Das Hethiterreich und seine Kultur

Unsere Quellen für die Geschichte des jüngeren Hethiterreichs (1400-1200 v. Chr.) sind auf der einen Seite recht mannigfaltig und damit ergiebig, für manches, darunter auch die Chronologie und mehr noch die Geographie, aber auch besondere unzureichend, so dass wichtige Fragen offenbleiben müssen. Neben die große Menge der hethitischen und akkadischen Keilschrifttexte, mit ganz wenigen Ausnahmen aus dem Archiv von Hattusas stammend, treten nunmehr luvische Texte in der hethitischen Hieroglyphenschrift, deren Entzifferung nach mancherlei Irrwegen jetzt im wesentlichen gelungen ist, obwohl die so wichtigen bildhethitisch-phönikischen Bilinguen von Karatepe (um 725 v. Chr.) immer noch nicht vollständig veröffentlicht wurden. Wann diese gewiss von den ägyptischen Hieroglyphen beeinflusste, gemischte Silben- und Wortschrift eingeführt wurde, ist noch umstritten. Einzelne Zeichen erscheinen schon vor 2000 v. Chr. als Symbole, und auf Stempelsiegeln der Zeit um 1800 v. Chr. finden sich kleine Gruppen von Bildzeichen, die man als Schrift deuten könnte. Ein sicheres Zeugnis ist ein Siegel aus Kizwatna (um 1500 v. Chr.), das ebenso wie die Staatssiegel der hethitischen Großkönige Namen und Titel des Fürsten in Hieroglyphen und in Keilschrift schreibt. Die geringe Zahl der bildhethitischen Inschriften aus der Großreichszeit vor 1200 v. Chr. hat zu der Vermutung geführt, dass diese Schrift damals vorzugsweise auf vergänglichem Material wie Holz geschrieben wurde. Die große Masse der erhaltenen Inschriften stammt aus den Nachfolgestaaten des Hethiterreichs. Ob der Begründer des Großreichs, Suppiluliumas, selbst ausführlich über seine Taten berichtet hat, ist noch unbekannt. Wir wissen einiges über ihn aus den Staatsverträgen und dem leider schlecht erhaltenen, sehr ausführlichen Bericht, den sein Sohn Mursilis II. über »die Taten« seines Vaters abfassen ließ. Dieser Bericht beginnt bereits mit der Zeit des Tudhalijas III. und betont, dass Suppiluliumas schon als Prinz erfolgreiche Feldzüge gegen die Nachbarländer, vor allem Azzi im Nordosten, die Kaskäer in Pontus und die Arzawaländer im Südwesten, geführt habe. Später versuchte er, Azzi dadurch in Ruhe zu halten, dass er dem Fürsten Hukkanas seine Schwester zur Frau gab und mit ihm einen Vertrag schloss, der ihn zu loyalem Verhalten gegen Hatti verpflichtete. Dazu gehörten militärische Hilfe, wenn notwendig, und die Auslieferung politischer Flüchtlinge. Eine große Zahl von Göttern verschiedener Völker wurde als Eidhelfer namhaft gemacht. Zum Hauptgegner ist später aber Tuschratta von Mitanni geworden. Da Suppiluliumas ihm allein zunächst noch nicht gewachsen war, verbündete er sich mit Artatama, dem Fürsten des armenischen Churri, und konnte so Mitanni zuerst seine syrischen Besitzungen abnehmen und später sogar die Hauptstadt Wassukkanni erobern. Als Vizekönige setzte er seine Söhne Pijassilis in Karkemisch und Telepinus in Halab ein. Da nun der Zusammenbruch Mitannis nach der Ermordung Tuschrattas sehr bald das befreite Assur zu einer neuen Gefahr werden ließ, hielt er es für zweckmäßig, einen verkleinerten Mitannistaat unter Tuschrattas Sohn Mattiwaza neu zu begründen. Den akkadischen Vertrag, der die Pflichten Mattiwazas nach einer ausführlichen historischen Einleitung genau festlegt, aber auch Verpflichtungen des Großkönigs einschließt, haben wir in zwei Fassungen erhalten. Später breitete Suppiluliumas seine Macht in Kleinasien und im südlichen Syrien weiter aus und setzte auch dort Vasallenfürsten ein. Sein gewaltiger Machtzuwachs brachte die Witwe des früh verstorbenen Pharaos Tutanchamun auf den eigenartigen Gedanken, einen Hethiterprinzen als Gemahl zu erbitten. Suppiluliumas schickte den Prinzen erst, als er sich vergewissert hatte, dass die Bitte ernst gemeint sei. Inzwischen war aber die Opposition gegen den Plan in Ägypten so stark geworden, dass sie den Prinzen noch vor seiner Ankunft ermorden lassen konnte. Nach einer kurzen Zwischenregierung folgte Suppiluliumas jüngerer Sohn Mursilis II. (1343-1315 v. Chr.), der uns sehr ausführliche Annalen hinterlassen hat. Er führte viele Kriege, vor allem in Kleinasien gegen die Arzawaländer im Südwesten und gegen Azzi und die Kaskäer. In Syrien konnte er einen Aufstand unterdrücken und die Grenze gegen Ägypten südlich von Kadesch wiederherstellen. Auch er schloss zahlreiche Verträge mit den Vasallenfürsten, von denen mehrere teilweise erhalten sind. An der Westküste Kleinasiens erscheint unter seinen Gegnern auch ein Land Ahhijawa, dessen Namen man wohl mit Recht mit Achaia gleichsetzt, obwohl vorläufig nichts dafür spricht, dass dieses noch nicht genau lokalisierbare Land über die ägäischen Inseln hinaus auch auf Griechenland Übergriff. Ein besonders wertvolles Dokument sind die Gebete, die Mursilis an die Götter richtete, als das Land durch die Pest schwer mitgenommen wurde. Sie führen die Katastrophen auf menschliche Schuld zurück, freilich ganz überwiegend auf die des Vaters und eines früh umgekommenen Bruders. Der Vater habe Verträge gebrochen und ein zu Ägypten gehöriges Land in Syrien überfallen; die von dort eingebrachten Gefangenen hätten die Pest eingeschleppt. Er sagt: »Ihr Götter, meine Herren: es liegt so, man sündigt oft. Auch mein Vater sündigte und übertrat den Befehl des Wettergottes von Hatti; ich habe aber in nichts gesündigt. Aber die Sünde des Vaters kommt über den Sohn, und so habe ich sie jetzt den Göttern gestanden: es ist so, wir haben es getan.