Das Chaldäerreich (626-539 v. Chr.)

Über vierhundert Jahre lang war Babylonien kein politischer Faktor von größerer Bedeutung mehr gewesen. 729 v. Chr. hatte es sogar seine Selbständigkeit verloren und nur ganz vorübergehend einige Male wiedergewonnen. Mit dem politischen war ein kultureller Niedergang auf vielen Gebieten verbunden gewesen. Als nun der Chaldäer Nabupolassar es 626 v. Chr. unternahm, das Land wieder auf eigene Füße zu stellen, fand er in den Jahrhunderten vor ihm keine Vorbilder, an die er sich hätte halten können. Er musste sie im Babylonien Hammurabis suchen und noch früher in der großen Zeit der Akkade-Könige. Dass er ebenso wie sein Sohn hier anknüpfte, zeigen Schriftform und Sprachgestalt seiner Inschriften, die recht wenig glücklich altbabylonische Formen, bisweilen sogar die altakkadische Schreibweise nachzuahmen suchen. Man muss also einige Inschriften der alten Könige gekannt und im wesentlichen noch verstanden haben. Die späten Aramäer standen aber der alten Sprache zu fern, um sie als Literatursprache wirklich neu beleben zu können. Nabupolassar (626-605 v. Chr.) war von geringer Herkunft und nannte sich »Sohn eines Niemand«, einst eine verächtliche Bezeichnung für feindliche Usurpatoren, oder auch »schwach, Kümmerling«, legte sich also Titel bei, die jeder frühere König weit von sich gewiesen hätte. Um so deutlicher brachte er dadurch den Glauben an seine Erwählung durch Marduk und andere Götter zum Ausdruck, sie haben ihn vollbringen lassen, was ihm gelang. Er macht ganz den Eindruck eines ungewöhnlich bescheidenen, ja aus echter Frömmigkeit lebenden Königs, obwohl auch bei ihm die traditionellen Titel zum Preise der eigenen Leistung nicht fehlen. Immerhin hatte er viele nicht alltägliche Erfolge zu verzeichnen. In Nabupolassar zeigte sich die babylonische Religion noch einmal von ihrer besten Seite. Dem in Babylonien herkömmlichen Stil entsprechend, erzählte er nichts von seinen Kämpfen, wenn er auch die Vernichtung Assyriens kurz erwähnte. Näheres hören wir nur aus den Chroniken. Er begann umfangreiche Bauarbeiten an den verfallenen Tempeln von Babylon und an den Kanälen, konnte sie aber ebenso wie den Neuaufbau eines babylonischen Großreichs nicht mehr vollenden, weil er verhältnismäßig früh krank wurde und starb. Sein Sohn, dem er den seit dem 12. Jahrhundert berühmten Namen Nebukadnezar II. (Nabukudurriussur, 605-562 v. Chr.) gab, wurde eine der bedeutendsten Herrschergestalten Babyloniens. Vom Vater früh mit allen Pflichten eines Königs vertraut gemacht, führte er schon 607 v. Chr. eine babylonische Armee und wurde 605 v. Chr. allein nach Syrien gesandt, um dem Pharao Necho, der nach vorbereitenden Operationen 606 v. Chr. mit einem großen Heer ganz Syrien seinem Reich angliedern wollte, entgegenzutreten. Denn Babylonien beanspruchte südlich der Grenze des Mederreiches alle früher assyrischen Gebiete für sich. Nebukadnezar erfocht bei Karkemisch einen glänzenden Sieg, verfolgte die Ägypter bis Hama und hätte sie vernichtet, wenn ihn nicht dort die Nachricht vom Tode seines Vaters erreicht hätte. So musste er sofort umkehren, um die Herrschaft zu übernehmen. Doch bald war er wieder in Syrien und führte in den kommenden Jahren fast jedes Jahr einen Feldzug dorthin, traf allerdings nur selten auf ernsteren Widerstand, Askalon wurde 603 v. Chr. geplündert. Auch davon erfahren wir durch eine Chronik, die leider nur bis 594 v. Chr. reicht, während seine vielen Bauinschriften nur gelegentlich ganz allgemein gehaltene Hinweise auf militärische Erfolge bringen. 