Die babylonische Kultur im Ausgang des zweiten Jahrtausends

Die Kassiten waren als fremde Eroberer nach Babylonien gekommen; schon frühzeitig hatten sie sich der weitüberlegenen Kultur der Unterworfenen angepasst und sie als ihre eigene empfunden. Mindestens seit 1400 v. Chr. fühlten sich die Könige im Auftrag der Götter des Landes als Schirmherren babylonischer Kunst, Wissenschaft und Literatur. Die zweite Dynastie von Isin übernahm dieses Erbe. Auch Assyrien blieb unter seinen weitblickenden Königen bald nicht nur rezeptiv, sondern nahm schöpferisch an der Kultur teil, die die beiden so oft feindlichen Länder miteinander verband. So wurde die Zeit von etwa 1400 bis 1050 v. Chr. zu einer geistig besonders fruchtbaren Epoche. Obwohl die feudalistische Grundstruktur des Staates in Babylonien und in Assyrien vorherrschte, sind die Unterschiede wesentlich. In Assyrien hatten die feudalen Grundherren, die die Hauptstütze der Militärkaste waren, ungleich größeren Einfluss als in Babylonien. Daraus und aus dem viel härteren Volkscharakter rührte die grundsätzlich keine Grenzen kennende Eroberungspolitik her, auf die nur die schwachen Herrscher Assyriens verzichteten, während in Babylonien ausgeprägt aggressive Könige eher die Ausnahme bildeten. Der Überlandhandel war für beide Länder von großer Bedeutung, die babylonischen Kaufleute, deren Einfluss auf die Politik ständig wuchs, vertrauten aber weniger auf den Schutz militärischer Maßnahmen als die Assyrer und waren vielleicht gerade deshalb erfolgreich, obwohl sie nicht selten auch aus den kriegerischen Aktionen der Assyrer ihren Nutzen zogen. Die Priesterschaft hatte in beiden Ländern sehr großen Einfluss, die babylonischen Priester waren aber geistig weit besser geschult und erfreuten sich überdies der Unterstützung einer in ihren Schulen vorzüglich ausgebildeten Schreiberschicht, während in Assyrien sich darin erst allmählich eine Tradition ausbildete. In den Schreiberschulen wuchsen die Beamten heran, die das so eroberungsfreudige Assyrien in großer Zahl, aber auch mit besonderen Qualifikationen benötigte. Privaten Grundbesitz gab es in beiden Ländern. In Babylonien war aber noch immer ein großer Teil des Landes Eigentum der Tempel, die Tausende von Angestellten, vor allem in der Landarbeit, einsetzten. Deshalb haben wir nur wenige Privaturkunden aus der Kassitenzeit gegenüber der großen Masse von Tempelabrechnungen. Die wirtschaftliche Betätigung der assyrischen Tempel dagegen war offenbar weit weniger umfangreich, ihre Abhängigkeit vom Staat entsprechend größer. In die Götterwelt Babyloniens fanden jetzt manche kassitische Götter Eingang, wie das Paar Schuqamuna und Schimalia, in Assyrien kamen churritische Gottheiten hinzu. Die Priesterschaften sorgten aber dafür, dass die alten einheimischen Götter den Vorrang behielten. In Babylonien setzte sich Marduk, teilweise unter dem Namen Bel, »Herr«, immer weiter durch; sein Kult drang auch in Assyrien ein und trug dort mit dazu bei, den Gott Assur aus der Verehrung des Volkes zu verdrängen, was Tukultininurta I. zu seinem Schaden unterschätzte. Der sumerische Ellil trat in beiden Ländern wieder stärker als der Gott von Nippur in den Vordergrund, der oft mit dem »alten« Kassitengott Gharbe gleichgesetzt wurde. In Assyrien konnte sich die Verbindung des Himmelsgottes Anu mit dem Wettergott Adad seit der Kanaanäerdynastie Schamschiadads I. halten, wobei Anu den kanaanitischen El vertrat. Der Sonnengott Schamasch als