Amerika zwischen Bürgerkrieg und Erstem Weltkrieg

Die Vereinigten Staaten entwickelten sich vom Ende des Bürgerkrieges (1861-65) bis zu ihrem Eintritt in den Ersten Weltkrieg (1917) von einem überwiegend agrarischen Staat zur größten, wohlhabendsten, städtisch geprägten Industriemacht der Welt. Maßgebend hierfür waren ein enormes Bevölkerungswachstum, die Entdeckung und Ausbeutung ungeheurer Bodenschätze, die Besiedlung der Great Plains und weitgehend auch des westlichen Hinterlandes sowie der Bau eines ausgedehnten Eisenbahnnetzes zur Versorgung von Industrie, Landwirtschaft und Bevölkerung. Probleme des Südens
Amerika befand sich in dieser Zeit in großen Schwierigkeiten. Der Wiederaufbau des besiegten und verwüsteten Südens verzögerte sich durch die fortdauernde Gegnerschaft zwischen Nord und Süd. Militärische Einheiten des Nordens hielten die Südstaaten besetzt, um mögliche neue Rebellionen zu unterdrücken. Carpetbaggers (Abenteurer, besonders aus dem Norden, die aus den Wirren in den Südstaaten Kapital schlagen wollten bzw. aus Opportunismus dorthin gingen) versuchten, die Herrschaft über Teile des verwüsteten Südens zu gewinnen. Dadurch vertiefte sich die Feindschaft. Abgesehen von diesen Auseinandersetzungen machte die industrielle Entwicklung große Fortschritte. Reiche Kohlenflöze wurden entlang den Appalachen sowie in den Tälern des Ohio River und seiner Nebenflüsse Monongahela und Allegheny River abgebaut, riesige Eisenerzvorkommen im Gebiet der Großen Seen. Selbst Kupfer, Blei und andere Bodenschätze wurden intensiv ausgebeutet, ebenso Erdöl. Zum industriellen Wachstum trug auch eine große Zahl von Erfindungen bei, einschließlich vermarktbarer Elektrizität, des Telefons und der Gummivulkanisation. Die Erfindung von Mäh-, Dresch- und anderen Landmaschinen ermöglichte es den Farmern, ihre Anbauflächen zu vergrößern. Von 1860 bis 1910 wuchs die Anbaufläche auf mehr als das Doppelte und der Ertrag auf mehr als das Dreifache an. Riesige Rinderfarmen florierten in einem Gebiet von Texas bis Montana. Ein Netz von Eisenbahnen verband Industrie und Landwirtschaft mit ihren jeweiligen Märkten. Um 1900 zogen sich 310 000 km Gleise kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten – mehr als in ganz Europa zu dieser Zeit. 1916 betrug die Strecke bereits 425 000 km. Das rapide Wachstum begünstigte die Aktivitäten cleverer Unternehmer. Männer wie Andrew Carnegie (1835-1919) der maßgeblich am Aufbau der Stahlindustrie beteiligt war, und John Davidson Rockefeiler (1839-1937), der sich auf Öl konzentrierte, bauten Privatvermögen mit Hilfe riesiger Konzerne auf. Diese konnten später den Wettbewerb ausschalten, Preise diktieren und Marktpolitik und Spekulationen in einem Maß betreiben, der kleineren Firmen nicht möglich war. Die Bevölkerungsexplosion
Die Riesenkonzerne waren zwischen 1870 und 1920 mit die Hauptursache dafür, dass das Bruttosozialprodukt in den USA trotz wirtschaftlicher Schwankungen von 7 auf 91 Milliarden Dollar stieg. Durch die rapide wachsende Bevölkerung kam es nie zu einem Mangel an Arbeitskräften. Von 1870 bis 1910 wuchs die Einwohnerzahl von 40 auf 92 Millionen. Eine Flut von Einwanderern aus Europa trug in dieser Zeitspanne erheblich zu diesem Zuwachs bei, von 1900 bis 1910 waren es jährlich fast eine Million. Die Wohnverhältnisse in den übervölkerten Stadtzentren waren oft schlecht, die Löhne niedrig, und es gab sehr viel Armut. Diese Umstände führten zum Entstehen der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung. Die »Knights of Labor« wurden 1869 gegründet und später von der 1886 