Auswirkungen der Dampfmaschine

Die Weltwirtschaft und der Welthandel veränderten sich während des 19. Jahrhunderts grundlegend, und zwar durch den Einsatz der Dampfkraft im Land- und Seeverkehr sowie in der Industrie und Landwirtschaft. Die Dampfmaschine vergrößerte außerdem den Vorsprung der westlichen Industrienationen gegenüber den unterentwickelten Gebieten der Erde erheblich. Den Eisenbahnen kam hierbei eine hervorragende Rolle zu. Nationalismus und Eisenbahnen
In ihrer ersten Entwicklungsphase, bis etwa 1870, stärkten die Eisenbahnen den inneren Markt und festigten das Gefüge der Nationalstaaten. Durch die Eröffnung der ersten transkontinentalen Eisenbahn 1869 wurde die Verbindung zwischen Kalifornien und dem übrigen Teil der Vereinigten Staaten hergestellt. Auch die Einigung Deutschlands und Italiens sowie das Erstarken ihrer Volkswirtschaften wurde durch die Eisenbahnen beschleunigt. Die kanadischen Provinzen Neuschottland, Neubraunschweig, Prinz-Edward-Insel und Neufundland machten ihren Anschluss an den kanadischen Bundesstaat 1867 vom Bau einer Eisenbahn abhängig, die den Küstenbereich mit dem Hinterland verbinden sollte. Eine ähnliche Bedingung wurde von British Columbia gestellt, als es 1871 der Föderation beitrat. Die weitere Entwicklung des Eisenbahnwesens übte einen großen Einfluss auf die Weltwirtschaft, insbesondere auf die Steigerung des Warenaustausches, aus. Der Eisenbahnbau in den Prärien von Nord- und Südamerika durch die Canadian Pacific Railway und die Argentine Railway, die Öffnung des »Fensters nach Westen« in Russland – Riga und Odessa – durch Eisenbahnen, die die Häfen mit den Kornkammern im Innern verbanden, und der Bau von Eisenbahnverbindungen in die fruchtbaren Ebenen des Pandschab und Bengalens trugen wesentlich zur Ausweitung des Weltmarktes bei. Vor dem Zeitalter der Eisenbahn waren die Volkswirtschaften weitgehend autark, im Zeitalter der Dampfmaschine ermöglichten die verbesserten Transportmöglichkeiten den Industrienationen, Lebensmittel und Rohstoffe in steigendem Maß zu importieren, billige Nahrungsmittel waren geradezu die Voraussetzung für die rasch wachsende Industrie. Die Finanzierung des Eisenbahnbaus trug wesentlich zur Ausbildung eines weltweiten Kapitalmarktes bei, in dem London vor 1914 eine führende Stellung einnahm. Von den 4107 Millionen Pfund, die britische Geldgeber bis 1914 in Übersee anlegten, wurden 1531 Millionen Pfund in Eisenbahnen investiert. Auswanderung und Kolonialismus
Dampfschiff und Eisenbahn zogen große Gewinne aus der Auswanderungsbewegung. Viele Schifffahrtsgesellschaften zogen die Beförderung von Auswanderern dem Gütertransport vor, da hierbei im Gegensatz zur Fracht keine Kosten für die Beladung und Entladung entstanden. Die Überfahrt von Liverpool nach New York kostete in den achtziger Jahren nur 3 Pfund. Über 20 Millionen Menschen wanderten zwischen den Jahren 1865 und 1914 in die Vereinigten Staaten ein. Ohne das Kanonenboot und die Eisenbahn wäre die Kolonialherrschaft schwer aufrechtzuerhalten gewesen. In den achtziger Jahren entsandten die Franzosen mehrere Militärexpeditionen nach Algerien, um eine Erhebung unter Bu Amama (1840-1908) zu unterdrücken. Der Aufstand wurde schließlich niedergeschlagen, nachdem eine Eisenbahnlinie in das Unruhegebiet gelegt worden war. Nach der Unterdrückung eines Aschanti-Aufstands durch die Engländer im Jahr 1900 wurde die Befriedung der Goldküste durch den Bau einer Eisenbahn endgültig besiegelt. Sobald die Kolonialherrschaft verwurzelt war, senkte die Eisenbahn die Kosten für den Transport von Menschen und Material. Ein Eisenbahnzug konnte in den neunziger Jahren die Arbeitsleistung von 13 000 Trägern für nur 5 Prozent von deren Kosten erbringen. Der hohe Kohlenverbrauch zwang die Seeschifffahrt zunächst, sich auf die Küstengewässer zu beschränken (der Atlantikverkehr war eine Ausnahme) – Schiffsmaschinen wurden erst viel später als Lokomotiven entscheidend technisch verbessert. 1840 beförderte die »Britannia« (1139 t Wasserverdrängung) nur 90 Passagiere und 225 t Fracht, weil sie für die Überfahrt nach den USA 640 t Kohle brauchte. Die Niederdruckmaschine, in den sechziger Jahren eingeführt, ersparte 40 Prozent Kohle. 1914 beförderte die »Bothnia« (4556 t Wasserverdrängung) mehr als dreimal soviel Fracht, wie es Kohle brauchte, und hatte außerdem Platz für 340 Passagiere. Die Eröffnung des Sueskanals 1869 erlaubte dann, moderne Dampfschiffe gewinnbringend auch im Fernosthandel einzusetzen. Der Einsatz von Stahl im Schiffbau und die Entwicklung von Dampfturbinen in den neunziger Jahren vertrieben die Segelschiffe von den Seerouten nach Australien und Neuseeland. Gleichzeitig nahm die von den Dampfmaschinen beförderte Fracht von 27 Mio. t im Jahr 1873 auf 63 Mio. t im Jahr 1893 zu. Industrie und Landwirtschaft
Vor 1914 war die Verwendung von Dampfmaschinen in der Textilindustrie hauptsächlich auf Westeuropa und die Vereinigten Staaten beschränkt, die zusammen etwa 80 Prozent der Textilproduktion der Welt erzeugten. Aber die Dampfkraft bewirkte bald auch in Indien, Japan, Australien und Ägypten eine rasche Industrialisierung. Die Dampfkraft wurde schließlich in allen Industriezweigen eingesetzt. In der Landwirtschaft war die bedeutendste Erfindung die von einer Dampfmaschine angetriebene Dreschmaschine.
Dampfgetriebene Kriegsschiffe wurden von den Westmächten eingesetzt um Japan zur Aufgabe seiner Isolationspolitik zu bewegen. Der amerikanische Präsident entsandte im Juli 1853 Commodore Matthew Calbraight Perry mit vier Kriegsschiffen (zwei davon waren Dampfschiffe) nach Japan mit einem Brief an den Shogun, in dem er Handelskonzessionen und die Einrichtung von Bunkerstationen forderte. Im Februar 1854 kehrte Perry mit sieben Schiffen wieder und verlangte eine Antwort. Unter dem Eindruck der »schwarzen Schiffe« im Hafen gab der Shogun nach. Durch den Vertrag von Kanagawa vom 31. März 1854 wurden zwei japanische Häfen (Schimoda, Hakodate) für US-Schiffe geöffnet.