Assarhaddon (681-669 v. Chr.)

Assarhaddon (Assurachiddin »Assur gab einen Bruder«) war nach eigener Darstellung auf einem Reichstag unter Übergehung seiner älteren Brüder zum Kronprinzen bestimmt worden, man hätte Adel und Bürger auf ihn vereidigt, und die Götter hätten dies als ihren Willen in einer Opferschau zu erkennen gegeben. Da er im Gegensatz zu seinem Vater ausgesprochen babylonfreundlich war, hat man seine Schilderung der Ereignisse auch wegen mancher innerer Widersprüche angezweifelt. Sicher ist, dass seine energische und intrigante Mutter Nakija, eine Syrerin oder Jüdin, die Hände im Spiel hatte, denn die älteren Söhne waren nicht ihre Kinder. Sie müsste die babylonfreundliche Partei auf ihrer Seite gehabt und die zu Sanherib stehende Nationalpartei überspielt haben. Assarhaddon beschuldigte die Brüder, ihn später beim Vater verleumdet zu haben, so dass er fliehen musste, da sie untereinander uneins waren, hätte er dann ihr Heer vor der Schlacht zur Übergabe genötigt und in Ninive den Thron besteigen können. Die Brüder, denen er trotz aller Beschimpfungen den Mord nicht zur Last legte, wären nach Urartu geflohen. Manche Gelehrten schlossen aus seiner offenbar bewusst unklaren Darstellung, dass er selbst die Ermordung Sanheribs veranlasst hat, um seine Absetzung als Kronprinz zu verhindern, haben damit aber die Meinung der Zeitgenossen auch in Babylon und Jerusalem gegen sich. Dafür könnte man anführen, dass er nach seinem weiteren Verhalten anscheinend immer unter einem Schuldgefühl litt. Eine klare Entscheidung für eine der beiden Auffassungen ist noch nicht möglich. Trotz des Gegensatzes zu seinem Vater nennt Assarhaddon ihn immer in seinen Inschriften. Einer seiner ersten Befehle betraf den sofortigen Beginn des Wiederaufbaus von Babylon, dessen Zerstörung der erzürnte Gott Marduk angeblich durch eine Wasserflut veranlasst hätte. Marduk hätte die Stadt eigentlich siebzig Jahre wüst liegenlassen wollen, sie aber vor der Zeit begnadigt. Mit dieser Version sagt Assarhaddon in einem Satz zugleich ja und nein zu seinem Vater. Die Arbeiten in Babylon wurden mit Energie vorangetrieben, der riesige Marduktempel blieb aber zu seiner Zeit unvollendet. Er baute auch in anderen Städten Babyloniens ebenso wie in Assyrien selbst. Da er sich in Babylonien wieder nur Statthalter nannte, söhnte er zwar die Stadtbewohner mit der assyrischen Herrschaft aus, musste aber mit den Aramäerstämmen auf dem Lande noch mehrfach kämpfen. Die mit diesen erneut verbündeten Elamiter schlug er zurück und erreichte es, dass nach dem plötzlichen Tod Humbanhaltasch II. von Elam (681-675 v. Chr.) dessen Nachfolger Urtaku (675 bis 664 v. Chr.) mit ihm Frieden schloss. Dadurch bekam er im Westen freie Hand, wo der Äthiopierkönig Taharka von Ägypten (690-664 v. Chr.) ständig die Unruhe schürte. Schon 679 v. Chr. hatte Assarhaddon an der ägyptischen Grenze in Arzâ eine Garnison stationiert. 