601 v. Chr. versuchte er in Ägypten einzudringen, zog sich aber nach einer verlustreichen Schlacht wieder zurück. Auch ein weiterer Angriff 567 v. Chr. blieb ohne Erfolg, Die wegen ihrer weltgeschichtlichen Bedeutung bekanntesten unter den Syrienfeldzügen Nebukadnezars sind die gegen Juda 598/597 und 589/587 v. Chr., die mit der Zerstörung Jerusalems und der Wegführung großer Teile des jüdischen Volkes endeten. Über den ersten Zug lesen wir in der erwähnten Chronik: »Im 7. Jahr… legte der König ein Lager gegen die Stadt von Juda an und eroberte sie am 2. Addar (= 16. März 597 v. Chr.), nahm den König gefangen und setzte einen ihm genehmen König ein. Ihren schweren Tribut brachte er hach Babylon.« Das bestätigt den Bericht der Bibel und fügt das genaue Datum hinzu. Urkunden aus Babylon, eine von 592 v. Chr., nennen den König Jojachin und andere Juden als Empfänger von Rationen. Nach den Annalen von Tyros belagerte Nebukadnezar Tyros von 586 bis 573 v. Chr., ohne die von Itoba’al beherrschte Inselfestung erstürmen zu können. Schließlich ergab sie sich, konnte aber erträgliche Bedingungen aushandeln. Aber auch mit inneren Schwierigkeiten hatte Nebukadnezar bisweilen zu tun. Ein großer Aufstand 595 v. Chr., dessen Ursache nicht genannt wird, wurde erst nach längeren Kämpfen blutig unterdrückt. In seinem großen Reich, das ganz Syrien-Palästina von Karkemisch bis zur ägyptischen Grenze umfasste, baute der König eine gut funktionierende Verwaltung auf, die in vielem sicher der assyrischen nachgebildet war. Trotz der ungeheuren Beträge, die er für seine Bauten und das Heer brauchte, wurde das früher verarmte Babylonien unter ihm zum reichsten Land von ganz Westasien und Babylon zur größten Stadt der Mittelmeerwelt. Die gewissenhafte Pflege der Kanäle und die Anlage neuer steigerte die Fruchtbarkeit des Bodens, er soll sogar ein großes Auffangbecken für das Frühjahrshochwasser angelegt haben. Handel und Gewerbe blühten, Tausende von Urkunden bezeugen die Mannigfaltigkeit der Transaktionen, die schon von richtigen Banken, wie zum Beispiel dem Haus Egibi und Söhne in Babylon und Uruk, finanziert wurden. Die Bauten Nebukadnezars über treffen in ihrem Ausmaß noch die der meisten Assyrerkönige und müssen während seiner langen Regierungszeit seinen Untertanen eine riesige Arbeitsleistung abgefordert haben, die gewiss nicht immer ohne drastische Zwangsmittel erzielt worden ist. Der größte Teil aller dieser Arbeiten galt Babylon. Da Nebukadnezar voraussah, dass eines Tages die große Auseinandersetzung mit Medern und Persern, den Bundesgenossen von gestern, kommen würde, wollte er die Stadt zu einer mit damaligen militärischen Mitteln uneinnehmbaren Festung machen. Daher verstärkte er zunächst die Doppelmauer um die alte Stadt und legte noch eine dreifache äußere Mauer an, die auch weite nichtbebaute Gebiete einschloss. Schließlich erbaute er etwa sechzig Kilometer nördlich von Babylon vom Euphrat zum Tigris die »Medische Mauer«, die nach griechischen Berichten dreißig Meter hoch gewesen sein soll. In die Nordwestecke der Stadt, an den Euphrat angelehnt, baute er zwei gewaltige Paläste mit Hunderten von Räumen und platzartigen Innenhöfen. Die Innenwände waren teilweise mit buntglasierten Ziegelreliefs geschmückt. In der sogenannten Südburg befanden sich auch die Terrassengärten, die Herodot als »hängende Gärten« rühmt. Der Marduktempel Esangila mit dem Hochtempel Etemenanki und den zugehörigen Bauten übertraf alle früheren Tempel bei weitem. Seine Grundlagen waren seit Assarhaddon in unermüdlicher Arbeit gelegt, aber erst jetzt wurde er vollendet. Der Grundriss des Hochtempels maß einundneunzigeinhalb Meter im Quadrat und war in dieser ganz