Die späthethitisch-aramäischen Kleinstaaten nach 1000 v. Chr.

Bei der Darstellung der Geschichte Assyriens und Urartus mussten wir schon mehrfach Kleinstaaten Südostkleinasiens, Syriens und Mesopotamiens nennen. Die Funde, die in manchen ihrer Hauptstädte gemacht wurden, rechtfertigen ein eigenes Kapitel, obwohl die Geschichte keines dieser Staaten über einen längeren Zeitraum zusammenhängend zu rekonstruieren ist. Sichere Datierungen für die Inschriften und Bildwerke lassen sich nur da gewinnen, wo uns die assyrischen und vereinzelt auch urartäischen Inschriften zu Hilfe kommen. Ergänzend können dann sprach-, schrift- und stilgeschichtliche Beobachtungen herangezogen werden. Im ganzen Gebiet, von Malatia im Norden bis nach Hama im Süden und von Kilikien im Westen bis nach Guzana im Osten, kommen Denkmäler der späthethitisch-churritischen Kunst vor, die trotz beträchtlicher örtlicher Verschiedenheiten durch sehr wesentliche Gemeinsamkeiten des Stils miteinander verbunden sind. Zusammen mit den Bildwerken finden sich in den meisten Orten auch Inschriften in hethitischen Hieroglyphen und in luvischer Sprache, deren Verbreitung nach Osten allerdings am nordsüdlich verlaufenden Teil des Euphrattales ihre Grenze findet. Nach 900 v. Chr. treten neben den bildhethitischen Inschriften solche in phönikischer Buchstabenschrift auf, die an der Küste, in Kilikien und teilweise auch in Nordsyrien in phönikischer Sprache, sonst aber, vor allem nach 800 v. Chr., in Aramäisch oder einem verwandten semitischen Dialekt abgefasst sind, das Assyrische verwendeten die Einheimischen wohl nur in Mesopotamien, Durch größere oder kleinere Funde ist bisher nur ein Teil der Staaten bekanntgeworden, die Listen eroberter Länder in den assyrischen Inschriften zeigen aber, dass es dort noch mehr Staaten gab. Im Norden nimmt Malatia insofern eine Sonderstellung ein, als es die hethitische Überlieferung ungebrochen erhielt und am wenigsten von fremden Elementen beeinflusst war, die Aramäisierung hatte damals auf dieses Gebiet noch nicht übergegriffen. Die Inschriften nennen neben anderen bisher nicht einzuordnenden Königen einen Sulumeli, der mit dem bei Tiglatpilesar III. genannten Sulumal von Milid gleichnamig ist, aber nicht identisch sein muss, weil sich die Königsnamen in den Dynastien oft wiederholen. Malatia musste sich häufig den Assyrern, nach 800 v. Chr. mehrfach den Urartäern und wahrscheinlich auch den Phrygern und Kaskäern unterwerfen und dürfte politisch kaum je eine größere Bedeutung erlangt haben, um so mehr, als das benachbarte Kummuch, das Assyrer und Urartäer oft nennen, als eigener Staat erscheint. Im Gebiet von Mar’asch zwischen den Hauptketten des Amanus und im östlichen Kilikien lebte mindestens nach 900 v. Chr. eine semitisch-kleinasiatische Mischbevölkerung, deren Fürsten allerdings fast niemals semitische Namen tragen. Mar’asch/Marqasi ist die Hauptstadt des früher Gurgum genannten Fürstentums, zu dem auch die Stadtreste des heutigen Saktsche-Gözü gehören. Südlich davon schließt sich das durch Ausgrabungen in Sendschirli bekannte Fürstentum Ja’dija mit der Hauptstadt Sam’al an. Die fast kreisförmig geführte Doppelmauer mit drei Toren umschließt die Wohnstadt, in deren Mitte die in ihrer Anlage besonders gut erkennbare Burg liegt. Um 830 v. Chr. regierte dort ein Fürst Kilamuwa, der sich in seiner phönikischen Inschrift als vom König von Adana abhängig bezeichnet und dann erzählt, wie er die drückende Armut der als »Hingelegte« bezeichneten Bevölkerungsschicht beseitigt und sie mit einer anderen Gruppe, vielleicht den aramäischen Eroberern, gleichgestellt habe. Um 800 v. Chr. gehörte Sam’al zu einer gegen Hama gebildeten Koalition. Um 760 v. Chr. kam der wieder durch eine Inschrift bekannte Panamu I. zur