« Er bittet dann um Befreiung von der Seuche und verspricht dafür Opfer. Bei der Feststellung der Ursachen des göttlichen Zorns wandte man sich an die Orakel und prüfte die Träume. In einem anderen Text berichtet der König, dass er nach einem schweren Gewitter eine Sprachstörung hatte. Das Orakel sagte, der Wettergott von Manuzzija habe die Krankheit geschickt. Ein Ersatzopfer-Rind, Wagen und Pferde mussten dem Gott geopfert werden, um ihn zu versöhnen. Hethiter
Hethiterreich um 1300 v. Chr. Sehr viel weniger wissen wir über die Regierungszeit des Muwatallis (um 1315-1293 v. Chr.). Einige Verträge zeugen von den üblichen Kämpfen in Kleinasien; der Vertrag mit Sunaschschura von Kizwatna ist besonders gut erhalten. Mehrfach musste er nach Syrien ziehen, weil Ägypten seit Sethos I. dort wieder im Angriff war. Die Auseinandersetzung verschärfte sich, als Ramses II. sich zur Wiedereroberung von Nordsyrien anschickte, aber in seinem fünften Jahr von Muwatallis bei Kadesch empfindlich geschlagen wurde, wenn es auch nicht gerade zu einer Katastrophe kam. Ramses schrieb sich natürlich den Sieg zu, musste sich aber nach Galiläa zurückziehen. Unter Muwatallis* Sohn Urhiteschup (1293-1286 v. Chr.) lähmten innere Unruhen das Reich; denn sein Onkel Hattusilis III. (um 1286-1260 v. Chr.) agitierte systematisch gegen ihn. Als Urhiteschup den Machtbereich seines Onkels im Osten des Reiches beschnitt, empörte sich Hattusilis, setzte seinen Neffen, der im Reich nicht viel Gefolgschaft fand, ab und verbannte ihn auf eine Insel. Er berichtete davon in einer großen Rechtfertigungsschrift, in der er alles auf seine Berufung durch die Göttin Ischtar von Samuha zurückführte. Er sei als kränklicher Knabe ihrem Dienst übergeben worden, und sie habe ihn dann trotz mehrfacher Rückschläge immer wieder gegen die Intrigen seiner Gegner schon während der Regierungszeit seines Bruders Muwatallis beschützt. Offensichtlich ist dieser Bericht, der sich so moralisch gibt, alles andere als zuverlässig, sondern höchst subjektiv gefärbt. Dennoch war Hattusilis ein kluger und erfolgreicher Herrscher. Die Auseinandersetzung mit Ägypten beendete er 1283 v. Chr. durch den Abschluss eines Friedensvertrages mit Ramses II., dessen akkadischer und ägyptischer Text teilweise erhalten ist. Beide Teile einigten sich auf die Anerkennung des Status quo in Syrien und beschworen Bruderschaft untereinander. Später schickte Hattusilis dem Ramses eine Prinzessin als Gemahlin. Auf diplomatischem Wege durch Vereinbarungen mit Babylonien versuchte Hattusilis auch, das bedrohliche Anwachsen der Macht Assyriens einzudämmen, wahrscheinlich vorübergehend mit Erfolg. Ein sehr ausführlicher akkadischer Brief an den Kassitenkönig Kadaschmanellil II. ist größtenteils erhalten. Ein assyrischer Brief an Salmanassar I. von Assur ist wesentlich unfreundlicher gehalten. Tudhalijas IV. (1260-1230 v. Chr.) hat die Großmachtstellung von Hatti im Wesentlichen noch zu wahren gewusst, wenn er auch nach einer Schlappe Assyrien gegenüber defensiv und vor allem mit handelspolitischen Maßnahmen operieren musste. Das Verhältnis zu Ägypten blieb gut und Nordsyrien in seiner Hand. Aktiver war er im Westen, wo das Vordringen neuer Volksgruppen von Thrakien her, die man nach der ägyptischen Bezeichnung Seevölker zu nennen pflegt, auch für Hatti gefährlich wurde. Wieder steht Ahhijawa auf der Seite der Feinde der Hethiter. Tudhalijas kämpfte außer mit Arzawa besonders mit dem nordwestlichen Küstenland Assuwa, der späteren römischen Provinz Asia, die dann dem ganzen Erdteil den Namen gab. Er konnte dadurch zunächst die Gefahren noch bannen und die Angreifer auf die Inseln abdrängen. Unter Arnuwandas III. (1230-1210 v. Chr.) verschlechterte sich die Lage zusehends. Ein bezeichnendes Dokument dafür ist die Anklageschrift wegen Hochverrats gegen Madduwattas von Zippaslä, den Tudhalijas nach dessen Flucht vor Attarsijas von Ahhijawa in seinem Land wieder eingesetzt hatte, der später aber in einer hattifeindlichen Koalition in Westkleinasien, an der sogar Zypern beteiligt war, eine maßgebliche Rolle spielte. Arnuwandas konnte sich anscheinend Madduwattas gegenüber nicht mehr durchsetzen. Nach ihm haben noch drei Könige wahrscheinlich sehr kurz regiert, über die nur sehr wenig bekannt ist. Bald nach 1200 v. Chr. muss dann die Katastrophe über die Hauptstadt Hattusas und das Kerngebiet des Reiches hereingebrochen sein, über deren Verlauf uns keine Quelle berichtet. Wir wissen nicht einmal, welches Volk das Hethiterreich vernichtete. Die