Der Aufstieg Assyriens und der Ausgang der Kassitenzeit in Babylonien

Solange das Mitannireich eine Großmacht war, hatte Assur keine Aussicht, aus seiner abhängigen Stellung herauszukommen. Als aber die Angriffe Suppiluliumas von Hatti auf Tuschratta in dessen späteren Jahren Mitanni ernstlich schwächten, hatte auch Assurs Stunde geschlagen, es fand in Assuruballit I. (1366-1330 v. Chr. der Name »Assur erweckte zum Leben« ist ein Programm!) den Mann, der die Chance zu nutzen verstand. Seine Bauinschriften berichten darüber nichts, aus gleichzeitigen und späteren Nachrichten erfahren wir aber das Wichtigste über seine Kämpfe. Er brachte einem Mitanniheer eine schwere Niederlage bei und stieß bis ins armenische Bergland vor. Nach diesem Sieg meldete er als »König von Assurland« beim Pharao seine Gleichberechtigung an und gewann auch dessen Anerkennung. Er nannte das Land Assurland, um den alten Namen Subartu zu vermeiden, den die Babylonier betont abschätzig gebraucht hatten; mm hieß Subartu nur noch das Land im Nordwesten. Die Assyrer nahmen den neuen Namen sofort an, die Babylonier hingegen blieben noch lange bei dem alten. Assuruballit gab seine Tochter dem babylonischen König Karakindasch (um 1352 bis 1344 v. Chr.) zur Frau, der, trotz seiner Erfolge gegen die Sutäer Mesopotamiens oder vielleicht eben deswegen, von dem Usurpator Nazibugasch ermordet wurde. Der empörte Schwiegervater zog alsbald nach Babylonien, tötete den Mörder und setzte Kurigalzu II. (1343 bis 1318 v. Chr.) ein. Nach diesem neuen Erfolg nannte ihn sein babylonischer Schreiber »König der Welt« und nahm damit den von Schamschiadad I. geschaffenen anspruchsvollen Titel wieder auf, aus dem von nun an die Assyrerkönige das Recht zu immer weitergreifenden Eroberungen herleiteten. Sie waren überzeugt, dass der Gott Assur hinter ihrem Machtanspruch stehe und die strenge Bestrafung all derer wünsche, die sich nicht schnell genug unterwarfen. Kurigalzu II. konnte sich trotz seiner Protektion durch Assuruballit in Babylonien durchsetzen, wo er, wie seine zumeist sumerischen Inschriften berichten, viel gebaut hat. Ein Dichter pries seine Taten und nannte ihn »König der Welt«, weil er nach anderen Erfolgen einen gefährlichen Angriff des Hurpatilla von Elam abwehrte und dann selbst bis nach Susa vorstieß. Nach dem Tode Assuruballits glaubte er sich stark genug, um von dessen Sohn Ellilnarari (1330-1320 v. Chr.) die Rückgabe von Grenzgebieten zu verlangen; dieser blieb aber in einer Schlacht Sieger und wies Babylons Ansprüche ab. Ellilnararis Sohn Arikdenili (1320-1308 v. Chr.) hatte nach diesem Sieg von Babylon nichts mehr zu befürchten. Er wandte sich zunächst gegen einige Fürsten der Turukkäer und anderer Stämme im Zagrosgebiet und schlug sie ebenso wie das Land Kutmuch in Armenien. Danach musste er mesopotamische Nomaden abwehren, unter denen neben den Sutäern die Achlamu auftraten. Mit diesen Achlamu (vermutlich eine Selbstbezeichnung, die »Jungmannschaft« bedeutet) taucht für uns erstmalig eine ganz neue Gruppe semitischer Stämme auf, für die sich später der Name Aramäer durchsetzte. Sie drangen in den nächsten Jahrhunderten in immer größeren Scharen aus Arabien nach Vorderasien vor, setzten sich in dünnbesiedelten Gebieten fest und griffen bald auch die größeren Städte an. Auch da, wo man sie zunächst abwehren oder unterwerfen konnte, blieben sie ein gefährliches Element der Unruhe, bis sie viel später erst in der Bevölkerung des Landes aufgingen. Kulturell waren die Aramäer kaum irgendwo schöpferisch; sie passten sich den Vorgefundenen Kulturen an. Dass sie um 1300 v. Chr. schon aramäisch sprachen, wird neuerdings von einigen bestritten, weil keine aramäische Inschrift vor 900 v. Chr. bekannt wurde. Die typisch