ich nicht selbst in meinem Leben zu meinem Andenken vollbringe, das wird nach meinem Tod weder durch dich noch durch andere getan werden.« Darauf schwieg der Herr still und bekannte vor sich selbst, dass er großes Unrecht dahergeredet habe.
Aus: Weißkunig, kap. 24 von Kaiser Maximilian I. (Maximilian entwarf diese Erzählung von der Vermählung seines Vaters und seiner eigenen Jugend seit 1506, niedergeschrieben wurde sie von seinem Geheimsekretär Marx Treitzsaurwein, der seine Arbeit 1514 abschloss.) Unterhaltungsliteratur: Schwank, Satire und Volksbuch
Eine beliebte Form der didaktischen Literatur war auch die Satire. Hier hatte ein Werk damals geradezu den Rang eines Bestsellers: das »Narrenschiff« (1494) des Straßburger Juristen Sebastian Brant († 1521). Es begründete, stilbildend für die ganze Gattung, die in der Folgezeit häufige Narrenliteratur. In über 100 Kapiteln gereimter Rede führt Brant dem Leser die Narrheiten der Menschen vor; keine Gruppe bleibt ungeschoren – der Büchernarr ebensowenig wie der Geizkragen, der Weibernarr und der Putzsüchtige. Gegen diese gemeinsame Narrheit hilft nur die Vernunft -, eine Deutung des Menschen, die jedem Leser erlaubt, sich angesprochen, aber nicht betroffen zu fühlen. Vielleicht erklärt das auch den ungeheuren Erfolg des »Narrenschiffs«, in dem Spottlust den moralischen Eifer in den Hintergrund drängt. Immer lieber wird jetzt auch die rein unterhaltende Literatur gelesen. Diese Spottlust zeichnet vielleicht noch stärker Thomas Müntzer aus, der schon in die Reformationszeit hineingehört: In seiner beißenden Satire »Von dem großen lutherischen Narren« (1522) geißelt er stilistisch glänzend den Wittenberger Reformator.
Mit der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg (1453) können Bücher zu erschwinglicheren Preisen in größeren Auflagen hergestellt und so Leserschichten gewonnen werden, denen bisher schon aus ökonomischen Gründen der Zugang zur Literatur verwehrt war. Neben den mehr erbaulichen geistlichen Texten (zum Beispiel Heiligenlegenden) finden vor allem Schwänke, Novellen und Anekdoten ihre Leser. Interessanter Stoff und Handlungsreichtum sind dabei am meisten gefragt. Die Schwanke bilden wohl die stärkste Gruppe innerhalb der Unterhaltungsliteratur: auch darin zeigt sich wieder der bürgerliche Zug zum Realistischen. So sind in der 1522 veröffentlichten Schwanksammlung »Schimpf und Ernst« fast 700 Geschichten versammelt. Oft ordnete man auch ganze Schwankketten einem einzelnen Helden zu; die bekannteste derartige Sammlung ist der »Till Eulenspiegel«, um 1500 in Niederdeutschland entstanden. Gleichzeitig erscheint in Mitteldeutschland das Tierepos von »Reineke Fuchs«, jene Sammlung schwankhaft-satirischer Geschichten, die uns durch Goethes Bearbeitung bis heute geläufig ist. Dem steigenden Bedürfnis nach Unterhaltungsliteratur folgend wurden nun die bekannten epischen Stoffe des Mittelalters (am Hof und für die höfische Gesellschaft produziert) für den Geschmack eines größeren, gemischten Publikums zu Prosaerzählungen aufbereitet. Dabei wurden sie häufig vereinfacht und verkürzt, und so entstanden die »Volksbücher«, die Vorläufer unserer heutigen Novellen und Romane. Die Bandbreite ihrer Themen war groß: von der umgestalteten geschichtlichen Begebenheit (zum Beispiel in »Hug Schapler«) über die märchenhafte Erzählung (»Melusine«) bis hin zum mehr realistischen Roman, wie er uns in der »Geschichte von Fortunatus und seinen Söhnen« ab 1500 in zahlreichen Auflagen entgegentritt. In diesen ersten bürgerlichen Prosaroman ist viel praktische Lebenserfahrung eines weitgereisten Autors eingeflossen: Fortunatus bringt es mit Glück zu Erfolg und Reichtum – aber in der Generation seiner Söhne folgt diesem Aufstieg ein ebenso rasanter Abstieg. Der Vater war »von Fortuna begünstigt«, den Söhnen bleibt dies versagt. Dieses Volksbuch steht deutlich an einer Zeitenwende: einerseits werden die tatsächlichen Möglichkeiten des Menschen aufgezeigt, andererseits wird auch seine Abhängigkeit vom »Glück« vorgeführt. Einerseits trägt es noch viele Merkmale des ritterlichen Abenteuerromans, andererseits gewährt es tiefen Einblick in das »moderne« Wirtschaftsleben der Zeit. Diese Mischung verschiedenster Elemente in gedanklich schlichter Stoffdarbietung entspricht der Interessenlage der neuen Leserschichten. Den Volksbüchern gehört auch im 16. Jahrhundert die Vorliebe des Publikums. Sie leisten mehr noch als durch ihre Inhalte durch ihre sprachliche Gestaltung Vorarbeit für die Entwicklung der deutschen Gemeinsprache, der durch Luthers Bibelübersetzung dann endgültig Bahn gebrochen wurde.