entstandenen »American Federation of Labor« abgelöst, die zu einem wichtigen Faktor in Industrie und Politik wurde. Der Agrarsektor brauchte ebenfalls Schutz und zwar gegenüber den Begleiterscheinungen eines forcierten Wachstums der Landwirtschaft, wie z. B. Überproduktion, Bodenerschöpfung, Dürre und Staubstürme, sowie gegenüber den Praktiken der Eisenbahngesellschaften, bestimmten Kunden Sondertarife einzuräumen. Die Farmer gründeten Schutzverbände, sogenannte Granges, die zum Entstehen der Populist Party beitrugen, Gesetze zugunsten der Farmer waren gleichfalls eine Folge. Feldzüge gegen soziale Ungerechtigkeit begründeten die Tradition des recherchierenden Journalismus. Theodore Dreiser (1871-1945) und Frank Norris (1870-1902) prangerten in ihren Romanen menschenunwürdige Praktiken des Großunternehmertums an. Neue Gesetze begrenzten die Zahl der täglichen Arbeitsstunden, regelten die Bahntarife und verboten den Vertrieb schädlicher Nahrungsmittel und Medikamente. Präsident Theodore Roosevelt (1858-1919) versuchte, eine Politik der öffentlichen Kontrolle über die großen Wirtschaftsunternehmen durchzusetzen sowie zur Erhaltung der natürlichen Umwelt beizutragen. Krieg gegen Spanien
Amerika begann langsam, auch über die Landesgrenzen zu blicken. Sensationsberichte der Presse über die grausame Niederschlagung einer kubanischen Revolte 1895 durch die Spanier sowie die Versenkung des US-Schiffes »Maine« im Hafen von Havanna veranlassten Amerika, im Frühjahr 1898 gegen Spanien zu den Waffen zu greifen. In weniger als drei Monaten waren die Spanier besiegt und mussten im Pariser Frieden 1898 die Philippinen, Kuba und Puerto Rico an die Vereinigten Staaten abtreten, die so zur Kolonialmacht wurden. Um 1900 waren die USA ein Wirtschaftsriese, 1914 eine Weltmacht geworden.
Mitglieder des Ku Klux Klan bei ihrem umständlichen Aufnahmezeremoniell. Die Geheimgesellschaft wurde 1865 von ehemaligen konföderierten Soldaten in den Südstaaten gegründet, um die weiße Vorherrschaft sicherzustellen, nachdem die Befreiung der schwarzen Sklaven durch die Niederlage der Südstaaten im Bürgerkrieg endgültig geworden war. Der Clan gewann viele Mitglieder, doch seine Gewalttaten gegen Neger und Nordstaatler führten 1869 zu seiner Auflösung. Als er 1915 wieder auflebte, dehnte er seine Tätigkeit auch auf die Nordstaaten aus, um die Vorrechte der weißen protestantischen Bevölkerung gegenüber andersfarbigen, andersgläubigen und sonstigen Minderheiten aufrechtzuerhalten.
In den unruhigen Jahren nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg durchstreiften Verbrecherbanden die Zentralstaaten. Eine der bekanntesten Figuren war Jesse James (1847-82) [im Bild vorn links sitzend]. Er war der Anführer einer Bande von Bank- und Eisenbahnräubern, zu der sein Bruder Frank (1843 bis 1915) [vorn rechts] sowie vier Brüder aus der Familie Younger gehörten – Coleman [hinten links], James, Robert [hinten rechts] und John. Jesse James und Coleman Younger hatten zu den Quantrill’s Raiders gehört, einer Bande konföderierter, berittener Guerillas, die keinen Respekt vor Banken und Eisenbahnen besaßen, die im Besitz des Nordens waren. Die James-Younger-Bande zog eine blutige Spur von Raubüberfällen durch den Mittelwesten. Nachdem John Younger bei einem Bankraub erschossen und seine Brüder eingesperrt worden waren, tauchten die Gebrüder James für längere Zeit unter. Etwa drei Jahre später begannen sie wieder, Züge auszurauben. Jesse James wurde 1882 von einem neuen Bandenmitglied, Robert Ford, ermordet, den die ausgesetzte Belohnung von 10000 Dollar gereizt hatte.