Industrialisierung (1870 bis 1914)

Der wichtigste Vorgang im ausgehenden 19. Jahrhundert war die Industrialisierung in Europa und in anderen Teilen der Welt wie in Japan und in den USA. Der wirtschaftliche Aufstieg Westeuropas hatte tief greifende soziale und politische Auswirkungen. Mit dem schnellen Wachstum der Städte entwickelte sich eine differenzierte Gesellschaft. Der Mittelstand und die Arbeiterklasse formierten sich, sie gewannen allmählich auch politischen Einfluss. Trends in Europa
Um 1850 war Großbritannien das einzige Land, das über eine nennenswerte Industrie verfügte. Nach 1860 griff die industrielle Entwicklung aber auch auf Belgien, Frankreich und Deutschland über, in den letzten Dekaden des Jahrhunderts erreichte sie auch Schweden und Russland. Der Aufbau der Industrie ging in Belgien verhältnismäßig rasch vor sich, so dass es bereits um 1870 zu den führenden Wirtschaftsnationen Europas gehörte. In Frankreich blühte gegen Ende des Jahrhunderts der Handel auf, die Eisen- und Textilindustrie erlebten einen großen Aufschwung. Um 1900 war Deutschland auf dem Kontinent zur führenden Industriemacht geworden. Seine Einigung im Jahre 1871 war von einer unerhörten Akkumulation von Kapital begleitet, das den Ausbau eines dichten Verkehrsnetzes ermöglichte. Von 1850 bis 1880 verzehnfachte Deutschland seihe Kohlenförderung. Als nach 1871 die Eisenerzvorkommen von Elsass-Lothringen zum Reich kamen, stieg die Eisenproduktion rasch an. Andere Länder wie Schweden, Russland, die Schweiz und Osterreich verzeichneten eine ähnliche Entwicklung erst um 1900. Technologie und Handel
Die europäische Industrialisierung baute auf der von Großbritannien eingeführten Technik auf, bediente sich aber bald neuer, fortgeschrittener Technologien. Das Bessemerverfahren zur Stahlgewinnung wurde 1856 erfunden, es ermöglichte die billige Produktion von Stahl, einem Werkstoff, der gewöhnlichem Eisen in vieler Hinsicht überlegen ist. Die Herstellung von Stahl aus den in Europa häufigen phosphorhaltigen Eisenerzen wurde nach 1878 durch das Thomas-Gilchrist-Verfahren möglich. Billiger Stahl wurde im Maschinen- und Schiffbau und auf vielen anderen Gebieten verwendet und schaffte die Voraussetzung für die rasche Ausbreitung dieser Industriezweige in Europa. Um 1900 führten die Kenntnisse chemischer und elektrischer Erscheinungen zum Aufbau weiterer Industrien. Erste elektrische Apparate und industriell hergestellte Chemikalien erschienen besonders in Deutschland auf dem Markt. Der Verbrennungsmotor war weit entwickelt, der Maschinenbau gab den Anstoß für die Einführung vieler Produkte, die die Arbeit rationeller gestalteten – von der Sämaschine über den Staubsauger bis zur Schreibmaschine. Im späten 19. Jahrhundert weitete sich der internationale Warenaustausch, begünstigt durch die zunehmende Verwendung von Stahldampfschiffen, schnell aus. Der Imperialismus, das Expansionsstreben europäischer Staaten, stimulierte die Suche nach neuen Märkten und Rohstoffquellen, der größte Teil des Handels wurde jedoch zwischen europäischen und amerikanischen Märkten abgewickelt. Die Einfuhr billiger Lebensmittel aus Nordamerika spielte bei der Senkung der Nahrungsmittelpreise nach 1870 eine entscheidende Rolle: Die billigen überseeischen Agrarprodukte übten aber einen so großen Druck auf den heimischen Agrarmarkt ans, dass es in der europäischen Landwirtschaft zu der »großen Depression« kam. Aber auch etablierte Industrien waren durch alte und neue Konkurrenz belastet. Um ihre neu entstandenen Industrien zu schützen, erhoben Deutschland und Frankreich Schutzzölle. Durch Zusammenfassung verwandter Industrien zu Konzernen, durch Bildung von Kartellen entstand ein komplexeres Wirtschaftssystem. Aktiengesellschaften begannen, Familienunternehmen zu ersetzen, das Bank- und Finanzierungswesen wurde differenzierter und vielseitiger. Um 1914 war London das Finanzzentrum der Welt. Veränderung der Sozialstruktur
Die industrielle Entwicklung, das fortgesetzte Wachstum der europäischen Bevölkerung und die zunehmende Verstädterung brachten grundlegende soziale Veränderungen mit sich. Der Wohlstand der Mittelklasse nahm erheblich zu, was überwiegend auf Gewinne aus Industrie und Handel zurückzuführen war. Aber auch die ärmeren Schichten profitierten von steigenden Löhnen. In den sich vergrößernden Städten waren die Lebensbedingungen allerdings oft unerträglich. Eine Sozialgesetzgebung wurde in einigen Staaten wie in Deutschland eingeführt, während in anderen Ländern wie z. B. England die Ärmsten durch private Wohlfahrtseinrichtungen unterstützt wurden. Weit verbreitet war die Emigration, besonders aus Irland, Russland und Österreich-Ungarn. Die meisten Auswanderer gingen in die USA, viele aber auch in die britischen Kolonien, besonders nach Australien. Der wachsende Lebensstandard begann sich um 1900 in den ersten Anzeichen einer Massenkonsumgesellschaft zu äußern. Werbung und ein umfangreiches Angebot an Konsumgütern wie z. B. von Fahrrädern sowie die Zunahme von Massenvergnügungen wie Sport, Geselligkeit und Ferienreisen zeigten, dass die arbeitenden Klassen die Früchte der Industrialisierung zu genießen begannen. Sicherlich traf dies besonders auf die Familien des Mittelstandes zu, deren Lebensstil im ausgehenden 19. Jahrhundert allerdings die ökonomischen Veränderungen oft verdeckte.
Das Fahrrad war das erste »Luxus« Konsumgut, das einen Massenmarkt eroberte. Durch farbenfrohe Reklame, wie hier am Michelin Building in London, wurde es bald in solchen Stückzahlen verkauft, dass sich die Produzenten plötzlich der völlig neuen Situation eines praktisch unbegrenzt aufnahmefähigen Marktes gegenübersahen. Andere Massenprodukte wie beispielsweise Sämaschinen, Grammofone, Schreibmaschinen und Autos entstanden durch die Fortschritte im Maschinenbau und in der Metallurgie.

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Info 14.12.2017 16:01
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