Assurbanipal (669-627 v. Chr.)

Die so umstrittene Thronfolgeregelung durch Assarhaddon bewährte sich zunächst. Trotz des Todes seines Vaters fern der Heimat konnte Assurbanipal ungehindert den Thron besteigen und seinen Bruder Schamaschschumukin (669-648 v. Chr.) in Babylon einsetzen. Ein recht energischer Brief seiner Großmutter Nakija zeigt, dass sie sich auf seine Seite stellte und noch Einfluss genug hatte, um einen etwa geplanten Widerstand im Keime zu ersticken. Die alte Dame hatte gewiss ebenso wie Assarhaddon die überlegenen Fähigkeiten Assurbanipals erkannt, der uns in einer besonders lebendig abgefassten Inschrift von seiner vielseitigen Erziehung, wenn auch leicht übertrieben, erzählt. Als Priesterschüler hatte er nicht nur schreiben und rechnen, sondern die ganze traditionelle Wissenschaft erlernt, so dass er mit Gelehrten diskutieren und auch sumerische Tafeln, angeblich aus der Zeit vor der Sintflut, lesen konnte. Außerdem liebte er es, sich als Waffenschmied zu betätigen, dazu pflegte er alle Arten des Waffensports, schleuderte »schwerste Lanzen wie einen Pfeil« und war ein vorzüglicher Reiter. Als Kronprinz hatte er auch die Verwaltung des Riesenreichs genau kennengelernt und war somit wirklich allseitig auf sein hohes Amt vorbereitet. Der alte Adadschumussur begrüßt ihn denn auch in einem Brief geradezu überschwänglich. Sogar die Natur schien der dauernden Katastrophen müde zu sein und schenkte im ersten Jahr des Königs eine Rekordernte mit »fünf Ellen langen Halmen und Ähren von fünf Sechstel Ellen«, wie man sich dreißig Jahre später noch erzählte. Auch die kommenden Jahre brachten reiche Frucht. Assurbanipal
Assurbanipal auf dem Prunkwagen – Relief vom Palast des Königs in Ninive, um 640 v. Chr. Anfangs war Assurbanipals Außenpolitik fast überall erfolgreich. Den ägyptischen Aufstand von 669 v. Chr. hatten Assarhaddons Generäle nach längeren Kämpfen, in die er selbst noch eingegriffen haben will, 668 v. Chr. niedergeworfen. Taharka verzichtete jetzt auf weitere Versuche, Ägypten wiederzugewinnen. Sein Neffe Tanutamun aber ging 664 v. Chr. erneut zum Angriff über, so dass Assurbanipal gegen ihn ziehen musste und ihn nach einem Sieg über Theben hinaus nach Süden verfolgte. Die Fürsten Syriens und Kilikiens, darunter Ba’al von Tyros, zogen es nun vor, ihre Tribute und als Geiseln ihre Töchter für das Frauenhaus zu senden. 656 v. Chr. machte sich jedoch der von Assurbanipal als Gaufürst von Saïs eingesetzte Psammetich nach sorgfältiger Vorbereitung mit Hilfe von karischen und ionischen Söldnern zum König von ganz Ägypten, vertrieb die Assyrer und verhinderte gleichzeitig die Rückkehr der Äthiopier. Assurbanipal war klug genug, das ferne Ägypten jetzt abzuschreiben und nicht noch einmal die Eroberung zu versuchen. Die Fürsten Syro-Phönikiens lösten sich nur da, wo ihre Untertanen durch die assyrische Deportationspolitik noch nicht entnationalisiert waren, nach und nach von Assyrien. Zu einer organisierten Gegenbewegung kam es aber nicht, da die Oberherrschaft des wieder erstarkenden Ägyptens ebenso wenig beliebt war. Psammetich hatte sich bei der Vertreibung der Assyrer der aktiven Unterstützung Lydiens unter Gyges erfreut. Assurbanipal berichtet, Guggu von Luddi habe zunächst gemäß einer im Traum von Assur erhaltenen Aufforderung ein Bündnis mit ihm gegen die Kimmerier gesucht und diese darauf geschlagen. Später schickte Guggu keine Gesandten und Tribute mehr, dafür aber Truppen nach Ägypten. Da Assyrien das ferne Lydien nicht bestrafen konnte, betete Assurbanipal zu Assur und Ischtar, sie möchten Guggu tot vor seine Feinde werfen. Als dieser 652 v. Chr. den Kimmeriern allein gegenüberstand und dabei Thron und Leben verlor, verzeichnete Assurbanipal das triumphierend als Gebetserhörung. Des Gyges Sohn Ardys suchte daraufhin schleunigst wieder ein Bündnis mit Assyrien, angeblich mit den Worten: »Du, der König, den Gott kennt, verfluchtest meinen Vater, und es kam Böses. Grüße mich als deinen Knecht, und ich will dein Joch ziehen!