Das Reich von Urartu und seine Kultur

Armenien gehörte nicht zu den Hauptzentren politischer Machtbildung im alten Orient, da es dazu schon nach seiner auf weite Strecken verkehrsfeindlichen Struktur wenig geeignet war. Die Hochgebirge teilen es in viele Becken, von denen nur das Tal des oberen Aras eine größere Ausdehnung hat. Ohne künstliche Bewässerung sind nur kleine Teile der Hochtäler für den Getreideanbau geeignet; der größte See, der Wansee, ist abflusslos und daher salzig, während der Sewan-See (Göktscha-See) einen Abfluss zum Aras hat. Über das eigentliche Armenien fehlen noch für das zweite Jahrtausend die Nachrichten fast ganz. Die Hethiter müssen es vor 2000 v. Chr. durchzogen haben, kamen aber von Anatolien aus höchstens bis in seinen äußersten Westen. Ob die von ihnen Churri-Länder genannten Gebiete auch Zentralarmenien umfassten, ist noch nicht bekannt. Die Nairi-Länder, in die die Assyrer seit 1300 v. Chr. viele Feldzüge unternahmen, dürften überwiegend südlich des Euphrat-Quellflusses Murad-Su zu suchen sein. Das Wansee-Gebiet nennt Salmanassar I. um 1250 v. Chr. Uruatru; seit etwa 900 v. Chr. wurde daraus Urartu. Die biblische Namensform Ararat hat sich als Name des höchsten Berges Kleinasiens bis heute gehalten. Die gewiss überwiegend churritische Bevölkerung Armeniens hat vor 900 v. Chr., mindestens auf dauerhaftem Material, nicht geschrieben. Bald danach übernahmen sie die Keilschrift aus Assyrien und schrieben auch teilweise in neuassyrischer Sprache. Die spätchurritische Sprache Urartus wird von manchen Forschem urartäisch, von anderen chaldisch genannt; ihre heute noch unvollkommene Enträtselung wurde erst durch zwei leider schlecht erhaltene zweisprachige assyrisch-urartäische Königsinschriften möglich. Neben der Keilschrift auf Steininschriften und Tontafeln wurde, überwiegend wohl auf vergänglichem Material (Holz), auch eine Hieroglyphenschrift geschrieben, die noch nicht entziffert ist. Leider gibt es neben den zum Teil sehr umfangreichen Königsinschriften nur wenige Urkunden und Briefe und bisher gar keine Literaturwerke. Nach den Inschriftenfunden war das Gebiet zwischen Wan- und Sewansee das Kernland von Urartu, das von seinen Bewohnern Bia genannt wurde. Als Hauptstadt erscheint Tuschpa (heute Wan). Systematische Ausgrabungen wurden bisher nur von den Russen in Karmir Blur, dem alten Teschebaini bei Eriwan, seit 1939 durchgeführt; frühere Grabungen in Wan waren unzureichend. Schon der erste durch eine Inschrift bezeugte König Sardur I. (um 835-825 v. Chr.) nennt sich, vielleicht zur Zeit des Bürgerkriegs in Assyrien nach 828 v. Chr., kühn »König der Welt und der Nairi-Länder«, nimmt so die assyrische Titulatur für sich in Anspruch; er muss demnach bereits ein größeres Gebiet beherrscht haben. Sein Sohn Ischpuini (um 825-805 v. Chr.) regierte etwa zehn Jahre allein und dann zusammen mit seinem Sohn Menua (815-790 v. Chr.), der eine besonders große Zahl von Inschriften hinterlassen hat. Beide Könige zogen gemeinsam mit etwa siebzehntausend Mann, davon fünfzehnhundert Reitern, und vielen Wagen gegen das Etiu-Gebiet (um Leninakan und den Tschaldyrsee) und