Herrschaft, die nach seinen eigenen Worten glücklich und erfolgreich verlief, aber von Barrakab (732-720 v. Chr.) in der seinem Vater Panamu II. (743-732 v. Chr.) gesetzten Grabinschrift als Katastrophenzeit geschildert wird. Wahrscheinlich enthält jede der sich widersprechenden Darstellungen ein Stück Wahrheit. Gegen Ende der Regierung Panamus I. müssen wohl innere Schwierigkeiten aufgetreten sein, die neben anderen Gründen Tiglatpilesar III. von Assyrien 743 v. Chr. zur Einsetzung Panamus II. veranlasst haben dürften. Panamu II. und später sein Sohn hielten, nachdem ihr Gebiet nach Norden hin vergrößert worden war, Assur die Treue, gleichwohl wurde Sam’al um 720 v. Chr. zu einer Provinzstadt ohne eigenen Fürsten. Das wechselhafte Schicksal des zwischen den Großmächten lavierenden Sam’al dürfte in vielem typisch sein für die uns weniger gut bekannten Staaten in ähnlicher Lage. Weiter westlich bildete der Taurus die Nordgrenze für das Eindringen semitischer Bevölkerungsgruppen. Das in den assyrischen Inschriften oft genannte Fürstentum Tabal gehörte ebenso wie das mindestens zeitweise von ihm unabhängige Tyana, anders als das im Norden angrenzende Phrygien, zum späthethitischen Kulturkreis. Der von Tiglatpilesar III. unter den Tributpflichtigen erwähnte Urballâ von Tyana hat sich auf einem Felsen bei Ivriz überlebensgroß vor dem Gott Tarhunt abgebildet. In Kilikien umfasste das Fürstentum Qüe nach 800 v. Chr. wohl meist nur den Westen des Landes um Tarsus und Mersin, während Adana, damals Atun, ein selbständiges Fürstentum war, das jetzt durch die türkischen Grabungen in Karatepe am mittleren Dscheyhan für uns besonders interessant geworden ist. Man fand dort in einem Palast neben vielen Bildwerken die Inschrift eines Königs Azitawadda in einer phönikischen und einer bildhethitischen Fassung, von denen die erste die bei weitem umfangreichste phönikische Inschrift ist, die wir kennen. Die ungefähre Datierung der Inschrift war dadurch möglich, dass sich Azitawadda auf seine Einsetzung durch Urikki von Adana berief, der Tiglatpilesar 740 v. Chr. Tribut zahlte. Inzwischen hat sich gezeigt, dass Azitawadda unter dem Kurznamen M/Watî von Sargon II. als loyaler Vasall genannt wird, dem 718 v. Chr. eine vorher assurfeindliche Stadt unterstellt wurde. Damit dürfte die große Inschrift etwa 725 v. Chr. zur Zeit Salmanassars V. abgefasst worden sein. Azitawadda nutzte die Jahre geringerer assyrischer Aktivität nach 730 v. Chr., um sein Gebiet nach Westen hin zu erweitern und durch Umsiedlungen die Grundlage seiner Herrschaft zu festigen. Als Sperrfestung gegen Nordosten errichtete er die Stadt Azitawaddija, deren Reste bei Karatepe im Urwald nur durch Zufall aufgefunden wurden. Ob diese Stadt längere Zeit bestanden hat, wissen wir nicht. Von einem Fürstentum Adana hören wir jedenfalls nach 710 v. Chr. nichts mehr. Im eigentlichen Syrien war Karkemisch seit alters das wichtigste Zentrum. Von semitischen Inschriften fand man dort nur geringe Reste, um so mehr aber bildhethitische Inschriften, aus denen wir eine ganze Anzahl von Königen nach 1000 v. Chr. kennen, die über ihre Bauten und sonstige Anlagen berichten. Da sie in den assyrischen Inschriften, die nur zwischen 870 und 845 v. Chr. einen Fürsten Sangara als besiegten Gegner nennen, nicht erwähnt werden, ist eine genaue Einordnung noch nicht möglich. Die besonders als Bauherren hervorgetretenen Könige Luhas I., Astuwatimais, Luhas II. und Katuwas, der letzte ein Urenkel des ersten, sind aber wohl zwischen 980 und 880 v. Chr. anzusetzen, gehören also in eine Zeit, in der Karkemisch außerhalb des assyrischen Machtbereichs lag. Erneut gewann Karkemisch größere Bedeutung, als nach 790 v. Chr. Araras seine Tätigkeit entfaltete. Tiglatpilesar III. gegenüber zog dann Pisiris die Unterwerfung vor, fiel jedoch nach dessen Tod wieder von Assur ab und suchte ein Bündnis mit Midas von Phrygien. Seine Gefangennahme 717 v. Chr. bedeutete das Ende des selbständigen Karkemisch, das nun zur Provinzstadt wurde. Katuwas
