Sanherib (705-681 v. Chr.)

Sanherib (hebräische Namensform von Sinachcheriba »Sin, gib Ersatz für die Brüder!«) war, wie der Name sagt, nicht der älteste Sohn Sargons. Er wurde aber nach dem Tode der älteren Brüder schon früh zum Kronprinzen bestimmt und demgemäß mit den Staatsgeschäften vertraut gemacht. Er bestieg als reifer Mann von mindestens dreißig Jahren den Thron und begann alsbald, vielleicht unter dem Eindruck des furchtbaren Endes seines Vaters, Assyrien in manchem in eine andere Richtung zu lenken. Er verließ das neue Dur-Scharrukin, kehrte zunächst nach Assur zurück und machte 701 v Chr. Ninive endgültig zu seiner Hauptstadt. Diese Maßnahme betonte er noch dadurch, dass er in seinen Inschriften nie seinen Vater nannte, obwohl doch er anders als dieser der legitime Thronfolger war. Noch wichtiger aber war, dass er seine Babylonpolitik radikal änderte. Bestimmt wohl durch negative Erfahrungen mit den Babyloniern, hielt er es nicht mehr für sinnvoll, auf das alte Kulturland die von den meisten assyrischen Königen geübte Rücksicht zu nehmen, sondern entschloss sich im Sinne der assyrischen Nationalpartei zu äußerster Härte. Da die Babylonier trotz ihrer Abneigung gegen Elam und die räuberischen Aramäerstämme mit diesen oft gegen das verhasste und verachtete Assyrien gemeinsame Sache machten, war Assyrien bei Feldzügen nach Westen oder nach Osten immer in der Flanke bedroht. Es war daher nur folgerichtig, wenn Sanherib dieser Bedrohung ein für allemal ein Ende bereiten wollte. Wie Tukultininurta I., dessen schlimmes Ende er sicher kannte, aber nicht beherzigen wollte, bemerkte er jedoch nicht, dass sich die meisten Assyrer trotz Abneigung und Hass durch mehr als tausend Jahre gemeinsamer Kultur mit Babylonien eng verbunden fühlten und daher eine Vernichtung dieses Feindes gar nicht wünschten. Und selbst Sanherib ging von der alten Gewohnheit nicht ab, die Inschriften in dem als feiner geltenden Babylonisch zu schreiben, womit er zeigte, dass auch er von den ererbten Minderwertigkeitskomplexen Babylonien gegenüber nicht frei war, obwohl dafür kaum noch ein Anlass bestand. Sein Hass gegen Babylonien trieb ihn aber immer mehr in die Überzeugung hinein, dass sein Gott Assur von ihm ein rücksichtsloses Vorgehen verlange. Sanherib
Felsrelief von Sanherib Die Babylonier bemerkten bald, dass sie von Assur nichts Gutes mehr zu erwarten hatten, und wehrten sich daher nicht, als der in seiner früheren Regierung so wenig beliebte Mardukapaliddin mit Hilfe von Elam Anfang 703 v Chr. zurückkehrte und sich wieder zum König machte. Er nahm sofort Verbindungen mit anderen Feinden Assyriens auf, darunter nach dem Alten Testament, das ihn Merodachbaladan nennt, mit Hiskia von Juda. Nach nur neun Monaten musste er aber erneut weichen, nachdem Sanherib eine Koalitionsarmee aus Babyloniern, Aramäern und Elamitern geschlagen, den in Assyrien aufgewachsenen Belibni (703-700 v Chr.) als Schattenkönig eingesetzt und Tausende verschleppt hatte. 