Die Kultur zur Zeit des neuassyrischen Großreichs

Über Babylonien zwischen etwa 1050 und 750 v. Chr. sind wir recht unvollkommen unterrichtet, da wir außer den Grenzsteinurkunden und wenigen anderen Königsinschriften kaum sicher datierbare Texte haben. Und doch kann der Strom der Überlieferung in den Schulen der großen Tempel nicht abgerissen sein, wie die Fülle von Abschriften älterer Werke aus der Zeit nach 750 v. Chr. zeigt. Auch an originalen Schöpfungen hat es damals gewiss nicht gefehlt, es gibt aber nur ziemlich wenige Dichtungen, die wir mit einiger Wahrscheinlichkeit in diese Zeit datieren können. Der Aufbau des Staates hat sich seit der späten Kassitenzeit wohl nicht sehr stark verändert, auch wenn sich der feudale Staat infolge der vielen Umwälzungen immer mehr in einen Beamtenstaat umbildete. Über die Funktionen der verschiedenen Gruppen von Beamten wissen wir nur wenig. Nach 750 v. Chr. aber fließen die Quellen wieder reichlicher. So haben wir viele Briefe assyrischer Beamter und Agenten in Babylonien, die ihrem König über die dortigen Verhältnisse berichten, doch erfahren wir da mehr über die unruhigen Aramäerstämme auf dem Lande als über die Städte. Wir sehen nur, wie mächtig hier Priesterschaft und Bürgertum waren, auch die assyrischen Eroberer hielten es immer wieder für zweckmäßig, darauf Rücksicht zu nehmen. Eine Überlegenheit Babyloniens bestand wohl allenfalls noch auf dem Gebiet der Literatur, sonst hatte Assyrien aufgeholt oder war in der Bau- und Bildkunst Babylonien sogar weit überlegen. Die ranghöchsten Beamten waren in Assyrien der Tartan (»der Folgende«), der den König, wenn notwendig, vertrat, dann der Palastvogt, der Obermundschenk, der Palastverwalter und der Präfekt des eigentlichen Assyriens. Ihnen unterstanden Vertreter und Schreiber sowie oft eine große Zahl von örtlichen Behörden. Dazu kamen die Generalität und das Offizierskorps, dessen Spitzen oft gleichzeitig hohe Staatsfunktionen innehatten. Die Herstellung der Waffen und Fahrzeuge, die Aufzucht und Pflege der Pferde für das zuletzt wohl einige hunderttausend Mann umfassende Heer erforderten ein gewaltiges Personal. So stand ein beträchtlicher Teil der Assyrer direkt oder indirekt im Staatsdienst und weitere im Dienste der Tempel und Städte. Nur durch ausgiebige Heranziehung der Unterworfenen fand man immer wieder die für die vielfachen Funktionen notwendigen Menschen, zumal da Kriege und Seuchen oft einen hohen Blutzoll forderten. Die Landbevölkerung war weithin vom Staat abhängig, wenn er ihr auch durch seine Fürsorge für die Bewässerung sehr viel half. Ein großer Teil der Kriegsgefangenen wurde versklavt, doch lässt sich der Anteil der Sklaven an der Gesamtbevölkerung nicht einmal ungefähr abschätzen. Die Zahl der Sklavenverkaufsurkunden indes ist sehr groß. Merkwürdig ist, dass man aus neuassyrischer Zeit keinerlei Reste von Gesetzessammlungen fand, aller Wahrscheinlichkeit nach haben die Könige sich als Gesetzgeber nicht betätigt. Das Strafrecht ist uns auch durch Urkunden nicht bezeugt, da die Richter ihre Urteile meist nicht schriftlich ausfertigten. Im bürgerlichen Recht im weiten Sinn des Wortes galten wohl feste gewohnheitsrechtliche Normen. Die Stellung der Frau war viel weniger frei als in Babylonien, auch wenn sich Königinnen, wie wir sahen, und Orakelpriesterinnen ausnahmsweise einen großen Einfluss verschaffen konnten. Die Eheverträge sind teilweise noch als Kaufurkunden stilisiert, ähnlich auch Adoptionsverträge. Die Geldwirtschaft war noch nicht voll ausgebildet, obwohl Edelmetalle aus Kriegsbeute und Tributen sehr viel reichlicher vorhanden waren, Gold wird vor allem in