König Katuwas – Späthethitisches Basaltrelief aus Karkemisch, um 900 v. Chr. Während Aleppo (damals Halman) nach 900 v. Chr. politisch keine größere Bedeutung hatte, gewann Arpad, dreißig Kilometer nördlich davon, als Hauptstadt des Fürstentums Bit-Agusi nach 800 v. Chr. zeitweise einen gewissen Einfluss und nahm damit die Stelle des von Salmanassar III. beseitigten Bit-Adini ein. Um 760 v. Chr. kam dort ein Fürst Mati’ilu zur Regierung, der alsbald in Konflikt mit Assyrien geriet und 754 v. Chr. genötigt war, den erwähnten Vasallenvertrag mit Assumerari V. abzuschließen. Wir besitzen nun in aramäischer Sprache größere Teile eines anderen Vasallenvertrages, den Mati’ilu mit einem dort nur »Sohn der Majestät« genannten König von Kat(a)k abschließen musste. Der Vertragspartner fordert in der üblichen Weise die Auslieferung von Flüchtlingen, die Enthaltung von jeglicher politischer Konspiration gegen ihn und das freie Durchzugsrecht für Gesandtschaften, von Rechten Mati’ilus ist dabei nicht die Rede. Kat(a)k ist die aramäische Namensform von Kaschk. Auf dem Gebiet der aus den hethitischen Inschriften bekannten Kaskäer in den Gebirgen von Pontus muss also um 800 v. Chr. ein größerer Staat entstanden sein, der sich zwischen Urartu im Osten und Phrygien im Westen behaupten und sich zeitweilig sogar in Nordsyrien einmischen konnte und dabei von allen denen unterstützt wurde, die Assyrien für die größere Gefahr hielten. Die Rechnung von Arpad ging nicht auf, nach einem furchtbaren Strafgericht wurde es 740 v. Chr. assyrische Provinzstadt. Das am weitesten südlich gelegene Zentrum hethitisch-aramäischer Kultur war Hama am Orontes, das immer wieder mit Damaskos um die Vormacht über die Aramäerstaaten südlich von Aleppo rang. Irchulēni, ein Gegner Salmanassars III., trug keinen semitischen Namen, man schrieb hier ja auch bildhethitisch. Wahrscheinlich aramäisch ist der Name des Fürsten Zakar, der eine leider sehr unvollständig erhaltene aramäische Inschrift hinterlassen hat. Er nennt sich dort König von Hama und Luchasch (das syrische Nuchaschsche der Amarnazeit, Luchuti der Assyrer), muss also ein größeres Gebiet beherrscht haben. Seine Angriffslust brachte um 790 v. Chr. eine große Koalition gegen ihn auf die Beine, der Damaskos im Süden und im Norden Malatia, Gurgum, Kilikien und Sam’al angehörten. Nach der religiösen Einleitung der Inschrift muss Zakar in der Schlacht Sieger geblieben sein. An Tiglatpilesar III. zahlte Hama Tribut, erhob sich dann aber erneut und zog das Strafgericht Sargons II. auf sich, der die nicht getöteten Bewohner nach Samaria aussiedelte und dafür Bewohner aus dem armenischen Grenzgebiet heranholte. Von den mesopotamischen Aramäerstaaten ist nur Guzana (heute Tell Halaf) wegen der dort gemachten Funde zu nennen. Auf dem seit dem Ausgang der Buntkeramikzeit unbesiedelten Hügel legten Aramäer nach 1000 v. Chr. eine neue Siedlung an. Adadnerari II. nennt dort um 900 v. Chr. einen ihm tributpflichtigen Fürsten Abisalamu. Von ihm oder von dessen Nachfolger muss dort der erste mit Orthostaten geschmückte Palast erbaut worden sein. Nach 830 v. Chr. hat dann Kapara ein neues Bauwerk errichtet und zugleich seine Inschrift auf die nach eigener Aussage von Großvater und Vater übernommenen Bildplatten gesetzt. Er selbst oder sein Nachfolger meinte dann, sich 808 v. Chr. gegen Sammuramat auflehnen zu können, scheiterte aber damit. Guzana wurde nun eine Provinzhauptstadt, die den Untergang Assyriens noch überlebte. Kapara und seine Vorgänger müssen