Das Mitannireich – Churriter und Arier

Im zweiten Drittel des zweiten Jahrtausends setzt für uns in allen Ländern Vorderasiens die Überlieferung für längere oder kürzere Zeit fast ganz aus. Dieses »dunkle Zeitalter«, das die Königslisten lediglich mit einer Anzahl von meist nichtssagenden Königsnamen ausfüllen, beginnt in Assyrien schon vor 1700 v. Chr., in Babylonien und Syrien nach 1600 v. Chr. und in Anatolien um 1500 v. Chr. Die dunklen Perioden in diesen Ländern decken sich also nur teilweise, so dass heute wenigstens einige Aussagen über die sehr bewegten Zeiten möglich sind.
Die chronologischen Angaben können allerdings bestenfalls annähernd richtig sein. Wir hatten von neuen Vorstößen der nordwestiranischen Churriter nach Assyrien und Nordmesopotamien nach etwa 1760 v. Chr. gehört, die zur Bildung churritischer Staaten in diesen Ländern und später auch in Syrien-Palästina führten. Für etwa 1640 v. Chr. lassen hethitische Berichte auf die Existenz eines auch auf Ostkleinasien übergreifenden Churriterreichs in Mesopotamien schließen, dessen Schicksale dann wieder für über hundert Jahre ganz im dunkeln liegen. Vermutlich in dieser Zeit, sicher aber vor 1500 v. Chr., rissen in den meisten Churriterstaaten aus Iran nachstoßende arische Adelsgruppen die Führung an sich. Die dem ältesten Indischen ganz nahestehende Sprache dieser Arier, die sich vielleicht im Aralseegebiet von den späteren Indem gelöst hatten, ist uns nur durch Namen von Fürsten und Adligen sowie durch eine größere Zahl von Lehn- und Fremdwörtern in den Sprachen Vorderasiens in den Grundzügen bekannt; zusammenhängende Texte wurden noch nicht aufgefunden. Da diese Fremdwörter überwiegend Termini der Pferdezucht und des Wagenbaus sind, kann kein Zweifel daran bestehen, dass der von Pferden gezogene schnelle Streitwagen mit leichten Speichenrädern von diesen Ariern nach Vorderasien gebracht wurde. Die trotz der schlechten Wege große Beweglichkeit des Streitwagens, der freilich nur in offenem Gelände wirksam eingesetzt werden konnte, revolutionierte die damalige Kriegstechnik, und die kleinen arischen Kriegergruppen verdankten vor allem ihm ihre überraschenden Erfolge. Die anderen Völker Vorderasiens und die Ägypter des Neuen Reiches mussten sich auf die neue Kampfesweise so schnell wie möglich umstellen, bedurften dazu aber arischer Lehrmeister, die ihnen Vor allem ihre in Generationen erworbenen Erfahrungen in der Pferdezucht vermitteln mussten. Dabei bereitete die Akklimatisierung der Pferde in den subtropischen Steppen und Flusstälern größere Schwierigkeiten als in den Gebirgsgebieten. Später wurden die neugewonnenen Erfahrungen in Lehrbüchern der Zucht und des Trainings von Wagenpferden niedergelegt, von denen uns aus dem Hethiterreich und aus Assyrien Stücke erhalten sind. Die erste arische Reichsgründung, von der wir wissen, ist das Reich Mitanni oder Maitani in Mesopotamien (etwa 1530-1350 v. Chr.). Seine Hauptstadt trug den arischen Namen Wassukkanni und konnte noch nicht aufgefunden werden; sie lag wohl an einem der Quellflüsse des Chabur. Einen gewissen Ersatz für die fehlenden Archive der Hauptstadt bieten uns die reichen Funde in zwei Provinzstädten, dem nahe der Westgrenze gelegenen nordsyrischen Alalach und dem osttigridischen Nuzi bei Kerkuk (damals Arrapcha). In beiden