ungewöhnlichen Größe offenbar schon viel früher geplant worden. Da er jahrhundertelang unvollendet dastand, erzählte man sich allerlei Geschichten, die die biblische Sage vom Turm zu Babel aufgreift und neu deutet. Der Turm wurde später von Ziegelräubern fast bis auf die Fundamente abgetragen, so können wir uns von seinem Aussehen nur nach Beschreibungen einer babylonischen Tafel und den Berichten Herodots eine nicht in allem eindeutige Vorstellung machen. Er war danach genauso hoch wie breit und wurde in seinen Ausmaßen nur von den drei größten Pyramiden übertroffen. Auf fünf Kolossalstufen von insgesamt siebzig Meter Höhe mit großen Freitreppen erhob sich der zweistöckige Tempel mit einem Prachtbett für Marduk und Kulträumen auch für andere Götter. An der Ostseite des Tempelkomplexes entlang führte die große Straße für die Neujahrsprozession Marduks. Wo sie die innere Stadtmauer durchbrach, wurde das gewaltige, mit farbig emaillierten Ziegelreliefs bedeckte Ischtartor errichtet, das noch heute zwölf Meter hoch ansteht, die mit eintöniger Wiederholung dargestellten mythischen Tiere sollten ebenso wie die Löwen der Prozessionsstraße böse Mächte abwehren. An diesem nur durch Technik und Ausmaße imponierenden Schmuck wird erkennbar, dass weder der König noch seine Baumeister ein Kunstverständnis hatten, das mit dem der großen Assyrerkönige auch nur verglichen werden könnte. Hier wie in den wenigen Literaturwerken liegt nichts als geistig dürftige Nachahmung vor. Dabei war Nebukadnezar ohne Zweifel aufrichtig fromm – seine vielen Bauinschriften schließen wie bei Nabupolassar und seinen Nachfolgern fast immer mit Gebeten – und wollte für seine Götter sicher das Beste schaffen. Aber Babylon hatte keine Kunsttradition mehr. Babylonien
Ruinen von Babylon mit den Resten des Ischtartores Nebukadnezars II., um 570 v. Chr. Die anderen Tempel in Babylon waren sehr viel kleiner, so auch viele seiner Bauten in den anderen Städten. Äußerst großzügig hat er anscheinend in Ur geplant, doch konnte er die Bauten nicht vollenden. Eine gewaltige Anlage war auch der erneuerte Nabû-Tempel Ezida in Borsippa, dessen Tempelturm noch heute eine stattliche Ruine ist. Nebukadnezars Sohn und Nachfolger Awilmarduk (562-560 v. Chr.), der nach der Bibel dem früheren König Jojachin die Haft wesentlich erleichterte, überwarf sich bald mit den Mardukpriestern und wurde beseitigt. Die Nachfolge riss sein Schwager Nergalscharrussur (in der Bibel Neriglissar, 560-556 v. Chr.) an sich, ein verdienter General Nebukadnezars, der aber bald starb. Bis vor kurzem wusste man nur von seinen Bauarbeiten. Kürzlich wurde jedoch ein chronikartiger Bericht über seinen Feldzug nach Kilikien 557 v. Chr. bekannt, der uns belehrt, dass er weit in das »raue« Kilikien vorstieß, das die Assyrer nie erreicht hatten. Hundertfünfzig Kilometer weit will er dort über ganz schmale Gebirgspfade gezogen sein. Die Tyros ähnliche Inselfestung Pitussu nahm er mit Hilfe von Schiffen ein. Sein Sohn Labaschimarduk kam noch als Kind auf den Thron (556 v. Chr.) und fiel nach wenigen Monaten angeblich wegen seiner schlechten Eigenschaften den Priestern zum Opfer. Nun wurde der Aramäer Nabonid (556-539 v. Chr.) König, eine der interessantesten und zugleich rätselhaftesten Gestalten des alten Orients. Er stammt aus Harran und nennt Nabubalassuiqbi seinen Vater, gibt ihm aber keinen Titel. Seine aramäische Mutter hieß Adadguppi und wurde fast hundertdrei Jahre alt. Als sie 547 v. Chr. starb, bereitete er ihr ein fürstliches Leichenbegängnis und stellte zwei Stelen auf, deren fast ganz verlorene Reliefbilder wohl eine Opferszene