Im schweren Pilgermantel durch halb Europa

Die weiten Pilgerwege im Mittelalter konnten überhaupt nur bewältigt werden, weil die Pilger nur das Allernotwendigste bei sich führten. Die Holzschnitte des 15. und 16. Jahrhunderts zeigen sie uns in einer fast uniformen Kleidung mit einem schweren Mantel, der nicht zu lang sein durfte, um nicht am kräftigen Ausschreiten zu hindern, mit dem Pilgerstab und der Pilgertasche, die alles Nötige aufnehmen musste. Gegen Sonne und Regen schützte gleichermaßen ein charakteristischer breitkrempiger Hut, der möglichst mit sogenannten Jakobs- oder Pilgermuscheln (das ist die Kammmuschel, wie wir sie heute als Firmenzeichen von Shell kennen) geschmückt war. So gekleidet traf man sie allenthalben auf der Landstraße. Wegen der Jakobskirchen und Herbergen entwickelten sich mit der Zeit ähnlich wie bei den Wallfahrten nach Rom bevorzugte Routen. Neuere Untersuchungen haben für Deutschland interessante Verbindungen mit den großen mittel- und ostdeutschen Handelsstraßen von Breslau über Bautzen nach Nürnberg, Leipzig, Frankfurt aufgezeigt, was im Hinblick auf die mittelalterlichen Verkehrsverhältnisse zugleich auch wieder ganz selbstverständlich erscheinen mag. Auf deutschem Gebiet gab es drei bedeutende Sammelpunkte. Den einen bildeten die Hansestädte für norddeutsche und skandinavische Pilger, die dann häufig zu Schiff weiter nach Westfrankreich und sogar bis Nordspanien fuhren. Zweiter Treffpunkt war Aachen, von wo aus die Pilger der nördlichen Route durch Frankreich über Paris, Tours und Bordeaux folgten. Mittel- und südwestdeutsche Pilger zogen entweder über Burgund (Vézelay) und Limoges oder wählten den Treffpunkt der Ostdeutschen im Kloster Einsiedeln und gingen dann über Genf nach Le Puy oder bis nach Arles und von da weiter über Toulouse. Alle diese Straßen durch Frankreich trafen in Ostabat in den Pyrenäen zusammen. Von dort zogen dann jahraus, jahrein die Scharen aus ganz Mittel-, Nord- und Osteuropa auf dem »Franzosenweg« über den sagenumwobenen Pass von Ronçesvalles nach León und weiter zu dem ersehnten Ziel. Die zahlreichen Pilger boten nicht nur frommen Bürgern reiche Möglichkeit, ihre Nächstenliebe zu üben, sondern wurden ebenso oft Opfer geschäftstüchtiger Betrüger. Neben den Herbergen lauerten die Gaukler, Possenreißer und Hausierer, manchmal glichen die Pilgerplätze, wie Zeitgenossen beklagten, Jahrmärkten und Kirchweihen. Die lange Reise stumpfte physisch wie psychisch stark ab, und so ist es nicht zu verwundern, wenn ein Bischof klagte: »Kaum befinden sich diese Männer und Frauen einige Monate auf der Pilgerschaft, so werden sie Legendenerzähler, Märchendichter, Aufschneider. Wenn sie mit Geschrei, mit Pfeifen und Schellen in die Stadt einziehen, könnte man meinen, der Jagdzug eines Fürsten käme daher.« Manche Pilger gerieten auch gewollt oder ungewollt auf die schiefe Ebene oder sogar ins Elend. Manche mochten rasch Geschmack am Herumvagabundieren gewinnen und das Pilgergewand nur als Tarnung benutzen. Zu ihnen gehörten auch jene ›Berufspilger‹, die gegen einträgliche Bezahlung für andere die Kirchenbußen auf sich nahmen und die beschwerliche Pilgerreise ausführten, während ihre Auftraggeber bequem daheim hockten. Solche Geschäfte waren vor allem bei Jerusalemreisen beliebt, die besonders strapazenreich und gefährlich waren. Pilgerlegenden, erzählt von Jacobus de Voragine
