Tiglatpilesar III. und Salmanassar V. von Assyrien

Die Untätigkeit, die dem assyrischen Heer unter Assumerari V. auferlegt war, konnte bei dem Aufbau des Staates und seiner politischen Ideologie kein Dauerzustand sein. Der normale Steuerertrag reichte zur Unterhaltung der Truppen nicht aus, außerdem führte die unzureichende Beschäftigung der Offiziere immer wieder zu Aufständen von Statthaltern, die in den großen Provinzen zu mächtig geworden waren. So kam es 746 v. Chr. zu neuen Unruhen in Assyrien, die einen älteren General, nach einer Inschrift vielleicht ein jüngerer Sohn Adadneraris III., mit dem programmatischen Namen Tiglatpilesar III. (746-727 v. Chr.) auf den Thron brachten. Noch im selben Jahr unternahm er einen Feldzug ins babylonische Grenzgebiet, vor allem aber leitete er innere Reformen ein, über die in seinen überaus nüchternen Kriegsberichten allerdings nichts gesagt wird. Um die Steuerkraft des Reiches besser nutzen zu können, hob er die Privilegien auf, die bestimmte Städte wie etwa Assur und Harran bis dahin genossen hatten. Natürlich machte das bei der herrschenden Schicht dieser Städte böses Blut, und es sollte sich zeigen, dass deren Macht damit keineswegs gebrochen war. Nach und nach teilte er auch die großen Provinzen auf und verminderte die Befugnisse der Statthalter, die fortan keine eigene Politik mehr machen konnten. Die Zahl der Provinzen wuchs ferner dadurch, dass immer mehr kleine abhängige Fürstentümer in Provinzen umgewandelt wurden, mit dem Reich so viel fester verbunden, verloren sie bald jedes eigene Nationalgefühl. Dieser Auflösung der bisherigen Staaten diente auch die Umsiedlungspolitik, die der König in noch weitaus größerem Umfang als seine Vorgänger betrieb. Bei der Mischbevölkerung, die so auch in Assyrien selbst bewusst geschaffen wurde, bürgerte sich das Aramäische als Verständigungsmittel immer mehr ein und wurde bald zu der im Reich am meisten gesprochenen Sprache. Das Assyrische blieb außerhalb der Verwaltung nur in Mesopotamien da und dort erhalten, wo es auch immer mehr aramäisiert wurde. Sogar in die Hofkorrespondenz von Kalach und später Ninive, eine überaus ergiebige Quelle für die Folgezeit bis zum beginnenden, Zusammenbruch des Reiches, dringen immer mehr aramäische Elemente ein, so etwa das auch von den Juden verwendete Wort für die gewaltsame Umsiedlung in andere Reichsteile. Aramäische Urkunden sind selten, da sie meist auf Wachs oder Papyrus geschrieben waren. In Babylonien war 748 v. Chr. Nabonassar (748-734 v. Chr.) auf den Thron gekommen, über ihn kann die mit ihm einsetzende babylonische Chronik nicht viel berichten, nach griechischen Nachrichten soll er eine neue Zeitrechnung eingeführt haben. Mit ihm beginnt der sogenannte ptolemäische Kanon babylonischer Könige. Schon unter seinen Vorgängern waren das flache Land und das südliche Osttigrisland zunehmend in die Hände der meist halbnomadischen Aramäerstämme geraten, der Einfluss der Zentralregierung ging immer mehr zurück. Als einige dieser Stämme auch assyrisches Gebiet plünderten, durchzog Tiglatpilesar 745 v. Chr. Babylonien bis zum Meer und brandschatzte die Stämme, ließ aber die Städte nach Entgegennahme von Ergebenheitserklärungen in Frieden, Nabonassar blieb weiter auf dem babylonischen Thron. 744 v. Chr. kamen die Meder an die Reihe, wobei ein assyrisches Kommando bis zum Elwend-Berg vordrang. 