aramäischen Erscheinungen in Grammatik und Wortschatz, schon in den ältesten Inschriften feststellbar, setzen aber für ihre Entwicklung eine sehr lange Vorgeschichte voraus. Noch zur Zeit Arikdenilis kam in Babylonien der energische Nazimaruttasch (1318 bis 1292 v. Chr.) zur Regierung, der nordostwärts bis in das Land Namri in Luristan vordrang und dadurch erneut mit Assyrien in Konflikt geriet. Dessen König Adadnarari I. (1308-1276 v. Chr.) schlug ihn zurück und zwang ihn zur Abtretung von Rapiqum am Euphrat. Von Nazimaruttasch besitzen wir die früheste Grenzsteinurkunde. Diese Grenzsteine sind zumeist phallisch geformte Steinblöcke mit einer Inschrift, die eine Landschenkung an verdiente Offiziere und Beamte genau beschreibt, oft auch deren Anlass angibt und am Schluss jeden verflucht, der die Schenkung anfechten sollte. Die in der Fluchformel genannten Götter waren durch ihre Symbole auf dem Stein vertreten. Die Grenzsteine erweisen das kassitische Babylonien als einen Feudalstaat, dessen Rechtsordnungen allerdings von denen Mitannis vielfach abwichen. Adadnerari I. schrieb in seinen Inschriften wie sein Vater und seine Nachfolger ein assyrisch gefärbtes Babylonisch, weil das in Assyrien als feiner galt. Er berichtet uns von seiner sehr umfangreichen Bautätigkeit in Assur am Palast, den Tempeln, den Befestigungen und an der noch heute erhaltenen Flussmauer am Tigris, aber auch ausführlich von seinen Kriegen, die in den Zagros und nach Armenien, besonders aber nach Mitanni führten. Er schlug nacheinander die Mitannikönige Satvara I. und Wasaschatta und besetzte ganz Mesopotamien bis hin nach Karkemisch. Die im Nordosten liegende Mitannistadt Taite baute er als Provinzhauptstadt neu auf. Natürlich nannte er sich, wie übrigens auch Nazimaruttasch, König der Welt. Gegen Ende seiner Regierung muss das Mitannigebiet, vermutlich durch Eingreifen des Hethiterkönigs Hattusilis III., wieder verlorengegangen sein, die späteren Inschriften nennen es nicht mehr als erobertes Gebiet. Sein Sohn Salmanassar I. (1276-1246 v. Chr. so die hebräische Namensform von assyrisch Schulmanaschared) ging sofort wieder zum Angriff über und besetzte zunächst acht armenische Fürstentümer. Von hier aus führte er einen Raubzug nach Hatti und zerstörte das hethitische Nationalheiligtum Arinna. Nun wurden die Hethiter aktiv und verbündeten sich mit Kadaschmanturgu von Babylonien (1292-1274 v. Chr.), den allerdings sein Minister Ittimardukbalatu von einem aktiven Eingreifen abhielt, wie Hattusilis in einem langen Brief an Kadaschmanellil II. (1274-1268 v. Chr.) empört feststellte. Als Salmanassar das von ihm Chanigalbat genannte Mitannigebiet zurückerobern wollte, traf er auf eine Koalition Satvaras II. mit den Hethitern und den Achlamu-Nomaden, die ihn in eine wasserlose Wüste abdrängte. Die Assyrer griffen nun mit dem Mut der Verzweiflung an und errangen einen großen Sieg, den Salmanassar höchst lebendig schildert. Vierzehntausendvierhundert Gefangene verschleppte er und besetzte erneut ganz Mesopotamien. Später wandte er sich wieder gegen die Qutäer (früher Gutäer) des Zagrosgebirges und benutzte die reiche Beute, um seine umfangreiche Bautätigkeit zu finanzieren. Einen strategischen Blick bewies er auch dadurch, dass er in dem vom Tigris und vom Oberen Zab gebildeten Winkel die neue Hauptstadt Kalach gründete, die allerdings nach seinem Tode für viele Generationen wieder aufgegeben wurde. Sein Kanzler war der aus Briefen bekannte Babu-acha-iddina, den er von seinem Vater übernahm und der ihn noch überlebte. Aus hethitischen Briefentwürfen an ihn und Salmanassar ergibt sich, dass das Verhältnis zu Hatti später ein recht gutes wurde, da offenbar die Assyrer das von den Hethitern gewonnene Eisen