Großmächte und Kleinstaaten Vorderasiens in der Amarnazeit

Während man in der Geschichte Ägyptens als Amarnazeit im Wesentlichen die Regierungszeit des »Ketzerkönigs« Amenophis IV. (Echnaton) bezeichnet, umgreift dieser Begriff in der Geschichte Vorderasiens auch die Zeit Amenophis III. Denn die 1887 v. Chr. und später gefundenen Reste des diplomatischen Archivs von Keilschrifttafeln (bis auf drei in akkadischer Sprache) im Palast Echnatons umfassen Briefe aus den rund fünfzig Jahren von 1400 bis 1350 v. Chr. und sind, obwohl heute nicht mehr die einzige Quelle, immer noch die wichtigste Grundlage für die Rekonstruktion der politischen Geschichte dieser Zeit. In ihr war Ägypten zunächst noch eindeutig die Vormacht des Orients und wurde auch weiterhin als primus inter pares anerkannt. Weitere Großmächte waren Babylonien und Mitanni, die sich vergeblich dem Wiederaufstieg Assyriens und des Hethiterreichs widersetzten. Die vielen Kleinstaaten Syrien-Palästinas waren von den Thutmosiden unterworfen worden oder gehörten zu Mitanni, gewannen aber durch die Gegensätze der Großmächte und den Rückgang der Macht Ägyptens trotz fehlender Souveränität eine immer größere Bewegungsfreiheit vor allem dort, wo geschickte Söldnerführer die Macht an sich reißen konnten. Um die Lage um 1400 v. Chr. verständlich zu machen, müssen wir zuerst einen Blick auf die Geschichte der Nachbarländer von Mitanni vor der Amarnazeit werfen. Der Raubzug der Hethiter nach Babylon 1595 v. Chr. hatte es den Kassiten ermöglicht, sich endgültig in Babylonien festzusetzen, wenn sie auch den Süden des Landes noch für längere Zeit der Meerlanddynastie überlassen mussten. Wie das vor sich ging, wissen wir nicht, und die folgenden Jahrzehnte liegen wegen des Fehlens sicher authentischer Königsinschriften und der schlechten Erhaltung der Königsliste fast ganz im Dunkeln. Nach im Kern gewiss zutreffender jüngerer Überlieferung wurde die von den Hethitern aus Babylon entführte Mardukstatue nach vierundzwanzig Jahren wieder zurückgesandt, vermutlich gegen eine vom Kassitenkönig angebotene Kompensation. Das Interesse der Kassiten an dem Gottesbild ist ein Zeichen dafür, dass ihre Könige sehr schnell lernten, sich auch als Babylonier zu fühlen. 1474 v. Chr. eroberte Ulamburiasch, der Bruder des Königs Kaschtiliasch III., das Meerland, dessen letzter selbständiger König Eagamil nach Elam fortgeführt worden war. Agum III. vereinigte dann wenig später wieder ganz Babylonien in seiner Hand. Daher konnte Karaindasch um 1440 v. Chr. schon mit Ägypten auf gleichem Fuß diplomatisch verkehren und in Uruk einen Tempel errichten, der seinem Grundriss nach nicht in der babylonischen Tradition stand, sondern in der des nördlichen Osttigrislandes. Ganz neuartig, aber etwa gleichzeitig auch in Susa bezeugt, ist der Schmuck der Außenwände mit je fünfzehn Ziegelschichten hohen Backsteinreliefs, die abwechselnd einen Berggott und eine Göttin mit der Lebenswasservase darstellten. Für seine Inschriften wählte er ebenso wie manche seiner Nachfolger wieder die sumerische Sprache, allerdings in sehr wenig klassischer Gestalt, wobei er vermutlich an die Tradition der Meerlanddynastie anknüpfte. Sein zweiter Nachfolger Kurigalzu I. (etwa 1425-1400 v. Chr.) hat uns viele kurze, überwiegend sumerische Bauinschriften vor allem aus Ur und Uruk sowie aus der von nun an Dur-Kurigalzu genannten Residenz einiger Kassitenkönige westlich von Bagdad hinterlassen, wo er eine umfangreiche Bautätigkeit entfaltete; der noch heute verhältnismäßig hoch anstehende Tempel Edublalmach in Ur gehört zu den schönsten babylonischen Kultbauten. Sein Herrschaftsbereich umfasste außer Babylonien gewiss auch das südliche Mesopotamien; denn seine Gesandten konnten ebenso wie die seiner Nachfolger Kadaschmanellil I. (1400-1380 v. Chr.) und Burnaburiasch III. (1380-1352 v. Chr.), die vor allem in Nippur bauten, die syrische Provinz Ägyptens erreichen, ohne fremdes Gebiet zu berühren. Eine expansive Außenpolitik betrieb, soweit wir sehen können, keiner dieser Könige. Während Ägypten, Mitanni und Babylonien im Wesentlichen auf die Wahrung des für sie günstigen Status quo bedacht waren, mussten Assyrer und Hethiter ihre Gleichberechtigung erst erkämpfen. Für Assur waren militärische Aktionen aussichtslos, solange das Mitannireich