Schützer des Rechts wurde hier wie in Babylonien vom einfachen Beter in allerlei Nöten angerufen, von den Königen aber auch als Auftraggeber für die scheußlichen Strafgerichte im Kriege in Anspruch genommen. Die Gestirngottheiten erscheinen auf den Grenzsteinurkunden nur noch mit ihren astralen Symbolen. In einem inneren Zusammenhang damit wächst das Interesse an der beobachtenden Astronomie als Voraussetzung für eine feiner differenzierende Astrologie. Die Venusgöttin Ischtar tritt in zwei ganz verschiedenen Gestalten auf: als die bei aller Strenge gütige Mutter, deren kriegerische Eigenschaften vor allem in Assyrien betont werden, und als Schutzherrin der Dirnen und der Liebeszauberpraktiken, die keinerlei Moral kennt. Die Gebete an jene vermeiden jede Hervorhebung des Sexuellen. Manche früher zweitrangige Gottheit gewinnt jetzt steigende Bedeutung, so der Lichtgott Nusku, der die Dämonen bekämpfende Papsukal und der Richtergott Madānu. Das Gottesbild bleibt in sich widerspruchsvoll. Den Polytheismus der Mythen versuchten die Theologen in den großen Götterlisten in immer besser durchgegliederte Systeme zu bringen. Zwar hatte die Gleichsetzungstheologie der Listen längst Hunderte von sumerischen Göttern zu bloßen Erscheinungsformen anderer Gottheiten verflüchtigt, es blieben aber immer noch Hunderte, darunter viele, die ausschließlich in gelehrten theologischen Kompilationen erschienen. Zum mythischen Gottesbild gehörte der Götterkampf und damit auch die Übertragung fragwürdiger menschlicher Kampfesweisen auf die Welt der Götter. Diese Übertragung nahm man früher oft recht unbekümmert vor und unterstellte den Göttern Handlungen, die allenthalben Anstoß erregen mussten. Man traf daher nach 1400 v. Chr. bei der Kanonisierung der Literatur eine Auswahl unter den älteren Werken und schloss manche sumerische und altbabylonische Mythendichtung Von der Weiterüberlieferung aus, wenn auch die alten Tafeln erhalten blieben; in anderen Fällen suchte man fragwürdiges Handeln durch positive Zielsetzungen zu rechtfertigen. Ein geradezu klassisches Beispiel für das menschliche Handeln der Götter ist das wahrscheinlich um 1400 v. Chr. entstandene Weltschöpfungsepos, eigentlich ein großer Hymnus auf den Gott Marduk. Am Anfang stehen die Chaosmächte, Apsû als Gott des Süßwassers und die Tiamat, »das Salzmeer«. Sie erzeugen den Anu und dessen Sohn Nudimmud/Ea, den Apsû ebenso wie die anderen jungen Götter vernichten will. Nur Ea ist Apsû gewachsen; er tötet ihn und errichtet auf seiner Leiche im leibenschaffenden Grundwassermeer seinen Palast. Dort wird das Wunderkind Marduk geboren, das alsbald alle älteren Götter überragt. Die ältesten unter ihnen veranlassen nun Tiamat, mit Hilfe von dunklen Mächten die jüngeren Götter zu vernichten. Diese erstarren vor Furcht, selbst Ea versagt und schickt Marduk vor, der sich aber nur dann zum Kampf bereit erklärt, wenn ihm die Herrschaft übertragen wird. In ihrer Angst stimmen die Götter nach einem kräftigen Umtrunk zu, und Marduk rüstet ein Heer von Sturmdämonen aus, das Tiamats Scharen gewachsen ist. Er selbst tötet die Tiamat, spaltet sie und erschafft aus ihrer einen Hälfte den Himmel, aus der anderen die Erde. Dann weist er Mond und Sternen ihre Zeiten an und wird zum Götterkönig ernannt. Daraufhin schafft er Babylon und aus der Leiche von Tiamats General Kingu die Menschen, um den Himmlischen Arbeit abzunehmen. Zum Dank dafür erhält Marduk fünfzig Namen und damit die Funktionen von ebenso