Strafklauseln gefordert. Das Bild von der Religion Babyloniens und Assyriens, das wir aus den Texten der Zeit ablesen können, ist in sich noch widerspruchsvoller als das uns von früher her vertraute. Nach außen hin herrschte ein in manchem bereits erstarrter Traditionalismus. In den Ritualen begegnet uns eine große Zahl von Göttern verschiedener Herkunft, die in ihrer Mehrzahl für den Glauben des Volkes gewiss keine Rolle mehr gespielt haben, ein beträchtlicher Teil findet sich nur in assyrischen Ritualen und lässt uns etwas ahnen von der Mannigfaltigkeit der Lokaltraditionen im Norden Mesopotamiens. Die ihrer sprachlichen und rhythmischen Gestalt nach späten Hymnen prunken mit theologischer wie philologischer Gelehrsamkeit, die Häufung von oft dunklen mythischen Anspielungen und seltensten Wörtern hat sie gewiss auch damals nur den wenigsten verständlich gemacht. Echte religiöse Töne klingen kaum in ihnen an. Sie wurden auch in Assyrien in babylonischer Sprache abgefasst, selbst wenn sie an Assur gerichtet waren, der jetzt fast nur noch in den Inschriften der Könige und in den Staatskulten angerufen wurde. Die meisten Menschen suchten sich aus den vielen Göttern der Tradition ihren persönlichen Schutzgott heraus, bei besonderen Nöten riefen sie dazu noch den einen oder anderen Gott an, natürlich feierten sie die oft mehrtägigen örtlichen Götterfeste mit. In der Bildkunst spielten Genien eine große Rolle, wieweit sie sie auch für den einfachen Menschen spielten, ist noch nicht klar. Auch die assyrischen Könige bevorzugten nicht selten bestimmte Götter, ohne dass der Vorrang Assurs in Frage gestellt wurde. Für Assurnassirpal und andere in Kalach residierende Herrscher gewann Ninurta eine besondere Bedeutung. Vielleicht stammt aus Kalach auch ein Hymnus, den wir durch ein Tafelbruchstück aus Assur kennen: wenig geschmackvoll sind darin die anderen Götter zu Körperteilen Ninurtas reduziert. Später trat Ninurta wieder etwas mehr hinter Nabû zurück, der übrigens auch in Babylonien zu dem neben Marduk und Ischtar am meisten angerufenen Gott wurde. Adadnerari III. baute Nabû in Kalach einen Tempel mit dem Namen des alten Nabûtempels in Borsippa: Ezida. Ein hoher Beamter von ihm verstieg sich auf einer Stele zu der Aufforderung: »Auf Nabû vertraue, auf einen anderen Gott vertraue nicht!« Dieser Mann muss die anderen Götter nicht mehr ernst genommen haben, da er sonst bei einer solchen Äußerung deren Vergeltung hätte furchten müssen. In den Namen von Assyrern nach 800 v. Chr. hat Nabû einen weiten Vorsprung auch vor Assur und Ischtar. Vereinzelt meldet sich in den Namen schon eine radikale Leugnung der Götter zu Wort, ein Name »Fürchte Gott nicht!« wäre früher auch als Einzelfall nicht denkbar gewesen. Dass ein Teil der assyrischen Götter damals im Glauben des Volkes noch durchaus lebendig war, können wir aber der Tatsache entnehmen, dass Jahrhunderte nach der Vernichtung Assyriens im parthischen Hatra (westlich von Assur) noch assyrische Götternamen auftauchen. Neben dem Götterglauben stand die Dämonenfurcht nach wie vor sehr im Vordergrund. Vor allem der Totengeist und die kindermordende Lamaschtum erscheinen immer wieder. Zur Zeit Sanheribs hat man die magischen Kulte für Lamaschtum sehr lebendig auf amulettartigen Beschwörungsreliefs dargestellt. Ebenso begegnet häufig das fratzenhafte Gesicht des gegen die Dämonen angerufenen Gottes Pazuzu. Die Briefe zeigen die große Bedeutung der Magie am Krankenbett und bestätigen damit die medizinisch-magische Literatur. Dass sich daneben die Ärzte auch sehr ernsthaft um gute pflanzliche und mineralische Heilmittel bemühten, wird in den Briefen und der