noch intakt war; für die nicht zwischen zwei Reichen eingeklemmten Hethiter war die Lage günstiger. Nach dem Tode des Telepinus um 1500 v. Chr. war ihr Reich zu einem bedeutungslosen anatolischen Kleinstaat geworden. Der einzige Sieg, den eine jüngere Überlieferung verzeichnen konnte, war die Eroberung von Halab durch einen Tudhalijas, der dabei vermutlich die vorübergehende Schwächung von Mitanni durch einen Krieg mit Ägypten ausnutzte. Wahrscheinlich hatte Tudhalijas II. um 1450 v. Chr. im Bunde mit Thutmosis III. diesen Erfolg; vielleicht ist er aber auch erst Tudhalijas III., der um 1400 v. Chr. Hatti erneut einigte, zuzuschreiben. Eine schwere Krise gegen Ende der Regierung Tudhalijas’ III. die durch Aktionen Mitannis im Bunde mit anderen Nachbarstaaten ausgelöst wurde, konnte erst sein Sohn Suppiluliumas (etwa 1385-1345 v. Chr.) meistern. Nach anfänglichen Misserfolgen wurde er der eigentliche Begründer des jüngeren Hattireichs und dessen bedeutendster Herrscher. Er gehört bereits in die Amarnazeit. Neben den bisher genannten größeren Staaten stand nun um 1400 v. Chr. eine Fülle von selbständigen oder abhängigen Kleinstaaten. Keinen erkennbaren Einfluss auf die große Politik hatten Iran, Kaukasien und andere von den damaligen Machtzentren weit entfernte Gebiete. Die in den hethitischen Texten von Mitanni unterschiedenen Churriländer Ostkleinasiens hingegen und das nördlich an diese anschließende Azzi/Hajasa hatten in der Auseinandersetzung zwischen Mitanni und Hatti sicher ein beträchtliches Gewicht; wir hören, dass etliche dieser Gebiete nicht von Fürsten, sondern von Adelsgruppen regiert wurden. Wesentlich besser, obschon durchaus bruchstückhaft unterrichtet sind wir durch die Archive von Amarna, Alalach, Ugarit und das wesentlich kleinere von Qatna über die Kleinstaaten Syrien-Palästinas. Bis etwa 1700 v. Chr. waren in ihnen kanaanitische Semiten offenbar das beherrschende Element. Dann setzte immer stärker der Druck der Churriter ein und führte zunächst zum Ausweichen größerer Gruppen der Semiten nach Ägypten in Gestalt der sogenannten Hyksosinvasion um 1650 v. Chr. Im weiteren Verlauf kamen Churriter, teilweise wieder unter Führung arischer Adliger, bis nach Südpalästina und übernahmen die Herrschaft in den alten Stadtstaaten oder gründeten auch neue. In der vorläufig nur unzureichend bekannten Kultur der Städte kamen kanaanitische wie churritische Elemente zur Geltung, nicht zuletzt aber auch sehr wesentliche Einflüsse Ägyptens und in manchen Bereichen auch Babyloniens und Kretas. Im Raum dieser Mischkultur bereitete sich seit etwa 1700 v. Chr. eine der bedeutsamsten Leistungen der Menschheit vor, nämlich der Übergang von den gemischten Wort-Silben-Schriften der Ägypter, Babylonier und Kreter zur Buchstabenschrift. Zunächst erscheint wieder die alte Hafenstadt Gubla/Byblos führend. Hier schrieb man um 1700 v. Chr. auf Bronze und Stein die sogenannte gublitische Schrift mit über hundert meist noch bildhaften Silbenzeichen. Edouard Dhorme hat unter der Annahme, dass mit der Schrift die phönikische Sprache geschrieben wurde, die Entzifferung der wenigen Inschriften versucht; erst neue Funde können zeigen, ob seine Deutung zutrifft. Um 1500 v. Chr. schrieb man in den Bergwerken des Sinai und in Palästina ähnliche Schriften, die noch viel schlechter bezeugt und daher noch nicht deutbar sind. Vermutlich durch Vereinfachung der gublitischen Schrift entstand wohl nach 1400 v. Chr. die phönikische Konsonantenschrift und etwa gleichzeitig das Keilschriftalphabet von Ugarit, dessen dreißig Zeichen teilweise dieselben Grundformen haben; in ihm wurde neben churritischen und einigen akkadischen Texten das noch zu besprechende ugaritische Schrifttum geschrieben. Merkwürdigerweise blieben die Ägypter wie die Babylonier und Hethiter trotzdem bei ihren alten Schriftsystemen mit den Hunderten von Zeichen. Daher musste man auch in Syrien-Palästina den Schriftverkehr nach außen in babylonischer Keilschrift und in einem stark kanaanäisierten Babylonisch abwickeln, schrieb in Ugarit und Qatna aber auch sonst sehr viel in babylonischer Sprache. Das Archiv von Amarna enthält außer einigen Archivkopien von Schreiben des Pharaos an seine »Brüder« oder seine Untergebenen Briefe, die an den ägyptischen Hof gerichtet sind. Nur knapp