vielen Göttern. Am Schluss steht ein Segenswunsch für alle, die das Lied zum Preise Marduks singen. In dieser Dichtung entmachten sich die Götter selbst in wenig würdiger Form zugunsten Marduks und nehmen aus seiner Hand ihren Anteil am Weltregiment zurück. Obwohl noch große Götter, sind sie es doch eigentlich nicht mehr. Viele Gebete variieren den gleichen Gedanken. Marduk selbst erstrebt die Macht wie ein erfolgreicher junger König, wobei er mit den alten Göttern nicht sehr taktvoll umgeht; ein höheres ethisches Prinzip vertritt er in diesem alljährlich am Neujahrsfest in Babylon rezitierten Epos noch nicht. Mit dem Schöpfungsbericht der Bibel hat diese Dichtung außer der Konzeption des Urchaos fast nichts gemein. Ähnlich widerspruchsvoll ist das Gottesbild des jüngeren Gilgameschepos, als dessen Dichter eine Überlieferung den Urukäer Sinleqeunnîni (um 1150 v. Chr.) nennt. Von Marduk weiß dieses Epos nicht. Die Götter unter Führung des Anu, der nur in der Sintfluterzählung des Epos hinter Ellil zurücktritt, setzen dem heroischen Menschen unübersteigbare Schranken und geben ihm mit Ausnahme des stets gütigen Schamasch keine Wegweisung. Geradezu brutal geißelt das Epos durch den Mund der Helden die Dirnenhaftigkeit und Rachsucht der Ischtar. Offenbar kam es zu diesen Blasphemien aus Empörung über die Entartung des Ischtarkultes in Uruk, der den Frauen ihre Würde raubte. Im Mittelpunkt der Dichtung steht der über die Unabwendbarkeit des Todes verzweifelte Mensch. Die beiden Freunde Gilgamesch und Enkidu, anfangs als Gegner geschaffen, helfen sich auf dem abenteuerlichen Zug gegen Chumbaba gegenseitig immer wieder über ihre Ängste hinweg und steigern sich nach dem Sieg in eine Selbstüberhebung hinein, die die Götter missachtet. Als nun Enkidu zur Strafe todkrank wird, kann ihn der Freund in seiner Verzweiflung nicht trösten; nur Schamasch findet gute Worte. Der Tod Enkidus lähmt Gilgamesch zunächst völlig, treibt ihn dann aber zu übermenschlicher Anstrengung, sein eigenes Los zu wenden; als er trotzdem scheitert, flüchtet er resigniert in den Stolz auf die eigene Leistung, ohne sie im letzten ganz ernst zu nehmen. Das auch sprachlich gewaltige Epos hat, den großen Heldengedichten anderer Völker durchaus ebenbürtig, mit diesen eine tragische Weitsicht gemeinsam, die die Größe und zugleich die Kleinheit des heroischen Menschen in der Ausweglosigkeit der Situationen zeigt, in die ihn Schuld und die Unbegreiflichkeit der Götter führten. Indem es jeden herkömmlichen Trost zerschlägt, zwingt es den Hörer, nach etwas ganz Neuem Ausschau zu halten. Gemessen an Gilgamesch hat Adapas Scheitern auf dem Weg zum ewigen Leben etwas Tragikomisches. Weil er dem Südwind die Flügel zerbrach, zitiert ihn Anu zur Bestrafung vor sich. Ea warnt ihn vor der Speise des Todes, die Anu ihm anbieten würde, rechnet aber nicht mit dessen Gutmütigkeit angesichts des komischen Auftretens Adapas. Als Anu ihm nun Lebensspeise anbietet, nimmt Adapa sie nicht und bleibt dem Tod verfallen, weil Ea nicht klug genug ist und er zuwenig Vertrauen hat. Am mangelnden Vertrauen lässt auch der Etanamythus seinen Helden scheitern. Etana ist von den Göttern als erster König und Baumeister in Kisch eingesetzt, bleibt aber kinderlos. Schamasch schickt ihn ins Gebirge, wo ihm ein Adler das Gebärkraut zeigen soll. Er findet den Adler hilflos in einer Grube, in die ihn eine Schlange auf Schamaschs Geheiß geworfen hat, weil er deren Junge trotz eines Eides gefressen