Das Werk Gutenbergs und die Inkunabelzeit

Schreibsklaven hießen im antiken Rom jene Sklaven, die Handschriften und Bücher abschreiben und auf diese Weise vervielfältigen mussten. Nichts anderes und nichts Besseres waren auch die Mönche, die tagaus, tagein in den Schreibstuben der mittelalterlichen Klöster Abschriften von Büchern fertigten. Der Bedarf war groß, das Handwerk mühsam, so saßen sie Tag für Tag, solange das Licht nur ausreichte, an ihren Schreibpulten, über die Pergamentblätter gebeugt, und schrieben und malten Buchstaben um Buchstaben, gleichförmig und doch individuell, und nur am Ende des gelungenen Werkes traten sie manchmal aus ihre Anonymität heraus, wenn sie mit einem Stoßseufzer einen Schreiberspruch unter die letzte Zeile setzten, etwa »Hie hat das Buch ein End, des freuen sich meine Hend« und darunter noch ihren Klosternamen. Manche mögen sich Zeit gelassen haben, andere wiederum arbeiteten rasch, schufen dicke Folianten in wenigen Monaten. Einmal vermerkt ein Schreiber, dass er für die dreihundert Seiten eines Werkes nur achtzehn Tage benötigt habe, jedoch ist das sicher eine Ausnahme. Zu den emsigen Schreibern gesellten sich die Buchmaler, hervorragende Künstler unter ihnen, die dann die Handschriften mit prächtigen Initialen und Miniaturen, aber auch mit ganzseitigen Bildern ausstatteten. So entstanden in den bedeutenden Klöstern wie in Echternach, Fulda, Regensburg oder auf der Reichenau eigene Schreibschulen. Manches Werk hat die Jahrhunderte überstanden und zeugt noch heute vom großen Kunstsinn seiner Schöpfer. Erst seit dem hohen Mittelalter erhielten diese klösterlichen Schreibstuben Konkurrenz durch weltliche Schreiber, die in ihren kleinen Werkstätten Bücher für zahlungskräftige Kunden meist aus Kreisen der Gelehrten herstellten; denn billig waren solche Werke nicht, und sie blieben dementsprechend auf eine winzige begüterte Schicht beschränkt. Das änderte sich erst mit dem Aufkommen des Papiers. 1390 wurde in Nürnberg die erste Papiermühle eröffnet, und die Schreibstuben verfügten von jetzt an über billigeres Schreibmaterial. Damit änderte sich auch die Ausstattung der Bücher; an die Stelle der kostbaren, oft mit Gold unterlegten Miniaturen traten häufig einfache kolorierte Federzeichnungen. Die Schreibwerkstätten in den Städten steigerten nun ihre Anstrengungen und arbeiteten sogar auf Vorrat, wie um die Mitte des 15. Jahrhunderts das Beispiel des Diebolt Lauber in Hagenau im Elsass beweist, der zeitweise fünf Zeichner und vier Schreiber gleichzeitig beschäftigte, und von dem wir auch die älteste Firmenwerbung eines Buchhändlers besitzen: »Item welcher hande buecher man gerne hat, groß oder klein, geistlich oder weltlich, huebsch gemolt, die findet man alle bei diebolt louber schriber in der burge zu hagenow.« Das Käuferinteresse als Motor des technischen Fortschritts
Mit wachsendem geistigen Interesse gerade des Bürgertums und dem Aufblühen der Universitäten wuchs die Nachfrage nach Büchern. Besonders Juristen waren gute Kunden; sogenannte »Rechtssummen« waren regelrechte Bestseller. Deshalb sollten Bücher nun noch rascher, noch billiger hergestellt werden. Einen wesentlichen Schritt vorwärts auf diesem Weg bildeten die xylografischen oder »Blockbücher«, die aus den sogenannten Holztafeldrucken hervorgingen. Ihr Grundprinzip war ebenso klar wie einfach, denn es beruhte auf dem System des Stempels. Holzschneider schnitten einen Text erhaben und spiegelverkehrt aus einer Holzplatte heraus, färbten ihn ein und druckten – oder stempelten – so Seite für Seite ab. Die einzelnen Blätter wurden mit den leeren Rückseiten aneinandergeklebt und dann zu Büchern zusammengefügt. Dass solchem Verfahren doppelte Grenzen gesetzt waren, ist einleuchtend. Einmal ließ das benötigte weiche Holz nur eine begrenzte Anzahl von Drucken zu, zum andern konnte natürlich nicht jedes beliebige Buch auf diese Weise vervielfältigt werden. Am besten eigneten sich Bücher mit Holzschnitt-Bildern und wenig Text, wie etwa die »Armenbibeln«, die sich mit ihren Bildern an ein des Lesens wenig oder gar nicht kundiges Publikum wandten. Adam und EvaGeschnitztes Initial. Biblische Szene (Adam und Eva pflücken den Apfel vom Baum der Erkenntnis) im Initial I aus der Zainer-Bibel von 1477. Günther Zainer war Erstdrucker und Holzschneider Augsburgs im 15. Jahrhundert. Dann