Tiglatpilesar I. von Assyrien und die zweite Dynastie von Isin

Vermutlich noch in Abhängigkeit von Elam kam in Babylonien 1160 v. Chr. Mardukkabitachchēschu (1160-1142 v. Chr.) zur Herrschaft, mit dem die zweite Dynastie von Isin (1160-1028 v. Chr.) begann. Der bedeutendste König dieser Dynastie war Nebukadnezar I. (biblische Namensform von Nabukudurri-ussur, 1128-1106 v. Chr.), der Hutelutusch-Inschuschinak von Elam in einem Hochsommerfeldzug vernichtend schlug, Elam plünderte und das iranische Namar seinem Reich einverleibte. Mit wechselndem Erfolg kämpfte er auch gegen Assyrien, das nach der Zeit des Niedergangs in Assurreschischi I. (1135-1117 v. Chr.) wieder einen energischen Herrscher bekommen hatte und so Angriffe der aramäischen Achlamu, der Lullumäer und Qptäer des Zagros zurückwies. Beide Könige beanspruchten den Titel »König der Welt«, aber erstTiglatpilesar I. (biblische Namensform von Tukultiapilescharra, 1117-1078 v. Chr.) von Assur konnte diesen Titel wieder mit einigem Recht fuhren. Gleich sein erster Feldzug führte ihn nach Südarmenien, wo sich zwanzigtausend Krieger der vielleicht mit den späteren Phrygern verwandten Muschki versammelt hatten, um aus der Gegend von Malatia nach Südosten vorzustoßen. Sie erlitten eine schwere Niederlage, und die Assyrer konnten in den kommenden Jahren große Teile Südarmeniens tributpflichtig machen, darunter churritische Staaten, denen auch die Hilfe der aus Pontus gekommenen Kaskäer nichts nützte. Die später noch oft bewährte Meisterschaft der Assyrer im Gebirgskrieg, der eine gut ausgebildete Pioniertruppe erforderte, feierte hier Triumphe, ebenso freilich ihre brutale Kriegführung mit Massenabschlachtungen und -Verschleppungen. Zugunsten dieser anscheinend besonders bedrohten Nordfront hat Tiglatpilesar die damals wohl weniger gefährlichen Zagrosländer vernachlässigt. In seinen späteren Jahren waren die Aramäer seine Hauptgegner, gegen die er mindestens achtundzwanzigmal nach Syrien zu Felde zog. Als Kamelbeduinen konnten die Aramäer vor den Assyrern immer leicht in unzugängliche Gebiete ausweichen. Trotzdem wurden Mesopotamien und Nordsyrien zu assyrischen Provinzen, ja, Tiglatpilesar drang als erster Assyrerkönig nach Schamschiadad I. bis zum Mittelmeer vor und konnte es sich erlauben, mit phönikischen Schiffen eine längere Spazierfahrt auf dem Meer zu unternehmen, wobei man ihm einen Pottwal fing. Wahrscheinlich waren den phönikischen Händlern die fernen Assyrer bequemer als die nahen aramäischen Räuber. Einmal verfolgten die Assyrer die Aramäer übrigens auch in die Syrische Wüste bis hin nach Tadmor/Palmyra. Um Babylonien kümmerte sich Tiglatpilesar zunächst längere Zeit nicht. Daher wagte der auf einem Grenzsteinbild sehr energisch aussehende Marduknadinachchi von Babylon (1102-1084 v. Chr.) einen Vorstoß gegen die assyrische Stadt Ekallātum, die er plünderte. Die Vergeltungsangriffe der Assyrer führten erst im zweiten Jahr zu einem vollen Erfolg. Sippar und Babylon wurden neben anderen Städten gebrandschatzt, aber die Tempel, anders als unter Tukultininurta, blieben verschont. Unter der Beute befanden sich anscheinend auch viele literarische Tontafeln aus den Archiven der Tempel und Paläste, die dann in Assyrien sorgfältig abgeschrieben wurden. Zahlreiche wichtige Texte sind uns dadurch-wenigstens teilweise erhalten. Man täte Tiglatpilesar unrecht, wenn man in ihm nur den kriegsfreudigen Eroberer sähe, mögen auch seine ausführlichen Inschriften, darunter ein achtseitiges Tonprisma, die Kriegsberichte in den Vordergrund stellen. Er sorgte für die Landwirtschaft, führte neue Pflüge ein und förderte den Anbau von Obstbäumen und Nutzhölzern aus anderen Ländern. Dabei bemühte er sich aber auch um die Pflege von Literatur und Wissenschaft, um Assyrien auch darin mit Babylonien wettbewerbsfähig zu machen. Die assyrische Sprache wurde allerdings fast nur in technischen Rezepten verwendet, darunter auch Anweisungen für die Zucht der Kampfwagenpferde. Vor allem aber ging es ihm um die Straffung der Verwaltung und um eine einheitliche Rechtspflege. Er sammelte alle Verfügungen seiner Vorgänger für das Leben im Palast und ergänzte sie durch eigene. Wir erfahren daraus, dass der König neben seiner Gemahlin zahlreiche Palastdamen hatte, deren Verhalten und höfischer Rang der Regelung bedurften; vor allem mussten die vielen Palastfunktionäre in Ordnung gehalten werden. Dabei galt dieselbe brutale Härte wie im