Sargon II. von Assyrien und Mardukapaliddin II. von Babylon

Der Anführer der Verschwörung gegen Salmanassar V. nahm den altberühmten Namen Sargon (722-705 v. Chr.) an, den er als Kurzname für »(Assur) legitimierte den König« verstand. Er nimmt in seinen vielen Inschriften die Abstammung von der alten Dynastie in Anspruch, nennt aber nur einmal Tiglatpilesar als seinen Vater. In Ausführung der Zusagen, die er vor seiner Nominierung gewiss hat geben müssen, stellte er als erstes die alten Privilegien wieder her und gewährte besonders den großen Tempeln wieder ihre Abgabenfreiheit. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern stützte er sich also wieder auf die konservativen Kräfte, konnte Assyrien aber auch damit keinen dauernden Frieden geben, wie die folgende Zeit zeigen sollte. Außenpolitisch war er äußerst aktiv, wenn auch nicht immer erfolgreich. 721 v. Chr. fiel das schon von Salmanassar V. belagerte Samaria. Das bisherige Gebiet von Israel, jetzt teilweise mit Syrern und Babyloniern besiedelt, wurde nun zur assyrischen Provinz. Juda rettete sich durch die Zusage regelmäßiger Tributzahlungen. Babylonien hatte die Revolution in Assyrien ausgenützt, um sich wieder selbständig zu machen. König wurde 722 v. Chr. der sehr energische und bewegliche Chaldäer Mardukapaliddin II., der gewiss nicht mehr ganz junge Sohn des früheren Königs Eribamarduk (um 795-764 v. Chr.). Zur Abwehr des mit Sicherheit erwarteten assyrischen Angriffs verbündete er sich mit Humbanigasch I. (742-717 v. Chr.) von Elam, der nach für Elam dunklen Jahrhunderten große Teile seines Landes wiedervereinigt und das neuelamische Reich begründet hatte. Noch 721 v. Chr. zogen Sargon und Humbanigasch in das Osttigrisland und trafen nahe bei Der aufeinander. Sargon behauptet gesiegt zu haben. Da er sich aber zurückzog, dürfte die babylonische Chronik mit mehr Recht Elam den Sieg zugeschrieben haben. Mardukapaliddin kam nach derselben Quelle zu spät zur Schlacht, rühmt sich aber auch eines großen Sieges über Assyrien, das er wieder geringschätzig Subartu nennt, vielleicht hat er einige assyrische Garnisonen in Babylonien ausgehoben. Er nutzte dann seine Erfolge aus, um seinen Chaldäern auf Kosten der alteingesessenen Babylonier beträchtliche Ländereien zukommen zu lassen. 720 v. Chr. zog Sargon zum ersten mal nach Syrien, Ilubi’di von Hama hatte, zusammen mit Arpad, dem phönikischen Simyra, Damaskos und dem gerade eroberten Samaria und im Vertrauen auf die Hilfe des damals von den nubischen »Äthiopier«-Königen regierten Ägyptens, die Fahne des Aufruhrs erhoben. Auf dem alten Schlachtfeld von Qarqar wurden die Syrer geschlagen und Ilubi’di gefoltert. Dann zog Sargon gegen Hanun von Gaza und den ägyptischen General Re’e, die er bei Raphia an der ägyptischen Grenze ebenfalls schlug. Daraufhin sandten Sabäer und Araber erneut Geschenke. Das Jahr 719 v. Chr. führte Sargon in das Königreich Man, das damals gegen Urartu zu Assyrien hielt. Einige Meder- und Perserfürsten, von Urartu gegen die Mannäer aufgewiegelt, wurden in der üblichen Weise gezüchtigt und die assyrischen Provinzen in Westiran vergrößert. 718 und 717 v. Chr. zog der König nach Nordsyrien, um zunächst die Stadt Schinuchtu im Taurus, die gewiss unter dem Einfluss Phrygiens stand, zu erstürmen und dem Azitawadda von Adana zu übergeben, dann bereitete er der Selbständigkeit von Karkemisch ein Ende, ohne dass Urartu oder Phrygien einschreiten konnten. Das Jahr 715 v. Chr. brachte nur verschiedene kleinere, von Generälen geführte Unternehmen, weil Sargon selbst sich für die große Abrechnung mit Urartu rüstete. Dem urartäischen Feldzug von 714 v. Chr. ist die längste Inschrift gewidmet, die in Assyrien über einen einzigen Kriegszug abgefasst wurde, ihre vierhundertdreißig sehr langen Zeilen sind größtenteils erhalten. Die Inschrift bezeichnet sich als Erstbericht an den Gott Assur, ist aber mit ihrer oft schwungvoll dichterischen Sprache alles andere als ein nüchterner Bericht, sondern weit mehr ein Propagandadokument, das auf Menschen als Hörer wirken wollte und daher mehr noch als sonst üblich packende Naturschilderungen von den durchzogenen Bergländern einflicht. Wie wenig sich Sargon Assur gegenüber zu strenger Wahrhaftigkeit verpflichtet wusste, zeigt am klarsten die Schussmeldung