743 v. Chr. machte sich der König auf, um Arpad zu strafen, das trotz der Assurnerari V. geschworenen Eide mit fremden Mächten konspiriert hatte. Die Belagerung der Festung musste zunächst wieder aufgehoben werden, weil Sardur von Urartu mit seinen Verbündeten zum Entsatz heranzog. Tiglatpilesar zog ihnen entgegen und schlug sie südlich von Samosata, konnte aber die Flucht eines großen Teils der Feinde über den Euphrat nicht verhindern und musste sich zunächst mit der Plünderung des zurückgelassenen Feldlagers und einiger Städte begnügen. Dann kehrte er nach Arpad zurück, konnte aber die Stadt, die sich bis zum letzten verteidigte, erst 741 v. Chr. erobern. Die Rache des Siegers war furchtbar. Daraufhin zogen es die anderen Aramäerstaaten vor, dem König 740 v. Chr. ihren Tribut entgegenzubringen. Das Ländchen Unki (bei Antiochia) beteiligte sich nicht an der Zählung und musste es schwer büßen. Urartu griff der König, nach der Wegnahme einiger Grenzgebiete 739 v. Chr., im Jahre 735 v. Chr. in dessen Kerngebiet an. Die Hauptstadt Tuschpa konnten die Assyrer aber wegen ihrer Lage am Wansee, die eine Einschließung unmöglich machte, nicht einnehmen. In Syrien hatte sich 738 v. Chr. noch einmal eine große Koalition unter Führung von Hama gebildet, die aber Tiglatpilesar gleichfalls zerschlug. Auch Rezin von Damaskos und Menahem von Israel mussten ihm Tribut zahlen. 734 v. Chr. zog er erneut nach Syrien und durch Israel bis zur Philisterhauptstadt Gaza, die der König Hanun durch seine Flucht nach Ägypten preisgab. Damit stand Assur erstmalig an der Grenze von Ägypten. Da versuchten 733 v. Chr. Damaskos und Israel noch einmal, den Widerstand gegen Tiglatpilesar zu organisieren, und zogen gegen Jerusalem, weil Juda sich der Koalition nicht anschließen wollte. Juda wandte sich nun an die Assyrer, die wohl schon in Anmarsch waren, um Hilfe. Zunächst musste Peqach von Israel ausgedehnte Gebiete abtreten und Deportationen dulden. 732 v. Chr. kam dann die große Abrechnung mit Damaskos, das schon so oft jeder Belagerung getrotzt hatte. Tiglatpilesar, der nicht nur stärkere Streitwagen mit achtspeichigen Rädern, sondern auch wirksamere Belagerungsmaschinen in seinem Heer mitführte, schloss die Stadt nach einem Sieg im nördlichen Transjordanien ein und erstürmte sie schließlich. Rezin wurde getötet und die Stadt nach furchtbaren Verwüstungen in der Umgebung zur Provinzialhauptstadt erniedrigt. An den Bündnissen gegen Assyrien waren auch Araber beteiligt. Die arabische Königin Zabibija hatte 738 v. Chr. Tribut zahlen müssen, ihre Nachfolgerin Samsija verweigerte ihn zunächst. Da zog Tiglatpilesar ihr nach der Eroberung von Damaskos weit in die Wüste nach und zwang ihr Tributzahlung und Duldung eines assyrischen Agenten in ihrer Residenz auf. Nun schickten viele arabische Stämme bis hin zu den Sabäern im Süden ihre Geschenke und erreichten damit, dass die Assyrer den gewinnbringenden Handel über Gaza weiterhin zuließen. Inzwischen waren in Babylonien nach dem Tod Nabonassars 734 v. Chr. chaotische Verhältnisse mit häufigem Herrscherwechsel entstanden, wobei der Aramäer Ukinzer für kurze Zeit in Babylon König werden konnte. Tiglatpilesar kam 731 v. Chr. nach Babylonien, belagerte Ukinzer in seiner ursprünglichen Hauptstadt Schapija in Mittelbabylonien, konnte sie aber erst 729 v. Chr. einnehmen und das übliche Strafgericht vollstrecken. Nunmehr vereinigte er Assyrien und Babylonien durch Personalunion, nannte sich in Babylonien aber Pulu und unterzog sich auch den Kulten, die ein König von Babylon ausüben musste, wie etwa die »Ergreifung der Hand Marduks« beim Neujahrsfest. Weitere Feldzüge führte Tiglatpilesar bei seinem hohen Alter nicht, hatte aber auch keinen Gegner mehr, der auch nur ein Grenzgebiet anzugreifen gewagt hätte. Er starb im Januar 727 v. Chr. Tiglatpilesar III.