wollen von dort zwanzigtausend Gefangene mitgebracht haben. Danach zogen sie mit zweiunddreißigtausend Mann nach Südosten gegen das Perserland Parsua und machten dort etwa doppelt so viele Gefangene. Auf dem Pass von Kelischin südwestlich des Urmiasees, über den man nach Parsua hinabstieg, steht noch heute eine Stele von ihnen mit zweisprachiger Inschrift und berichtet von Weihgaben für den Gott Chaldi von Mußaßir nordwestlich des Passes und den großen Schafherden des Tempels. Menua allein hat dann die Eroberungen nach allen Richtungen hin erweitert. Soweit wir die geographischen Bezeichnungen und die militärischen Fachausdrücke in seinen viel von Feldzügen handelnden Inschriften verstehen, zog Menua oft auch in die pferdereichen Etiu-Länder und in das südlich daran anschließende Land Alzi. Der König des späthethitischen Staates von Malatia musste ihm Tribut zahlen, ebenso das noch weiter westlich gelegene Tilgarimmu (in der Bibel Togarma). Unmittelbar assyrisches Interessengebiet waren die Nairi-Länder und das iranische Man südlich des Urmiasees, doch nennt Menua die Assyrer in diesem Zusammenhang nicht, obwohl er in diesen auch von Assyrien oft heimgesuchten Ländern auf assyrische Truppen gestoßen sein muss. Vermutlich hat er gegen die Assyrer keine Erfolge erringen können, wie auch die Assyrer nichts von größeren Siegen über Urartu berichten; die in den Bergländern vom oberen Euphrat bis zum Urmiasee etwa gleichstarken Großmächte vermieden wohl nach Möglichkeit große Schlachten und hielten sich lieber an die schwachen Kleinstaaten. Die friedliche Tätigkeit des Menua erstreckte sich wie bei seinen Vorgängern auf den Bau von Tempeln, Bergfestungen und vor allem von Kanälen im Wansee-Gebiet. Manches unzureichend bewässerte Hochtal muss damals durch Stauanlagen, die wie die Festungen aus sorgfältig gefügten großen Steinquadern errichtet waren, in ein blühendes Gartenland verwandelt worden sein. Der König erzählt auch von der Anlage von Obst- und Weingärten. Die in der Burg von Teschebaini aufgefundenen Weinkeller, deren große Krüge insgesamt an die zweihunderttausend Liter fassten, zeugen ebenso von der Trinkfreude der Fürsten und Krieger von Urartu wie von den gewaltigen Weinmengen, die damals in Armenien zur Verfügung standen. Argischti I. (790-760 v. Chr.) dehnte seine Eroberungszüge teilweise noch weiter aus als sein Vater. Von ihm stammt die längste derzeit bekannte Inschrift am Felsen von Wan, die allerdings nur teilweise erhalten ist. Danach kam er im Nordwesten bis in die Gegend von Ardahan und will im ganzen einige Hunderttausend Menschen teils dienstpflichtig gemacht, teils in andere Gebiete umgesiedelt haben. Die heutige Stadt Eriwan (damals Erbuni) ist von ihm erbaut oder wiederaufgebaut worden, ebenso Armavir unter dem Namen Argischtichinili. Zusammenstöße mit assyrischen Truppen, die nach dem Eponymenkanon 776 und 774 v. Chr. stattfanden, waren nach seiner Darstellung erfolgreich für Urartu; Argischti brandschatzte das Land Man mit der Stadt Buschtu und war darin anscheinend ein gelehriger Schüler der Assyrerkönige. Viele andere Länder, die er nennt, lassen sich