Die phönikische Kolonisation

Über die Verhältnisse in Syrien und an der phönikischen Küste nach dem Seevölkersturm von 1200 v. Chr. ist kaum etwas bekannt. Die Aramäer dürften damals in hellen Scharen in das Binnenland eingebrochen sein und teils alte Stadtstaaten übernommen, teils neue gegründet haben. Unter den alten Staaten behielt Hama am Orontes weiter seine Bedeutung. Die Küstenstädte, mit Ausnahme von Beruta und Ugarit, müssen sich ziemlich schnell von der Katastrophe erholt haben, hatten aber wegen der Angriffe der Aramäer keine Möglichkeit, ihr übervölkertes Gebiet jenseits des Küstengebirges zu erweitern. Sie wurden mehr noch als früher auf das Meer verwiesen und übernahmen nach dem Zusammenbruch Kretas die Seeherrschaft über weite Teile des Mittelmeers. Leider stehen uns für den so bedeutsamen Vorgang der phönikischen Kolonisation an allen Küsten des Mittelmeers, der bald nach 1200 v. Chr., zunächst unter der Führung von Sidon, begonnen haben muss, nur späte griechische Quellen zur Verfügung; für die Geschichte von Tyros nach 1000 v. Chr. berufen sie sich allerdings auf dort geführte Annalen. Nachrichten, die sich bei assyrischen Königen – Tiglatpilesar I. nennt um 1100 v. Chr. Arwad, Sidon und Gubla – und später im Alten Testament finden, erwähnen nur ganz selten die für Assyrer und Israeliten wenig interessanten Seefahrten der Phöniker. Phöniker
Grüßender Phöniker
Relief vom Palast Assurnassirpals II. in Kalack, um 870 v.Chr. Phönikische Inschriften aus Gebal/Gubla aus der Zeit von etwa 1000 bis 900 v. Chr. enthalten außer einigen Königsnamen keine historischen Nachrichten. Die früheste dieser Inschriften wurde von Itoba’al auf dem Steinsarkophag seines Vaters Ahiram angebracht; ein Abiba’al war Zeitgenosse von Scheschonk I. von Ägypten. Alle rufen die Ba’alat (»Herrin«) von Gebal um ihren Segen an. Wie andere phönikische Götter forderte auch sie Menschenopfer, vor allem Kinderopfer, etwa bei der Grundsteinlegung von Gebäuden. Nach seinem Bildschmuck ist der Ahiram-Sarkophag ein typisches Produkt der phönikischen Mischkultur. Ein einheimisches Motiv auf ihm ist die Darstellung eines Leichenzuges und der mit erhobenen Armen klagenden Frauen. In Tyros regierte zur Zeit Davids und Salomos Hiram I. (969-936 v. Chr.) und gewann durch den Handel im Mittelmeer und im Roten Meer, hier im Zusammenwirken mit Salomo, große Reichtümer, die er in prächtigen Bauten anlegte. Von seinen Nachfolgern erwähnen die Annalen wenig Positives, dafür aber manche Mordtat. Im Binnenland bestand schon vor der Zeit Davids der Aramäerstaat von Zoba im Libanongebiet, der zeitweilig eine beträchtliche Macht ausgeübt haben muss. Damaskos spielte um 1000 v. Chr. noch eine bescheidene Rolle und wurde von David seinem Reich einverleibt. Zur Zeit Salomos aber machte es sich selbständig und wurde über mehrere Generationen zur Hauptmacht des Aramäertums und, bei der Schwäche der Großmächte Assyrien und Ägypten, zu einem gefährlichen Gegner Israels. Einheimische Quellen für die Geschichte dieses Aramäerstaates fehlen leider fast ganz. Das wenige, was an Plastik aus der Zeit bis etwa 900 v. Chr. bekanntgeworden ist, wirkt durchaus epigonenhaft gegenüber den Arbeiten vor 1200 v. Chr. Über die Gründungszeit der phönikischen Kolonien und Handelsfaktoreien haben wir nur viel spätere griechische Nachrichten, die wir meist nicht nachprüfen können. Dass auf den Ägäischen Inseln um 1000 v. Chr. schon zahlreiche Niederlassungen bestanden, geht jedoch aus der Tatsache hervor, dass dort die Griechen um 900 v. Chr. die phönikische Schrift übernahmen und durch Vokalbuchstaben erweiterten. Mit dem Aufstieg der griechischen Seemacht nach 900 v. Chr. ging die Bedeutung der ägäischen Kolonien, über die manche Gedanken und Fertigkeiten des Orients nach Griechenland gelangt sind, rasch zurück, während sich an der Südküste Kleinasiens einige Kolonien wahrscheinlich noch länger selbständig erhielten. Geschichtlich noch weitaus bedeutsamer waren die phönikischen Kolonien in Nordafrika und an den Küsten des westlichen Mittelmeers, vor allem in Spanien, auf Sizilien und Sardinien. In Libyen wurden später Leptis Magna, Leptis Parva und Thapsus besonders bekannt, in Nordwestafrika Hadrumetum, Hippo, Utica und als bei weitem bedeutendste Karthago, das wohl schon bald nach 1200 v. Chr. von Sidon aus gegründet worden war, aber erst durch die 814 v. Chr. von Tyros aus gegründete »Neustadt« (phönikisch Qart-hadascht) seine spätere Stellung gewann. Die phönikischen Hauptgottheiten wurden in diesen Städten unter den Namen Ba’al-Hammon und Tanit auch mit Menschenopfern verehrt. Die Sprache der Kolonisten, das Punische, entfernte sich unter dem Einfluss des Berberischen allmählich immer mehr von der phönikischen Muttersprache. Während Utica noch lange auch politisch mit Tyrus verbunden blieb, wurde Karthago schon früh selbständig und unterwarf sich nach und nach die anderen afrikanischen Kolonialstädte. Die Verfassung dieser Städte war eine aristokratische mit Suffeten (»Richtern«) an der Spitze, die dem Rat der Stadt verantwortlich waren. Von Karthago aus wurden später zahlreiche neue Kolonien angelegt. In Spanien war Gades nahe der Guadalquivir-Mündung die älteste Faktorei (Gründung um 1100 v. Chr.); in ihrem Hinterland, das die Phöniker ebenso wie später oft die Stadt Tarschisch (griechisch Tartessos) nannten, lagen ergiebige Kupfer- und Silbergruben. Die Straße von Gibraltar wurde wohl schon um 1100 v. Chr. durchfahren; später entstanden Faktoreien auch in Portugal und Westmarokko. Die Kolonien waren den einheimischen Fürsten noch sehr lange abgabepflichtig, genossen aber dafür deren Schutz. Nur Karthago hat später seinerseits die Einheimischen unterworfen.

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Info 24.11.2017 14:16
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