später in Anatolien ansässigen Phryger scheinen es nicht gewesen zu sein. Eine ägyptische Quelle berichtet nur kurz, dass die Seevölker Hatti, Arzawa, Zypern und Karkemisch vernichteten und dann auch auf dem Landweg Ägypten angriffen, das sich ihrer mit Mühe erwehren konnte. Damals wurden die Philister nach Palästina abgedrängt. Trotzdem müssen sich Teile der hethitisch-churritischen Bevölkerung haben retten können. Denn in Südostkleinasien und Nordsyrien entstanden Reststaaten des Reichs, in denen die hethitische Kultur lebendig blieb. Vor allem wurde in ihnen noch fünfhundert Jahre lang das Luvische in bildhethitischer Schrift geschrieben, während die hethitischen Keilschrifttexte ganz aufhören. Das wichtigste Zentrum war zunächst Malaria am oberen Euphrat; später lief ihm wohl Karkemisch den Rang ab. Allerdings machte nach 1000 v. Chr. die Aramäisierung des früher hethitischen Nordsyriens, das die Assyrer nun Chatti nennen, rasche Fortschritte; ihr Einfluss auf die Kultur blieb aber noch lange sehr gering. In seiner politischen Struktur war das jüngere Hethiterreich stärker als das ältere durch die orientalischen Nachbarländer beeinflusst. Der König regierte jetzt ziemlich absolut, wobei die Erbfolgeordnung des Telepinus anscheinend noch als verbindlich galt. In seiner Titulatur kommen zu den alten Titeln Tabarna und Großkönig die Titel Held, Liebling des Gottes X und vor allem »Meine Sonne«. Dieser Titel ist ebenso wie die zum König gehörige geflügelte Sonnenscheibe aus Ägypten entlehnt, kennzeichnet aber bei den Hethitern den lebenden König nicht als Gott. Erst bei seinem Tode »wird er Gott«; vor seiner Statue wird dann geopfert. Das sehr komplizierte Hofzeremoniell dient vor allem dazu, das gewöhnliche Volk und alles Unreine vom König fernzuhalten. Er hat daher eine Leibwache, und für die Herstellung seiner Kleidung und die Bereitung seines Essens gelten besondere Vorschriften; die Küche wird darauf monatlich neu verpflichtet. Mehrfach nehmen die Könige besondere Thronnamen an. Die kultischen Verpflichtungen der Könige haben solche Ausmaße, dass neben ihnen eigentlich nur wenig Zeit für die Regierung bleibt. Bei längeren Kriegszügen mussten sie sich aber davon frei machen. Die Aufgabe, den Göttern Tempel zu errichten, hatte der König ebenso wie sonst in Vorderasien. Merkwürdigerweise berichtet er aber fast nie über seine Bautätigkeit, wie ja der Stil und der Aufbau der hethitischen Königsinschriften auch sonst sehr stark von dem des Zweistromlandes abweichen, nicht zuletzt dadurch, dass Misserfolge öfter zugegeben und als göttliche Strafgerichte gedeutet werden. Die besonders herausgehobene Stellung der Tawananna, der Königin, die schon im älteren Reich zu beobachten war, wird nun noch viel ausgeprägter. Ihr Amt vererbt sich unabhängig von dem des Königs, der neben ihr noch Nebenfrauen haben konnte; sie behielt es auch nach dem Tode des Königs, wenn sie ihn überlebte, so dass die junge Königin zunächst noch nicht Tawananna wurde. Die Könige Suppiluliumas und Hattusilis III. verwendeten zumeist Staatssiegel, auf denen ihre Namen und die der Tawananna standen. Noch auffälliger ist, dass die Staatsschreiben fremder Könige in einem zweiten Exemplar an die Tawananna gehen mussten. Sie hatte offenbar ein eigenes Staatssekretariat, durch das sie auch auf die äußere Politik Einfluss nahm. Besonders stark war der Einfluss der Puduchepa unter Hattusilis III., die die Tochter eines Priesterfürsten war. Die Opfer nach dem Tode standen auch der Tawananna zu. Der Kronprinz und andere Prinzen erhielten frühzeitig verantwortliche Aufgaben in der Verwaltung und bei der Führung von Feldzügen, vor allem auf Nebenschauplätzen. Es konnte nicht ausbleiben, dass sie die dadurch erworbene Machtstellung bisweilen gegen den König missbrauchten. Der oberste Feldherr war der König selbst, der, solange er gesund war, auch selbst die Mehrzahl der militärischen Unternehmungen anführte. Soweit das Gelände es zuließ, wurde dabei die von den Mitanni übernommene Streitwagenwaffe ausgiebig eingesetzt. Für die dafür notwendige Pferdezucht ließ man sich von Kikkuli aus Mitanni ein hethitisches Lehrbuch schreiben. Die Wagenkämpfer rekrutierten sich vor allem aus dem Adel und aus »freien« Städten mit Sonderstatut. In der Schlacht von Kadesch sollen die Hethiter etwa siebzehntausend Mann Infanterie und dreitausendfünfhundert Wagen eingesetzt haben, wobei sie ihren Erfolg übrigens auch einer den Aufmarsch sehr geschickt verschleiernden Strategie verdankten. Die Kriegführung war nicht so brutal wie die der Assyrer, das Niederbrennen von Ortschaften und Verschleppungen großer Bevölkerungsteile waren aber häufig. Das Ziel der Kriege war den kleineren Staaten gegenüber selten deren völlige Einverleibung. Meistens ging es darum, sie zu Vasallenstaaten zu machen, wobei Verträge die beiderseitigen Rechte und Pflichten genau festlegten. Auch mit den größeren Staaten, die man als gleichberechtigt anerkennen musste, wurden nach Möglichkeit Verträge abgeschlossen, die