darstellen. Die erste Hälfte des Textes ist als Selbstbericht der alten Dame kurz vor ihrem Tode stilisiert, der Rest beschreibt die Beisetzungsfeierlichkeiten. Die Mutter gibt mit Regierungszeiten genau die Könige an, die sie erlebt hat. Sie diente zunächst Sin in Harran, kam wohl nach der Eroberung der Stadt durch die Babylonier 610 v. Chr. oder auch schon früher nach Babylonien und erreichte dort, dass ihr Sohn Nabonid verantwortliche Hofämter bekam, wie auch sie selbst den Königen in Babylon eifrig diente. Sin belohnte ihr frommes Tun und machte ihren Sohn zum König, sie durfte dem Gott gewiss auch bei diesem Werk dienen! Wir wissen nicht, welche Gruppe in Babylon Nabonid auf den Thron erhoben hat, eine Chronik, die mit unfreundlicher Tendenz seine ganze Regierungszeit behandelt, ist nur unvollständig erhalten. 555 v. Chr. zog er nach Kilikien und in den beiden folgenden Jahren nach Syrien. Nach seinen Bauinschriften hat er in mindestens sieben babylonischen Städten gebaut und sich dabei in ungewöhnlicher Weise für die Auffindung der alten Bauurkunden in den zu erneuernden Tempeln interessiert. Man hat ihn daher einen Archäologen auf dem Thron genannt, ihn damit aber doch recht einseitig charakterisiert. Sehr bald muss es zu ernsten Differenzen mit maßgeblichen Gruppen in Babylon und fünf anderen Städten des Landes gekommen sein, die ihren Grund gewiss darin hatten, dass Nabonid den Sin von Harran einseitig bevorzugte. Nabonid selbst wirft in einer Inschrift den Babyloniern Frevel gegen Sin vor und behauptet, der Aufstand gegen ihn habe eine Hungersnot ausgelöst, bei der sich die Menschen wie Hunde gegenseitig gegessen hätten, die Babylonier hätten ihn gezwungen, Babylon zu verlassen und sich nach Arabien zu begeben, da auch Syrien sich am Aufstand beteiligte. In Arabien schuf er sich systematisch Stützpunkte in den Oasen des Nordens und Westens bis hinunter nach Jatrib, dem späteren Medina, das damit über tausend Jahre vor Mohammed erstmals genannt wird. Da ihm anscheinend nur Truppen aus Syrien und Mesopotamien zur Verfügung standen, siedelte er diese in den Oasen an und mag damit, wie die arabische Überlieferung berichtet, den Grund für eine jüdische Besiedlung einiger Teile des Landes gelegt haben. Zehn Jahre hat er der Einverleibung großer Teile Arabiens in sein Reich gewidmet und Babylon in der Zeit nicht betreten. Als sein Vertreter in Babylon fungierte derweil sein Sohn, der Kronprinz Belscharussur, der Belsazar des Buches Daniel. Die lange Abwesenheit von Babylonien, während der er das Land aber durchaus nicht sich selbst überließ, verstärkte natürlich die Abneigung gegen ihn. Nach seinem Sturz durch Kyros II. hat ein Priester im Auftrag der ihm feindlichen Gruppen ein Gedicht gegen ihn verfasst und verbreitet, das alles zusammenstellt, was man schon vorher gegen ihn einzuwenden hatte. Es wirft ihm Rechtsbrüche, Vergeudung und lügenhafte Siegesberichte vor, besonders aber Religionsfrevel. Er habe unter dem Namen Sin ein ganz fremdartiges Götterbild im Tempel Echulchul in Harran aufgestellt und darüber die anderen Kulte vernachlässigt. Dazu habe er in Tema die Araber misshandelt und sich dort einen großen Palast erbaut. Diese Tatsachen werden durch Nabonids Inschriften großenteils bestätigt, freilich ohne die gehässigen Ausdeutungen und die karikierenden Einzelheiten. Den Aufenthalt in Arabien hat man als sinnloses Unternehmen hingestellt, eine spätere Zeit machte daraus gar ein im Wahnsinn begangenes Tun. Diese Überlieferung fand im Buch Daniel ihren Niederschlag, das aus Belsazar einen König macht und Nabonids Taten Nebukadnezar zuschreibt, gegen