« Solche erfundenen Reden streute Assurbanipal gern in seine Erzählungen ein. Die Freude über diese Ereignisse und der Sieg über die Mannäer waren nur ein schwacher Trost angesichts des 652 v. Chr. nach umfangreichen Vorbereitungen ausbrechenden Aufstandes in Babylonien. Obwohl Assurbanipals Verhältnis zu seinem Bruder Schamaschschumukin anfangs recht gut schien, fühlte sich dieser doch bald und gewiss nicht ohne Grund zurückgesetzt und nutzte die Befreiung Ägyptens aus, um eine große Koalition aus Iraniern, Elam, den Aramäerstämmen, Arabern und Ägypten gegen seinen Bruder auf die Beine zu bringen. Da sein Geheimdienst offenbar versagt hatte, wurde Assurbanipal zunächst überrascht, fasste sich aber rasch und schlug zu, ehe sich die Heere der Verbündeten vereinigen konnten. Das günstige Orakel, von unbekannter Hand auf eine Sin-Statue geschrieben, schien sich zu erfüllen. Er besiegte die Truppen seines Bruders und belagerte ihn in Babylon, schloss aber gleichzeitig die anderen ihm feindlichen Städte Babyloniens ein. Da Elam durch innere Schwierigkeiten nicht zum Eingreifen bereit war, unternahmen nur wenige auf Kamelen kämpfende Araberstämme den Versuch, Babylon zu entsetzen, ihre geschlagenen Reste mussten in der Stadt Zuflucht suchen. Dadurch verschlimmerten sich Hunger und Seuchen, die dort ohnehin schon wüteten, Assurbanipal behauptet, die Bewohner hätten schließlich ihre Kinder gegessen. Als dann 648 v. Chr. die Assyrer zum großen Sturm auf Babylon ansetzten, waren die Kräfte der Verteidiger erschöpft, und die Belagerer drangen in die Stadt. Ein grauenhaftes Gemetzel setzte ein, aber die Stadt wurde nicht wieder zerstört. Schamaschschumukin stürzte sich in die Flammen seines brennenden Palastes. Einige besonders verhasste Anführer wurden später als »Totenopfer« für Sanherib abgeschlachtet, an dessen Ermordung wohl auch Babylonier beteiligt waren. Statthalter und später Unterkönig in Babylon wurde Kandalānu (648-627 v. Chr.). Gegen die Araber kam es später noch zu Vergeltungsfeldzügen, die tief in die Wüstensteppengebiete hineinführten und für längere Zeit die Stoßkraft der nordarabischen Stämme brachen. Kamelreiter
Verfolgung arabischer Kamelreiter durch Assyrische Truppen, um 640 v. Chr. Am langwierigsten war die große Auseinandersetzung Assyriens mit Elam, sie zog sich über dreißig Jahre hin. Schon während des Ägyptenfeldzuges von 664 v. Chr. versuchte der Elamier Urtaku, einen Teil Babyloniens zu besetzen, wurde aber von den assyrischen Generälen hinausgeworfen und starb sehr bald. Nun setzte in Elam eine Zeit innerer Wirren ein, deren Verlauf teilweise noch undurchsichtig ist. Zu den Streitpunkten zwischen den Parteien gehörte natürlich auch das Verhältnis zu Assyrien, mit dem einige den Ausgleich suchten. Die Anhänger einer unbedingt assyrienfeindlichen Politik setzten sich aber immer wieder durch, hatten jedoch nicht die Macht, ihre Politik erfolgreich auszuführen. Wie so oft verband sich Te’umman (664-655 v. Chr.) mit den Aramäern, wurde aber nach längeren Kämpfen nahe Susa vernichtend geschlagen und mit seinem Sohn getötet. Anknüpfend an Traditionen des elamischen Staatenbundes, setzten die Assyrer nun in den Städten mehrere miteinander rivalisierende Fürsten ein. Dadurch blieb die Unterstützung des Schamaschschumukin ganz ungenügend. In Elam jagte ein Aufstand mit Ermordung oder Flucht des Königs den anderen, es folgten mehrere Kriege, bis die Assyrer schließlich 640 v. Chr. Susa entnahmen, ausplünderten und großenteils zerstörten. Auch hier wütete die Rache fürchterlich. Mit einem schwachen Versuch 639 v. Chr., den Staat neu zu errichten, endete die Geschichte Elams als selbständiger Macht, aber auch seine für Babylonien so wichtige Rolle als Prellbock gegen die Völker Innerirans. Damit war der Weg für die Perser frei. Zunächst allerdings zog Kurasch (Kyros) I. es vor, Gesandte an Assurbanipal zu schicken (um 639 v. Chr.), da er wohl Rückendeckung gegen das immer mächtiger werdende Medien brauchte. Assyrien und Medien hatten zur Zeit Assurbanipals anscheinend wenig Berührungen miteinander. Elamiter