klare Rechtsverhältnisse schaffen sollten. In ihnen wurde darauf Bedacht genommen, dass Rechte und Pflichten beider Seiten paritätisch ausgewogen waren. Der hethitisch-ägyptische Vertrag von 1283 v. Chr. ging besonders weit und sah neben dem Verzicht auf Angriffe »für immer« sogar die Pflicht zu gegenseitiger Hilfeleistung bei Angriffen Dritter oder Aufständen vor, wenn solche ausdrücklich angefordert wurde. Politische Flüchtlinge sollten ausgeliefert werden. Die Verträge mit einigen Nachbarstaaten erkannten diesen zwar keine volle Selbständigkeit in der Außenpolitik zu, forderten aber auch nur einen Teil der Pflichten, die den Vasallen auferlegt wurden. Die Fürsten dieser Staaten erhielten dadurch einen besonderen Status im Verhältnis zu Hatti. Die eigentlichen Vasallen galten als Lehensleute, die im Falle der Nichterfüllung ihrer Pflichten, darunter vor allem auch der Tributzahlung an König und Königin, abgesetzt und durch andere ersetzt werden konnten. Hethitische Garnisonen im Lande sorgten für die Durchführung der Verträge, solange nicht veränderte Machtverhältnisse sie gegenstandslos machten. Ungetreue Vasallen wurden in der Regel verbannt oder unter Hausarrest gestellt, hatten aber ihr Leben nicht verwirkt. Der Staatsaufbau war auch im jüngeren Reich föderalistisch, so gewiss auf die Stärkung der Zentralmacht Bedacht genommen wurde. Dementsprechend waren die Vasallen wie die als Kleinkönige eingesetzten hethitischen Prinzen in ihrer inneren Verwaltung weitgehend autonom. Das jüngere Reich befand sich im Übergang vom reinen Feudalstaat zum Beamtenstaat. Der Adel hatte nach wie vor viele Vorrechte, die allerdings mit einer besonderen Treuepflicht dem König gegenüber gekoppelt waren. Nur der Priesterstand hatte ähnliche Rechte. Die Bauern und Handwerker auf den Dörfern waren nur Halbfreie, ebenso die Klasse der Deportierten, aus der man in den Handwerkerstand aufsteigen konnte. Aus dem Adelsstand stammten gewiss die Statthalter in den Grenzgebieten, die es neben den Kleinkönigen gab und die wie der König auch eine Fülle von kultischen Pflichten hatten. Ihre zivilen und militärischen Befugnisse waren umfassend. Für verschiedene Gruppen von Beamten sind Instruktionen überliefert, auf deren Beobachtung sie vereidigt wurden. Formal waren diese den Vasallenverträgen nachgebildet. Höheren Offizieren wurden neben den kultischen Funktionen auch richterliche Aufgaben übertragen. Eine besondere Klasse waren die Verwalter der königlichen Magazine, in denen Korn und Geräte aufbewahrt wurden. Die überwiegend in Naturalien geleisteten Steuern wurden wohl direkt an die Magazine abgeliefert. Ackerbau und Viehzucht standen ja neben dem Handwerk in Kleinasien viel mehr im Mittelpunkt der ganzen Wirtschaft als etwa in Babylonien und Syrien, weil der Durchgangshandel anscheinend Anatolien meist umging. Unter den Handwerkern waren die Schmiede besonders angesehen, die im jüngeren Reich zunehmend neben dem Kupfer auch Eisen verarbeiteten. Aus Eisen wurden auch Schmuckgegenstände, Statuetten und sogar gelegentlich Schrifttafeln hergestellt; es blieb aber wegen der Verhüttungsschwierigkeiten noch kostbar. Die Maßsysteme stammten überwiegend aus Mesopotamien, obwohl die Unterteilungen der Hauptmaße teilweise andere waren, weil man das Sexagesimalsystem nicht übernommen hatte. Das Nebeneinander mehrerer Völker und Volksgruppen ganz verschiedener Herkunft im Hethiterreich findet vielleicht seinen sinnfälligsten Ausdruck im Bereich der Religion. Man kann nicht von einer hethitischen Religion so sprechen wie etwa von der babylonischen. Denn in dieser sind die Elemente verschiedener Herkunft trotz unausgeglichener Widersprüche zu einer Einheit verschmolzen, bei den Hethitern aber nicht. Sie ließen die verschiedenen Kulte nebeneinander bestehen und waren sogar bereit, immer noch neue dazuzunehmen. Zu einem synkretistischen Ausgleich finden sich nur ganz schwache Ansätze. Man sprach von den »tausend Göttern«, von »allen Wettergöttern, allen Chepats« und deutete damit an, dass hier nicht etwa ein Gott mehrere Kultstätten hatte wie der Adad der Semiten, sondern dass es mehrere Wettergötter gab, die durchaus nicht in allem wesensgleich waren. Da uns nur wenige Mythen überliefert sind und die kleine Zahl der Gebete auch nicht viel Charakteristisches über die einzelnen Götter aussagt, bleibt die große Masse der Namen für uns ganz farblos. Weil für Wetter-, Sonnen- und Mondgott, die Ischtar-Gestalten und noch andere ganz überwiegend babylonische und bildhethitische Wortzeichen verwendet werden, kennen wir gerade bei mehreren Hauptgöttern noch nicht einmal die hethitischen Namen. In die Religion außerhalb der Staatskulte geben die Texte nur einen unzureichenden Einblick. Die eigentlichen Staatsgötter waren vorwiegend von den Protohattiern übernommen worden. Unter ihnen steht an erster Stelle die »Sonnengöttin von Arinna« (in Ostanatolien), deren hethitischer Name unbekannt ist. Sie »leitet im Hatti-Lande Königtum und Königinnentum«: vor ihr muss der König