702 v Chr. zog Sanherib nach Westiran und brandschatzte die Ortschaften der Kassiten und des Landes Ellipi und erhielt daraufhin Tribut auch von den Medern, angeblich als erster Assyrerkönig, obwohl das seit 835 v Chr. ziemlich oft geschehen war. 701 v Chr. unternahm Sanherib seinen berühmten Feldzug gegen eine Koalition von phönikischen und palästinischen Fürsten mit Ägypten. Lulfê von Sidon floh beim Heranrücken der Assyrer, so dass diese den bequemeren Etba’al einsetzen und dann von den meisten Fürsten der Koalition Tribute einziehen konnten, Ssidqâ von Askalon erschien nicht vor Sanherib und wurde mit seiner Familie verschleppt. Von den weiteren Ereignissen berichtet nicht nur Sanherib selbst, sondern viel ausführlicher noch das Alte Testament und, wesentlich knapper, Herodot. Die Berichte widersprechen sich in manchem, erlauben aber eben dadurch eine leidlich glaubwürdige Rekonstruktion der Hauptereignisse. Hiskia von Juda, beraten durch den Propheten Jesaja, war der einzige König von Juda, der Assyrien zu widerstehen versuchte. Das ihm von Ägypten zugesagte Hilfsheer kam auch wirklich, wurde aber bei Elteke von Sanherib vernichtend geschlagen. Nun sandte Hiskia an Sanherib, der nach der Eroberung vieler judäischer Ortschaften in Lachisch Hof hielt, kostbare Geschenke aus dem Tempelschatz, konnte ihn aber jetzt nicht mehr zufriedenstellen. Sanherib wollte Jerusalem erobern und sandte vor dem Großangriff zweimal hohe Beamte vor die Stadt, die nach dem biblischen Bericht die Einwohner durch den Hinweis auf das traurige Schicksal anderer Städte, die vergeblich auf ihre Götter hofften, zur Übergabe überreden sollten. Wir haben hier sicher eine lebensechte Probe assyrischer Kriegspropaganda vor uns, die ausgiebig auch mit religiösen Argumenten arbeitete und auf viele Siege im Namen Assurs hinweisen konnte. Jerusalem lehnte die Übergabe ab, trotzdem unterblieb der Angriff. Sanherib sagt darüber nur, er habe Hiskia wie einen Käfigvogel eingeschlossen und dann eine riesige Beute nach Assyrien gebracht, verschweigt aber, warum er die Belagerung aufgab. Die Bibel berichtet, der Engel Gottes habe in einer Nacht hundertfünfundachtzigtausend Assyrer umgebracht, Herodot aber erzählte man, dass unzählige Mäuse das assyrische Lederzeug zerfressen hätten. Alle Berichte werden verständlich, wenn wir aus ihnen den Ausbruch einer von Ratten in das Assyrerlager eingeschleppten schweren Pestepidemie herauslesen, die Tausende von Opfern forderte und die Assyrer zur Räumung des verseuchten Landes zwang. Hiskia aber wollte angesichts der Schwäche Ägyptens nach der Niederlage von Elteke keinen neuen Feldzug Sanheribs riskieren und sandte schließlich seinen Tribut. Sanherib kam tatsächlich nie wieder. Der Misserfolg vor Jerusalem ermutigte Belibni 700 v Chr., sich von Assyrien loszusagen, er wurde aber nach Assyrien weggeführt. Sanherib setzte nun seinen ältesten Sohn Assumadinschum (700-694 v Chr.) als Unterkönig in Babylon ein, nachdem er ganz Babylonien durchzogen und Mardukapaliddin zur Flucht über das Meer gezwungen hatte. Etwa 698 v Chr. zog er nach Südarmenien, erkletterte dort etliche steile Berge und brachte nach der Zerstörung mehrerer Bergfesten seine Inschrift am Dschudi-Dagh an. 696 und 695 v Chr. schickte er seine Generäle nach Kilikien und nach Tilgarimmu bei Malatia, um kleinere Aufstände niederzuwerfen. Er selbst benutzte die Zeit, um einen großen Feldzug nach Elam auf einem ungewöhnlichen Weg vorzubereiten. Dort hatte Hallutusch (699-693 v Chr.) seinen Bruder und Vorgänger beseitigt und die Zugänge nach Elam von Babylonien her gut befestigt. Sanherib ließ nun in Ninive und Tilbarsip durch Phöniker und Griechen eine Flotte von Kampf- und Transportschiffen bauen und bemannen, was vor ihm wirklich noch niemand getan hatte. Die Schiffe fuhren stromab oder wurden auf Rollen über Land gezogen. In den Lagunen des Persischen Golfes kam es zu Seegefechten, dann setzte die Flotte nach Elam über und brandschatzte dort viele Städte. Inzwischen aber zog Hallutusch