über die eigenen Verluste: ganze sechs Mann werden zugegeben, obwohl der sehr beschwerliche Marsch allein sicher das Vielfache an Toten gefordert hat. Der Feldzug führte zunächst über Man zu einigen medischen Fürstentümern östlich des Urmiasees. Rusa von Urartu sperrte inzwischen mit einem Heer den schmalen Durchgang zwischen Urmiasee und dem Sahendberg, »den nicht einmal ein Vogel überfliegen kann«. Aus einer Schlucht heraus wollte er die Assyrer überfallen, wenn sie übermüdet und durstig heranrückten. Sargon aber griff mit einer kleinen Reiterschar die feindliche Koalition an einer Stelle an, wo sie ihn nicht erwartete, und konnte den Überraschungserfolg zu einem Sieg ausweiten. Rusa floh allein und starb bald darauf in den Bergen. Die Assyrer zerstörten nun auf dem Wege zum Wansee alle Städte und Bewässerungsanlagen, ließen aber die uneinnehmbare Hauptstadt imbehelligt liegen. Auf dem Rückweg schickte Sargon das Gros des Heeres nach Hause, griff mit einem kleinen Korps die Gebirgsstadt Mußaßir an und brachte auch von ihr unermessliche Beute heim, die die Inschrift im einzelnen aufzählt. Sie verschweigt allerdings, dass dieser Erfolg wohl nur durch Angriffe der Kimmerier auf Urartu möglich war. Obwohl die assyrischen Spione, deren Berichte teilweise erhalten sind, über die Bewegungen der Kimmerier und über andere Vorgänge in Nordkleinasien sicher gut informiert waren, sind förmliche Vereinbarungen zwischen Assyrern und Kimmeriern über Angriffe auf Urartu wahrscheinlich nicht getroffen worden. Die nächsten Jahre brachten kleinere Feldzüge in Medien, nach Malatia und Gurgum, auch hier entstanden assyrische Provinzen. 711 v. Chr. wurde ein General nach Palästina geschickt, um Asdod und einige andere Städte für die Ermordung des Assyrien ergebenen Fürsten Achimiti zu bestrafen. 709 v. Chr. bequemte sich dann Midas von Phrygien, wohl unter dem Druck der Kimmerier, zu Tributzahlungen, so auch etliche Städte Cyperns, eine der Stelen Sargons, die diese Vasallen aufstellen mussten, ist gefunden worden. Viel wichtiger war aber für den König die schon lange aufgeschobene Abrechnung mit Babylonien. 710 v. Chr. wurde es mit einer großen Zangenbewegung angegriffen. Mardukapaliddin musste aus Babylon in seine Heimat im Süden fliehen, da Elam unter Schutruknahhunte II. (717 bis 699 v. Chr.) seine Bündnisverpflichtungen nicht erfüllte. Aber auch von dort wurde er trotz der im Meerland oft als Kampfinittel angewendeten künstlichen Überschwemmung 709 v. Chr. vertrieben und musste in Elam auf bessere Zeiten warten. Die Babylonier nahmen Sargon jetzt als Befreier auf, der sich auch wirklich bemühte, die Wünsche der Priester in Babylon, Uruk und anderen Städten zu erfüllen, die Aramäerstämme wurden in die Schranken gewiesen. Um die Babylonier zu gewinnen, nannte sich Sargon nur »Statthalter von Babylon«, verfasste Bauinschriften im babylonischen Stil und stellte, ähnlich wie in Assyrien, alte Rechte wieder her, die die Chaldäer abgeschafft hatten. So fand man sich mit seiner Herrschaft als dem kleineren Übel ab. Sargon hat in den ersten Jahren seiner Regierung anscheinend nicht sehr viel gebaut. In Assur erneuerte er den Assurtempel und schmückte ihn mit glasierten Ziegeln. In Kalach ließ er am Palast Assurnassirpals geringfügige Arbeiten ausführen. Neben der Beanspruchung durch die Kriegszüge war ein Hauptgrund für diese Zurückhaltung offenbar der, dass er sich zunächst nicht darüber klarwerden konnte, welche der alten Städte er als Hauptstadt wählen sollte. Das Verhältnis zu den Priesterschaften der alten Tempel, die an seiner Machtergreifung doch einen so großen Anteil gehabt hatten, muss sich bald verschlechtert haben, Vorfälle, über die unsere Quellen schweigen, mögen das Misstrauen des Königs gegen sie verstärkt haben. So entschloss er sich, nördlich von Ninive eine neue Hauptstadt mit dem Namen Dur-Scharrukin, »Sargonsburg«, zu bauen. Er fand die Grundbesitzer in dem alten Dorf Magganubba ab, ebnete es ein und grenzte 713 v. Chr. ein fast quadratisches Landstück von über drei Quadratkilometer ab, das er mit einer gewaltigen Doppelmauer umschloss. Auf einer vierzehn Meter hohen künstlichen Terrasse im Nordosten der Stadt legte er die Zitadelle mit seinem Palast an. Ob ein Haupttempel außerhalb des Palastes geplant