noch nicht lokalisieren; sie dürften überwiegend in den von den Assyrern nie betretenen Gebieten im Norden Armeniens zu suchen sein. Berichte über seine Bauten und Weihungen treten hinter den Kriegsberichten sehr zurück. In die Regierungszeit von Argischtis Sohn Sardur II. (760-734 v. Chr.) fällt der größte Machtzuwachs Urartus, aber auch der Beginn seines Abstiegs. Den schwachen Assurnerari V. von Assyrien drängte er ganz in die Defensive und unterwarf das Land Kummuch südwestlich von Malatia, musste aber auch gegen die Länder im Nordwesten und Nordosten erneut zu Felde ziehen. Wo die Nordgrenze von Urartu zu seiner Zeit verlief, ist vorläufig nicht zu sagen. Aber eindeutige Hinweise fehlen, dass das mittlere und untere Kura-Tal einbezogen waren oder dass Züge das Schwarze oder das Kaspische Meer erreicht haben. Im Südosten war Man Urartu weiterhin tributpflichtig, während Parsua nicht mehr genannt wird. Gegen Ende der Regierung Sardurs hatte die Auseinandersetzung mit Assyrien unter Tiglatpilesar III. schwere Rückschläge und die Verwüstung des Wansee-Gebiets zur Folge, und sein Nachfolger Rusa I. (734-714 v. Chr.) musste in seinen letzten Jahren die Zerstörung vieler blühender Städte durch die Assyrer erleben. In anderen, noch nicht lokalisierten Landschaften und im Gebiet von Mußaßir westlich des Urmiasees nimmt freilich auch Rusa noch große Erfolge für sich in Anspruch, sagt aber nichts über die damals wohl über den Kaukasus nach Transkaukasien eingedrungenen iranischen Kimmerier, die Urartu im Norden seines Reiches schwere Schäden zugefügt haben müssen, ehe sie sich nach Südwesten gegen Phrygien wandten. Über die Wege des Kimmeriersturms in Vorderasien, der überall, wo er hinkam, Schrecken verbreitete, ist im einzelnen sehr wenig bekannt. Rusa soll sich nach seinen Niederlagen das Leben genommen haben. Die späteren Könige Urartus haben, zwischen dem assyrischen Großreich der Sargoniden und den Staaten der Kimmerier, später auch der Skythen eingeengt, auf eine aggressive Außenpolitik im allgemeinen verzichten müssen und wandten ihre Kraft mehr den Bauten zu, besonders aber der Anlage von Kanälen und Gärten in dem jetzt stark verkleinerten Gebiet. Argischti II. (714 bis um 680 v. Chr.) vermied eine erneute Auseinandersetzung mit Sargon II. von Assyrien und wurde von Sanherib in Ruhe gelassen. Rusa II. (680-655 v. Chr.) schloss sogar mit Assarhaddon einen gewiss vor allem gegen die Kimmerier gerichteten Vertrag, auf Grund dessen ihm 673 Flüchtlinge aus Schubria ausgeliefert wurden. Rusa III. (655-640 v. Chr.), nach mindestens acht Generationen ungestörter Thronfolge anscheinend der erste Usurpator, schickte an Assurbanipal eine Gesandtschaft, ebenso sein Sohn Sardur III. (640-620 v. Chr.), der sich vielleicht schon als Vasall Assyriens bezeichnen musste. Um 620 v. Chr. erlag Urartu den Skythen und verschwindet damit wenig vor Assyrien aus der Geschichte. Reste der Urartäer haben sich noch lange in abgelegenen Gebieten neben den nach 600 v. Chr. von Westen her eindringenden indogermanischen Armeniern halten können und waren den Griechen unter dem Namen Alarodier bekannt. Rusa II.
