Flechten

Flechten siedeln auch in den unwirtlichsten Gegenden der Erde, in einer Umwelt, die nur wenigen Organismen eine Existenz gestattet. Flechten wurden weiter im Norden und Süden gefunden als irgendwelche anderen Pflanzen. Im Himalaja hat man sie in Höhenlagen von über 6000 m angetroffen. Vorkommen, Gestalt und Aufbau
Flechten können sich fand fast jedem Substrat anpassen. Sie wachsen an sonnenbestrahlten Felsen in Wüsten, auf Flügeldecken von Rüsselkäfern oder auf den bleichen Schädeln toter Tiere. Eine Art (Verrucaria serpuloides) lebt ständig untergetaucht in eisigem, antarktischem Wasser, die essbare Wanderflechte Lecanora esculenta wird häufig vom Wind in Haufen zusammengeweht. Obwohl Flechten meist sehr empfindlich gegen Industrieverschmutzung sind, hat sich Lecanora conizaeoides in Gebieten hoher Luftverunreinigung eher vermehrt. Es gibt über 15 000 bekannte Flechtenarten, die man, unter Zugrundelegung ihrer Wuchsform, in drei Hauptgruppen gliedert. Die Blatt- oder Laubflechten gedeihen in regenreichen Gebieten. Krustenflechten, die fest an ihrer Unterlage haften, widerstehen der Trockenheit und behaupten sich an ariden Standorten. Die Strauchflechten, zu denen die Bartflechten gehören, nehmen Wasser auch in Dampfform auf und sind daher für ein Leben in hoher Luftfeuchtigkeit besonders geeignet. Insgesamt variieren die Flechten außerordentlich in Größe und Gestalt. Einige wachsen zu dünnen Fäden von über 2,5 m Länge heran, andere sind kleiner als ein Stecknadelkopf. Flechten gehen aus dem Zusammenleben zweier verschiedenartiger Pflanzentypen, einer Alge mit einem Pilz, hervor und stellen eines der gelungensten Beispiele für Symbiose dar, jener Vergesellschaftung zur gegenseitigen Förderung (Mutualismus), die sich zwischen zwei ganz unterschiedlichen Organismen entwickelt hat. Unter den Algen kommen als Symbiosepartner Blaualgen (Cyanophyta) oder Grünalgen (Chlorophyta) in Betracht. Die meisten Flechtenpilze gehören zu den Ascomyzeten, die ihren Namen von den Schläuchen oder Asci ableiten, in denen die Sporen erzeugt werden. Mit geringen Ausnahmen stellt eine Flechtenart die Lebensgemeinschaft einer einzigen Pilzart mit jeweils einer bestimmten Algenart dar. Die häufigste in Flechten auftretende Alge ist die einzellige Grünalge Trebouxia. Flechten wachsen äußerst langsam. Die meisten Krustenflechten nehmen kaum einen Millimeter pro Jahr an Länge bzw. Umfang zu. Andere Formen wachsen etwas schneller, jedoch beträgt die jährliche radiale Zuwachsrate ihres Thallus selten mehr als einen Zentimeter. Daraus ergibt sich, dass größere Flechten sehr alt sind, einige aus dem arktischen Bereich sollen älter als 4000 Jahre sein. Ein Verfahren, das als Lichenometrie bekannt ist, bedient sich der Flechten zur Altersbestimmung von Gesteinen. Das Alter von Gletschern wie auch das Alter von Megalithen (vorgeschichtlichen Kultsteinen) auf den Osterinseln im Südpazifik wurde mit dieser Methode ermittelt. Die Funktionen von Pilz und Alge
Das hohe erdgeschichtliche Alter der Flechten weist darauf hin, dass sie sieh als biologisch ausgeglichene Zweckgemeinschaft von Algen- und Pilzpartnern entwickelt haben, wenn auch die letzten Einzelheiten dieser Beziehungen noch nicht geklärt sind. Die Alge ist eine einfache grüne Pflanze, die, wie andere grüne Pflanzen auch, ihre Nährstoffe durch Fotosyntehse gewinnt: durch Umwandlung von Luftkohlendioxid und Wasser bzw. Wasserdampf in Kohlenhydrate unter Ausnutzung von Strahlungsenergie. Der Pilz besitzt den für die Fotosyntehse unerlässlichen grünen Farbstoff (Chlorophyll) nicht. Der in der Algenschicht synthetisierte einfache Zucker wird ausgeschieden, vom Pilz aufgenommen und dort in ein anderes Kohlenhydrat umgeformt. Auf diesem Kohlenhydratzufluss beruhen die Vorteile, die der Pilz von dieser Symbiose hat. Die Nahrungszufuhr von der Alge zum Pilz vollzieht sich schnell: Man hat errechnet, dass Flechtenpilze den Zucker ans Algen innerhalb von drei Minuten nach Beginn der Fotosyntehse in arteigene Produkte verwandeln können. Die Alge versieht den Pilz auch mit Vitaminen und regt so das Wachstum der Flechte an. Der Pilz seinerseits nimmt Wasserdampf auf, wodurch die Fotosyntehse in der Alge gesteigert wird. Er spendet, der darunterliegenden Alge auch Schatten: Einige Algen wie Trebouxia ertragen hohe Lichtintensitäten nicht. Die Nützlichkeit der Flechten
Flechten haben mannigfache Bedeutung, so als Tiernahrung (Rentiere decken zwei Drittel ihres Bedarfs mit Flechten, als Nestmaterial für Vögel, als Unterschlupf für Hunderte kleiner Wirbelloser (Milben, Käfer, Schnecken, Nachtfalter usw.). Auch der Mensch hat Nutzen aus den Flechten gezogen. Seit über 200 Jahren wird das Isländische Moos (Cetraria islandica) als Heilmittel gegen Husten verschrieben. Die in einigen Flechten erzeugte Usninsäure wird als Antibiotikum bei offenen Wunden wie auch zur Behandlung von Tuberkulose verwendet. Lackmus, einen chemischen Indikator, der in sauren Lösungen rot, in basischen blau wird, gewinnt man aus Roccella-Arten, die u. a. in Nordafrika und auf den Kanarischen Inseln wachsen. Flechten sind besonders empfindliche Anzeiger einer atmosphärischen Verschmutzung, andererseits wird radioaktives Strontium und Caesium von ihnen absorbiert und angehäuft. Sie bedeuten dann eine starke Bedrohung für die Rentiere und damit auch für die Eskimos und Lappen, die Rentierfleisch in größeren Mengen verzehren.

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Info 18.12.2017 00:28
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