Vernichtung einer babylonischen Festung durch Tiglatpilesar III.
Relief vom Zentralpalast in Kalach, um 730 v. Chr. Residenzstadt von Tiglatpilesar war vor allem Kalach, wo er ein Hiläni-Haus nach syrischem Muster errichtete und den Palast Salmanassars III. für sich umbaute. Mit seiner vielen Kriegsbeute konnte er den Palast prächtig ausschmücken und mit Schätzen füllen. Damals mögen viele erlesene Elfenbeinplastiken aus den Ländern Syriens, von denen beträchtliche Reste gefunden wurden, nach Kalach gekommen sein. Auf den Wänden des Palastes berichtete er in Wort und Bild von seinen großen Siegen. Fünfzig Jahre später demolierte Assarhaddon den Palast, um mit den Bildplatten seinen eigenen auszuschmücken, so sind Inschriften wie Bilder viel schlechter erhalten als im Palast Assumassirpals. Das, was an Bildern noch gefunden wurde, zeigt aber, dass die assyrischen Künstler in den hundert Jahren seit Salmanassar III. allerlei dazugelernt hatten. Die Gesichter der dargestellten Menschen blieben freilich auch jetzt noch ziemlich ausdruckslos, obwohl in der Haltung schon weitaus besser ihre Gefühle sichtbar wurden. So sehen wir vor den Toren einer eroberten Stadt übereinander – statt hintereinander – Beamte, die eiskalt die fortgeführten Herden zählen, während aus der Stadt vertriebene Frauen und Kinder nach der Ermordung der Männer verängstigt auf kleinen Wagen sitzen. Neben Kriegs- und Jagdbildern gab es auch bei Tiglatpilesar Kultbilder, sie waren anscheinend aber ebenso wie die wenigen Hinweise auf göttliche Hilfe in seinen Kriegsberichten mehr Zugeständnisse an die religiöse Tradition als Ausdruck eines wirklichen Sendungsbewusstseins. Der sehr nüchterne König verließ sich wohl in erster Linie auf seine eigene Kraft. Eine durchaus beachtliche Kunstpflege finden wir jetzt auch in einigen Provinzhauptstädten. In Tilbarsip wird die alte Maltradition des mittleren Euphrattals wieder lebendig. Die Vorführung von Gefangenen durch den Minister vor den siegreichen König ist dort in mannigfachen Variationen festgehalten. Eines dieser vielfarbigen Gemälde mit einer Fülle von Figuren ist zweiundzwanzig Meter lang. Tiglatpilesars Sohn Salmanassar V. (727-722 v. Chr.) behielt unter dem Namen Ululai die Personalunion mit Babylonien bei und führte auch sonst die Politik seines Vaters wohl unverändert fort. Er hatte aber nicht die gleiche Kraft, um die Auseinandersetzungen der verschiedenen Parteien und Interessengruppen in Assyrien in Schranken zu halten. Da sein Nachfolger seine Inschriften zerstören ließ und auch andere Quellen für seine Regierungszeit fast ganz fehlen, wissen wir nur sehr wenig über ihn. Wie das Alte Testament berichtet, zog er nach einigen anderen Feldzügen 724 v. Chr. gegen Samaria, da sich das Restkönigreich Israel unter Hosea erneut empörte. Auch in diesem Fall war eine dreijährige Belagerung erforderlich, die der König aber nicht mehr zu Ende führen konnte. In seiner Abwesenheit hatten sich die mit der Missachtung der alten Privilegien schon seit seinem Vater Unzufriedenen zusammengetan und ihren Führer in einem jüngeren Bruder gefunden, dessen ursprünglicher Name allerdings nicht bekannt ist. Ob mm Salmanassar fern der Heimat eines natürlichen Todes starb oder ermordet wurde, wissen wir nicht. Sein Nachfolger mag in einer schlecht erhaltenen Proklamation das Ende des Königs meinen, wenn er sagt, der Gott Assur habe ihn gestürzt, weil er ihn nicht gefürchtet habe. Darin wird wohl die Ansicht der Assurpriesterschaft wiedergegeben, die die Bevorzugung von Kalach nicht verzeihen konnte. Der äußere Anlass aber war die Besteuerung der Bürger von Assur und ihre Heranziehung zu untergeordneten Militärdiensten, die Tiglatpilesar eingeführt hatte.