die Verbindung mit Syrien intensiv gepflegt und von dort Künstler gewonnen haben. Architektonisch verbindet die Mehrzahl dieser Städte, dazu auch die Ruine Tell Tainat bei Alalach, die Art der kunstvollen Befestigungsanlagen und insbesondere der von den Assyrern mit dem hethitischen Wort Hilāni-Haus benannte Vorhallentypus. Einem monumentalen Breitraum mit weiteren Räumen ist eine Halle vorgelagert, deren Decke auf kurzen Wandvorsprüngen und auf zwei oder drei Säulen mit breiten Durchgängen ruht. Die Säulen stehen auf Basen, die voll- oder halbplastisch als Löwen mit weit aufgerissenem Rachen oder seltener als Stiere ausgebildet sind. An den Wandvorsprüngen stehen bisweilen Sphingen, die wie die Löwen Unberufene abweisen sollen. Die Säulen sind einige Male, insbesondere in Guzana, als Standbilder von Göttern gestaltet, die auf ihrem Haupt das Dach tragen. Dieser Hallentypus wurde, wenn wir recht sehen, in Syrien ausgebildet. Die Götterstandbilder in den Hallen zeigen ebenso wie die Sitzbilder auf Löwenbasen vor allem die männlichen Gottheiten, oft in ihrer die Menschen erschreckenden Majestät. Besonders eindrucksvoll ist das Sitzbild des Atarluhas in Karkemisch. Wir erkennen da die nicht selten grausigen Götter der churritischen und ugaritischen Mythen wieder, auf der anderen Seite lebt darin die Neigung der Hethiter zu leicht humoristischen, ja grotesken Darstellungen weiter, wodurch Bilder von Göttinnen freundlicher, zuweilen sogar mütterlich wirken. Die Zahl der aufgefundenen Löwenplastiken ist besonders groß und der Einfluss der älteren unter ihnen auf die assyrische Kunst von Kalach unverkennbar. Auf die jüngeren Bildwerke hat umgekehrt die assyrische Kunst überaus stark gewirkt. Die sehr oft dürftige handwerkliche Qualität der älteren Bilder wird später, unter assyrischem Einfluss, vielfach weitaus besser, wenn sie auch weiter provinziell bleibt. Die Hilāni-Hallen sind trotz ihrer Götterbilder wohl nicht als eigentliche Kultbauten anzusprechen. Die anschließenden Wände waren ebenso wie die manche Torbauten flankierenden Mauern und mehrfach auch Palastwände wie in Assyrien mit langen Reihen von reliefierten Orthostaten geschmückt. Ursprünglich gewiss überall sinnvoll angeordnet, wurden sie bei Neubauten nicht selten ohne erkennbares Prinzip nebeneinandergestellt, oft von unbearbeiteten Steinplatten unterbrochen. Ob die späteren Bauherren die Bildfolgen nicht mehr verstanden? Manchmal fehlte vielleicht auch die Zeit für eine vernünftige Anordnung der Bilder. Besonders lange Orthostatenreihen fand man in Azitawaddija, Sam’al, Karkemisch und Guzana. Die Platten aus meist grobkörnigem Stein sind zwischen fünfundvierzig und einhundertvierzig Zentimeter hoch, im Durchschnitt also weit kleiner als die assyrischen Reliefplatten. Inhaltlich sind die Darstellungen sehr mannigfaltig, nicht alle Motive sind schon sicher zu deuten. Vor allem auf den älteren Orthostaten sind die religiösen Motive reichlich vertreten. Wir finden da die von den sumerischen Bildern von der heiligen Herde abgeleiteten Tiere am stilisiert gezeichneten Lebensbaum, aber auch Kämpfe der Tiere untereinander, bemerkenswert ist ein aufrecht stehender Stier aus Guzana, der einen Löwen aufgespießt hat. Beliebt ist auch die kultische Trinkszene, bisweilen mit Musikkapellen, die wohl als weltliches Motiv missverstanden wurde, und der Kampf von Gilgamesch und Enkidu mit Chumbaba. In Malatia lebten die typisch hethitischen Götterreihen ebenso weiter wie die Opferszenen. Das Motiv der von mischgestaltigen Genien gehaltenen geflügelten Sonnenscheibe war weit verbreitet, wie auch sonst Mischwesen aller Art, nicht selten mit Vogelköpfen oder in Vogelgestalt, gern abgebildet wurden. Zahlreiche Tierbilder in Guzana, auch von Straußen und