war, wissen wir nicht. Jedenfalls baute er zunächst nur kleine Tempel für sieben Hauptgötter in den Palast ein und erreichte damit, dass er die gewiss nur kleinen Priesterschaften dieser Tempel leicht beaufsichtigen konnte. Eine vollständige Rekonstruktion des gesondert ummauerten Palastrechtecks, in dem auch ein Hochtempel des Gottes Assur stand, ist noch nicht möglich, der Palast war offenbar noch monumentaler geplant als die Riesenpaläste von Kalach. Bei aller Anlehnung an sie auch im Baustil wirkte er aber weniger massig, die assyrischen Künstler hatten inzwischen gelernt, besser zu gliedern und auch überlebensgroße Bildwerke eleganter zu gestalten. Die Stierkolosse als Wächter an den Eingängen waren noch mächtiger geworden, ein überwiegend im Hochrelief gearbeiteter löwentötender Gilgamesch war gar fünf Meter hoch. Auf den Palastwänden fanden sich wieder lange Reihen von Kriegsbildern, die die Bewegung des Kampfgeschehens besser als früher einzufangen wussten. Das Interesse an den Bauwerken in den feindlichen Städten ist bemerkenswert, wird übrigens auch durch die Inschriften bezeugt. Die mythologisch-symbolischen Szenen, fast durchweg ganz traditionell gehalten, beherrschen aber die Reliefs aus farbig glasierten Ziegeln und die in ihren Ausmaßen alles Frühere überbietenden Wandgemälde auf Gipsputz. Lange Friese von farbigen Rosetten, Palmetten und Zinnen rahmen Darstellungen von Fruchtbarkeitsgenien und Stieren ein. Die Reliefs zeigen lange, etwas eintönige Reihen von Höflingen, Soldaten und Dienern, die Beute und Opfergaben tragen. Für unsere Kenntnis des Kunsthandwerks in Stoffen, Holz und Metall ist die peinlich genaue Nachbildung der Gegenstände von größter Bedeutung. Die vielen bartlosen Gestalten unter den Dienern sind sicher nicht durchweg als Eunuchen zu deuten, wenn auch ihre Zahl am Hof offenbar zugenommen hatte. In einigen Fällen gelang den Künstlern auch eine sehr ausdrucksvolle Gestaltung des Gesichts, die Augen, bei den älteren Figuren in Seitenansicht ganz von vom zu sehen, sind jetzt im Teilprofil wiedergegeben und wirken schon dadurch weniger starr. Stilistisch in manchem ähnlich, aber in der Zeichnung einfacher sind der König Mardukapaliddin und sein Beamter auf einem Grenzstein dargestellt, der im übrigen deutlich macht, wie weit Assyrien Babylonien damals in der Bildkunst überflügelt hatte. Das gilt auch für die Kleinkunst, vor allem für die Siegelschneiderei mit ihren recht ungleichwertigen Erzeugnissen. Ihre Motive entsprechen weithin denen der Wandreliefs, Kriegsbilder fehlen, dafür sind die mythologischen Darstellungen häufiger. Als Material für die einfacheren Siegel findet sich jetzt oft Fritte. Die Beherrschung der Glasurtechnik führte nach Jahrhunderten der Sterilität zu einer Neubelebung der Gefäßbemalung. Das Motiv der Tiere am Lebensbaum und andere sind oft mit feinem Gefühl für die Harmonie der Farben gestaltet. Mardukapaliddin II.
Mardukapaliddin II. von Babylon bei der Übergabe einer Schenkungsurkunde an einen Beamten – Babylonischer Grenzstein, um 715 v. Chr. Die viel zu groß geplante Hauptstadt Dur-Scharrukin blieb – trotz schärfster Anspannung der Kräfte und wahrhaft imponierender Leistungen zwischen 713 und 705 v. Chr. – unvollendet. In der Wohnstadt gab es außer einigen palastartigen Häusern hoher Beamter und Offiziere wohl nur wenige dauerhafte Bauten. 705 v. Chr. ließ sich der zur Tollkühnheit neigende Sargon erneut zu einem unvorbereiteten Unternehmen in den Felsengebirgen Westirans verleiten. Mit einer kleinen Elitetruppe fiel er in einen Hinterhalt, wurde erschlagen und unbestattet, wie die Assyrer es ihren Feinden oft antaten, den Vögeln zum Fraß liegengelassen. Gegen mögliche Mordanschläge seiner Untertanen hatte Sargon jegliche Vorsorge getroffen, aber die äußeren Feinde hat er bisweilen unterschätzt. Sein Sohn Sanherib, der dem Vater als Statthalter in Südarmenien und Babylonien gedient hatte, fragte voll Entsetzen die Priester, womit der Vater, der für die Tempel doch viel getan hatte, die Götter so erzürnt haben könnte, dass sie ihm dieses Ende bereiteten. Der davon berichtende Text ist sehr schlecht erhalten, so dass wir die Antwort nicht kennen. Unzweifelhaft haben die Priester Sargon die Gründung der neuen Hauptstadt als größte Schuld angelastet.