677 v. Chr. schlug er einen Aufstand in Sidon blutig nieder, der König Abdimilkutti floh, wurde aber später auf See gefangengenommen und enthauptet. Ba’al von Tyros musste für die Überlassung einiger Ortschaften mit Assarhaddon einen Vasallenvertrag abschließen, dessen Bedingungen, vor allem zum Schifffahrtsrecht, zum Teil erhalten sind. Die Fürsten Cyperns schickten wiederum Geschenke. Nun ging es gegen Ägypten selbst, wo weite Kreise mit der Äthiopierherrschaft sehr unzufrieden waren. Der erste Angriff 674/673 v. Chr. wurde abgewiesen, aber 671 v. Chr. schlug der General Schanabuschu den König Taharka, drang in Ägypten ein und eroberte Memphis. Nach der Vertreibung der Truppen Taharkas nach Süden setzte er in Ägypten zweiundzwanzig Gaufürsten mit assyrischen »Beratern« ein, die einige Zeit Ruhe hielten und hohe Tribute nach Assyrien abführten. Im Zusammenhang mit den Feldzügen nach Ägypten und den Kämpfen gegen die Aramäer in Babylonien kam es mehrfach zu Zusammenstößen auch mit arabischen Stämmen. Da diese untereinander uneins waren, konnte Assarhaddon hier ohne größere Schwierigkeiten als Schiedsrichter die assyrischen Interessen durchsetzen. Weitaus ernstere Gefahrenherde aber bildeten sich im Norden und Nordwesten. Hier drückten die Skythen auf die in Transkaukasien und Nordiran eingedrungenen Kimmerier, die nun ihrerseits nach Südwesten und Südosten drängten. 679 v. Chr. verhinderten die Assyrer, wahrscheinlich nördlich von Malatia, ein weiteres Vordringen des Kimmerierfürsten Tschischpis nach Süden. In der Folgezeit schloss Assarhaddon mit dem Skythenfürsten Partatua ein Bündnis und gab diesem eine Tochter zur Frau. 673 v. Chr. mussten die Kimmerier erneut von dem nordmesopotamischen Schubria abgewehrt werden. Ziemlich verworren waren die Verhältnisse in Iran. Das einst gute Verhältnis zum Königreich von Man, dessen assyrisch-iranische Mischkultur durch Jagdbilder eines in Ziwije südöstlich des Urmiasees gefundenen Bronzekessels eindrucksvoll bezeugt ist, hatte einer tiefen Feindschaft Platz gemacht. 674 v. Chr. wurde Man selbständig und annektierte etliche vorgeschobene Festungen der Assyrer. Also drangen assyrische Heeresgruppen durch das pferdereiche Zamua, das damals als Vasall zu Assyrien hielt, weit in das Innere Irans bis zur großen Salzwüste vor und konnten verschiedene medische Fürstentümer durch Vasallenverträge eng an Assyrien binden. Weiter im Norden machten die Meder freiwillig oder gezwungen mit den Kimmeriern unter Kschatrita (assyrisch Kaschtarit, von den Griechen Phraortes genannt) und den Mannäern gemeinsame Sache gegen Assyrien und drängten es in die Defensive. Von den schweren Sorgen, die Kschatrita Assarhaddon bereitete, berichten dessen im traditionell überheblichen Stil gehaltene Inschriften natürlich nichts, wir können sie aber aus den zahlreichen Opferschauanfragen herauslesen, die uns meist in Bruchstücken erhalten sind. Auch sonst wurden von alters her die Götter gebeten, aus den Eingeweiden der Opfertiere erkennen zu lassen, ob ein geplanter Feldzug Erfolg haben, ein Bau gelingen werde. Kein König hat aber nach unserer Kenntnis in wenigen Jahren so oft die Götter befragt, und zwar sehr oft weniger nach dem Erfolg eigener Unternehmungen, sondern nach erwarteten Angriffen der Feinde. Wir lesen da: »Schamasch, großer Herr, beantworte mir mit zuverlässiger Zusage, was ich dich frage! … Werden innerhalb der nächsten vierzig Tage und Nächte… Kaschtarit, der Stadtherr von Karkaschschî oder der Sapardäer Dusanni oder die Kimmerier, Meder oder Mannäer oder irgendein Feind die Stadt Kilman einnehmen?