Der Sieg Assurbanipals über die Elamiter unter König Te’umman am Ufer des Ulai, um 640 v. Chr. In den Jahren nach 640 v. Chr. stand Assurbanipal auf der Höhe seiner trotz des Verlustes von Ägypten immer noch sehr bedeutenden Macht. Seit den Tagen Sargons II. war sie bei vielen Wechselfällen an den verschiedenen Grenzen im ganzen bewahrt, aber nicht mehr wesentlich vergrößert worden. Assurbanipal, der selbst übrigens wohl nicht sehr oft zu Felde zog, hatte kein großes außenpolitisches Konzept, wie es seine Vorfahren hatten, sondern begnügte sich mit der meist erfolgreichen Abwehr von unmittelbar drohenden Gefahren, die neuen Machtzentren, die sich in größerer Entfernung von Assyrien bildeten, beachtete er nicht, da sie ihn nicht direkt bedrohten. Sein großes Verdienst war es, dass er die Bedeutung der geistigen Kräfte neben den militärisch-politischen erkannte und viel zu ihrer Anregung tat. Gewiss diente er damit zugleich seiner ungewöhnlichen Eitelkeit, da er bei der Pflege von Kunst und Literatur seine eigene Gelehrsamkeit oft genug leuchten lassen konnte , aber ohne ein echtes Interesse hätte sich seine Eitelkeit eben anders und weit weniger fruchtbar ausgewirkt. Seine mit Recht bekannteste Leistung ist die Gründung der großen Bibliothek von Ninive. Er konnte dabei an Erfahrungen anknüpfen, die man beim Aufbau von Archiven der Verwaltung und vor allem der großen Tempel gesammelt hatte. Um eine so vollständige Erfassung der literarischen Überlieferung hatten sich jedoch vor ihm allenfalls die Hethiterkönige in Hattusas bemüht. Die Briefe geben uns aufschlussreiche Einblicke in die Sammeltätigkeit des Königs. Überall spürte er den »die Weisheit des Gottes Nabû« enthaltenden Tafeln nach, die er aber meist nur entlieh, um eine oder mehrere Abschriften anfertigen zu lassen, die Abschriften reihte er dann, mit seinem Bibliothekskolophon versehen, in die Sammlung ein. Hier gab es keine »flüchtigen Exzerpte«, wie sie die Priester in Assur so oft Vornahmen, sondern nur sorgfältig geprüfte, saubere Abschriften, in denen Fehler selten sind. In den Unterschriften nennt er sich meist selbst den Schreiber, das ist aber orientalischer Hofstil, in Einzelfällen könnte es übrigens sogar stimmen. Sicher hat er beim Aufbau der Bibliothek sehr tüchtige Mitarbeiter gehabt, die nicht zuletzt auch eine vielbewunderte Ordnungs- und Katalogisierungsarbeit leisteten, ohne seine eigene Initiative aber wäre die Arbeit wahrscheinlich schon früh steckengeblieben. Obwohl die Tafeln der Bibliothek bei der Zerstörung von Ninive oft in kleinste Stücke zerschlagen wurden, stände die Assyriologie ohne diese Reste nicht da, wo sie heute steht. Assurbanipal hat zumeist in Ninive residiert. Dort ließ er neben den Palast Sanheribs einen neuen bauen, dessen Grundriss nur unzureichend bekannt ist. Aber Hunderte von Reliefplatten sind geborgen worden, über deren ursprüngliche Anordnung freilich ausreichende Aufzeichnungen fehlen. Die Themen aus dem kultischen Bereich traten hier sehr zurück, bei dem berühmten Bild von Assurbanipal und seiner Gemahlin in der Weinlaube steht nicht fest, ob das alte Motiv des heiligen Kultmahls hier noch ein wirklich religiöses war. Die großen Folgen von Schlacht- und Jagdbildern lassen nur selten Fortschritte gegenüber der Zeit Sanheribs erkennen. Die Versuche, figurenreichere Schlachtbilder zu schaffen, sind wegen der Unübersichtlichkeit der im einzelnen sehr sorgfältig gearbeiteten Kompositionen kaum geglückt, am besten sind noch die Darstellungen der Kamelreiterschlachten mit den Arabern gelungen, oft in vier übereinanderliegenden Bildstreifen von geringer Höhe. Besonders zahlreich sind die mit kurzen Beischriften versehenen Bilder aus den Kriegen gegen Elam. Da der König die Jagd sehr liebte, waren mehrere Räume des Palastes mit Jagdbildem geschmückt. Während die Darstellung der Menschen hier selten über das Konventionelle hinausfuhrt, finden sich bei den Tierbildern die bekannten unübertroffenen Meisterwerke. Die voll Wut anspringenden und sterbenden Löwen sind ebenso großartig gestaltet worden wie die gewaltigen, blutgierigen Jagddoggen, aber auch die persischen Wildesel mit ihren Füllen, die Kampfkamele und Gazellenherden haben liebevolle Beobachter und meisterhafte Zeichner gefunden. Eine Überladung der Bildfläche mit Figuren wurde von den Künstlern vermieden. Die todbringenden Pfeile sehen wir im Flug, und der grausame Todeskampf bei Tier und Mensch wird realistisch, aber dadurch etwas gemildert wiedergegeben, dass auch die Mutterliebe der Tiere und freundlichere Züge bei den Menschen gezeigt werden.

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Info 24.11.2017 14:13
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