Städten schrieb man in Keilschrift ein etwas mangelhaftes Akkadisch, das mit vielen churritischen und einigen arischen Wörtern und Wendungen durchsetzt war. Literarische Texte fand man leider nur wenige, dafür aber in Alalach Hunderte und in Nuzi Tausende von Urkunden und in kleinerer Zahl Briefe, die, obwohl noch nicht vollständig erschlossen, überaus wichtige Erkenntnisse vermittelt haben. Die Urkunden aus Alalach erweisen schon für die Zeit vor 1700 v. Chr. eine starke churritische Besiedlung neben der kanaanitischen; nach 1500 v. Chr. sind die Namen ganz überwiegend churritisch. Die in ihrer großen Mehrheit leider sehr schwer zu datierenden Urkunden aus Nuzi gehören etwa in die Zeit von 1500 v. Chr. bis 1350 v. Chr. Beide Urkundengruppen erweisen, dass das Mitannireich durch einige Generationen mindestens von den Abhängen des Zagrosgebirges in Kurdistan bis ans Mittelmeer reichte; Babylonien scheint jedoch nie dazu gehört zu haben. Um 1500 v. Chr. regierte es ein König Barattarna, dessen (sonst damals nur bei den Hethitern übliche) Brandbestattung in einer Urkunde erwähnt wird. Einer seiner Vasallen war Idrimi von Mukisch, von dem in seiner Hauptstadt Alalach ein gut ein Meter hohes, recht grob gearbeitetes Sitzbild gefunden wurde. Die nach dreißigjähriger Regierung in einem barbarischen Akkadisch abgefasste Inschrift ist ein überaus interessantes Dokument. Idrimi stammte aus Halab und musste von dort vor seinen Brüdern fliehen und sich sieben Jahre bei nomadisierenden Hapiru-Gruppen in Syrien aufhalten. Er kam dann über See unerwartet in sein Land zurück und nahm es nach einem Ausgleich mit seinem Oberherrn Barattarna in Besitz. Später machte er reiche Beute im hethitischen Grenzgebiet, ohne dort auf Widerstand zu stoßen, und bemühte sich um die Ansiedlung der semitischen Sutû-Nomaden. Sein so wechselhaftes Schicksal war in vielem typisch für eine Zeit, in der viele Kondottieres churritischer, arischer und semitischer Herkunft in den zwischen den Großmächten strittigen Gebieten herumzogen und zeitweilig größere Fürstentümer beherrschen konnten. Das Nebeneinander von oft aus Eindringlingen bestehenden herrschenden Klans, Alteingesessenen und Flüchtlingsgruppen aus Nachbarländern führte in diesen Gebieten zur Bildung sehr zahlreicher sozialer Klassen und Grüppchen, deren sehr unterschiedliche Rechtsverhältnisse wir trotz vieler Urkunden nur unzureichend durchschauen. Kassitischer Ziegelbau
Zikkurrat von Dur-Kurigalzu Kassitischer Ziegelbau, 14./13. Jahrhundert v. Chr. Der große Gegner von Mitanni in Syrien war damals Ägypten, das unter Thutmosis I. um 1510 v. Chr. erstmalig auch auf Nordsyrien Übergriff und unter Thutmosis III. nach 1480 v. Chr. häufig weit nach Norden vorstieß und mit wechselndem Erfolg mit dem Naharina (»Flussband«) genannten Mitanni kämpfte. Leider nennen die Ägypter keinen der Mitannikönige namentlich. Thutmosis III. hatte es aber wohl vor allem mit Sauschschatar (1470-1440 v. Chr.) zu tun, dessen schön geschnittenes Siegel wir im Abdruck kennen, aber leider keine Inschrift. Sein Urenkel berichtet, dass er aus Assur eine Tür mit Goldbeschlägen weggeführt habe, die später »leider« zurückgegeben worden sei. Da die ungewöhnlich großen Häuser reicher Adliger teilweise königlichen Geblüts und die Urkunden in Nuzi auf eine Zeit des