« Diese Anfrage zeigt auch, dass Assarhaddon mit militärischen Mitteln die Einnahme dieser iranischen Stadt nicht glaubte verhindern zu können. Weniger deutlich lassen die Berichte der Beamten und Offiziere aus den Grenzprovinzen erkennen, dass man damals durchaus nicht immer optimistisch in die Zukunft sah. Allerdings hatte Assarhaddon Glück: die verschiedenen Völker Westirans waren damals noch zu uneinig, um gegen die assyrische Militärmacht entscheidende Schläge zu fuhren. Sie konnten einige vorgeschobene Garnisonen ausheben, aber nicht viel mehr. In den gleichen Nöten fragte Assarhaddon übrigens auch oft ekstatische Priester und Priesterinnen vor allem der Ischtar und erhielt von diesen Orakel in oft sehr schwer verständlicher Sprache, die stets mehr oder weniger günstig lauteten und immer wieder den Satz enthielten: »Fürchte dich nicht!« Vielen früheren Königen brauchte man diesen Satz nicht zuzurufen! Assarhaddon
Reiche im Vorderen Orient Aber auch in Assyrien selbst gab es Anlass genug zur Sorge, da die Parteien, die den Vorgängern so viel zu schaffen gemacht hatten, noch da waren. Oft wusste der mit gutem Grund misstrauische König nicht, ob ein Beamter, den er ernennen wollte, wirklich den Beamteneid halten und die Befehle des Hofes ausführen oder nicht manchmal anderen sein Ohr leihen werde. Er fragte daher auch den Sonnengott, der aber schließlich nur durch die Opferschaupriester reden konnte, die ihr Gutachten aber sicher nicht nur nach den Grundsätzen der Opferschaulehre abgaben. Der älteste Sohn Assarhaddons starb wohl bald nach seiner Ernennung zum Kronprinzen. Gegen den nächsten Sohn, Schamaschschumukin, hatte die assyrische Nationalpartei etwas einzuwenden, da er die babylonfreundliche Linie wohl noch entschiedener als der Vater vertrat. Sie erreichte es, dass der jüngere Sohn Assurbanipal, der ursprünglich zum Priester bestimmt war, 672 v. Chr. Kronprinz wurde, aber neben ihm Schamaschschumukin Kronprinz für Babylon blieb, eine höchst merkwürdige Kompromisslösung, die schon damals Kopfschütteln und Proteste ausgelöst hat. Der Astrologe Adadschumussur, einer der interessantesten und gebildetsten Höflinge der Zeit, schrieb empörte Briefe und nahm sogar in Kauf, dass er zeitweise in Ungnade fiel. Von ihm stammt vielleicht die eigenartige Erzählung von der im Traum erlebten Unterweltfahrt eines assyrischen Kronprinzen, die offenbar als getarnte politische Propaganda zu deuten ist. Leider verstehen wir wegen der schlechten Erhaltung der Tafel die meisten Anspielungen nicht. Auf einem Reichstag im Mai 672 v. Chr. wurden die assyrischen Großen, die Priester und Bürger auf die Thronfolgeregelung feierlich vereidigt. Zu diesem Reichstag schickten auch viele Vasallenfürsten ihre Gesandten oder kamen selbst und wurden auch schriftlich zur Treue gegen Assurbanipal im Falle des Todes Assarhaddons verpflichtet. Kürzlich wurden in Kalach einander ergänzende Bruchstücke des umfangreichen Treueschwurvertrages gefunden, der dort von neun iranischen Fürsten, zumeist Medern, in assyrischer Sprache hinterlegt wurde. Die sehr großen Tafeln mit je etwa sechshundertsiebzig Zeilen Text waren teilweise mit älteren assyrischen Königssiegeln gesiegelt. Die Verträge nennen erst die Partner der »Eide« und die göttlichen Zeugen, dann folgen in dreiunddreißig Paragraphen die einzelnen Verpflichtungen, die den Fürsten zur späteren Unterstützung Assurbanipals auferlegt wurden. Sehr umfangreich sind die Fluchandrohungen für die Fürsten, wenn sie ihre Eide nicht halten sollten. Vieles ähnelt den älteren Verträgen, anderes haben sich wohl die abfassenden Beamten ausgedacht, so den Wunsch, dass die Vertragsbrüchigen fürstlichen Familien wegen unerträglichen