nach Nordbabylonien, eroberte Babylon, führte Assurnadinschum fort und setzte den Schattenkönig Nergaluschezib ein. So waren die Assyrer in Südbabylonien abgeschnitten, kämpften sich aber 693 v Chr. wieder durch, in Babylon kam Muschezib-Marduk (693-689 v Chr.) auf den Thron, und Hallutusch wurde ermordet. Sein Nachfolger Kuternahhunte II. erlitt nach neuen assyrischen Erfolgen zehn Monate später das gleiche Schicksal. Humbanmenanu (692-688 v Chr.) aber verbündete sich erneut mit Babyloniern und Aramäern und traf 691 v Chr. bei Chalule auf die Assyrer, beide Parteien behaupteten, gesiegt zu haben, alle aber zogen sich erschöpft aus dem mörderischen Ringen zurück. 690 v Chr. folgte ein kurzer Feldzug gegen die Araber und 689 v Chr. der große Rachezug gegen das nun isolierte Babylon. Die Stadt wurde erobert und völlig zerstört, die Tempel ausgeraubt und eingeebnet und das Wasser des Arachtu-Kanals über die Ruinen geleitet. Acht Jahre lang blieb die Stadt unbewohnt. Diese Unmenschlichkeit erregte auch in Assyrien Empörung und hat in den letzten Jahren Sanheribs zu schweren Auseinandersetzungen geführt. Denn Marduk war durch die Zerstörung seines Tempels und die Verschleppung seines Bildes beleidigt worden, und zu Marduk beteten doch auch Tausende von Assyrern, die zu Assur kein Vertrauen hatten. Da begann wie vor Jerusalem die assyrische Propaganda. Man ersetzte Marduk im Weltschöpfungsepos und im Neujahrskult durch Assur und schuf einen mythischen Bericht, der vielleicht auch szenisch aufgeführt wurde, nach dem Marduk einer Sünde wegen von den Göttern festgenommen und vor ein Gericht gestellt worden sei. Ein Teil des Kommentars zu diesem Machwerk ist erhalten, während wir die literarische Gegenpropaganda, die es in Babylonien sicher auch gegeben hat, nicht kennen. Sanheribs Maßlosigkeit im Hass hat Assyrien wenig Nutzen gebracht, er hat das Reich nicht vergrößert, sondern durch die vielen Zerstörungen wirtschaftlich geschwächt. Wirkt Sanherib als Politiker auch trotz seiner erstaunlichen Zähigkeit durch die Missachtung der religiösen Gefühle aller besonders abstoßend, so kann man doch seiner technischen Begabung die Bewunderung nicht versagen. Sie kam nicht nur dem Krieg und der Zerstörung, sondern auch bedeutsamen Bauwerken zugute. Die Fruchtbarkeit des Landes um Ninive war mit den üblichen Kanalbaumethoden nicht zu steigern, weil das Wasser nicht ausreichte. Daher zweigte Sanherib, der an den Plänen seiner Ingenieure gewiss keinen kleinen Anteil hatte, bei Bawian aus einem Nebenfluss des Oberen Zab einen Kanal ab, der bei Dscherwan ein zweihundertachtzig Meter breites Tal überqueren musste. So baute man eine zweiundzwanzig Meter breite Damm-Mauer aus zwei Millionen behauenen Kalksteinblöcken, die fünf Durchlässe unter großen Spitzbogen für den Bach im Tal frei ließ, das Kanalbett auf dem Damm wurde mit magnesiumhaltigem Kalkmörtelzement ausgestrichen. Beträchtliche Teile des Bauwerkes stehen noch heute. Sanherib will dafür nach einer schon damals mit Recht angezweifelten Angabe nur fünfzehn Monate gebraucht haben. Der Bewässerung im kleinen dienten neuartige Wasserhebewerke, die er auch für seine Parks benötigte. Im Hof des Neujahrsfesthauses von Assur wollte er einen Hain anlegen und schlug zu dem Zweck für jeden Baum ein Loch in den gewachsenen Fels, in der dann eingefüllten Erde sind die Bäume wirklich angewachsen. Auf den Bildwerken seines Palastes in Ninive sind gerade diese technischen Leistungen oft wiedergegeben, wobei auf