Der Untergang des Assyrerreiches

Nach 639 v. Chr., dem Jahr des großen Erfolges Assurbanipals gegen Elam, werden die bis dahin so reichlich fließenden Quellen für die Geschichte Assyriens sehr dürftig. Eponymenlisten fehlen schon seit 648 v. Chr., daher können wir selbst die Rechtsurkunden der Spätzeit nicht mehr genau einordnen. Ziemlich rätselhaft musste es bis vor kurzem erscheinen, dass zwischen dem Höhepunkt der assyrischen Macht um 639 und dem Ende 609 v. Chr. nur dreißig Jahre lagen. Waren die Feinde wirklich so stark, dass sie die größte Militärmacht der damaligen Zeit niederringen konnten? Einige neue Quellen, die schon länger bekannte erst in das richtige Licht setzten, haben jetzt einiges geklärt, vieles bleibt allerdings nach wie vor dunkel. Die wesentlichste neue Erkenntnis ist die, dass bereits gegen Ende der Regierung Assurbanipals, spätestens 632 v. Chr., ein Bürgerkrieg in Assyrien ausgebrochen sein muss. Wir haben keine eindeutigen Berichte darüber, sondern können nur aus sehr allgemein gehaltenen Andeutungen in den Inschriften von Assurbanipals jüngerem Sohn Sinscharischkun (629 bis 612 v. Chr.) über vorausgegangene Unruhen und aus der Tatsache von zwei, zeitweilig drei nebeneinander regierenden Königen auf innere Auseinandersetzungen schließen. Assurbanipal hat in Harran nachweislich bis 627 v. Chr. regiert, in Nippur wurde, da es nicht dem Unterkönig Kandalānu in Babylon unterstand, noch im Juni 631 v. Chr. nach ihm datiert, wenig später aber schon nach seinem ältesten Sohn Assuretelilani (632-624 v. Chr.). Das Doppeldatum der Abschrift einer Urkunde aus Nippur vom Herbst 629 v. Chr. belehrt uns, dass das dritte Jahr des letzteren dem Jahr der Thronbesteigung Sinscharischkuns entspricht. Assurbanipal muss also in seinen letzten Jahren von seinem Sohn oder seinen Söhnen aus Assyrien und Babylonien, gewiss nicht ohne vorausgegangene heftige Kämpfe, verdrängt und auf den westlichen Reichsteil mit Harran als Hauptstadt verwiesen worden sein. Ob damit zusammenhängt, dass Reste einer Art von Zweigstelle der Bibliothek von Ninive auf dem Sultantepe bei Harran gefunden wurden, muss vorläufig dahingestellt bleiben. Ein Teil der dortigen Tafeln ist freilich ganz ungewöhnlich fehlerhaft geschrieben. In zwei leider sehr schlecht erhaltenen Urkunden sagt Assuretelilani: »Als mein Vater sich davongemacht hatte – ein hässlicher, sonst nur von Feinden gebrauchter Ausdruck! -, hat mich niemand aufgezogen.« Er rühmt dann den General Sinschumlischir, der sich seiner angenommen habe. Später hat sich dieser General aber selbst zum König gemacht, seine Regierung dürfte nur sehr kurz gewesen sein. Vorher muss er aber den Assuretelilani auf den Thron gehoben haben, der dann drei Jahre mindestens Teile Assyriens und Babyloniens beherrscht und in mehreren Städten gebaut hat. Aus Assyrien hat ihn sein Bruder Sinscharischkun schon 629 v. Chr. vertrieben, wie aus einer Inschrift aus diesem Jahr zu entnehmen ist, in Nippur aber hat er sich bis Ende 628 oder Anfang 627 v. Chr. halten können und nach dem Tode Assurbanipals (vermutlich Anfang 627 v. Chr.) von Harran aus noch bis 624 v. Chr. den westlichen Reichsteil regiert. Danach fiel auch dieses Gebiet an Sinscharischkun, ob durch den Tod des Assuretelilani ohne Gewalt oder als Folge eines erfolgreichen Angriffs, entzieht sich unserer Kenntnis. Beide Brüder führten noch den traditionellen Titel »König der Welt«. Jedenfalls muss Assyrien durch die jahrelangen Auseinandersetzungen der drei rivalisierenden Könige sehr geschwächt, und mindestens Teile der Armee dürften demoralisiert worden sein. Dadurch war es für die kommenden Auseinandersetzungen denkbar schlecht gerüstet. Wenn wir Andeutungen der Propheten Jeremia und Zephanja mit Nachrichten Herodots richtig kombinieren, muss in den kritischen Jahren um 626 v. Chr. eine Invasion skythischer Stämme nach Syrien und bis nach Palästina hinein schwere