hatte. Nach einer Textlücke ist vom Gebärkraut nicht mehr die Rede, sondern nur von Etanas Wunsch, auf dem Rücken des gesundeten Adlers zur Erlangung des ewigen Lebens gen Himmel zu fahren. Der Wunsch wird erfüllt, doch bevor der oberste Kümmel erreicht ist, bekommt Etana Angst, und beide stürzen ab. Die fein gestaltete Dichtung weist dem Menschen, der den Weltenraum erobern möchte, seine Grenzen zu; sie ist aber auch ein Hoheslied auf Schamasch, der den Frevel des Adlers hart bestraft, ihm aber auf seine Bitte um Vergebung dadurch hilft, dass der hilflose Adler und der hilfsbedürftige Mensch einander die notwendigen Dienste leisten. Trotz des tragischen Endes weist der Mythus nach vom, indem er dem todgeweihten Menschen zeigt, welche Möglichkeiten ihm gegenseitige Hilfe und das Gebet um Vergebung schwerer Schuld eröffnen. Von den sumerischen Mythen wurden nur die Unterweltsmythen in teilweise neuer Gestalt weiterüberliefert, dazu noch einige, die den Götterkampf gegen die Mächte der Unordnung schildern. Die Sphäre des Erotischen bleibt in ihnen fast immer unberührt, da man sich, von Ischtar abgesehen, auch junge Götter nicht mehr als unbeherrscht triebhaft vorstellen mochte. Umstritten ist, ob und wieweit einzelne Mythen Vorgänge am Himmel schildern sollten und damit im eigentlichen Sinn Astralmythen sind. Da die Sternbilder als Götter oder mythische Tiere personifiziert wurden, ist es möglich, dass ihnen der Mythus bisweilen auch ein Handeln zuschrieb. Mehr als Einzelzüge aber wird die astralmythologische Ausdeutung der Mythen kaum klären können. Neben den Mythendichtungen stehen die Kriegsepen, die in Assyrien in dem schon erwähnten Epos von Tukultininurta ihren Höhepunkt fanden und in Babylonien die Siege Nebukadnezars I. besangen, aber auch die Katastrophen des Hethitereinfalls von 1595 v. Chr. und der elamischen Fremdherrschaft vor 1160 v. Chr. eindringlich schilderten. Von den Chroniken unterscheiden sie sich durch die reichlich eingestreuten Reden der Beteiligten. Zahlreich sind stilistische Entlehnungen aus den Königsinschriften, und, wie in diesen, nimmt der hymnische Preis der von den Göttern erfahrenen Hilfe einen breiten Raum ein. Weitaus vielseitiger als früher ist jetzt die Gebetsliteratur. Allerdings ist eine auch nur ungefähre Datierung bei vielen Gebeten besonders schwierig. Neben den Hymnus tritt jetzt das Gebet, vor allem als Gebetsbeschwörung, die, oft in magische Riten eingebettet, zahlreiche, den Gott mehr beschwörende als bittende Wendungen enthält. Den meisten Menschen ist die Existenz vieler Götter immer noch selbstverständlich, auch wenn nur ein einzelner Gott angerufen wird. Die individuellen Unterschiede zwischen den Göttern aber schwinden immer mehr. Jeder Gott ist ein barmherziger, aber gegen den Sünder strenger Vater, jede Göttin eine Mutter von der gleichen Art. Der Gedanke, dass sie einmal gegeneinanderstehen könnten, ist verschwunden, und es erscheint jetzt undenkbar, dass sie an den Menschen strenge ethische Forderungen stellen, aber selbst dagegen verstoßen. Wer in diesem Sinne weiterdachte, musste zu der Frage kommen, ob nicht die vielen Götternamen im Gründe nur ganz wenige oder gar nur einen Gott oder eine Göttin meinten. Tradition und Priesterschaft waren jedoch so mächtig, dass sich eine radikale Antwort auf diese Frage nicht durchsetzen konnte, wenn sie auch da und dort anklingt. Als möglicher Ausweg blieb, dass man unter den vielen Namen eine Göttlichkeit suchte, also