die Einzelheiten größter Wert gelegt wurde. Die dreißig Tonnen schweren Stierkolosse für den neuen Palast in Ninive wurden in einem Steinbruch nordwestlich von Ninive herausgeschlagen, dann während des Frühjahrshochwassers auf gewaltige Flöße verladen und flussabwärts auf das andere Ufer gebracht, wo sie mit Hilfe riesiger Hebel und starker Stricke auf Rollen an Land gezogen und zum Palast hinaufgebracht wurden. Der König führte nach Bildern persönlich die Aufsicht und gibt in seinen Inschriften zu, dass diese Transporte für die Arbeiter schwerste Strapazen mit sich brachten. Uns erscheint die Bewältigung der ungeheuren Gewichte bei der starken Strömung des Tigris mit den damaligen technischen Mitteln fast unvorstellbar. Der Kalkstein für alle Bildwerke ist übrigens in der Erde so weich, dass man ihn mit dem Messer schneiden kann, und wird erst an der Luft ganz hart. Nur dadurch konnten die vielen hundert Platten und Figuren in wenigen Jahren so sorgfältig bearbeitet werden. Nachahmungen hethitischer Felsheiligtümer sind die Götterprozessionen auf den Felswänden von Bawian und Maltai, nahe der Mündung des großen Kanals. Der Gesamtplan von Sanheribs riesigem Palast in Ninive ist noch nicht zu rekonstruieren. Die Ausgrabungen vor über hundert Jahren haben vor allem sehr viele Reliefplatten ans Tageslicht gefördert. In den einzelnen Räumen wurden jeweils bestimmte Themen, oft auf drei Bildstreifen übereinander, behandelt. Die Kriegsbilder, nach Hauptschauplätzen geordnet, sind am zahlreichsten, andere Themen sind der Palastbau und der Transport der Bildwerke sowie die Kämpfe zwischen Dämonen und Mischwesen. Dem technischen Sinn des Königs entsprechend, der an allem sicher persönlichen Anteil nahm, bemühten sich die Künstler viel mehr als früher um Ansichtsbilder, die nur das von einer Seite Sichtbare Wiedergaben. Daher verschwand das fünfte Bein der Stierkolosse, die Wiedergabe der Augen im Profil gelang manchmal recht gut, die Gesetze der Perspektive blieben freilich unbekannt. Die Landschaft wird durch charakteristische Pflanzen und Tiere gekennzeichnet, besonders ansprechend die Lagunen, in deren Uferdickicht wir eine Wildsau mit Frischlingen und eine verängstigte Hindin sehen und in deren Gewässern sich Fische, Krebse und Seesterne unter den Kriegsfahrzeugen tummeln. Die Künstler versuchten sich auch auf neue Weise in Massenszenen, teilweise in aufgelockerter Form. Mit viel Liebe gestalteten sie Menschen und Tiere in den Szenen unter den Kampfbildem, die uns in das Lagerleben führen oder in die Not der Verschleppten, von der die Inschriften allerdings keinerlei Kenntnis nehmen. Die letzten acht Jahre Sanheribs verliefen ohne größere Kriege, waren aber durch Parteienhader und heftige Kämpfe um den Thron verdunkelt, wir sind darüber nur einseitig durch die Inschriften Assarhaddons, der schließlich Thronfolger wurde, unterrichtet. Ende 681 v Chr. kam es zum offenen Aufstand, in dessen Verlauf Sanherib im Tempel des von ihm neben Marduk besonders vernachlässigten Gottes Ninurta (der Nisroch der Bibel ist für Nimrod verschrieben!) ermordet wurde, als Täter nennt die Babylonische Chronik einen seiner Söhne, die Bibel zwei. In Juda wie in Babylonien sah man hier die göttliche Vergeltung am Werk, und die Nachwelt hat Sanheribs positive Leistungen rasch vergessen, während die Werke des Hasses in der Erinnerung blieben.

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Info 24.11.2017 14:14
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