Viehzucht und Viehhaltung

Erst als Rinder und Pferde durch motorische Zugkräfte ersetzt werden konnten, war die Haltung von Vieh für das Funktionieren des landwirtschaftlichen Betriebs nicht mehr unbedingt notwendig. Dennoch sind noch heute Betriebe ohne Viehhaltung in der Minderzahl. In der Bundesrepublik sind die Einnahmen aus der tierischen Produktion mehr als doppelt so hoch wie bei pflanzlichen Erzeugnissen, etwa 60% davon entfallen auf Rinder, Kälber und Schafe, 40% auf Schweine und Geflügel. Die Veredelung
Viehzucht und Viehhaltung haben ein gemeinsames Ziel: die kostengünstige Erzeugung von Fleisch, Milch, Wolle bzw. Eiern. Hierauf ist es zurückzuführen, dass sich die veredelten Rassen stark ausgebreitet haben, z. T. nach Selektion der für die jeweiligen Bedingungen am besten geeigneten Typen (z. B. Höhenviehrassen), z. T. nach Verbesserung der Tierhaltung selbst (z. B. durch den Bau von modernen Ställen). Bei Rindern – in einigen Sprachen ein Synonym für Wohlstand – ist sowohl Weidegang als auch Stallhaltung möglich. Kühe der sogenannten Fleischrassen sollten in jedem Jahr ein Kalb zur Welt bringen, während bei den Milchrassen der Gewinn durch hohe Milchleistung erzielt wird. Eine immer wiederkehrende Arbeit ist das Melken, das zweimal täglich erfolgt. Schafe werden im Allgemeinen nur während der Wintermonate in Ställen untergebracht (»aufgestaut«). Im Sommer auf Hügeln und Bergwiesen weidende Schafherden werden vor Wintereinbruch in niedriger gelegene Gebiete getrieben. Hauptaufgaben des Schäfers sind die Kontrolle des reibungslosen Ablammens (zumeist im Frühjahr) und die Schur der Schafe. Das Schwein wird heute – außer in tropischen Ländern – überwiegend im Stall gehalten, wogegen es früher im Freien blieb und nur zum Fettmachen aufgestaut wurde. Entscheidender Kostenfaktor bei der Aufzucht der Ferkel ist das Futter. In kalten Ställen wird das Futter nur zur Aufrechterhaltung der Körpertemperatur verbraucht, nicht aber zur Vermehrung des Körpergewichts. Die moderne Schweinehaltung versucht das Wachstum der Tiere zu beschleunigen, indem die Stalltemperatur geregelt und die Bewegungsmöglichkeit der Tiere erheblich eingeschränkt wird. Ähnliches gilt für die Geflügelzucht. Die Verbesserung der genetischen Anlagen Eine Züchtung auf verbesserte Erträge ist am einfachsten mit Spezies, die früh geschlechtsreif und sehr fruchtbar sind. Dennoch kann ein gutes Vatertier, dessen Eigenschaften durch seine Nachkommen weitervererbt werden, über einige Generationen hinweg erheblichen Einfluss ausüben. Dieser Vorgang wird durch die insbesondere bei Rindern weitverbreitete künstliche Besamung stark beschleunigt. Ein Vorteil der künstlichen Besamung ist unter anderem, dass der Samen tiefgefroren gelagert und somit noch nach dem Tod des Bullen genutzt bzw. auch in weitentfernten Ländern verwendet werden kann, wohin der Transport lebender Tiere zu kostspielig und im Hinblick auf mögliche Erkrankungen zu riskant sein würde. Zu dem Erscheinungsbild der augenblicklich vorherrschenden Rassen haben Vorfahren von mehr als einer Rasse beigetragen. Der jeweils neue Typ wird für eine gewisse Zeit durch eine enge Inzucht fixiert. Diese darf allerdings nicht zu lange fortgeführt werden, da sonst das Risiko vererblicher Inzuchtschäden entsteht. Die Kreuzung ist ein gebräuchliches Verfahren zur Ausschaltung eventueller Schäden. Dies gilt insbesondere für Schafe und Fleischrinder, wo oft widerstandsfähige Rassen mit frohwüchsigen gekreuzt werden. Voraussetzung für die Leistungssteigerung sind detaillierte Aufzeichnungen über Ertrag an Milch, Eiern oder Wolle, Fleischwüchsigkeit und Futterverwertung. Hierfür muss man sorgfältige Leistungsprüfungen und statistische Analysen vornehmen. Der Computer ist daher zu einem unentbehrlichen Werkzeug der Zuchtorganisationen geworden. Je stärker der ökonomische Faktor betont wird, desto mehr muss sich der Nutzviehhalter auf den Rat von Spezialisten und die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschungen verlassen. Die Tierernährung ist dabei ein Gebiet für sich, auch der Bau der Ställe und ihre Einrichtung. Tierärztliche Versorgung Im Hinblick auf die Gesunderhaltung der Tierbestände kommt dem Tiermediziner eine erhebliche Bedeutung zu. Er muss mit vorbeugenden Maßnahmen sowie mit der Diagnose und Behandlung klinischer Erkrankungen vertraut sein. Die Viehhaltung in Europa war früher dadurch gekennzeichnet, dass immer wieder Seuchen (infektiöse Erkrankungen) auftraten. Diese sind heute weitgehend eingeschränkt, da die Einfuhr aus seuchengefährdeten Gebieten verboten ist bzw. notfalls strikte Quarantänemaßnahmen eingeleitet und bei einigen Seuchen die erkrankten Tiere getötet werden. In Ländern, wo Seuchen selten sind und die Grenzen leicht geschlossen werden können, wird die Impfung (Vakzination) als wirksamste Methode der Vorbeugung angesehen. Sie reduziert das Risiko erheblich, doch ist eine Typisierung des Erregers Voraussetzung für einen vollen Erfolg. Die Vakzination hat erheblich zur Eindämmung der Maul- und Klauenseuche in Europa beigetragen. Andere Seuchen, wie Tuberkulose bzw. Brucellose, die früher zu großen Verlusten in den Tierbeständen führten und auch für Erkrankungen des Menschen verantwortlich waren, sind in den meisten europäischen Ländern nahezu vollständig ausgetilgt. Vorsicht ist jedoch dort geboten, wo die Viehzucht noch primitiv ist und innerhalb bestimmter Gegenden (endemisch) immer wieder Krankheiten auftreten können.