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Die Sowjetunion unter Stalin

Die Entwicklung der Sowjetunion zwischen 1917 und 1953 wurde von zwei Männern maßgeblich beeinflusst: Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924) und Josif Wissarionowitsch Stalin (1879-1953). Zu Lebzeiten Lenins war Stalin die treibende Kraft hinter den Kulissen. Andere bedeutende Persönlichkeiten waren L. D. Trotzkij (1879-1940), Nikolaj Iwanowitsch Bucharin (1888-1938), Michail Tomskij (1880-1936), Grigorij Jewsejewitsch Sinowjew (1883-1936) und Anatoli Lunatscharskij (1875-1933). Alle hatten maßgeblichen Anteil am Entstehen der Sowjetunion. Lenin, ein Mann von außerordentlicher Intelligenz, schenkte auch anderslautenden Ansichten Gehör, soweit sie von seinen Anhängern stammten. Die Auffassungen politischer Gegner beachtete er kaum. Stalins Taktik
Lenin erkannte, wie wichtig es war, die Revolution zu festigen. Stalin schuf hierzu die Möglichkeiten. Er sanktionierte die Gewaltakte der Tscheka (Geheimpolizei) und begründete das Primat der Partei in Staatsangelegenheiten. Seine These vom »Sozialismus in einem Lande« hieß, dass alle ausländischen kommunistischen Parteien den sowjetischen Interessen durch die Komintern zu dienen hatten. Außerdem führte er mehrfach Schauprozesse gegen eine Anzahl sogenannter Konterrevolutionäre durch. Der erste fand 1922 statt und richtete sich gegen Sozialrevolutionäre. Dennoch bestanden zwischen den beiden Männern erhebliche Unterschiede. Stalin handelte intuitiv, seine intellektuelle Unsicherheit verbot ihm, politische Grundsätze zu entwickeln und diese dann gegenüber seinen Widersachern in offener Diskussion zu vertreten. Stattdessen versuchte er, seine Gegner durch fein gesponnene Intrigen auszumanövrieren. Lenin verstand es, seinen Gegnern bestimmte, oft irreführende Bezeichnungen anzuhängen, auch Stalin war hierin ein unbestrittener Meister. Lenin setzte Tscheka und Schauprozesse gegen Nicht-Bolschewiken ein – Stalin aber auch gegen Mitglieder der Kommunistischen Partei. Stalin erringt die Macht
Stalin baute seine Machtposition dadurch aus, dass er ihm ergebene Arbeiter in die führenden Parteigremien berief. Sein Aufstieg zur Alleinherrschaft lässt sich in drei Phasen unterteilen, die jeweils einen wichtigen Schritt vorwärts bedeuteten. Am Ende der ersten Phase, etwa 1928/29, besaß er die Kontrolle über den Parteiapparat, dem in den Jahren, die auf die Revolution folgten, die beherrschende Rolle im Staat zugefallen war. Aber der bestimmende Einfluss in der Partei allein genügte noch nicht, um Stalins Macht bis in die entferntesten Winkel der Sowjetunion spürbar werden zu lassen. Dies erreichte er während der dreißiger Jahre, als Kollektivierung und Industrialisierung das Bild völlig veränderten. Die Bauern verloren ihr Land und ihr Vieh, sie wurden der Kontrolle durch den Staat unterstellt. Die Grundlagen für den industriellen Fortschritt wurden gelegt, wobei die für die Rüstung lebenswichtige Schwerindustrie Priorität erhielt. Ein schreckliches Massaker richtete Stalin unter wirklichen, vermeintlichen und potenziellen Gegnern seiner Diktatur an. Niemand war seines Lebens sicher, ob Parteifunktionär, Offizier, Schriftsteller, Bauer, Arbeiter, Ingenieur oder Führer einer ausländischen Kommunistischen Partei, der im Exil in der UdSSR lebte. Über zehn Millionen Menschen kamen um, darunter fast die gesamte Klasse der Großbauern. Am Ende dieser Periode war Stalin praktisch der Alleinherrscher in der Sowjetunion, er kontrollierte die Partei, den Regierungsapparat und die Polizei. Mit Hilfe der kommunistischen Parteien im Ausland konnte er die Innenpolitik anderer Länder beeinflussen. Mit der dritten Phase, die mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs begann und im März 1953 mit seinem Tod endete, erreichte Stalin den Höhepunkt seiner internationalen Bedeutung. Stalin bewies in den zwanziger Jahren großes taktisches Geschick, aber seine Konkurrenten, einen nach dem anderen, ausschaltete: 1923/24 verbündete er sich mit Lew Borissowitsch Kamenew (1883-1936, in einem Schauprozess zum Tode verurteilt) und Sinowjew gegen Trotzki, 1925 ergriff er mit Bucharin Partei gegen Kamenew und Sinowjew, in den Jahren 1926/27 arbeitete er noch mit Bucharin (der zu spät erkannte, dass Stalins Verhalten nur ein taktisches Manöver war) gegen Trotzkij, Kamenew und Sinowjew zusammen und war schließlich 1928/29 stark genug, um sich allein gegen Bucharin, Tomskij und Alexej Iwanowitsch Rykow (1881-1938) zu wenden. 1929 musste Trotzkij ins Exil gehen, die meisten anderen starben in den Säuberungen der Jahre 1936-38. Trotzkij wurde 1940 in Mexiko im Auftrag Stalins ermordet. Die Entwicklung der UdSSR
Die in den dreißiger Jahren in der Sowjetunion rasch voranschreitende Entwicklung der Schwerindustrie sollte sich als lebenswichtig erweisen, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Es dauerte lange, bis Stalin Erfahrungen in der Außenpolitik gesammelt hatte. Er half Hitler indirekt bei der Machtergreifung in Deutschland, dann erkannte er die Gefahr und unterstützte die Volksfrontbewegungen. 1939 schloss er sich wieder enger an das nationalsozialistische Deutschland an, bis der Krieg, der im Juni 1941 begann, fast zur Vernichtung der UdSSR geführt hätte. Während des Krieges bildete Stalin persönlich einen starken Rückhalt für die Kampfkraft seiner Streitkräfte. Der Sieg der Alliierten ist ohne ihn kaum denkbar. Hätte Russland 1939 auf der Seite des Westens gestanden, wäre der Krieg vielleicht vermieden worden.
»Lenin ist der Marx unserer Zeit« hieß es zu Lenins Lebzeiten. Dann wurde der Slogan in »Stalin ist unser Lenin« abgeändert. Stalin wurde zum Hauptinterpreten der Lehre Lenins. Alle diejenigen, die seiner Führerrolle gefährlich werden konnten, wurden kaltgestellt.

emu