brauchten. Salmanassars Sohn Tukultininurta I. (1246-1209 v. Chr.), ein begabter, aber maßloser Fürst, führte das assyrische Reich auf einen ersten Höhepunkt; selbst die Griechen kannten ihn noch unter dem Namen Ninos. Er wandte sich zunächst wieder gegen die Stämme des Zagrosgebirges und Armeniens, die bei einem Herrschaftswechsel ja immer zu Raubzügen ins Fruchtland neigten, zerstörte ihre Ortschaften und machte sie tributpflichtig. Dann griff er trotz anfänglich freundlicher Beziehungen zu den Hethitern auf Ostanatolien über und brachte von dort Tausende von hethitischen Siedlern, nach einer späteren Inschrift angeblich achtundzwanzigtausendachthundert, nach Assyrien; dazu beschaffte er sich große Massen von Bauholz für seine vielen Bauten. Auch ganz Mesopotamien wurde wieder assyrisch. Noch wichtiger war dem König die Eroberung Babyloniens, das seine Vorgänger ganz gewiss wegen der Gemeinsamkeit in der Kultur immer mit einiger Rücksicht behandelt hatten. Schagaraktischuriasch (1258-1239 v. Chr.) blieb zwar noch unangefochten, doch schon unter dessen Nachfolger Kaschtiliasch IV. (1239-1231 v. Chr.) kam es zu Auseinandersetzungen, ein Krieg endete mit der Niederlage des Kassiten und dessen Verschleppung als Gefangener nach Assyrien. Wir erfahren davon nicht nur aus Kriegsberichten in Tukultininurtas Inschriften, sondern auch aus einem Epos von etwa tausend Versen, das ein Hofdichter in Anlehnung an ähnliche, etwas ältere Kompositionen verfasst hat. Das Epos schildert äußerst breit und in oft schwülstiger Sprache den Babylonkrieg. Kaschtiliasch erscheint darin anfangs höchst überheblich, später aber mehr als kleinlaut; er spart nicht mit Selbstvorwürfen: »Jetzt sind überaus bedrückend geworden die Frevel meines Landes, viel meine Sünden; eine Strafe ohne Entrinnen warf mich nieder, gebunden hält mich der Tod.« Tukultininurta und seine Assyrer werden dafür heroisiert. Das Propagandawerk in babylonischer Sprache fand wegen seiner Verherrlichung der Kampfesfreude, die ganz religiös begründet wird, noch nach Jahrhunderten Abschreiber. Sehr bald verjagten die Babylonier den von Tukultininurta eingesetzten Schattenkönig wieder. Nun zerstörten die Assyrer die Befestigungen der Stadt und plünderten die Tempel; die Statue Marduks wanderte für längere Zeit nach Assur. In seinen Inschriften verschwieg Tukultininurta diese Aktion, weil sie auch in Assur als frevelhaft galt; wir hören nur, dass er jetzt Bahrein und Ostarabien als Teil seines Gebietes reklamiert. Von seinem schlechten Verhältnis zu den Bürgern der Hauptstadt Assur zeugt der Entschluss, am anderen Tigrisufer die neue Hauptstadt Kar-Tukultininurta zu erbauen, eine Eintagsgründung mit einigen interessanten Bauwerken, an denen sich Reste von Wandmalereien im Stil der mitannischen fanden. Gegen Ende seiner lange so erfolgreichen Regierung setzte sich sein eigener Sohn an die Spitze der vielen, deren religiöse Gefühle Tukultininurtas Vorgehen gegen Marduk verletzt hatte. Babylon hatte sich schon vorher unter Adadschumussur (1223-1193 v. Chr.) befreit. Der in Kar-Tukultininurta eingeschlossene König ließ nun durch denselben Hofdichter, der den Babylonkrieg besungen hatte, einen Klagepsalm verfassen, der den Gott Assur um Hilfe bittet und alle Schuld an dem Geschehen den anderen anlastet, die die Wohltaten Assurs missachtet hätten. Die Klage war nutzlos, denn eine babylonische Chronik meldet triumphierend die Ermordung des Tempelschänders. Der Bürgerkrieg führte schließlich zum Zusammenbruch des Reiches. Tukultininurtas Sohn Assurnadinapli (1209-1205 v. Chr.) konnte trotz anmaßender Titulatur keinen Erfolg melden, und Assurnaräri III. (1205-1199 v. Chr.) musste sich mit seinem Vetter und Mitregenten Iluchadda von dem Babylonier Adadschumussur in einem nur in Resten erhaltenen Brief abkanzeln lassen: »Die großen Götter haben euren Sinn verrückt!