ein Zehntel stammt von den gleichgestellten Königen, zu denen zeitweise auch der von Cypern (damals Alaschia) gehörte. Dieser lieferte Kupfer an Ägypten und erbat dafür Gold und Silber. Das Betteln um Gold steht neben den Verhandlungen über Heiratsfragen auch im Mittelpunkt der Briefe Tuschrattas von Mitanni und derer aus Babylon. Die Art, wie gebettelt wird, zeigt oft sehr wenig Gefühl für königliche Würde, und es kann daher nicht verwundern, wenn die hochmütigen Ägypter manchmal nur minderwertige Goldlegierungen schickten oder die babylonischen Gesandten wenig achtungsvoll behandelten. Als Gegenleistung für das Gold bot man den Ägyptern Pferde und Streitwagen sowie Lapislazuli und andere wertvolle Steine an; außerdem tauschte man Erzeugnisse des Kunsthandwerks aus. Tuschratta schreibt einmal übertreibend, er würde seinem »Bruder« jeden Wunsch zehnfach erfüllen, denn »dieses Land ist das Land meines Bruders«. Um ernstere politische Fragen ging es, wenn sich Burnaburiasch darüber beschwert, dass Ägypten mit den Assyrern, die er als seine Untertanen reklamiert, direkt verhandelt oder sich unter Echnaton als unfähig erweist, den babylonischen Gesandtschaften den nötigen Schutz gegen die Aufständischen in Palästina zu garantieren. Der durch die expansive Politik Suppiluliumas’ von Hatti gefährdete König von Cypern warnt wiederum die Ägypter, gewiss vergeblich, vor der Anknüpfung von Beziehungen mit den Hethitern. Viel mehr um Politik und um die sich mehrenden Kleinkriege geht es in den vielen Briefen der Fürsten Syriens und Palästinas. Der schreibfreudigste unter ihnen ist Ribaddi von Gubla, von dem über sechzig Briefe an den Pharao oder seine Minister bekannt sind. Da er wegen des gewinnbringenden Ägyptenhandels treu zu seinem Oberherrn hielt, war er dauernd Schikanen der Aufständischen ausgesetzt und hatte viel Anlass, sich über die »Hunde« zu beschweren und ägyptische Truppen zu seinem Schutz anzufordern, offenbar nur selten mit Erfolg. Ebenso wie Ribaddi wirft sich in den Briefen aber auch sein Hauptgegner Abdaschirta von Amurru »siebenmal und siebenmal« vor dem Pharao nieder, obwohl er die Ergebenheit offenbar nur heuchelt. Denn er versteht es, sein ursprünglich sehr kleines Gebiet auf Kosten seiner Nachbarn immer mehr zu vergrößern, und vermisst sich sogar, allerdings vergeblich, Gubla zu belagern. Er befindet sich dabei im Bunde mit den gefürchteten Hapiru, Banden heimatloser Söldner, die man in den Städten doch als Bürger dritter Ordnung behandelte und die daher kein Interesse an stabilen Verhältnissen hatten; die früher übliche Identifizierung mit den Hebräern des Alten Testaments lässt sich nicht mehr aufrechterhalten. Abdaschirta fallt durch Mord, aber sein Sohn Aziru vergrößert das Gebiet noch und baut es zu dem Staat Amurru aus, der nach Bedarf einmal zu Ägypten und einmal zu den Hethitern hält. Waren diese beiden Kanaaniter, so waren der in ähnlicher Weise agierende Etakkama von Kadesch und sein Bruder Birjawaza arische Adlige. Im südlichen Kanaan (damals Kinachchi oder Kinachna, »Purpurland«) spielte Labaja eine verwandte Rolle. Die Mehrzahl der aus späterer Zeit bekannten Küstenstädte begegnet in den Briefen, darunter Ugarit, Arwad, Beruta, Sidon, Tyros (Ssurru), Joppe, Askalon und Gaza, aber erstmalig auch Jerusalem (Urusalim), dessen Fürst Abdichepa ebenfalls eine umstrittene Persönlichkeit war. Von Israeliten in Palästina wissen diese Briefe aber noch nichts. Die kanaanitische Muttersprache der meisten Fürsten oder ihrer Schreiber kommt in zahlreichen kanaanitischen Glossen zum Ausdruck, die auch geläufigen akkadischen Wörtern beigefügt werden; ägyptische und churritische Wörter begegnen aber ebenfalls öfter. Das Ende der Amarnazeit wird herbeigeführt einmal durch den gänzlichen Zusammenbruch der ägyptischen Herrschaft in Syrien und großen Teilen Palästinas gegen Ende der Regierung Echnatons, zum anderen durch die weitgehende Ausschaltung des Mitannireichs durch die Hethiter und die Assyrer und die ersten Vorstöße neuer Semitengruppen aus Arabien, die später Aramäer genannt wurden. Eine radikale Änderung der Verhältnisse in Syrien-Palästina trat dadurch allerdings nicht ein.

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Info 24.11.2017 14:16
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