Literatur aber ebenso deutlich. Da auch die spätere Zeit nicht zum Glauben an ein Leben nach dem Tode und an ein Totengericht kam, trieben die alten Fragen nach dem rechten Verhalten des Menschen gegenüber der Gottheit und nach der Gerechtigkeit Gottes die nachdenkenden Menschen weiter um. Die Antworten sind ganz verschieden. In einem Zwiegespräch in höchst kunstvoller, ja künstlicher Sprache streitet ein Leidender mit seinem Freund darüber. Der Freund verteidigt die Götter mit allen Argumenten der gelehrten Theologie, während der Leidende ihm immer wieder seine negativen Erfahrungen entgegenhält: der Böse entgeht so oft seiner Strafe, während der Fromme viel leidet. Schließlich gibt der Leidende nach und bittet die Götter für seine Zweifel um Vergebung, befreit vom Leid wird er aber nicht. Mit dem Buch Hiob hat dieses Zwiegespräch neben anderem auch die Frage nach dem rechten und dem falschen Trost gemeinsam. Wenn der Leidende den Rat des Freundes als Nordwind bezeichnet, so meint er damit, dass lieblos ausgesprochene theologische Richtigkeiten keinem Dulder helfen. Aus ähnlichen Gründen werden die drei älteren Freunde Hiobs scharf zurechtgewiesen. Dagegen rät das sprachlich einfache, stellenweise witzige Zwiegespräch zwischen einem Herrn und seinem Sklaven dem Hörer den Weg der Skepsis an. Es besteht aus zehn gleichgebauten Strophen, die in ihrer Blasphemie recht weit gehen:
„Sklave, gehorche mir ganz!” – „Jawohl, mein Herr, jawohl!” – „Wecke mich alsbald und gib mir Wasser für meine Hände! Ich will meinem Gott ein Opfer bringen!”
„Bringe es, mein Herr, bringe es! Dem Mann, der seinem Gott ein Opfer bringt, geht es gut, eines über das andere wird ihm anvertraut!”
„Nein, Sklave, ich will meinem Gott kein Opfer bringen!”
„Tu es nicht, mein Herr, tu es nicht!
Du legst damit dem Gott nur nahe, dass er immer wie ein Hund hinter dir herlaufen soll. Entweder einen Kult oder ein magisches Bild oder etwas anderes wird er dann von dir verlangen!”
Am Schluss sagt der Sklave auf die Frage des Herrn »Was ist denn gut?«: »Meinen und deinen Hals brechen ist gut.« Damit sind alle Grundwerte der babylonischen Religion, aber auch der Wunsch nach einem langen Leben ins Lächerliche gezogen. Mindestens drei jüngere Abschriften zeigen, dass dieses Gedicht gern gelesen wurde. Neue literarische Gestaltungen der alten Mythen gab es in dieser Zeit nicht mehr. Wohl aber hat im 8. Jahrhundert v. Chr. der babylonische Dichter Kabtilānimarduk unter dem Eindruck einer der schweren Epidemien seiner Zeit einen breit schildernden, aber eindrucksvollen Mythus vom Pestgott Era geschaffen, der trotz einer antiassyrischen Spitze vor allem in dem gleichfalls pestgequälten Assyrien oft abgeschrieben wurde. Der Dichter bezeichnete ihn als eine persönliche Offenbarung: »Den Verfasser … ließ er (Era) es während der Nacht sehen. So wie er es ihm im Schlummer gesagt hatte, ließ er nichts aus und fügte keine einzige Zeile hinzu.« Wer die Dichtung in seinem Hause als eine Art von Amulett liegen hat, soll, so wird verheißen, von einer künftigen Seuche verschont werden. In dieser Weise hat sich noch nie ein Dichter auf eine persönliche Offenbarung berufen. Die einzigen Parallelen sind die Orakelsprüche im Assyrien der Zeit und – tausend Jahre früher – in Mari. Nach einem kurzen Anruf an Marduk wird in diesem Mythus unter Einfügung langer Reden der Götter erzählt, dass Era nach einer Zeit der Ruhe erneut zu seinem grausigen Kampf mit Hilfe der wilden Siebenergottheit aufgerufen wird. Der Gott Ischum will ihn beruhigen, aber Era geht zu Marduk, um diesen zu überreden, ihm die Herrschaft über das Land eine Zeitlang zu überlassen. Marduk