« Vielleicht war Assur jetzt nur noch ein Vasallenstaat Babylons. Ein Angriff des Ellilkudurrussur (1199-1194 v. Chr.) auf Babylonien scheiterte und führte in Assur zur Thronbesteigung des nach Babylon geflüchteten Ninurta’apalekur I. (1194-1181 v. Chr.), der eine Nebenlinie zur Herrschaft brachte und sich wie sein Sohn Assurdân I. (1181-1135 v. Chr.) vor allem inneren Reformen widmete, die später ihre Früchte tragen sollten. Babylonien hatte auch noch unter Melischichu (1193-1178 v. Chr.) und Mardukaplaiddina I. (1178-1165 v. Chr.) eine ziemlich ruhige Zeit. Von beiden Königen sind mehrere Landschenkungsurkunden auf Grenzsteinen erhalten; sie suchten sich offenbar durch großzügige Landschenkungen treue Gefolgsleute zu sichern. Melischichu hat den einen Stein sogar handschriftlich signiert. Die Mehrzahl der Grundstücke lag im Osttigrisland, wo mehr Land verfügbar war als in Babylonien selbst. Ein Hauptgrund für diese Maßnahmen war gewiss der Wiederaufstieg von Elam, das jetzt für einige Zeit zum gefährlichsten Gegner Babyloniens wurde. Tempel
Das elamische Tempelmassiv von Dur-Untasch, 12. Jahrhundert v. Chr. Was in den Jahren von etwa 1600 bis 1350 in Elam geschah, ist unbekannt. Seit 1350 v. Chr. ist eine expansive Politik unter nationalen Vorzeichen feststellbar. Die Könige schreiben meistens in elamischer Sprache mit nur wenigen akkadischen Lehnwörtern. Nach wie vor geht im Königshaus die Bruderfolge der Deszendenz voraus. Hupannumena (um 1270 v. Chr.) dehnte sein Reich bis zur Insel Lijan im Persischen Golf aus. Sehr zahlreich sind die Bauinschriften seines Sohnes Untaschhupan (um 1250 v. Chr.), der auch für babylonische Götter kleine Tempel baute. Zur Zeit Tukultininurtas griff Kidinhutran zweimal Babylonien an und drang tief ins Land ein, konnte sich dort aber nicht halten. Erst Schutruknahhunte (etwa 1200-1164 v. Chr.) hat nach Eroberungen in Iran in seinen letzten Jahren zusammen mit seinem Sohn und späteren Nachfolger Kutirnahhunte Babylonien für einige Jahre besetzt und schwere Verwüstungen angerichtet, die dort noch Jahrhunderte später beklagt wurden. Er entführte eine große Zahl von babylonischen Denkmälern, darunter die Siegesstele des Naramsuen von Akkade und die Gesetzesstele des Hammurabi und brachte auf vielen von ihnen eigene Inschriften an. Den Kassitenkönig Zababaschumiddina setzte er um 1164 v. Chr. ab; den letzten König Ellilnadinach verschleppte Kuternahhunte 1160 v. Chr. und bereitete damit der Kassitendynastie in Babylonien ein Ende. Die größte Ausdehnung erreichte das elamische Reich unter Schilhakinschuschinak (1155-1135 v. Chr.), der im Osttigrisland bis nördlich von Kerkuk tief in assyrisches Gebiet vordrang. Die vielen iranischen Orte, die er nennt, können wir meist nicht lokalisieren. Von den Bauten dieser Könige ist das von Untaschhupan erbaute fünfstöckige Tempelmassiv von Dur-Untasch (heute Tschoga-Zembil, dreißig Kilometer südöstlich von Susa) der interessanteste, eine sehr originelle Variante babylonischer Hochtempelbauten. Neben Tieftempeln auf allen vier Seiten des Massivs und dem nicht erhaltenen Tempel auf der obersten Plattform wurden zwei in das Massiv eingebaute Tempel freigelegt, deren Anlage noch nicht ganz geklärt ist. Dem Hochstand der Baukunst entsprach eine hochentwickelte Bildkunst. Der Bronzetorso der Königin Napirasu ist besonders fein gearbeitet, aber auch unter den Kleinplastiken aus Stein und Metall fanden sich in Susa einige besonders gelungene Stücke. Grenzstein
Kassitischer Grenzstein aus Susa, 12. Jahrhundert v. Chr.

Forum (Kommentare)

Info 20.11.2017 05:02
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.