Ursachen des Ersten Weltkriegs

In den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts gab Deutschland unter seinem Kaiser, Wilhelm II. (1859-1941), Bismarcks besonnene Außenpolitik zugunsten eines dynamischeren Auftretens auf, das Deutschlands industrieller und militärischer Stärke entsprechen sollte. Deutschland strebte ein großes Kolonialreich an, nicht nur aus Wirtschafts- sondern auch aus Prestigegründen. Zu diesem Zweck wurde 1898 das 1. Flottengesetz verabschiedet. Die neue deutsche Marine sollte allmählich die britische Seeüberlegenheit zurückdrängen und England dazu zwingen, angesichts der französisch-russischen Spannungen mit Deutschland bei einer Neuverteilung der Kolonialgebiete zusammenzuarbeiten. Rückschläge für die deutsche Diplomatie
Der erste Rückschlag für Deutschland trat 1904 ein, als Großbritannien und Frankreich ihre kolonialen Differenzen beilegten. Dann bereinigte Großbritannien im Jahr 1907 alte Streitfragen in Zentralasien mit Russland, das seit 1894 mit Frankreich verbündet war. 1905 nutzte Deutschland die russische Niederlage im Krieg gegen Japan aus und zwang Frankreich zur Teilnahme an einer internationalen Konferenz, die im Januar 1906 in Algeciras stattfinden sollte, um die marokkanische Frage im deutschen Sinne zu regeln. Deutschland erlitt jedoch eine diplomatische Niederlage, denn seine Pläne für Marokko wurden nur von Österreich-Ungarn unterstützt. Außerdem irrte sich Deutschland in der Annahme, dass Großbritannien den französischen Standpunkt nicht unterstützen würde. Großbritannien arbeitete mit Frankreich während der Konferenz eng zusammen und begann, durch die deutsche Unnachgiebigkeit alarmiert, militärische Gespräche mit Frankreich. Dann machte sich Deutschland die Russen zum Feind. 1909 bestand es mit einer verschleierten Kriegsdrohung darauf, dass Russland die Annexion von Bosnien-Herzegowina durch Österreich-Ungarn hinnahm und den serbischen Entschädigungsanspruch nicht weiter unterstützte. Die internationalen Spannungen nahmen weiter zu, als Deutschland am 1. Juli 1911 in dem Versuch, koloniale Kompensation von Frankreich zu erreichen, ein Kanonenboot in den marokkanischen Hafen Agadir entsandte. Obwohl es in den nächsten Monaten wegen der Marokkokrise fast zum Krieg mit Deutschland kam, wurde im November zwischen Frankreich und Deutschland ein Kompromiss erreicht. Die Krise hinterließ in beiden Ländern ein Gefühl der Bitterkeit, die Folge war, dass Deutschland ab 1912 Heer und Marine weiter ausbaute. Die anderen Großmächte zogen nach. Die Lage auf dem Balkan
Die Ursachen des Ersten Weltkriegs waren jedoch unmittelbarer mit Ereignissen auf dem Balkan verknüpft. 1912/13 vertrieb der Balkanbund (Serbien, Griechenland, Montenegro und Bulgarien) die Türken aus den meisten ihrer noch verbliebenen Besitzungen auf dem Balkan. Im darauffolgenden Jahr wurde Bulgarien von seinen bisherigen Verbündeten, Griechenland und Serbien, besiegt und verlor seine Besitzungen in Makedonien an Serbien. Österreich-Ungarn stand dadurch einem größer gewordenen und ehrgeizigen Serbien gegenüber, das entschlossen war, alle Südslawen innerhalb der Habsburgermonarchie unter seiner Herrschaft zu vereinigen. Alle diese Krisen führten zu einem Anwachsen der Kriegsvorbereitungen. In Deutschland bestand seit Langem ein Operationsplan, der nach seinem Schöpfer, dem Generalstabschef Alfred Graf von Schlieffen (1833-1913), »Schlieffenplan« genannt wurde, von seinem Nachfolger, Helmuth Graf von Moltke (1848-1916) wurde der Plan ergänzt. Der Schlieffenplan sah in Anbetracht des großen Zeitbedarfs für die Mobilmachung in Russland einen raschen Vorstoß durch Belgien vor, um Frankreich niederzuwerfen, nach Frankreichs rascher Niederlage würde das deutsche Heer frei, um sich anschließend gegen die Russen zu wenden. Die Ermordung des Habsburger Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 in Sarajevo bildete den Höhepunkt zahlreicher serbischer Provokationen. Berlin fürchtete, dass Deutschland, falls Österreich-Ungarn nicht energisch gegen Serbien aufträte und der Vielvölkerstaat auseinanderbräche, isoliert werden könnte. Österreich stand also unter deutschem Druck und erhielt die Zusage deutscher Waffenhilfe, falls es zum Kriege kommen sollte. Das Gefühl, durch England, Frankreich und Russland eingekreist zu werden, überzeugte 1914 die herrschende Schicht in Deutschland von der Zweckmäßigkeit, zur Erhaltung eines unter deutschem Einfluss stehenden Mitteleuropa auch einen Krieg nicht zu scheuen. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg (1856-1921) setzte auf die russische und britische Neutralität und hoffte, dass sich der österreichisch-serbische Zwist trotz der starren Bündnissysteme in Europa lokalisieren lassen konnte. Der Weg zum Krieg
Österreich forderte ultimativ von Serbien das Recht, eine Untersuchung des Terrorismus auf serbischem Gebiet durchführen zu können, als Serbien das Ultimatum ablehnte, erklärte Österreich am 28. Juli 1914 Serbien den Krieg. Russland konnte angesichts wachsender proslawischer Propaganda nicht tatenlos zusehen, deshalb ordnete Zar Nikolaus II. (1868 bis 1918) die Mobilmachung an. Eine britische Vermittlung schlug fehl. Als Frankreich sich auf die Seite Russlands stellte, überstürzten sich die Ereignisse. Es kam zum Krieg zwischen den Mittelmächten (Deutschland, Österreich, Türkei) und den Alliierten (Russland, Serbien, Frankreich, Belgien und England).
Der Schlieffenplan sollte im Falle eines Zweifrontenkrieges mit Frankreich und Russland in Kraft treten. Der Plan sah (ursprünglich) einen deutschen Angriff durch Holland (später aufgegeben) und Belgien vor, um die französische Armee zu umzingeln. Inzwischen sollten austrodeutsche Kräfte im Osten kämpfen, bis die Masse des deutschen Heeres nach dem Sieg über Frankreich herangeführt war und den Russen entgegentreten konnte. Dass die Verletzung der belgischen Neutralität England brüskieren könnte, nahm der Plan in Kauf.

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Info 26.09.2017 - 22:02
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