Vögeln, bleiben allerdings in ihrer Deutung fraglich. Eine überaus eigenartige Neugestaltung fand dort das aus Ur bekannte sumerische Motiv der Tierkapelle, ausnahmsweise vereinigt hier eine Platte eine größere Zahl von Figuren, die nicht ohne Sinn für humoristische Wirkung angeordnet sind. Der weltliche Bereich kommt in bisweilen recht lebendigen Jagd- und Kampfbildern, vor allem in Darstellungen von Wagenkämpfern, zur Geltung, die gelegentlich wohl zu größeren Bildfolgen zusammengeschlossen gewesen sind. Der veränderten Kampftechnik entsprechend begegnen auch Reiter, sogar Kamelreiter. Zahlreiche Platten zeigen schreitende Fußsoldaten auf dem Marsch oder auf Siegesparaden, auch Bogenschützen im Kampf. Der große Abstand zu den assyrischen Bildern ist hier besonders augenfällig. Die nach 800 v. Chr. in Karkemisch, Mar’asch und Sam’al beliebten Familienszenen stellen teilweise eine Säkularisierung ursprünglich religiöser Motive dar, sie gehören zu den besten Werken der syrischen Kunst. Bildhethitische oder aramäische Inschriften geben über die Dargestellten Auskunft, wir finden Kinder mit Spielzeug oder mit Schreibtafel und Griffel auf dem Schoß der Mutter. Eine Bildfolge zeigt Araras von Karkemisch, der den Kronprinzen Kamanas führt, und dahinter die zahlreichen Kinder, einige beim Spiel, ein kleiner Junge nackt, das Jüngste auf dem Arm der Amme, die ein Schaf mit sich führt. Bilder aus Azitawaddija zeigen Köche, Boxkämpfe und auch Ruderschiffe mit Fischen. Unter den vielen hundert Bildwerken dieser syrisch-hethitischen Kunst befinden sich nur wenige Meisterwerke, dafür zahlreiche sehr grobe-Darstellungen. Sie sind uns aber willkommene Zeugnisse für die überaus große Freude am Bild in den Kleinstaaten, die, in vielen Kriegen so oft ausgeplündert, trotz ausgeprägter Mischkultur und ohne eigene Literatur immer wieder die Kraft zu künstlerischer Gestaltung fanden. Erst als assyrische Provinzstädte wurden die kleinen Kulturzentren ganz unfruchtbar. In diesem Zusammenhang muss auch noch die nach unserer Kenntnis bedeutendste Leistung des phönikischen Kunsthandwerks erwähnt werden, die Elfenbeinschnitzerei. Ursprünglich wohl aus Ägypten importiert und dann nachgebildet, hat sie vor allem als Möbelschmuck nach 1000 v. Chr. einen beachtlichen Hochstand erreicht, freiwillig oder als Tribut wurde sie in viele Länder exportiert. In Vorderasien reicht das Fundgebiet von Südpalästina über Syrien und Assyrien bis nach Babylonien, aber auch im Mittelmeergebiet gibt es viele Fundorte. In Assyrien, besonders in Kalach und Dur-Scharrukin, mussten deportierte Künstler Werkstätten einrichten, deren Arbeiten den Einfluss auch der assyrischen Großplastik erkennen lassen. Wieder treffen wir viele Szenen aus dem Tierleben, zum Teil in wundervoller Ausführung. Ein beliebtes Motiv ist die Kuh, die ihr säugendes Kalb ableckt, aber auch Tierkämpfe und Jagdbilder finden sich oft, die die uralten Motive der frühen Sumererzeit mehrfach neuartig wiederaufnehmen. Eine kleine Plastik aus Kalach verbindet Tier und Mensch in einzigartiger Weise: eine Löwin im Dickicht springt einem jungen Neger an die Kehle und tötet ihn. Hier wie auch bei vielen Darstellungen von Menschen und Gottheiten können wir feststellen, dass die Künstler aus dem weichen Elfenbein auch dem menschlichen Gesicht einen starken Ausdruck zu geben vermochten, den wir bei den Steinplastiken so oft vermissen. So ist oft der Kopf einer Göttin höchst lebendig gestaltet, wenn sie aus dem über drei oder vier Lotuskapitellen liegenden Fenster ihres Tempels hinausschaut. Dasselbe gilt von Sphinxköpfen und männlichen Figuren in mythologischen Kampfszenen. Die genauen Nachbildungen von Bauelementen dürften ebenso wie manche der Bildplättchen zu größeren Kompositionen gehört haben.