Wohlstands im Mitannireich schließen lassen, ist es wohl nicht verfehlt, wenn man in Sauschschatar trotz der so dürftigen Zeugnisse den erfolgreichsten Herrscher von Mitanni vermutet. Ebenso dürftig sind die Nachrichten über seinen Sohn Artatama (1440-1415 v. Chr.) und seinen Enkel Schuttarna II. (1415-1390 v. Chr.). Wir hören von beiden, dass sie mit ihren königlichen »Brüdern« in Ägypten, Thutmosis IV. und Amenophis III., Gesandtschaften austauschten und ihre Töchter erst nach mehrfachen Bitten und entsprechenden Zu-geständnissen in das Frauenhaus des Pharaos sandten. Assur versuchte damals, durch selbständige Verhandlungen mit Babylonien seine Abhängigkeit von Mitanni zu lockern; Assurbelnischeschu baute um 1430 v. Chr. die vorher gewiss geschleifte Stadtmauer von Assur neu, durfte sich aber noch nicht König nennen. Assurnadinachche II. (1403-1393 v. Chr.) wandte sich sogar schon an Ägypten, um das begehrte Gold zu erhalten. Der letzte ganz selbständige König von Mitanni war Tuschratta (1390-1352 v. Chr.), der allerdings nur in der ersten Hälfte seiner Regierung das alte Ansehen seines Reiches aufrechterhalten konnte. Von seiner umfangreichen Korrespondenz mit den Pharaonen Amenophis III. und IV. sind im Archiv von el-Amarna in Ägypten beträchtliche Reste gefunden worden; einer seiner oft sehr langen Briefe war nicht in der akkadischen Diplomatensprache geschrieben, sondern churritisch. Als eine sehr starke Persönlichkeit erscheint Tuschratta, der vom Mörder seines thronberechtigten älteren Bruders noch als Kind auf den Thron gesetzt worden war, in den vom Handel und von Heiratsplänen handelnden Briefen nicht; es verwundert daher nicht, dass er weder den Wiederaufstieg des Hethiterreichs noch die Verselbständigung von Assur in seinen späteren Jahren verhindern konnte. Nach mehreren Niederlagen fiel er schließlich durch Mord. Über die gewiss in vielem bedeutsame Kultur des Mitannireichs wissen wir leider noch ziemlich wenig. Manches können wir nur aus ihren Nachwirkungen im Hethiterreich und in dessen Nachfolgestaaten sowie vor allem in Assyrien erschließen. Dabei gelingt es nur selten, die besondere Leistung der arischen Führungsschicht, die sich früh mit den Churritern zu vermischen begann, zu erkennen. Dass diese den Streitwagen und die Pferdezucht nach Vorderasien brachte, wurde schon erwähnt. Überwiegend durch sie bestimmt war sicher auch die feudale Struktur des Reiches. Der Boden wurde an die Adelsfamilien als unveräußerliches Lehen gegeben. Daher fehlen Urkunden über Grundstücksverkäufe in Nuzi wie in Alalach fast ganz. Nach 1450 wurde das Verbot des Bodenverkaufs in Nuzi aber in zunehmendem Maß durch das Institut der sogenannten Verkaufsadoption umgangen. Dabei »adoptierten« die Verkäufer den Käufer und gaben ihm das Grundstück als seinen Anteil am »Erbe«, erhielten aber ihrerseits Dankgeschenke von entsprechendem Wert. Der reiche Bodenaufkäufer Techiptilla wurde an die zweihundertmal so »adoptiert« und erwarb damit riesige Ländereien, ohne dass die Behörden dagegen einschritten. Noch nicht ganz klar ist, woher er die Mittel für seine »Geschenke« nahm. Sicher gewann er einen großen Teil durch die lukrative Bewirtschaftung seiner Güter; er dürfte sich aber auch im Handel erfolgreich betätigt haben. Notlagen seiner Kontrahenten nutzte er rücksichtslos aus, um sich billige Arbeitskräfte zu beschaffen, so einmal einen Weber gleich für fünfzig Jahre gegen Zahlung eines bescheidenen zinslosen Darlehens an dessen Vater. Gott und Göttin