eine Auffassung vertrat, für die man die Bezeichnung »Monotheothetismus« vorgeschlagen hat. Diese Auffassung erlaubte es, überlieferte Gottesnamen beizubehalten, wie vor allem Schamasch oder Marduk, jedoch auch Ischtar und etliche andere. Oft sprach man aber nur von »dem Gott« oder »der Göttin«. Von den Menschen forderten die Götter nicht nur die Erfüllung kultischer Pflichten, sondern auch ein Verhalten zum Mitmenschen, das strengen Maßstäben zu genügen hatte. Ein umfangreicher Sündenkatalog verwirft nicht nur jedes Tun, das den Bestand der Familie gefährdet, sondern auch Unbarmherzigkeit gegen gefangene Feinde, ja sogar Tierquälerei. Niemand konnte alle diese Forderungen immer erfüllen, daher kamen die Babylonier wie die Israeliten zu der Überzeugung, dass Sündhaftigkeit und Angewiesensein auf die göttliche Vergebung zum Wesen des Menschen gehören: »Wer hat nicht gesündigt, wer nicht gefrevelt?« Diese Erkenntnis entzog der verbreiteten, primitiv eudämonistischen Lehre, dass die Gottheit den Frommen mit Wohlergehen belohnen müsse, weithin den Boden; denn wer konnte bei solchen Forderungen dem Gott seine Verdienste vorrechnen? Auch der Frömmste musste aber in Anfechtung fallen, wenn er in schweres Leid geriet und einen ausgemachten Bösewicht im Glück leben sah. Einige Gebete setzen sich mit dieser Anfechtung auseinander; zum Thema wird sie vor allem in dem über vierhundertfünfzig Verse umfassenden Selbstbericht eines hohen Beamten mit dem Anfangsvers: »Ich will preisen den Herrn der Weisheit (Marduk)«. Nach einleitenden Worten über die Größe Marduks schildert er die Krankheiten und das schwere Leid, die ihm trotz dauernder Mühen um gottwohlgefälliges Leben auferlegt sind und ihn an den Rand des Grabes bringen. Wenn er dabei Leiden nennt, die ihn selbst sicher nicht betroffen haben, so tut er es, damit jeder Hörer die Klage zu seiner eigenen machen kann. Er ist wirklich fromm, aber: »Wüsste ich doch, dass das alles dem Gott gefällt! Was einem selbst gut erscheint, ist vor Gott ein Frevel, was man für schlecht hält, könnte vor Gott gut sein! Wer durchschaut den Sinn der Götter im Himmel?« Erst als alle ihn aufgeben, erscheinen ihm in drei Träumen engelähnliche Gestalten und verheißen ihm im Auftrag Marduks baldige Heilung. Er wird darauf mit Segen überschüttet und kann nun den Menschen nur noch Marduks Ruhm verkünden. Für menschliches Denken ist diese Heilung ebenso unmotiviert wie vorher die Überlastung mit Leid. Aber der Mensch soll den Gott nicht verstehen wollen, sondern sich vor ihm beugen und ihn für jeden Segen preisen. Anders als die Ägypter hatten die Babylonier keine Möglichkeit, die unverständliche göttliche Gerechtigkeit in einem Jenseits zu erwarten. Ihre Religion konnte nichts Überzeugendes über den Sinn des Leidens sagen, sie kannte weder die Erziehung durch das Leid noch die Aufgabe stellvertretenden Leidens. Unter den Hymnen steht ein Lied von zweihundert Versen an Schamasch obenan, das nicht nur die Wirkungen der Sonne eindrucksvoll schildert, sondern auch das Eintreten des Gottes für den, der recht tut, und gegen die Unehrlichen preist: »Wer keine Bestechung nimmt, für den Schwachen eintritt, der gefällt Schamasch und lebt länger. Wer aber Geld für Trug gibt und Unrecht tut, was gewinnt er? Er tut dem Gewinn Abbruch und ruiniert das Kapital!