Taubengurrens keine Nacht Ruhe finden sollten. Neben den Nöten an der Nordostgrenze und im Inneren schreckte den König Assarhaddon immer wieder seine schlechte Gesundheit, deren Wiederherstellung seinem tüchtigen Leibarzt Aradnanâ nur mangelhaft und für kurze Zeit gelang. Da waren für Assarhaddon die Mondfinsternisse, darunter zwei totale 671 v. Chr., die man schon Voraussagen konnte, in besonderem Maße Anlass zur Angst. Um die in einem großen astrologischen Werk verzeichneten üblen Folgen der Finsternisse für den König abzuwehren, verfiel man auf die alte Praxis, einen Ersatzkönig für die kritische Zeit einzusetzen, ein Verfahren, das schon Erra’imitti von Isin, freilich ohne Erfolg, geübt hatte. In den zwölf Jahren Assarhaddons geschah das nicht weniger als dreimal, wir erfahren aus Briefen und einem Ritualbruchstück allerlei darüber. Einmal nahm man als Ersatzkönig für die hundert Tage, in denen der König seine Regierung als »Bauer« weiterführte, den Sohn eines kleinen Beamten von Akkade. Während bei einer anderen Finsternis der Oberrichter als »Vertreter« des Königs starb und damit das böse Vorzeichen erfüllt schien, geschah 671 v. Chr. nichts dergleichen. Also musste nach der Ritualvorschrift der unglückliche Ersatzkönig am Ende der hundert Tage samt seiner Frau sterben, worauf beide wie Könige dem Ritus gemäß bestattet wurden. Dieser Kult ist zweifellos ein verkapptes Menschenopfer und überdies ein Versuch, die Götter zu betrügen. Da die babylonische und assyrische Religion anders als die phönikische in der für uns überblickbaren Zeit die Menschenopfer ablehnten, muss die Angst des Königs sehr groß gewesen sein, dass er einen solchen Weg zur Rettung seines Lebens beschritt. Allerdings kannte auch das damalige assyrische Recht höchst barbarische Strafklauseln für Vertragsbrecher. Selbst wenn es nur um bescheidene Beträge ging, konnte ihnen auferlegt werden, einen Liter verstreuter Senfkörner einzeln mit der Zunge aufzulesen, ein Pfund Wolle zu essen und darauf viel Wasser zu trinken, was sicher meistens zum Tode durch Darmzerreißung führte, oder einen Sohn in den Tod zu geben. Städtische Kultur und Zivilisation und primitive Barbarei wohnten damals nah beieinander. Die Bildkünstler hat Assarhaddon wenig angeregt. Die in Syrien aufgestellten Stelen, von denen drei gefunden wurden, zeigen ihn in recht plumper Darstellung überlebensgroß, wie er Abdimilkutti von Sidon und einen ägyptischen Prinzen, die nur ein Drittel seiner Größe haben, am Nasenseil führt. Die aus Tiglatpilesars Palast in Kalach entnommenen Reliefplatten, die er mit der Rückseite nach vorn in seinem Palast aufstellen ließ, hat er nicht mehr neu mit Reliefs versehen lassen können. Assarhaddon war an Begabung und schöpferischer Phantasie weder seinen Vorgängern noch Assurbanipal ebenbürtig, hatte aber wohl mehr die Gabe zum Verhandeln, wo Gewalt nichts nützte, und besaß einen klareren Blick für die Grenzen seiner Macht. Mit der Eroberung Ägyptens war ihm noch einmal ein großer Erfolg beschieden. 669 v. Chr. aber fielen drei der 671 v. Chr. eingesetzten Gaufürsten wieder zu Taharka ab und bedrohten damit die assyrische Besatzungsmacht. Assarhaddon schickte sofort den General Schanabuschu nach Ägypten und hielt es für notwendig, ihm mit einem größeren Heer zu folgen. Den Strapazen des Marsches war er aber nicht mehr gewachsen und starb auf dem Wege in Syrien oder in Palästina.