Vorzeitliche Säugetiere

Jener Zweig am Stammbaum der Tiere, der die Säuger und schließlich den Menschen hervorbrachte, beginnt seine Entwicklung im Perm und in der Trias. An seinem Ursprung stehen Kriechtiere (Reptilien), die bereits einige Merkmale der späteren Säugetiere aufweisen. Kennzeichen der Säugetiere
Ein wesentliches Merkmal der Säuger (wie auch der Vögel) ist ihre gleichbleibend warme Körpertemperatur. Man bezeichnet Vögel und Säuger daher als »gleichwarm« oder »warmblütig«. Auch bei größerer Kälte können sie aktiv sein, obschon viele Säugetiere, die in kalten Gebieten heimisch sind, einen Winterschlaf halten. Reptilien hängen jedoch weit mehr von der Außentemperatur ab. Wohl das auffälligste Kennzeichen der Säugetiere ist ihr Fell, das sie vor Wärmeverlust schützt. Infolge ihres aktiveren Lebens benötigen sie eine bessere Nahrungsversorgung als die Reptilien und auch ein wirksameres Verdauungssystem. Dies kommt besonders in der Ausbildung hochdifferenzierter Zähne zum Ausdruck, die zum Schneiden, Zerreißen und Mahlen geeignet sind. Dadurch, dass die Zähne des Unter- und Oberkiefers aufeinander passen, ermöglichen sie wirkungsvolles Kauen. Die Knochen, die das Kiefergelenk der Reptilien bilden, haben bei den Säugern eine neue Funktion erhalten. Sie wurden sehr klein und sind als die Gehörknöchelchen »Hammer« und »Amboss« in das Ohr gewandert. Diese Knöchelchen sind typisch für das hoch entwickelte Gehörorgan der Säuger, das nach außen durch eine Ohrmuschel gekennzeichnet ist. Das primäre Kiefergelenk der Reptilien wurde bei den Säugern durch ein neu gebildetes sekundäres ersetzt. Der entscheidendste Unterschied zwischen Säugetieren und Reptilien liegt in der Art ihrer Fortpflanzung und Brutfürsorge: Die Säuger bringen voll entwickelte Junge zur Welt (mit Ausnahme von Schnabeltier und Schnabeligel) und säugen sie, während die meisten Reptilien Eier legen. Urtümliche Säugetiergruppen
Trotz anatomischer und physiologischer Verbesserungen konnten sich die Säugetiere etwa 160 Millionen Jahre lang nicht richtig entfalten. Im Mesozoikum lebten bereits mehrere Säugetierordnungen, über deren Vertreter – spitzmausartige Wesen – man nur wenig weiß. Aufgrund bruchstückhafter Fossilien unterscheidet man sie vor allem an der Bezahnung. Wie die ersten Reptilien starben auch sie aus. Nur eine Linie, die Pantotherien, überlebte. Mit ihnen beginnt die Entwicklung der modernen Säugetiere. Zu einer urtümlichen Gruppe gehören die noch lebenden Schnabeligel und das Schnabeltier, obwohl sie Eier legen, sind sie echte Säuger, die ihre Jungen mit eigener Milch ernähren. Führten sie kein so hoch spezialisiertes Leben, könnten sie wertvolle Einblicke in die Säugetierentwicklung gewähren. Als gegen Ende des Mesozoikums die meisten Ordnungen der Reptilien ausstarben, konnten sich die Säugetiere entfalten und die entstandene Lücke füllen: Huftiere zogen in die Wälder ein und grasten auf den Steppen, Raubtiere jagten die Pflanzenfresser, Nagetiere schlüpften durch den Unterwuchs, Affen kletterten in den Kronen der Bäume, Wale eroberten die Ozeane, Fledermäuse den Luftraum. Die Insektenfresser behielten ihre ursprüngliche Lebensweise bei. Alle diese Entwicklungen vollzogen sich in wenigen Millionen Jahren. Die Zweige des Säugetierstammbaumes
Die Evolution der Säugetiere begann im Tertiär, so dass Fossilien von Säugetieren im allgemeinen besser erhalten blieben als die ihrer Vorgänger, der großen Echsen. Man kennt die Stammbaumlinie der Pferde, die beim winzigen Hyracotherium (Eohippus) beginnt und zum Pferd von heute führt. Die Entwicklung der Titanotherien, elefantengroßer, nashornähnlicher Pflanzenfresser, kann man vom hundegroßen Eotitanops des Eozäns bis zum gewaltigen Brontotherium zurückverfolgen, das kurz vor dem Aussterben dieser Linie, etwa 40 Millionen Jahre später, gelebt hat. Die meisten Linien lassen sich nicht vollständig rekonstruieren. Die Überreste, die man fand, gehören meist Tieren aus Seitenlinien an. Viele dieser Arten, wie die Elefanten und Nashörner, spezialisierten sich auf verschiedene Umweltnischen. Andererseits zeigen einige Säuger eine konvergente Entwicklung: Obwohl nicht verwandt, wurden sie einander durch gleiche Umweltbedingungen in Lebensweise und Erscheinung ähnlich. So verhielt sich das Coryphodon aus dem Eozän wie ein Nilpferd und sah auch so aus, war aber nicht mit diesem verwandt. Stenomylus, ein Kamel, glich eher einer Gazelle und zog Grassteppen der Wüste vor. Die Raubtiere entwickelten sich erst ziemlich spät, im Oligozän. Ihnen gingen primitivere Raubtiere (Kreodontier), unspezialisierte Fleischfresser, voraus. Von diesen stammen wahrscheinlich die Wale und die höher entwickelten Raubtiere ab, zu denen die großen Wölfe und die Höhlenbären des Quartärs zählen. Die meisten Katzen des Tertiärs und Quartärs (beispielsweise Hoplophoneus aus dem Oligozän und Smilodon aus dem Pleistozän) waren mit langen säbelartigen Zähnen bewaffnet. Mit diesen Hiebwaffen brachten sie ihren Opfern so tiefe Wunden bei, dass diese verbluteten. Von ausgestorbenen Seitenlinien des Elefanten und Huftierzweigs stammen die Uintatherien ab, nashornähnliche Lebewesen mit sechs Hörnern und mächtigen Stoßzähnen, sowie die Chalikotheriern, pferdeähnliche Tiere mit Klauen statt Hufen. Die Primaten entwickelten sich im Tertiär in kurzer Zeit: Aus Spitzhörnchen und koboldmakiartigen Wesen des Eozäns gingen im Affen, Menschenaffen und der Mensch hervor.