den die späteren Juden einen verständlichen Hass hegten. Diese beiden doch wirklich recht ungleichen Könige wirft übrigens schon Herodot unter dem Namen Labynetos zusammen, während die jüdischen Essener von Qumran Nabonid noch dem Namen nach kannten. In Wirklichkeit war der systematische Ausbau einer Position in Arabien das Herzstück einer wohlüberlegten politischen Planung. Schon vor Regierungsantritt Nabonids hatte in Persien Kyros II. 559 v. Chr. den Thron bestiegen, und Nabonid muss früh gespürt haben, dass ihm von dieser Seite Gefahr drohte. Er schloss daher ein Bündnis mit Astyages (Ischtuwegu) von Medien, der ihm das in der Zwischenzeit von den Medern beherrschte Harran zurückgab. Wohl wegen der Feindschaft der Babylonier war Nabonid aber außerstande, Astyages zu helfen, als Kyros diesen 550 v. Chr. stürzte und Medien mit Persien vereinigte. Er verbündete sich nun mit Krösus von Lydien, konnte aber auch diesen nicht wirksam unterstützen, als Kyros 546 v. Chr. gegen Lydien zog und das ganze Land seinem inzwischen gewaltigen Reich einverleibte. So stand Nabonid seit 546 v. Chr. allein. Etwa 542 v. Chr. kehrte er nach Babylonien zurück und versuchte, dort seiner Herrschaft wieder ein festes Fundament zu schaffen, nachdem sein Sohn wenigstens die Ausrufung eines anderen Königs verhindert hatte. Er unternahm noch allerlei, um die Babylonier durch reichliche Fürsorge für ihre Tempel und durch Teilnahme an den Killten zu versöhnen. In diese Jahre mag die Einsetzung seiner Tochter als Priesterin des Sin in Ur gefallen sein, womit Nabonid uralte sumerische Gebräuche im Zusammenhang mit der Feier der »Heiligen Hochzeit« wieder erneuerte, seine Gelehrten hatten nach langem Suchen Urkunden über die Berufung von Rimsins Schwester in dieses Amt gefunden. In Ur baute er, da er sich dort öfters aufhielt, einen neuen Palast und im Hafengebiet einen Tempel. Schließlich bemühte er sich auch um die Erneuerung schadhafter Teile der Stadtmauern in Babylon. Nabonid hatte in den Jahren in Arabien und durch das Festhalten an Gebräuchen seiner alten Heimat Harran allzu viel versäumt. Die Mardukpriester in Babylonien und andere waren zu der Überzeugung gekommen, dass es ihnen unter der Herrschaft des Kyros besser gehen würde, da dieser sich bisher immer als maßvoller Sieger gezeigt hatte. In geheimen Vorverhandlungen sagte ihnen Kyros die freie Kultausübung zu, wie er sie allen Unterworfenen gewährte. Als er nach gründlicher Vorbereitung 539 v. Chr. Babylonien angriff, musste er nur noch das gewiss nicht sehr starke Heer Nabonids aus dem Felde schlagen und zog dann kampflos in Babylon ein, das sich trotz seiner gewaltigen Festungswerke nicht verteidigte. Die anderen Städte folgten diesem Beispiel. Nabonid selbst ergab sich und erhielt als Lehen eine kleine Herrschaft in Ostiran, die er noch einige Zeit verwaltete. Damit hatte Babylonien als selbständiger Staat zu bestehen aufgehört und wurde eine persische Provinz. Mesopotamien und Syrien-Palästina unterwarfen sich ebenfalls kampflos dem neuen Herrn. Alle diese Gebiete waren zu sehr daran gewöhnt, von anderen beherrscht zu werden, und ihre Mischbevölkerung kannte nach den Massendeportationen fast nirgends mehr ein Nationalbewusstsein. Auch hatte man die wirtschaftlichen Vorteile der Großräume schätzen gelernt und mochte sie nicht mehr missen. Immerhin vermied Babylonien durch den kampflosen Verzicht auf Selbständigkeit, dass am Ende seiner Geschichte eine wie in Assyrien fast alles auslöschende Katastrophe stand, das Leben ging weiter wie bisher, und der einzelne merkte von den neuen Verhältnissen zunächst recht wenig.