Rechenschaft ablegen, vor ihr die Staatsverträge deponieren, von ihr Hilfe in Krieg und Frieden erbitten und ihr opfern. Als Gatten wie als Söhne hatte sie Wettergötter, die auch oft angerufen werden. Ein anderer protohattischer Gott ist der Fruchtbarkeitsgott Telepinus, dessen Namen auch ein König trug. Altkleinasiatisch sind auch die meisten luvischen Götter, darunter der Mondgott Annas, der Hirschgott Rundas und der Wettergott Dattas. Aus Kanesch stammen Götter mit hethitischen Namen wie die Nachtgöttin Ispanz und die Korngöttin Halkis. Weitaus bedeutsamer ist die Stellung der Hauptgötter der Churriter, vor allem des Wettergottes Teschup, des Göttervaters Kumarpi, der Chepat, Sauschka und Kubaba und mancher anderer; sie wurden auch im Mitannireich und in manchen syrischen Kleinstaaten wie Alalach und Ugarit verehrt. Merkwürdigerweise steht neben der Sonnengöttin von Arinna ein Sonnengott Istanus, der wohl die eigentliche Gestirngottheit war und als Sonne des Himmels und Sonne der Unterwelt angerufen wurde. Übernommen wurden schließlich auch eine Anzahl babylonischer Götter und die Ischtar von Ninive. Die erhaltenen Mythen sind sicher oder doch wahrscheinlich churritischen Ursprungs und zeichnen die Götter demgemäß sehr menschlich und nicht selten abstoßend. In einem Mythus besiegt der Drache Illujankas den Wettergott von Nerik; erst als die Göttin Inaras sich den Menschen Hupasijas als Buhlen und Helfer geholt hatte, konnte der Drache überlistet und getötet werden; der Mensch wurde später aber auch umgebracht. Eine jüngere Fassung dieses Mythus schaltet den menschlichen Helfer aus und stellt das Verhalten der Götter weniger krass dar. Mehrere Varianten hatte auch der unvollständig erhaltene Mythus vom Verschwinden des Telepinus, das das Aufhören jeglicher Fruchtbarkeit im Himmel und auf Erden bewirkte; den Grund für sein erzürntes Weggehen erfahren wir nicht. Eine Fassung spricht von einer Sünde seines Vaters. Die verzweifelten Götter schicken zuerst vergeblich einen Adler aus, den Telepinus zu suchen, dann seinen Vater. Nach einer andern Fassung senden sie auf den Rat einer Göttin eine Biene, die ihn findet und sticht, worauf mit magischen Mitteln seine Rückkehr bewirkt wird. Die Götter dieser Mythen sind weder ethisch hochstehende Gestalten, noch bestimmt sie die Sorge um eine höhere Ordnung. Wahrscheinlich verstehen wir aber den Sinn der als Festperikopen überlieferten Mythen nur unzureichend. In der hethitisch-churritischen Variante des Mythus von den Göttergenerationen, die gewissermaßen die Brücke zwischen den mesopotamischen und den griechischen Fassungen (Kronos-Mythus) bildete, entthronten und entmannten dreimal die Söhne ihre Väter. In einem andern Mythus will der Gott Kumarpi sich an seinem Sohn Teschup rächen, indem er durch Vereinigung mit einem Felsen das Steinungeheuer Ullikummi zeugt, das Teschup erst nach einem langen Kampf überwältigen kann. Das Gottesbild in den Gebeten ist aber weithin ganz anders. Schon in einigen der besprochenen Königsinschriften des älteren und des jüngeren Reichs, deutlicher in den Pestgebeten von Mursilis II. wachen die Götter über das sittliche Verhalten der Menschen und ziehen auch die Könige zur Rechenschaft. Wahrscheinlich ist hier mehr die Gottesvorstellung der Hethiter selbst bestimmend. Aus Babylonien übernommene Gebete mögen aber auch von Einfluss gewesen sein. Ein Gebet an die Sonnengöttin von Arinna rühmt ihre Milde und Gnade sowie ihre Fürsorge für das Recht. Ein kurzes Gebet an den Sonnengott sagt: »Du schaust dem Menschen ins Herz, aber niemand sieht in dein Herz!« Aber auch Fürbittgebete und Dankgelübde sind bezeugt. Die Gebete bedurften der Ergänzung durch Opfer. Die Opferkulte in den Tempeln waren außerordentlich mannigfaltig und bis ins kleinste geregelt. Die Höhepunkte bildeten die großen Feste, für die umfangreiche Rituale die nötigen Anweisungen gaben. Bei einem Fest musste der König so schnell wie möglich von einem Kultort in den anderen ziehen und überall die ihm vorbehaltenen Kulte zelebrieren. Aber auch jedes Dorf hatte seinen Kult, wenn auch mit bescheidenen Mitteln. Der Gedanke, dass die Götter die Opfer für ihre Verpflegung brauchen, begegnet öfter, war aber in dieser Primitivität sicher nicht mehr allgemein anerkannt. Für die Kulte brauchte man eine reichgegliederte Priesterhierarchie, zu der auch verschiedene Klassen von Priesterinnen gehörten. Für sie waren regelmäßige Reinigungen unerlässlich, die Abwehr jeder denkbaren Verunreinigung von den Tempeln eine ihrer Hauptaufgaben. Bei Reinigungskulten nach feindlichen Siegen wird vereinzelt auch einmal ein Menschenopfer gefordert. Den Willen der Götter erforschte man durch Träume und verschiedene Orakel wie Vogel- und Losorakel. Die Leber- und Eingeweideschau übernahm man aus Babylonien; sie gelangte von Kleinasien aus zu den Etruskern. Die Astrologie trat ihr gegenüber sehr zurück. Von großer Bedeutung war die Magie, die weiße wie die schwarze; die schwarze in den Fluchzauberriten gegen Feinde und