Gefahrvolle Schiffsexpeditionen ins Heilige Land

Für die Jahrhunderte vor den Kreuzzügen sind nur vereinzelte deutsche Pilgerreisen in das Heilige Land belegt, auch traten nur wenige Pilger ihren Weg freiwillig an, aber nach dem Grundsatz, dass schwerer Frevel auch schwere Strafe fordere, sandte die Kirche denn häufiger Verbrecher zur Buße nach Palästina. Doch seit der Errichtung des Königreiches Jerusalem wuchs die Zahl sprunghaft an, und die Reisen wurden auch gut durchorganisiert und kommerzialisiert. Man staunt dabei, dass man immer wieder von Kranken und Schwachen hört, ja dass Pilger sogar Kinder und Säuglinge mit auf die Reise nahmen. Die meisten von ihnen zogen über den St. Gotthard oder Brenner und sammelten sich in Venedig, von wo aus zweimal jährlich die Pilgerflotte nach Palästina auslief. Einmal im Frühling und einmal im Juni, doch segelten zwischendurch immer wieder einzelne Galeeren. Ein ganzes Heer von Agenten sorgte in der Lagunenstadt für die Unterbringung der Pilger in möglichst billigen Quartieren, wo sie oft wochenlang ausharren mussten. Dann schlossen sie sich zu kleineren und größeren Gruppen zusammen und verhandelten gemeinsam mit dem Schiffsherrn über den Vertrag für Hin- und Rückfahrt, in dem die Einzelheiten für Unterbringung und Verpflegung, aber auch der Fahrpreis genau geregelt waren. Zur Zeit der Kreuzzüge zahlte ein Ritter für sich, zwei Knappen, einen Pferdejungen und ein Pferd achteinhalb Mark Silber, ein Pilger für einen Deckplatz dagegen nur knapp ein Zehntel davon. Starb ein Fahrgast unterwegs, musste der Schiffspatron die Hälfte des Fahrpreises an die Angehörigen herausgeben, gleichzeitig war er verpflichtet, die Leiche nicht ins Meer zu werfen, sondern sie bis zum nächsten Ankerplatz mitzunehmen, wo sie dann ein ordentliches Grab finden sollte. Bevor das Schiff absegelte, kauften die ärmeren Pilger noch einfaches Küchengerät, lebende Hühner und billige Vorräte, und richteten sich dann, je nach ihrem Platz, auf oder unter Deck so bequem wie möglich ein. Da die mitfahrenden Ritter und Adeligen ihre Schilde an die Brustwehren hingen und die Fahnen aufsteckten, boten die voll beladenen Schiffe einen merkwürdigen bunten Anblick. Die Überfahrt nach Palästina dauerte sechs bis acht Wochen. So gut es nur ging, hielten sich die Galeeren nahe an die Küste, denn wehe, wenn ein Sturm aufkam und sie abtrieb. Ohne brauchbare navigatorische Hilfsmittel waren sie häufig ernsthaft bedroht. Zu den Gefahren des Meeres kamen die Gefahren an Bord, denn die schlechte Verpflegung, Schmutz und Ungeziefer aller Art lösten epidemische Erkrankungen aus. Bei zu langer Seefahrt infolge widriger Winde konnten Lebensmittel und vor allem Trinkwasser knapp werden. Schließlich saß allen auch die Angst vor Seeräubern im Nacken, die Pilgerschiffe überfielen und die Passagiere in die Sklaverei verschleppten. Die Fahrt ging an der griechischen Küste entlang nach Kreta und weiter über Rhodos nach Zypern und von da zur Küste Syriens und Palästinas. Ziel der Reise war Jaffa. In der Zeit des Königreiches Jerusalem war die Weiterreise dann kein Problem, aber seit dem 13. Jahrhundert ergaben sich erhebliche Schwierigkeiten, denn seit dieser Zeit mussten die Pilger, eingepfercht in schlechte Herbergen, warten, bis die mohammedanischen Beamten mit ihren Leuten eingetroffen waren, die das Geleit nach Jerusalem übernahmen. Die Überprüfungen waren kleinlich und bürokratisch. In Jerusalem selbst durften sich die Pilger gewöhnlich zwei Wochen aufhalten. Der Besuch der Grabeskirche war nur zweimal im Jahr frei und musste mit der horrenden Summe von fünf bis neun Dukaten erkauft werden. So konnte es vorkommen, dass arme Pilger, die kaum noch über das Lebensnotwendige verfügten, vom Ziel ihrer Sehnsucht ausgeschlossen blieben! Man muss immer wieder staunen, dass sich trotz der drohenden Gefahren durch umherschweifende Beduinen genug Pilger fanden, die von Jerusalem aus bis an den Jordan zogen, an dessen Wasser sich allerhand frommer Aberglaube knüpfte. Vereinzelte Wagemutige setzten, wie wir aus zeitgenössischen Berichten wissen, die Reise noch nach Damaskus oder zur Sinaihalbinsel fort. Der Großteil der Pilger aber kehrte auf dem gleichen Weg und unter den gleichen Strapazen und Gefahren wieder nach Venedig zurück. In der deutschen Heimat genossen die Pilger dann ein ähnliches Ansehen wie heute die Mekka-Pilger in den islamischen Ländern. Und wie diese ihre Häuser mit Szenen ihrer Pilgerfahrt schmückten, suchten auch die Jerusalem-Pilger durch kleine oder große Nachbildungen des Heiligen Grabes die Erinnerung an ihre denkwürdige Reise wachzuhalten.