Große Soziologen des 19. Jahrhunderts

Die traditionelle Agrargesellschaft, in der der Grundbesitzer und die Kirche die tragenden Elemente bildeten, verlor in Westeuropa im Laufe des 19. Jahrhunderts rasch an Bedeutung. An ihre Stelle trat die moderne Industriegesellschaft. Kennzeichen des neuen Zeitalters wurden die Fabrik und die Konzentration eines anonymen Proletariats in noch relativ wenigen Industriezentren. Die überlieferten sozialen Strukturen und kulturellen Werte wurden von einer neuen Wertskala verdrängt, in der wirtschaftspolitisches Denken, soziale Klassen und Klassenkampf die wesentlichste Rolle spielten. Während sich die große Masse der Betroffenen den neuen Verhältnissen hilflos ausgeliefert fühlte, versuchten Gelehrte, den sozialen Strukturwandel zu analysieren: Die Soziologie entwickelte sich zur neuen wissenschaftlichen Disziplin. Die englische Schule
In Großbritannien löste der Umbruch vom Agrar- in das Industriezeitalter wenig geistige Unruhe aus. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts empfanden die meisten Engländer die Industrie als Ausdruck des technischen Fortschritts, der für sie den sozialen Fortschritt einschloss. Durch diese unkritische Auslegung des Fortschrittbegriffs unterblieb in England die Entwicklung eigenständiger soziologischer Theorien. Gedanken zur gesellschaftlichen Entwicklung wurden meist von der optimistischen Aufklärungsphilosophie des 18. Jahrhunderts übernommen. Danach bestand die Gesellschaft aus Individuen, die von Natur aus »gut« waren (Jean-Jacques Rousseau) und unter Führung einer »unsichtbaren Hand« unaufhaltsam dem idealen Zustand maximaler Freiheit und Selbstverwirklichung zustrebten. Die Soziologen sollten lediglich versuchen, diese »unsichtbare Hand« – die objektiven Entwicklungsgesetze – aufzudecken, damit sie rascher wirksam würden. Nur der Philosoph Herbert Spencer (1820-1903) fügte diesen Grundgedanken eigene Überlegungen an. Er kritisierte, dass diese orthodoxe Gesellschaftslehre das Entwicklungsprinzip als gegeben annähme, seine Existenz aber nicht erkläre. In Analogie zu Darwins Lehre »Über den Ursprung der Arten durch natürliche Zuchtwahl« (1859) interpretierte Spencer die gesellschaftliche Entwicklung zu höheren Formen als Kampf ums Überleben zwischen den Individuen. Dieser Kampf hatte nach Spencers Auffassung in England als zunächst »höchste« Form die Industriegesellschaft des Laissez-faire produziert, in der die Wirtschaft ohne Einmischung des Staates zum Wohle des einzelnen und der Allgemeinheit gedeihe. Spencers Schlussfolgerungen waren wenig überzeugend, seine Methoden wurden aber in England noch 50 Jahre lang praktiziert. Die französische Schule
Die Folgen der Revolution von 1789 bewirkten in Frankreich zunächst eine Abkehr von den Lehren der Aufklärung. So sah der Traditionalist Louis Vicomte de Bonald (1754-1840) die Gesellschaft wieder als organisches Ganzes, das zerstört werde, sobald einzelne Teile – soziale Gruppen – Veränderungen herbeizuführen versuchten. Auch Auguste Comte (1798-1857) begriff die Gesellschaft als Organismus. Er bezog aber die Aufklärungsidee vom Vorhandensein objektiver sozialer Entwicklungsgesetze in seine Theorien ein. Nach Comte werden diese Gesetze nur in den sozialen Beziehungen, aber nicht im Individuum wirksam. Dem Individuum werde vielmehr durch diese Gesetze eine Position zugewiesen, die es als unabänderlich akzeptieren müsse. Comtes Positivismus (Ausgehen vom Gegebenen) übernahm der Soziologe Emile Durkheim (1858-1917) als methodologische Grundlage bei seinen Untersuchungen. Durkheim und seine Schule befassten sich intensiv mit dem Phänomen des Kollektivs – als das sie Gesellschaft begriffen – und den Beziehungen zwischen Kollektiv und Individuum. Andere Untersuchungen galten sozialen Institutionen. Die deutsche Schule
In Deutschland verbanden sich mit der rationalistischen Aufklärungsphilosophie zwei weitere philosophische Schulen, die ihrerseits der jungen Soziologie Denkanstöße lieferten. Nach Immanuel Kant (1724-1804) ist wahre Erkenntnis nur im Zusammenwirken von »Sinnlichkeit« und Verstand möglich, sie erstreckt sich nicht auf die »Dinge an sich«, sondern auf die Erscheinungswelt, auf diese aber kraft angeborener Einsichten über die raumzeitlichen Bestimmungen und die allgemeine Struktur der Dinge als Erscheinungen. Die Romantiker im Gefolge von Johann Gottfried von Herder (1744-1803) befassten sich vorwiegend mit der Abhängigkeit des Individuums von seiner Kultur und seiner Sprache. Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) sah den Motor aller sozialen Entwicklungsprozesse im Bedürfnis des menschlichen Geistes, die Welt zu verstehen und zu beherrschen. Karl Marx (1818-83) stand zunächst noch unter dem Einfluss Hegels, betrachtete aber später allein die Produktionsverhältnisse als entscheidenden Faktor aller sozialen Strukturen und Strukturveränderungen. Max Weber (1864-1920) führte dagegen das soziale Geschehen nicht ausschließlich auf ökonomische Faktoren, sondern auch auf kulturelle, geistige zurück. Die wesentlichsten deutschen Beiträge zur Soziologie sind: der methodologische Individualismus, also die Deutung sozialer Vorgänge aus der Sicht des Individuums, die Kombination historischer und funktionalistischer Erklärungen bei der Analyse sozialer Vorgänge, die Erarbeitung einer sozialwissenschaftlichen Theorie zur Erklärung und Prognose sozialer Entwicklungen.
Große Soziologen des 19. Jahrhunderts waren Auguste Comte [A], Herbert Spencer [B] und Max Weber [C]. Weber kombinierte in seinem Werk »Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus« (1905) Empirismus und Neukantianismus. Comte propagierte in seinem »Cours de Philosophie positive« (1830-42) seine positivistische Doktrin, die allein Tatsachen akzeptiert. Herbert Spencer vereinte atomistische Soziologie und den Evolutionismus Darwins in seinen »Prinzipien der Ethik« (1879-93).