Eidbrüchige. Die weiße Magie hatte es vor allem mit der Beseitigung von Verunreinigungen, die auf alle möglichen Weisen eintreten konnten, und der Abwehr des Zaubers dämonischer Mächte wie der Menschen zu tun. Lebendige Dämonengestalten, wie die babylonische Lamaschtum, treten in den Texten aber nicht auf. Fünf hethitische Tempel konnten in Hattusas im Grundriss freigelegt werden. Sie sind von den Tempeln des übrigen Vorderasiens in ihrer Anlage sehr verschieden. Bei rechteckiger Gesamtanlage weist die Außenmauer Vor- und Rücksprünge in ganz unregelmäßiger Folge auf. Die Innenhöfe sind von Pfeilerhallen umgeben, die Kultachsen mehrfach gebrochen, das Adyton durch drei oder vier Fenster sehr hell. Ein Tempel ist von großen Magazinbauten umgeben. Die Mauern bestanden auf Steinsockeln teilweise wohl aus Fachwerk. Über die Herkunft dieser Bauweise ist noch nichts bekannt. Die Festungsanlagen sind denen des älteren Reiches ähnlich, doch noch monumentaler. An den Torgewänden fanden sich Plastiken, darunter der berühmte »Krieger« vom Königstor, wahrscheinlich ein Gott, bei aller Schlichtheit der Gestaltung ein Meisterwerk. An anderen Toren waren Löwen- oder Sphinxfiguren angebracht. Die Paläste der Hauptstadt auf der Burg und in der Stadt konnten erst teilweise freigelegt werden. Jazilikaja
Nebenkammer im Felsheiligtum von Jazilikaja, 13. Jahrhundert v. Chr. Eine einzigartige Anlage ist das Felsheiligtum von Jazilikaja nordöstlich von Hattusas. Vom Tempel fand man nur geringe Reste, dafür aber lange Reihen von Götterbildern, die im Hochrelief aus dem Felsen herausgearbeitet sind. Bildhethitische Inschriften bei einigen Figuren belehren uns, dass hier König Tudhalijas IV. dargestellt ist; mehrere Götter tragen churritische Namen. Die Churritisierungstendenzen der Könige des jüngeren Reiches auf religiösem Gebiet lassen es denkbar erscheinen, dass die Dynastie aus dem churritischen Gebiet stammte. Über achtzig Figuren wurden in Jazilikaja festgestellt. Felsreliefs ähnlicher Art mit weniger, aber teilweise größeren Figuren wurden in Kleinasien mehrfach aufgefunden und sind eindrucksvolle Zeugnisse einer monumentalen Bildkunst. Löwe
Löwe an einem Stadttor in Hattusas, 14./13. Jahrhundert v. Chr. Werke der Kleinkunst sicher aus der Großreichszeit und eindeutig hethitischer Herkunft sind nicht sehr zahlreich. Vielleicht gehören einige Figuren dazu, die wie Karikaturen wirken und möglicherweise ebenso wie etliche Orthostatenreliefs aus Aladscha Hüyük Gaukler und Musikanten im Tempeldienst darstellen. Einige Jagdbilder auf Orthostaten sind recht lebendig, technisch aber ziemlich primitiv. Auf den Rollsiegeln begegnen neben Inschriften ähnliche Göttergruppen wie auf den Felsreliefs. Gemeinsam ist den Fels- und Siegelbildern auch das beliebte Motiv der Belehnung des Königs durch Gottheiten. Im hethitischen Schrifttum, das wir fast nur aus der Hauptstadt selbst kennen, fehlen Privaturkunden und -briefe fast ganz. In der Literatur stehen neben der Masse der hethitischen Werke viele in kleinasiatisch gefärbter babylonischer Sprache. Zusammen mit den überaus zahlreichen akkadischen Wörtern und Wortzeichen in den hethitischen und luvischen Texten sind sie ein Beweis dafür, wie vielfältig der babylonische Einfluss auf Religion, Kultur und Literatur der Hethiter war. Man hat jedoch in Hatti nur selten babylonische Werke einfach kopiert, sondern sie meistens stark umgestaltet. Leider haben sich im Archiv von Hattusas nicht sehr viele Dichtungen gefunden, dagegen viele Rituale, Instruktionen und Omentexte. Die Rituale enthalten auch leider nur mangelhaft verständliche luvische, palaische, protohattische und churritische Abschnitte; offensichtlich rief man die Götter fremder Herkunft gern in »ihren« Sprachen an. Eine besondere Erwähnung verdient noch das Ritual »Wenn in Hattusas ein großes Vergehen geschieht, indem König oder Königin Gott wird«. Es schildert die vierzehntägigen Totenfeiern für Könige, die in der Leichenverbrennung gipfeln. Manches erinnert an ähnliche Erzählungen in Homers Ilias. Da die Ausgrabungen die Erdbestattung neben den Brandbestattungen bezeugen, waren diese vielleicht wie im Mitannireich nur bei Königen und Adligen üblich. Ugarit
Unter den nordsyrischen Vasallenstaaten des Hethiterreichs war Karkemisch politisch wohl der bedeutendste, der nach den Funden für uns interessanteste aber ist Ugarit. Die französischen Ausgrabungen seit 1929 unter Claude Schaeffer haben vor allem für die Zeit von 1400 bis 1200 v. Chr. eine Fülle wichtigster Funde gebracht. Am ergiebigsten war wie in Mari der noch nicht ganz freigelegte prächtige Palast mit seinen Archiven, deren Urkunden und Briefe überwiegend in einem ugaritisch gefärbten Akkadisch geschrieben sind und nur zum kleineren Teil in der dem Phönikischen verwandten ugaritischen Sprache, für die man ein besonderes Keilschriftalphabet gebrauchte. An literarischen Texten fand man viele Wortlisten, darunter sumerische, sumerisch-akkadische und einzelne sumerisch-akkadisch-churritisch-ugaritische; dazu