Dreißig Männer vom Lande Lothringia pilgerten um das Jahr des Herrn 1070, wie Hubertus von Besançon schreibt, nach Sanct Jacob [zu Compostela] und schwuren bis auf einen einander Treue und Hilfe in allen Dingen. Da nun einer von ihnen krank ward, blieben seine Gesellen fünfzehn Tage bei ihm, zuletzt aber ließen sie ihn liegen, und nur der eine, der nicht mit Treue hatte geschworen, blieb bei ihm und bewachte ihn am Fuße des Berges Sanct Michael, aber da es Abend ward, starb der Kranke. Da war der Überlebende gar sehr in Furcht vor der Einsamkeit des Ortes, von der Nähe des Toten, von der drohenden Dunkelheit der Nacht und von der Wildheit des barbarischen Volkes. Aber siehe, da erschien ihm Sanct Jacobus in eines Reiters Gestalt, tröstete ihn und sprach: »Gib mir den Toten und setze dich hinter mich auf mein Roß!« Also ritten sie die Nacht fünfzehn Tagereisen weit und kamen noch vor Sonnenaufgang zu dem Berg der Freuden, der ist eine halbe Meile von Sanct Jacob, da setzte der Heilige sie beide ab und gebot dem Pilger, dass er die Canonici [Kanoniker: Geistliche, Chorherren] von Sanct Jacob zur Bestattung des toten Pilgrims riefe, seinen Gesellen aber solle er sagen, dass ihre Wallfahrt nichts gelte, weil sie ihr Gelübde hätten gebrochen. Der Mensch erfüllte das Gebot und erzählte seinen Gefährten, die sich seiner Reise gar sehr verwunderten, was Sanct Jacobus ihm gesagt hatte. Calixtus der Papst erzählt, dass im Jahre 1020 ein Deutscher mit seinem Sohn zu Sanct Jacob wollte wallfahrten. Als er in der Stadt Toulouse musste Herberge nehmen, machte der Wirt ihn trunken und versteckte einen silbernen Becher in seinem Mantelsack. Da sie nun des Morgens fürbass zogen, lief der Wirt ihnen nach und hielt sie wie Räuber fest und beschuldigte sie, dass sie seinen silbernen Becher hätten gestohlen. Sie sprachen, dass er sie möge zur Strafe ziehen, so der Becher sich bei ihnen fände. Und da man den Mantelsack auftat, fand sich der Becher, und sie wurden alsdann vor den Richter geschleppt, da ward das Urteil gegeben, dass alle ihre Habe dem Wirt verbliebe, und einer von ihnen werde gehenkt werden. Der Vater wollte für den Sohn sterben, der Sohn für den Vater, zuletzt ward der Sohn gehenkt, und der Vater zog nach Sanct Jacob weiter mit großer Trauer. Über sechsunddreißig Tage kam er wieder und verweilte bei dem Galgen, da noch der Leib seines Sohnes hing, und klagte über ihn gar jämmerlich. Aber siehe, da hub der Sohn an zu sprechen und tröstete ihn: »Liebster Vater, weine nicht, denn mir war nie so wohl: Wisse, Sanct Jacob hat mich bis zu dieser Stunde gehalten und mich erquicket mit himmlischer Süßigkeit.« Als der Vater das hörte, lief er eilends in die Stadt, und das Volk kam mit ihm heraus, nahmen den Sohn vom Galgen, der war gar unversehrt, und henkten den Wirt an seine Statt.
Aus: Legenda aurea des Jacobus de Voragine (Predigermönch, später Erzbischof von Genua, um 1230, † 1298). Pilgerschicksale in Palästina
Nach einem Bericht des Albert von Aachen
Im zweiten Jahr der Regierung König Balduins des Zweiten, am Karsamstag des Osterfestes [17. April 1120], verließen einige Pilger, ungefähr 700, in Freude und fröhlichen Herzens die Stadt Jerusalem und zogen zum Jordan hinab, um diesen nach gläubigem Brauche zu besuchen. Und schon waren sie wieder aus den Bergen herausgezogen und bis zu den Burgen Kuschet und Burgewins gekommen, da standen plötzlich an einsamem Orte Sarazenen aus Tyrus und Askalon, und mit grimmigen Waffen fielen sie über die Pilger her und lieferten ihnen eine Schlacht. Und die Pilger, waffenlos und vom tagelangen Marsch ermüdet und vom Fasten geschwächt, wurden schnell überwältigt und in die Flucht gejagt, und die gottlosen Schlächter verfolgten sie, machten 300 mit dem Schwerte nieder und führten 60 gefangen weg.
Aus: Geschichte des ersten Kreuzzugs von Albert von Aachen (oder Aix um 1130).

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Info 23.11.2017 19:13
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