« Der Glaube an eine gerechte Vergeltung auf Erden ist hier noch ungebrochen. In der sehr umfangreichen magischen Literatur finden wir auf der einen Seite die Zusammenfassung älterer, vor allem sumerischer Beschwörungen zu kanonischen Werken, auf der anderen viele neue Werke, die gegen den »Bann« als Folge der Sünde gerichtet sind, gegen Hexerei und die durch Totengeister hervorgerufenen Leiden. Medizin und Magie bleiben nach wie vor miteinander verquickt, wenn auch das Studium der Heilpflanzen und mineralischer Drogen weit systematischer betrieben wird. Ein großes Werk mit Krankheitsdiagnosen zeigt allerdings, dass man trotz guter Kenntnis des Körpers Symptome und Ursachen der Krankheiten nicht auseinanderhielt. Daher werden auch viele Rezepte in der Hoffnung zur Auswahl angeboten, dass wenigstens eines davon helfen wird. Auch die Sammlungen von Vorzeichen wurden systematisiert und stark erweitert, wobei gelegentlich lehrhafte Abschnitte eingefügt sind. Neben den Leberomina erscheinen nun in immer größerem Ausmaß astrologische Vorzeichen, mögen sie auch erst später zusammengefasst worden sein. Interessant sind die aus der Physiognomie des Menschen und seinem Verhalten abgeleiteten Vorzeichen, die in Omenform eine primitive Morallehre bieten. Sehr intensiv gepflegt wurde die Lexikographie in Gestalt der schon früher ausgebildeten zweisprachigen Listen. Zu den nach Zeichen und Sachgruppen geordneten und nun stark erweiterten alten Werken kamen viele neue, darunter Zusammenstellungen von Synonymen und Homonymen oder von Wörtern vermeintlich gleicher Wurzeln. Die Vorliebe aller Semiten für primitive Volksetymologien feierte seltsame Triumphe. In der sumerischen Spalte merkt man, wie die lebendige Kenntnis des Sumerischen immer mehr verlorengeht und an ihre Stelle merkwürdige sprachliche »Rekonstruktionen« treten. Die Baukunst der Zeit findet, nach einigen originellen Gestaltungen, wie dem Innin-Tempel des Karaïndasch in Uruk und dem älteren Sin-Schamasch-Tempel in Assur, in beiden Ländern zu traditionellen einheimischen Bauformen zurück, bereichert allerdings durch neue Elemente wie das Ziegelrelief mit und ohne Farbglasur. Von den Bauten dieser Zeit wurde bisher noch nicht sehr viel freigelegt, auch über die Großplastik wissen wir nur wenig, da sich auf den babylonischen Grenzsteinen meist nur abstrakte Götter- und Sternsymbole finden; Götterbilder sind nicht erhalten. In Assyrien beschäftigte Tukultininurta I. einige fähige Künstler. Auf einem Symbolsockel ließ er sich als Beter stehend und kniend vor dem Symbol des Nusku darstellen; der Rest eines Kriegsbildes auf einer Steinplatte legt bei aller Brutalität der Szene Zeugnis ab von einer feinen Behandlung des menschlichen und tierischen Körpers. In weitaus größerer Zahl kennen wir aus dieser Zeit Rollsiegel, in Babylonien oft mit Inschrift, manchmal einem Gebet, und mit Figuren, die eng im Raum beschränkt sind; gute Siegelbilder begegnen selten. In Assyrien hat die Kunst der Churriter sichtbare Spuren hinterlassen, aber bald entwickelte sich ein eigener Stil. Menschen werden selten, zumeist nur als Beter vor Symbolen oder Gottheiten, dargestellt. Umso häufiger begegnen dämonische Mischwesen, oft in mythischen Kampfbildem, in denen eine Überfüllung der Bildfläche vermieden ist. Die Darstellung von Tieren und Bäumen zeigt oft eine bemerkenswerte Freiheit von starren Schemata, auch wenn die uralten Motive vom Angriff wilder Tiere auf die Herden variiert werden. Man spürt das Wachsen einer Kunst, die zu größerem berufen ist.

Forum (Kommentare)

Info 19.11.2017 11:34
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.