Mythendichtungen und andere religiöse Texte in ugaritischer Sprache und einige churritische Texte, Plastiken und Siegel. Als Suppiluliumas von Hatti nach Syrien vordrang, stellte sich Niqmaddu II. von Ugarit (um 1370-1340 v. Chr.) auf seine Seite und wurde unter besonders günstigen Bedingungen als Vasall über einige den Hethitern feindliche Grenzgebiete wie Mukisch eingesetzt. Sein älterer Sohn Arichalbu regierte nur kurz, um so länger sein jüngerer Sohn Niqmepa (um 1332-1280 v. Chr.), der von Mursilis II. als Vasall unter Eid genommen wurde, wodurch ihm die Grenzen garantiert wurden. Aus dieser Zeit stammen besonders viele Urkunden. Niqmepa erlebte noch den Regierungsantritt von Hattusilis III., und sein Sohn Ammistamru II. (um 1280-1240 v. Chr.) verhandelte oft mit Hattusilis Gattin Puduchepa und später mit deren Sohn Tudhalijas IV. Ammistamru II. kaufte sich mit Gold von der Teilnahme an einem Feldzug gegen Assyrien los und musste die Autorität des Großkönigs in Anspruch nehmen, um Intrigen in seiner Familie zu unterdrücken. Ebenso trat Initeschup von Karkemisch mehrfach als übergeordnete Autorität in Ugarit auf. Das politische Gewicht von Ugarit war auch unter Ibiranu (1240-1220 v. Chr.) schwach und Karkemisch weiterhin unterlegen. Der Seevölkersturm vernichtete etwa zur gleichen Zeit wie Hattusas auch Ugarit (um 1200 v. Chr.). Die Personennamen in den Urkunden zeigen, dass damals in Ugarit eine ähnliche semitisch-churritische Mischbevölkerung lebte wie in den anderen syrischen Städten. Seinen großen Wohlstand verdankte es vor allem dem Handel mit Ägypten, Zypern und Kreta und der Herstellung von Bronzegegenständen und Purpurstoffen. Neben den Beamten der königlichen Verwaltung spielten daher die Kaufleute und Handwerker die Hauptrolle. Die Archive der Handelshäuser sind allerdings bisher noch nicht aufgetaucht. Die große Mehrzahl der im Palast gefundenen Urkunden handelt von Grundstücken und Häusern, von den verschiedenen Lehnsgütern und den auf ihnen ruhenden Verpflichtungen; daneben gibt es mancherlei Aufzeichnungen der Verwaltung. Sie alle bezeugen die Existenz, eines einheimischen Schreiberstandes, dessen Traditionen sich auf das altbabylonische Mari zurückfuhren lassen, dagegen sind Beziehungen zu Babylonien kaum erkennbar, eher noch da und dort zu Assyrien. Auffällig ist die häufige Nennung des Königs auch in privaten Verkaufsurkunden; sie besagt gewiss nur, dass er als Autorität hinter dem Notar stand, vor dem das Geschäft abgeschlossen wurde. Das Lehnswesen in Ugarit ist in vielem dem von Nuzi ähnlich, und wie dort wurden manche Besitzübertragungen und Erbeinsetzungen juristisch als Adoptionen stilisiert, ohne dass eigentliche Adoptionen beabsichtigt waren. Die Religion von Ugarit hat, der Bevölkerung und der Lage der Stadt entsprechend, einen synkretistischen Charakter. Die meisten Götter tragen westsemitische Namen und werden oft später auch noch von den Phönikern verehrt, die Mythologie aber ist überwiegend von churritischen Vorstellungen bestimmt. Einige babylonische Götter, mit ihnen der kassitische Schuqamuna, hatten ebenfalls ihren Platz im Kult, während Götter der Hethiter und der Ägypter nur vereinzelt genannt werden. An der Spitze des Pantheons stehen El (»der Gott«) und seine Gemahlin Aschera, die oft »Aschera des Meeres« genannt wird. El ist der Schöpfer der Welt und der Menschen und erscheint als gütiger alter Gott, oft als Stier-Gott, und Vater vieler anderer Götter, darunter der Sonnengöttin Schapsch und des Gottes Mot, »Tod«. Als sein Bruder gilt der altamoritische Gott Dagan, der Vater des Alijan-Ba’al und seiner Halbschwester und Gattin, der Fruchtbarkeits- und Kriegsgöttin Anat. Die Venusgöttin Aschtart tritt hinter der wesensverwandten Anat zurück, dafür erscheint, wie häufig in Südarabien, der Venusgott Aschtar. Die Gattin des Mondgottes Jarch führt den ursprünglich sumerischen Namen Nikkal. Unter den vielen Göttern mit Doppelnamen ist vor allem der Handwerkergott Koschar-wa-Ghasis zu nennen, der Hephaistos von Ugarit. Die Texte erwähnen auch die in den anderen Städten Syriens verehrten Wettergötter und Aschtart-Gestalten, deren Namen aber nur teilweise feststellbar sind. Ein solcher Gott ist wohl Raschp, der »Gott des Pfeiles«, ein dem Nergal der Babylonier verwandter Licht- und Pestgott. Dazu kommen viele untergeordnete Gottheiten. Da die Texte statt der Namen gern Beinamen verwenden, können manche dieser Gottheiten mit anderen identisch sein, ohne dass das immer klar erkennbar wäre. Die religiöse Literatur umfasste, soweit bisher bekannt, Rituale für Götterfeste und magische Riten, die sich aus den wenigen erhaltenen Bruchstücken noch nicht rekonstruieren lassen. In ein Ritual für Sühnopfer sind auch Gebete eingefügt, die mehrere Götter gleichzeitig anrufen. Gebete an einzelne Götter wurden noch nicht gefunden. Weitaus bedeutsamer sind die leider auch nur sehr unvollständig erhaltenen und in manchen Einzelheiten noch schwer verständlichen Mythendichtungen. Ihre rhythmische Sprache mit dem streng durchgeführten parallelismus membrorum ist der mancher Dichtungen des Alten Testaments ähnlich, so andersartig ihr überwiegend düsterer Geist ist. Besonders charakteristisch ist der Mythus von Alijan Ba’al und Anat. Ba’al erschlägt zunächst Jam, das Meer, der El herausgefordert hat, und lässt sich von Koschar-wa-Chasis einen Palast bauen. Später steigt er zu Mot in die Unterwelt hinab und wird dort getötet; da hört jegliche Fruchtbarkeit auf. Als Anat das hört, stellt sie Mot und tötet ihn: »Sie packt den Göttersohn Mot, spaltet ihn mit dem Schwert, worfelt ihn mit der Kornschaufel, verbrennt ihn mit Feuer, zermahlt ihn mit Mühlsteinen, sät ihn auf dem Feld aus.