willigt schließlich ein und begibt sich zur Unterwelt. Nun fangt Era an zu wüten, unbewegt durch die Klagen der Götter und Menschen. Endlich gelingt es Ischum, ihn zu beruhigen. Era sagt, dass ein Land das andere und die feindlichen Länder im Bürgerkrieg sich selbst umbringen sollen, Akkade solle dann aber alle beherrschen, ein schwacher Akkader sieben starke Feinde wie Schafe abführen. Am Ende der Katastrophe steht also ein Segenswunsch nur für Babylonien, das für alles Ungemach entschädigt werden soll. So konnte ein Dichter wohl nur vor Tiglatpilesar III. in den Jahrzehnten sprechen, in denen Assyrien verhältnismäßig schwach war. Eine ganz neue Gattung ist in dieser Zeit die weltliche Erzählung mit einem einfachen Mann als Haupthelden. Gewiss sind zu allen Zeiten Hunderte solcher Geschichten wie im späteren Orient umgelaufen, sie werden aber erst jetzt, wenigstens in Einzelfällen, literaturfähig. Ein Beispiel ist die erst kürzlich bekanntgewordene Verserzählung vom armen Mann von Nippur, der dem Statthalter der Stadt seinen einzigen Besitz, eine Ziege, schenkte in der Hoffnung auf eine noble Gegengabe, die seine Not lindern sollte. Doch der wies ihn schnöde ab. Nun beschloss er drei Rachehandlungen und sagte das auch dem Pförtner, der es aber nicht ernst nahm. Zuerst drang er als Bote des Königs verkleidet beim Statthalter ein, forderte viel Gold und verprügelte ihn »vom Kopf bis zur Fußsohle«. Dann kam er als Arzt zur Behandlung des Geschlagenen und verprügelte ihn noch einmal. Als man ihn nun verfolgte, verstand er es, die Verfolger zu trennen und den Statthalter allein zu erwischen und noch einmal zu prügeln, so dass dieser »kriechend in sein Haus eintrat«. Er selbst suchte nun das Weite. In dieser Erzählung haben sich die Wunschträume nicht weniger niedergeschlagen, die unter den hohen Herren zu leiden hatten. Auf dem Gebiet der Wissenschaft war das erste Jahrtausend nur noch begrenzt fruchtbar. Die Philologie schuf viele Kommentare überwiegend mit Worterklärungen, aber auch Mythenkommentare, die Vorgänge in Riten nicht selten höchst abstrus ausdeuteten. Die Unterschriften sagen dann auch in solchen Fällen meistens, dass diese Werke nur für den Wissenden bestimmt seien. Im übrigen wurde gesammelt, ergänzt und immer wieder abgeschrieben. Einige mehr als früher erläuternde medizinische Werke und Erklärungen der Prinzipien der Leberschau stammen wohl auch erst aus dieser Zeit. Nach den Briefen spielte die Tageswählerei auf Grund der Kalenderwissenschaft eine größere Rolle als je zuvor. Kultrituale sorgten dafür, dass bei den Tempelopfern und -festen alles genauestens nach Vorschrift ausgeführt wurde. In Assyrien wurden neue Werke der Rezeptliteratur geschaffen, besonders für die Herstellung der verschiedenen Farbglasuren. Bedeutende Leistungen vollbrachte diese Zeit, vor allem in Assyrien, wohl nur auf dem Gebiet der beobachtenden Astronomie. Erst jetzt wurden gemeinsam mit Griechen die langen Reihen genauer Beobachtungen angelegt, die für die Entwicklung einer rechnenden Astronomie nach 400 v. Chr. die unumgänglichen Voraussetzungen schufen. Finsternisse, Auf- und Untergänge, Konjunktionen und vieles andere wurden beobachtet und gemessen. Veranlassung für dieses Tun war neben dem Wunsch nach genaueren Zeitmessungen die Überzeugung, dass das Schicksal von König und Staat und manchmal auch der einzelnen von den Sternen abhing. In der Bildkunst finden wir neben der bereits besprochenen großen Kunst ein blühendes Kunsthandwerk, das oft sehr zierlich geschnittene Siegelzylinder, glasierte Gefäße, Metall- und Steingefäße sowie mannigfache Figürchen aus Metall, Stein und Ton hervorbrachte.