aber kam um die Mitte des 15. Jahrhunderts die revolutionierende Wende durch die Erfindung der Buchdruckerkunst mit beweglichen Lettern. Die Idee des Mainzer Patriziers Johannes Gutenberg war ebenso genial wie einfach und doch mit den damaligen technischen Hilfsmitteln nicht leicht zu verwirklichen. Gutenberg musste sein ganzes Vermögen in die Entwicklung seiner Erfindung stecken und scheiterte finanziell noch vor der Vollendung des Werkes. Sein Grundprinzip bestand darin, dass er nun nicht mehr einen Block von nur ein paar Zeilen oder einer ganzen Seite herstellte, sondern mit einzelnen beweglichen und mehrfach benutzbaren Metalllettern arbeitete. Zu diesem Zweck schnitt er in den Kegel eines harten Metallblöckchens spiegelverkehrt einen Buchstaben, den er als Stempel verwenden konnte. Dieser wurde dann in ein Kupferblöckchen eingeschlagen, sodass eine Matritze entstand, die man mit Gießmetall ausgießen konnte. Dazu diente ihm eine leicht schmelzbare Legierung aus Blei, Antimon und Zinn, und auf diese Weise konnte er Buchstaben um Buchstaben herstellen, die dann ihrerseits wieder zu Zeilen zusammengefügt wurden. Aus den Zeilen ließen sich sogenannte Kolumnen zusammensetzen, von denen zwei eine Seite bildeten. Sie wurden fest mit einem Bindfaden umwunden, in eine Presse gelegt und entsprechend verkeilt, damit sie sich nicht verschoben. Dann färbte der Drucker diesen Satz mit einer »Tinte« ein, die aus Kienspan, Galläpfeln und Ruß hergestellt worden war, danach legte er ein leicht angefeuchtetes Blatt Papier darauf, schob das Ganze unter die Presse und erhielt so einen tadellosen Abzug. Dieser Vorgang ließ sich im Gegensatz zum xylografischen Druck mehrhundertfach wiederholen. Was sich hier ganz einfach anhört, war allerdings das Ergebnis langwieriger Überlegungen und Versuche. Auch verwendete Gutenberg die damals fünfundzwanzig Buchstaben des Alphabets nicht nur zweimal, also in großen und kleinen Zeichen, sondern schuf insgesamt zweihundertneunzig verschiedene Zeichen; denn ihm schwebte nicht ein ideal gleichmäßiger Druck vor, wie wir ihn heute schätzen, sondern sein Vorbild war vielmehr zuerst einmal die geschriebene Buchseite, so wie sie die besten Schreibkünstler gefertigt haben würden. Deshalb gab es eben beispielsweise gleich zehn verschiedene kleine e, es gab Endungsbuchstaben oder Abkürzungen für mehrere Buchstaben oder für Silben, wie sie etwa die Schreiber zur Vereinfachung ihrer Abschreibetätigkeit verwendeten. Das Ergebnis übertraf alle Erwartungen. Als erstes Werk druckte Gutenberg, wie nicht anders zu erwarten, die Bibel, und dieses erste mit beweglichen Lettern gedruckte Buch gehört auch heute noch zu den schönsten Werken der Druckkunst überhaupt. Dank der vielen verwendeten Buchstaben wirkt sie individuell wie handgeschrieben, und doch spürt man aus jeder Seite die Harmonie des geschlossenen Druckbildes. Der prachtvolle Gesamteindruck wird noch erhöht durch die Initialen, die großen Anfangsbuchstaben, die Gutenberg nach wie vor von eigenen Illustratoren ausmalen ließ, und durch das ebenfalls handgemalte Rankenwerk an den Seitenrändern. BibelGutenbergs neue Druckkunst verändert die Welt. 42zeilige lateinische Bibel, Psalm I-IV, erschienen 1455 in Mainz. Der Buchdruck, eine Luxusgüterproduktion
Für den Druck dieser 42zeiligen Bibel, wie sie von Fachleuten in Unterscheidung zu anderen Bibelausgaben genannt wird, benötigte Gutenberg mindestens zwei Jahre. Sie umfasste 1282 Seiten mit je zwei Kolumnen. Wahrscheinlich wurden rund 150 Exemplare auf Papier und weitere dreißig auf Pergament gedruckt. Allein dafür mussten die Häute von hundertsiebzig Kälbern beschafft werden. Trotz der verständlicherweise noch sehr hohen Herstellungskosten konnten die gedruckten Bibeln doch bis zu sechzig Prozent preiswerter als handgeschriebene Exemplare verkauft werden. Der vermutliche Preis von etwa fünfzig Gulden entsprach immerhin noch dem Kaufpreis eines halben Hauses! Gutenberg konnte den finanziellen Erfolg seiner Erfindung nicht genießen, wohl aber sein Geldgeber Fust, der zusammen mit dem anscheinend ebenso tüchtigen wie skrupellosen Gehilfen des Erfinders 1457 die Offizin (Druckerei) »Fust und Schöffer« gründete. Diese ihrerseits wurde zum Vorbild einer ganzen Reihe weiterer Druckereien, die in den folgenden Jahrzehnten in neunundvierzig