« Dann betrauert sie ihren Gatten und erweckt ihn wieder zum Leben. Dieser schlägt erneut den trotz des geschilderten Todes wieder lebendigen Mot, bis die Sonnengöttin dazwischentritt. Man hat gemeint, dass Ba’al hier die jährlich sterbende und wieder auferstehende Vegetation verkörpere; die Erwähnung von Siebenjahresperioden lässt jedoch eher daran denken, dass auf sieben fette Jahre unter Ba’al sieben dürre Jahre unter Mot folgen. Wahrscheinlich war der Mythus die Festlegende für eine Kultfeier, die von den Göttern die Bewahrung vor unfruchtbaren Jahren erbitten sollte. Ethische Motive oder gar echte Güte bestimmen hier wie in den anderen Mythen die Götter freilich höchst selten! Zyklen von sieben und acht Jahren tauchen auch in einem anderen Mythus auf, der die Geburt von zwei Götterpaaren schildert und im Text Anweisungen für Aufführungen mit Musikbegleitung gibt. Die Form eines Hymnus hat die Erzählung von der Werbung des Mondgottes Jarch um die Nikkal unter Beistand des Sommergottes Charchab; sie mag einen astralen Hintergrund haben. In allen Göttermythen finden sich Motive, die auch in babylonischen, altkleinasiatischen und gelegentlich griechischen Mythen wiederkehren, wenn auch oft in anderen Zusammenhängen. Der hellenistische Schriftsteller Philo von Byblos schreibt auf Grund des ihm noch bekannten Buches eines Sanchunjaton, vermutlich eines Ugariters, den Phönikern ähnliche Mythen zu. Halbgöttliche Heroen stehen im Mittelpunkt weiterer Mythen. König Kart, vielleicht ein mythischer Ahn der Könige von Ugarit, verliert seine ganze Familie und erhält im Traum von El den Befehl, sich eine neue Frau vom König von Edom zu holen. Er gewinnt die Prinzessin und bekommt erneut sieben Söhne und acht Töchter, vergisst aber, ein Gelübde zu erfüllen, das er vorher der Aschera geleistet hatte. Er wird daher krank, wird aber später durch einen Ritus wieder geheilt. Schließlich zwingt ihn sein Sohn abzudanken, denn »du schaffst nicht Recht der Witwe und führst nicht den Prozess der Bedrückten!« Leider fehlt der Schluss der Dichtung. In einem anderen Mythus lädt König Danel die Götter ein und erbittet von ihnen einen Sohn. Der Wunsch wird erfüllt, und Prinz Aqhat erhält von den Göttern einen wunderbaren Bogen, den später die Anat von ihm erbittet, aber nicht erhält. So veranlasst sie seine Ermordung durch einen Mann, den sie in einen Adler verwandelt. Nach sieben Jahren Trauer nimmt Aqhats Schwester am Mörder Rache. Leider fehlt auch hier der Schluss des Mythus, der uns vermutlich über seinen Sinn aufklären würde. Wir haben vorläufig keine Möglichkeit festzustellen, wie weit das ugaritische Sprachgebiet reichte. In Gubla jedenfalls wurde wohl ein anderer Dialekt gesprochen. Babylonische Urkunden fanden sich auch in Qatna am Orontes; in Megiddo in Palästina wurde sogar ein Stück des Gilgameschepos gefunden. Offenbar gab es in vielen Städten einen an babylonischen Vorbildern geschulten Schreiberstand, dessen Aufgaben sich nicht mit der Führung der diplomatischen Korrespondenzen erschöpften. Die Kultur war im ganzen Gebiet von einer gewissen künstlerischen Gleichartigkeit. Die Tempelanlagen hatten meist bescheidene Ausmaße, dürften aber reich ausgestattet gewesen sein. Die sorgfältig gemauerten Grabkammern in Ugarit mit ihren echten oder »falschen« Gewölben unter dem Palast, die man ausgeraubt vorfand, waren vielleicht von ägyptischen Vorbildern beeinflusst. Der Palast selbst hatte säulengeschmückte Toranlagen, aber auch die Stadttore waren kunstvoll angelegt. Ähnlich waren die Funde in Gubla. In der Plastik sind neben einheimischen Traditionen ägyptische, hethitische und mesopotamische Einflüsse wirksam gewesen. Man fand zahlreiche Stelen und Statuetten, vor allem des Wettergottes, aus Stein, Bronze und Silber, aber auch El, Aschera und Anat oder Aschtart sind sitzend oder in Schrittstellung mit zumeist sehr schlanken Körpern dargestellt. Die Gefäße hatten häufig Tiergestalt oder waren mit Tierköpfen verziert. Besondere Meisterwerke sind einige Goldschalen, die in getriebener Arbeit Jagdszenen und mythologische Motive zeigen. Auch die Siegelschneidekunst blühte, zeichnete sich aber nicht durch sonderliche Originalität aus.

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Info 20.11.2017 05:07
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