Verheerungen angerichtet haben, das in sich gespaltene Assyrien hat das nicht verhindern können und musste schwere Einbußen hinnehmen, auch wenn schließlich die Skythen wieder zurückgeworfen wurden. Spätestens Anfang 626 v. Chr. starb der von Assurbanipal in Babylon eingesetzte Kandalānu. Nach einem kurzen Interregnum, während dessen man »nach dem Tode Kandalānus« datierte, machte sich in Babylon der Chaldäer Nabupolassar zum König (626-605 v. Chr.), der vorher einen assyrischen Angriff auf die Stadt abgewiesen hatte, gleichzeitig setzen ziemlich ausführliche Chroniken ein, die uns über die Hauptereignisse recht gut berichten. 625 bis 623 v. Chr. kämpften Assyrer und Babylonier auf babylonischem Boden mit wechselndem Erfolg gegeneinander, doch müssen die Assyrer wenig später nach schweren Kämpfen um Nippur Babylonien ganz geräumt haben. Da die Assyrer jetzt offenbar die Schwächeren waren, stellte sich Ägypten auf ihre Seite gegen die aufsteigende babylonische Macht, konnte aber den Gang der Ereignisse höchstens etwas verlangsamen. Die andere neue Großmacht war das nun geeinigte Medien unter Kyaxares (Huvakhschatra, um 625-585 v. Chr.). Ein erster Angriff der Meder auf Ninive vor 616 v. Chr. soll nach Herodot mit Hilfe der Skythen abgewehrt worden sein. Aber schon 615 v. Chr. nahmen sie Arrapcha (Kerkuk) ein und 614 v. Chr. als erste der assyrischen Hauptstädte Assur, das geplündert und gänzlich zerstört wurde. Kyaxares und Nabupolassar schließen nun ein förmliches Bündnis zur Vernichtung Assyriens, das die Aufteilung des Reichsgebietes vorsieht. 613 v. Chr. bringt ein assyrisches Heer bei Ana am Euphrat den Babyloniern noch eine Schlappe bei, doch 612 v. Chr. schon erliegt auch Ninive der Übermacht der Verbündeten wie wohl vorher schon Kalach. Alle assyrischen Städte werden nun völlig zerstört und ausgemordet. Die Rache für das, was die Assyrer jahrhundertelang anderen Völkern angetan haben, tobt sich furchtbar aus. Die Ausgrabungen zeigen, wie gründlich das Zerstörungswerk betrieben wurde. Die Städte blieben nun für lange Zeit gänzlich unbewohnt, das eigentliche Assyrien fiel mit allen nördlichen Provinzen an Medien. Noch Xenophon fand bei seinem Rückzug das Land fast menschenleer. Sinscharischkun erlitt bei der Eroberung Ninives wahrscheinlich im brennenden Palast den Tod. Doch gab es noch ein kurzes Nachspiel. In Harran machte sich der Führer der letzten noch gebliebenen assyrischen Armee zum König und nahm den Namen Assuruballit II. (612-609 v. Chr.) an, also den Namen des Begründers der assyrischen Macht nach der Mitanniherrschaft. Doch trotz des Namens gelang kein neuer Anfang. Ägypten raffte sich erst nach der Thronbesteigung Nechos 609 v. Chr. auf, um mit einem großen Heer Assyrien zu Hilfe zu kommen, wurde aber von Josia von Juda bei Megiddo aufgehalten. Trotz ihres Sieges dort kamen die Ägypter zu spät, denn 610 v. Chr. fiel Harran, und 609 v. Chr. müssen die letzten Assyrer kapituliert haben, da die Chronik für die folgenden Jahre kein Wort mehr über sie sagt. Das Schicksal der assyrischen Hauptstädte blieb Harran offenbar erspart, es erscheint einige Jahrzehnte später wieder als bedeutende Stadt. Die medisch-babylonische Grenze verlief zunächst südlich von Harran. So endete das größte Reich des Orients vor den Persern mit einer Katastrophe, die die des Hethiterreichs noch bei weitem übertraf. Assyrien ist in erster Linie ein Militärstaat gewesen, der ohne immer neue Eroberungen nicht leben konnte. Wir dürfen aber über all dem Furchtbaren, das die assyrischen Heere angerichtet haben, die sehr bedeutende kulturelle Leistung Assyriens vor allem auf dem Gebiet der Kunst nicht vergessen. Das Perserreich ist Assyrien mit seiner politischen Organisation und mit seiner Kunst in vielem sehr verpflichtet.

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Info 19.11.2017 11:29
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