Leuchter des Königs Rusa II. Urartische Bronzearbeit, 7. Jahrhundert v. Chr. Urartu war eine erbliche, absolute Monarchie, in der sich der König in allen seinen Handlungen als Beauftragter des Gottes Chaldi fühlte. Über den Aufbau des Staates wissen wir sehr wenig. Er mag anfänglich locker gefügt gewesen sein, wurde dann aber zu einem Beamtenstaat nach dem Muster des assyrischen, wie Urartu überhaupt Assyrien in vielem nachgeahmt hat; der Stil der Inschriften war allerdings trotz mancher Entlehnungen ein durchaus eigener. Die Provinzen wurden von Statthaltern verwaltet, die, wie die Ausgrabung von Karmir Blur zeigt, vor allem große Magazine für die Abgaben anzulegen und zu verwalten hätten. Dass Urartu der zentrifugalen Tendenzen an den Rändern seines nie sehr großen Reiches immer nur vorübergehend Herr werden konnte, lag gewiss vor allem an der unwegsamen Hochgebirgslandschaft. Einige noch heute erhaltene Kanalbauten der Könige schufen neben der seit alters intensiv gepflegten Viehzucht die Grundlage für eine blühende Acker- und Gartenkultur. Auch in Assyrien war die Pferdezucht, vor allem im Gebiet des Urmiasees und bei Kars, hochberühmt; am Export von Pferden hat Urartu viel verdient. Eine weitere Quelle des Reichtums war die Gewinnung, mehr noch die Verarbeitung von Metallen. Neben den Gold-, Silber- und Kupferschmieden zeigten auch die Eisenschmiede ein damals wohl nirgends übertroffenes Können. Die Erzeugnisse ihrer Arbeit wurden anscheinend nicht nur in die Nachbarländer exportiert. Die Bedeutung der urartäischen Plastik liegt nicht so sehr in ihren Motiven, sondern in ihrer handwerklichen und künstlerischen Gestaltung; die Motive sind fast durchweg aus Kleinasien oder von den Assyrern übernommen; Großplastik ist bisher nicht bekanntgeworden. Das Menschenbild wird vor allem durch die Bronzestatuette eines Beamten aus Tuschpa mit einem unvollständig erhaltenen Kalksteinkopf vertreten, die trotz sehr feiner Oberflächenbehandlung starr wirkt. Dasselbe gilt von Götterfigürchen auf Tieren oder Säulenbasen, vielleicht Teilen von monumentalen Götterthronen, zu denen auch die für Urartu charakteristischen kleinen Sphinxen und sonstigen Mischwesenfiguren aus getriebener Bronze gehört haben mögen. Künstlerisch weitaus wertvoller sind einige Rundschilde, Helme und Köcher aus Bronze mit Darstellungen von Löwen, Stieren und anderen Tieren, die höchst lebendig modelliert sind. Der Bronzehelm Sardurs II. aus Karmir Blur ahmt in den Kriegsszenen die Bronzetore Salmanassars III. von Balawat nach, während die mythologisch-symbolischen Motive den Reliefs am Palast Assurnassirpals in Kalach nachgebildet sind. In Karmir Blur fanden sich auch Reste von Wandmalereien. Die Bronzeschilde hingen wohl als Weihegaben an den Außen- und Innenwänden der Tempel, wie wir einer assyrischen Darstellung des Tempels von Mußaßir entnehmen können. Das Dach dieses Tempels war dem griechischer Tempel ähnlich und trug am First eine riesige Lanzenspitze, sein Eingang war von großen Lanzen und von Götter- oder Königsbildern flankiert. Soweit bisher festgestellt, hatten die Tempel nur wenige Räume. Die Paläste waren nach eben diesem Bild auf mörtellosen Quadersteinsockeln, teilweise dreistöckig, aus Ziegeln errichtet und mit Zinnen gekrönt. Über die Religion der Urartäer wissen wir mangels religiöser Dichtungen nur wenig. Die Deutung der religiösen Formeln, die die Kriegsberichte einleiten, und der Fluchformeln am Schluss ist noch zu sehr umstritten. Nach den Inschriften, von denen einige lange Listen von Opfergaben enthalten, war die Zahl der Götter ziemlich groß und umfasste neben der Masse der churritisch-urartäischen Namen auch etliche akkadische. Der Nationalgott Chaldi an der Spitze des Pantheons bildete mit dem Wettergott Tescheba (früher Teschup) und Schiwini, einer Sonnengottheit unbekannten Geschlechts, eine Dreiheit. Die Göttin Chutuini war vielleicht die Gemahlin des Chaldi, anderen Götternamen können wir nicht viel entnehmen. Die Opfer, teilweise vor den als Heiligtümer geweihten Felstoren dargebracht, waren vorwiegend Schlachtopfer; große Bronzekessel dienten wohl zur Aufnahme des Blutes. Über die Priesterschaft selbst ist fast nichts bekannt.

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Info 20.11.2017 08:54
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