deutschen Städten und zehn auf dem übrigen Reichsgebiet (Schweiz, Elsass, Österreich) entstanden. Die erstaunlich hohe Zahl beweist nur das allgemein große Interesse an der neuen Erfindung, das durch die Nachfrage noch verstärkt wurde. Wir bezeichnen heute die vor 1500 erschienenen Druckwerke als Inkunabeln oder Wiegendrucke. Wenn unter diesen auch in den ersten Jahren die Bibel-Drucke dominierten und das Geschäft prägten, erschienen doch sehr rasch auch weitere religiöse Werke. Die Offizin Fust und Schöffer druckte zwei Psalter (Sammlung von Psalmen) und setzte ihre Arbeit fort mit dem Werk des Dominikaners Durandus und einem Messekanon (Canon Missae). Dieses Werk, der in allen Diözesen gleichbleibende Teil des Messbuches, wurde sehr bald nach ganz Europa verkauft und erlebte bis 1500 elf Auflagen. Wenn hier bei Fust und Schöffer von guten Geschäften die Rede ist, so darf das doch nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass die Konkurrenz der handgeschriebenen Bibeln nach wie vor groß, die Preisberechnung schwierig und das Geschäft hart war, sodass manche der frühen Druckereien bald wieder zugrunde gingen. Doch waren unter den rund sechzig frühen Druckereien auf Reichsboden auch einige, die sich durchaus mit Fust und Schöffer messen konnten. Zu ihnen gehörte der Bamberger Pfister, aus dessen Druckerei der »Edelstein« kam, das erste mit Holzschnitten illustrierte und zugleich in deutscher Sprache gedruckte Buch. Dann war da vor allem Anton Koberger aus Nürnberg, der den größten Druckereibetrieb des 15. Jahrhunderts aufbaute. Bei ihm waren angeblich hundert Setzer und Drucker an vierundzwanzig Pressen tätig. Zu den 220 Werken, die bis kurz nach der Jahrhundertwende bei ihm gedruckt wurden, gehörte auch die berühmte »Weltchronik« des Arztes Hartmut Schedel, die gleichzeitig in je tausend deutschen und tausend lateinischen Exemplaren gedruckt wurde. Jeder dieser mächtigen Folianten enthielt 1809 Holzschnitte, darunter herrliche Städteansichten, die von den beiden berühmten Nürnberger Meistern Michael Wolgemuth und Wilhelm Pleydenwurff geschaffen wurden. So wie sich hier der Drucker zwei der berühmtesten Holzschneider als Mitarbeiter gesichert hatte, so arbeiteten er und seine Kollegen in den anderen Offizinen auch eng mit angesehenen Gelehrten zusammen, die solche geschäftlichen Verbindungen keineswegs verachteten, sondern gegen entsprechendes Honorar die Werke sorgfältig vorbereiteten und korrigierten, sodass wir unter den Wiegendrucken künstlerisch und editorisch optimale Werke vorfinden. 1517: Das Buch wird zur Massen ware
Deutsche Drucker gingen sehr bald auch in das Ausland, wo sie in den Hauptstädten und an den Universitäten Offizinen einrichteten, an denen dann einheimische Drucker die Schwarze Kunst erlernten. Wenn man mit dem Jahr 1500 die Zeit der Wiegendrucke begrenzt, so ist dieses Datum recht willkürlich gewählt; denn auch in den ersten Jahren des neuen 16. Jahrhunderts änderte sich in den Druckereien nur wenig. Sinnvoller wäre die Abgrenzung wohl nach 1517; denn die Reformation löste geradezu eine Explosion im Druckgewerbe aus. Flugschriften waren ein beliebtes Medium bei der Diskussion der aktuellen Glaubensfragen und überschwemmten rasch das Reichsgebiet. Auch gedruckte Bücher blieben nun nicht mehr auf eine kleine geistig und sozial privilegierte Schicht beschränkt, sondern fanden Eingang in breitere Volkskreise. Das wiederum war nur möglich, weil dank der größeren Verbreitung die Drucker-Zeugnisse wesentlich billiger hergestellt werden konnten als zuvor. Das allerdings wirkte sich häufig auf die Qualität der Drucke aus. Die Zeiten der schönen Wiegendrucke waren vorüber. Der Drucker war nicht mehr der mit dem Schreiber konkurrierende Künstler, sondern wurde zum Handwerker, und nicht nur die Drucktechnik änderte sich dabei, sondern auch das Verständnis vom Buch. Das schöne Druckbild trat zurück hinter der Bedeutung des Inhalts und wurde mehr und mehr von den Erfordernissen rationalen Druckens abhängig. Der rasche Fortschritt der Reformation wäre ohne die Druckereien nicht denkbar, das Buch und die Flugschrift, aus der die Zeitung hervorging, wurden in diesen Jahren zur geistigen und politischen Macht.

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Info 23.11.2017 19:29
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