Europa von 1870 bis 1914

In der Periode, die der Einigung Italiens und Deutschlands folgte, konsolidierten und entfalteten sich die meisten Nationalstaaten in Europa. Bevölkerungszunahme, steigende Industrialisierung und Stärkung der Regierungsgewalt forcierten die Entwicklung, provozierten aber zunehmend auch internationale Rivalitäten. Der weitere Ausbau demokratischer Einrichtungen in vielen Teilen Europas und die Entwicklung der Gewerkschaften begünstigten die Sozialgesetzgebung. Der Aufstieg Deutschlands zur Großmacht
Nach Bevölkerungszahl, Handel, Industrie und Stärke der Streitkräfte war das kaiserliche Deutschland zweifellos der mächtigste Staat Europas. Der Sieg über Frankreich 1870/71 hatte die militärische Kraft des Kaiserreiches unter Beweis gestellt. Nach dem Krieg strebte Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck (1815-98) stabile diplomatische Beziehungen zu den wichtigsten europäischen Staaten an, in deren Rahmen Deutschland seinen Machtzuwachs konsolidieren konnte. Durch ein umfassendes Bündnissystem wollte er Frankreich isolieren: Der Dreikaiserbund zwischen Russland, Österreich-Ungarn und Deutschland kam 1873 zustande. Die alten Rivalitäten zwischen Russland und dem Habsburgerreich wurden dadurch aber nicht beigelegt, durch den Zweibund (1879) rückten Deutschland und Österreich-Ungarn enger zusammen. Der Rückversicherungsvertrag mit Russland (1887) sah für den Fall eines Angriffs auf einen der Partner wohlwollende Neutralität des anderen vor: Die Gefahr eines Zweifrontenkrieges war somit weitgehend ausgeräumt. Bismarcks Vertragssystem überstand bis zu seinem Rücktritt im Jahr 1890 mehrere Krisen. Aus dem Zweibund wurde 1882 durch den Beitritt Italiens der Dreibund. Ihm gegenüber stand das französisch-russische Bündnis von 1891. Großbritannien schloss 1904 mit Frankreich die Entente cordiale, die das Versprechen einschloss, alle Fragen freundschaftlich zu lösen. Nach dem Beitritt Russlands 1907 wurde daraus die Tripelentente (Dreiverband). Bismarcks Hinterlassenschaft wurde zu einem gefährlichen Bündnissystem, das besonders durch die Balkankrisen und innere Erschütterungen Österreich-Ungarns schweren Belastungsproben ausgesetzt war. Im Inneren erzielten viele europäische Staaten Fortschritte. In England kam es 1867 und 1884 zu Wahlrechtsreformen. Frankreich führte nach 1870 die parlamentarische Demokratie ein. Deutschland hatte offiziell eine konstitutionelle Regierung, gleichzeitig entwickelten sich einflussreiche politische Gruppierungen wie die Sozialdemokratische Partei. In Skandinavien wurde eine friedliche Entwicklung eingeleitet, die auch eine fortschrittliche Sozialgesetzgebung zur Folge hatte. In Südeuropa waren die Verhältnisse anders. Italien litt unter großer Armut und einem Mangel an politischer Stabilität. Das führte häufig zu Unruhen. Auf der Iberischen Halbinsel bestand nur eine schwache Mittelschicht, der starke Einfluss der Kirche führte hier dazu, dass die politischen Verhältnisse oligarchisch geprägt blieben. In Osteuropa wurde vor allem die Habsburgermonarchie durch Konflikte zwischen den Nationalitäten erschüttert. Kirche und Staat
Das Erstarken der Nationalstaaten und der wachsende Einfluss des Staates im Erziehungs- und Wohlfahrtswesen führten zum Konflikt mit der katholischen Kirche. In Frankreich ging es vor allem um die Bildungspolitik. Jules Ferry (1832-93) setzte im weltlich-republikanischen Sinn Schulreformen durch (1882 und 1886) und geriet dadurch mit den Interessen der katholischen Rechten in Konflikt. Nach einer als »Ralliement« bezeichneten Periode politischer Annäherung an die Republik – dem französischen Katholizismus von Papst Leo XIII. (1810-1903) empfohlen – führte die Dreyfus-Affäre zu heftigen antikirchlichen Auseinandersetzungen. Im Jahre 1905 wurde daraufhin das Konkordat zwischen Frankreich und dem Heiligen Stuhl aufgehoben. Auch in Deutschland kam es zu ähnlichen Konflikten. Zwischen 1871 und 1887 führte Bismarck den sogenannten »Kulturkampf«, die Gesellschaft Jesu und verwandte Orden wurden im Reichsgebiet untersagt, die Zivilehe wurde obligatorisch. Auch in Italien, Belgien und anderen Ländern mit überwiegend katholischer Bevölkerung kam es, wenn auch in wesentlich kleinerem Maßstab, zu ähnlichen Auseinandersetzungen. Die Schutzzölle wurden angesichts des steigenden Konkurrenzkampfes im internationalen Handel und durch das Angebot relativ billiger Lebensmittel aus Übersee ein politisches Problem erster Ordnung. Frankreich schützte seine heimische Produktion 1892 durch hohe Zollmauern. Auch Deutschland baute seine Industrie im Schutze hoher Zölle auf. Sogar in England mit seiner traditionell liberalen Wirtschaftsstruktur kam es in den Jahren 1902-05 unter Joseph Chamberlain (1836-1914) zu zahlreichen Diskussionen, die eine Zollreform zum Ziel hatten. Die britische Wählerschaft lehnte jedoch eine Abkehr vom traditionellen Freihandel ab. Die Industriestaaten versuchten, die Lebensverhältnisse der Arbeiterklasse durch eine Sozialgesetzgebung zu verbessern. In Großbritannien wurde die staatliche Sozialfürsorge durch Benjamin Disraeli (1804-81) und David Lloyd George (1863-1945) eingeführt. Letzterer übernahm weitgehend Otto von Bismarcks umfassendes Sozialversicherungssystem. In Frankreich dagegen blieb die Sozialgesetzgebung bei relativ starker antiklerikaler Grundstimmung in den Anfängen stecken, weil althergebrachte Interessen die Innenpolitik weiterhin bestimmten.
Der Berliner Kongress von 1878 sollte vor allem die unklaren Besitzverhältnisse auf dem Balkan nach dem Russisch-Türkischen Krieg von 1877/78 klären. Osterreich, vertreten durch Graf Aloys Karolyi von Nagykarolyi (1825-89) [im Bild ganz links], und Russland, vertreten durch Graf Peter Andrejewitsch Schuwalow (1827-89) [rechts, vorn neben Bismarck], waren die Hauptbeteiligten. Der Kongress erkannte mehreren Balkanstaaten die politische Unabhängigkeit zu, sie mussten aber verschiedene Gebiete abtreten, die sie mit russischer Hilfe im Kampf gegen die Türken erobert hatten. Österreich durfte Bosnien-Herzegowina besetzen, Frankreich und England konnten ihren Einfluss ebenfalls verstarken. Russland fühlte sich benachteiligt und entfremdete sich dem Dreikaiserbund von 1873.

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Info 26.09.2017 - 00:19
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