Berggott und Göttin mit Lebenswasservasen
Kassitisches Backsteinrelief von der Fassade des Inanna-Tempels in Uruk, um 1440 v. Chr. Die Gerichte waren in Nuzi nach babylonischem Vorbild gut organisiert und überwachten die Erfüllung der formal immer korrekt abgeschlossenen Abmachungen. Leider verstehen wir viele der in den Verhandlungen gebrauchten churritischen Fachausdrücke noch nicht. Die sehr zahlreichen Urkunden und Aufzeichnungen aus dem Palast vermitteln eine gute Vorstellung von den sehr mannigfachen Betätigungen der königlichen Verwaltung, der lange ein Prinz Vorstand. Die Ausrüstung und Verpflegung des Heeres, voran der Streitwagentruppe, die Verwaltung der königlichen Güter mit ihren großen Herden und die öffentlichen Bauten erforderten einen großen Stab geschulter und hinlänglich schreibkundiger Beamter sowie die notwendigen Archive. Auf den Gütern selbst war die »Buchführung« einfacher: man verwendete wie in Israel die manchmal noch heute gebräuchlichen unbeschriebenen Rechensteine, die in die für die einzelnen Tiergruppen aufgestellten Tonbehälter für jedes Tier hineingelegt oder bei Abgängen ihnen entnommen wurden. Über die Religion der arischen Adligen wissen wir nur sehr wenig. Aus den Staatsverträgen geht aber hervor, dass zu ihren Göttern auch die indischen Götter Indra, Mitra, der Himmelsgott Varuna und die Nasatjas gehörten. Das Pantheon der Churriter war sehr gestaltenreich und umfasste auch viele babylonische Götter; bei der Behandlung der Religionen des Hethiterreichs wird darüber noch einiges zu sagen sein. Die bisher bekannten Tempel sind monumental, aber von bescheidenen Ausmaßen; ihre Grundrisse sind in Nuzi wie in Alalach durch die (ganz verschiedenen) örtlichen Traditionen bestimmt. Die Paläste sind weitaus größer und waren in einigen Räumen mit Fresko- (Alalach) oder Secco- (Nuzi) Gemälden geschmückt. In Nuzi erscheint neben Ornamentmotiven und dem uralten Stierkopf auch ein der ägyptischen Göttin Hathor nachgebildeter Frauenkopf; er zeigt, wie weit damals der ägyptische Kultureinfluss reichte. Über die Großplastik des Mitannireichs ist noch nichts bekannt. Die Kleinplastik und die Terrakotten erscheinen nicht besonders originell. Dafür erfreute sich die Siegelschneidekunst einer sehr liebevollen Pflege. Das Weiterwirken der babylonischen, assyrischen und syrisch-kleinasiatischen Traditionen ist unverkennbar, die geflügelte Sonnenscheibe wurde aus Ägypten übernommen. Auffällig oft finden sich Kulttänzer, öfter mit Masken. Antithetische Gruppierungen der Figuren, deren Körper gern naturalistisch gezeichnet werden, sind beliebt, ebenso die Wiedergabe von Göttern, Menschen und Tieren in lebendiger Bewegung. Die bemalte Schmuckkeramik verwendet überwiegend die herkömmlichen figürlichen und ornamentalen Motive, zeichnet sich aber durch besondere Feinheit der Zeichnung aus und vor allem dadurch, dass anders als sonst weiß auf schwarzem oder braunem Grund gemalt wird. Diese Maltechnik könnte arischer Herkunft sein.

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Info 20.11.2017 08:46
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