Gerichtswesen. Neben der Todesstrafe, nicht selten in verschärfter Form, gab es oft, selbst bei kleineren Vergehen, wie dem Zuhören beim Zank der Palastfrauen, Prügel bis zu hundert Hieben, teilweise in Verbindung mit Verstümmelungen und Fronarbeit. Die rechtliche Stellung der Frau war weitaus schlechter als irgendwo sonst im Orient, wie die Hoferlasse und vor allem die größtenteils erhaltene Eherechtstafel des Rechtsbuches zeigen. Die Familienordnung war uneingeschränkt patriarchal und gab dem pater Jamilias auch das Recht, unter bestimmten Voraussetzungen seine Frau zu töten oder zu verstümmeln. Im Falle des Ehebruchs musste er das sogar tun, wenn er Wert darauf legte, dass der Ehebrecher entsprechend bestraft wurde. Eine Bestimmung über Scheidung lautete: »Wenn ein Mann seine Gattin verlassen will, gibt er ihr etwas, wenn er will; wenn er nicht will gibt er ihr nichts, und sie geht mit leeren Händen weg.« So einfach war die Scheidung nicht! Eine Frau, die abgetrieben hat, wurde gepfählt und dann nicht begraben. Auf der Straße musste eine Frau verschleiert gehen; Nebenfrauen und Dirnen war das bei schwerer Strafe verboten. Dieselbe Strafe traf übrigens den Mann, der eine verschleierte Dirne nicht anzeigte. Positiv war an der barbarischen Strafpraxis, dass der Delinquent überführt werden musste, wenn nicht anders möglich, mit Hilfe des Flussordals, das oft gefordert wird; Lügendenunzianten trafen schwerste Strafen. Das bürgerliche Recht, soweit bekannt, regelte die Formen der Eheschließung und das Erbrecht, ferner das Eigentumsrecht, besonders an Grundstücken, sowie das Mietrecht auch an Flussschiffen. Jede Art von Betrug wurde schwer, auch mit Verstümmeln, bestraft. Die Gesetze enthielten viele ältere Bestimmungen, teilweise wohl schon aus der Zeit Assuruballits I. Die letzte Aufzeichnung stammte vermutlich von Tiglatpilesars ältestem Sohn Ascharedapalekur (1078-1076 v. Chr.). Sehr umfangreich war Tiglatpilesars Bautätigkeit in Assur und Ninive. Der Doppeltempel des Anu und Adad hatte für jeden Gott einen Stufenturm, so dass in Assur zusammen mit dem Hochtempel des Gottes Assur drei solcher Türme standen. Außerdem baute er Paläste, die mit glasierten Ziegeln, wie sie vielleicht zuerst in Elam verwendet wurden, geschmückt waren. Seine Leidenschaft aber war die Jagd auf Großwild. Der zweite Sohn des großen Eroberers, Assurbelkala (1076-1058 v. Chr.), konnte das Reich trotz seiner vielen Kriege nicht mehr ganz halten. Zu Babylonien hatte er sehr freundliche Beziehungen und half den Babyloniern gegen Angriffe der Beduinen aus Mesopotamien. Sonst kämpfte er wie sein Vater in Südarmenien und gegen die Aramäer, teilte auch dessen Jagdleidenschaft. Sein Sohn wurde bald von einem dritten Sohn Tiglatpilesars, Schamschiadad IV. (1056-1052 v. Chr.), abgesetzt, der vorher ins Gebirge und dann nach Babylonien geflohen war. Schamschiadads Sohn Assumassirpal I. (1052-1033 v. Chr.) musste nach dem Staatsstreich den Rest des Reiches in ziemlich trostlosem Zustand übernehmen und konnte über seine Regierung, außer der Wiederherstellung von verfallenen Tempeln, auch nicht viel Rühmliches berichten. Wir besitzen von ihm nur Bruchstücke von drei Gebeten an Ischtar, auf deren Walten er seine Einsetzung als Herrscher zurückführte. Er sagt darin, dass er, wohl auf der Flucht seiner Eltern, in einem Gebirge geboren sei und viel unter Krankheiten gelitten habe. In dem einen Gebet stellte er die verzweifelte Frage, wie ihm das ganze Unglück trotz vieler frommer Werke habe zustoßen können. Anders als seinerzeit Tukultininurta I. gibt er nach der Aufzählung seiner Verdienste auch schweres Versagen zu: »Ich dachte nicht an deine Herrschaft, betete nicht dauernd; die Menschen Assyriens wussten nicht Bescheid, wandten sich nicht immer an deine Gottheit.« Sünde und Frevel waren für ihn also nicht nur persönliches Verschulden, sondern auch, dass er seine Untertanen nicht richtig zur Gottesfurcht angeleitet hatte. Er musste daher die Göttin nicht nur um Befreiung von seiner Krankheit, sondern vor allem auch um Sündenvergebung bitten sowie um Fürsprache bei Assur, vor dem er sich gewiss auch schuldig fühlte. Hier wird deutlich, dass im Leid auch ein König nichts anderes war als jeder Untertan: abhängig von der Gottheit, die vor der Heilung ein Schuldbekenntnis forderte.

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Info 19.11.2017 11:34
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